Der Telenotarzt („tele“ griechisch für „fern“, Abkürzung: TNA) ist ein rettungsmedizinisches Konzept für die präklinische Patientenversorgung, welches aus mehreren beteiligten Instanzen besteht. Zum einen umfasst es den Telenotarzt und zum anderen das Rettungsdienstpersonal sowie die technische Unterstützung, die den Austausch zwischen Rettungsfachpersonal und einem Telenotarzt erlaubt. Damit kann mithilfe von Kommunikations- und Informationstechnologien medizinische Expertise über räumliche Distanzen verfügbar gemacht werden und sowohl das Rettungsfachpersonal unterstützen als auch den Patienten bestmöglich versorgen. Ein TNA ist im Rettungsdienst sehr erfahren, hat umfangreiche Vorerfahrungen als Notarzt und wird als Telenotarzt zusätzlich qualifiziert. Die Versorgung des Patienten geschieht mittels Anweisungen vom TNA, der nicht physisch vor Ort ist, an das Rettungsdienstpersonal (z. B. Notfallsanitäter), das sich am Einsatzort befindet. Die technische Unterstützung besteht unter anderem aus audiovisueller Kommunikation, Echtzeit-Vitaldaten-Übertragung und ggf. Live-Videoübertragung aus dem Rettungswagen (RTW).

Definitionen Telenotarzt (TNA) Ein Telenotarzt ist ein im Rettungsdienst geschulter und sehr erfahrener Notarzt mit einer Zusatzqualifikation in Telenotfallmedizin (mehr dazu unter Qualifikation). Mithilfe von Telekommunikation, Echtzeit-Vitaldatenübertragung, Sprach- und Sichtkontakt versorgt der TNA Patienten im Regelrettungsdienst. Dabei behandelt die disponierende Rettungsleitstelle einen Telenotarzt wie ein anderweitig notarzt-besetztes Rettungsmittel.

Telenotarzt-System (TNA-System) Das TNA-System versteht sich als ein ganzheitliches System, das unter Berücksichtigung der Anforderungen des Datenschutzes, der Dokumentationsqualität, technischer Standards, der Rechtssicherheit sowie definierten Qualitätsmerkmalen das Rettungsfachpersonal unterstützt. Mithilfe der technischen Ausstattung der Rettungswagen können Patienten aus der Ferne mit zusätzlicher ärztlicher Expertise versorgt werden.

Das System selbst besteht aus zwei Komponenten: der TNA-Zentrale (gleichzusetzen mit einem oder mehreren Arbeitsplätzen, siehe auch TNA-Zentrale) mit dem TNA und den telenotfallmedizinisch ausgestatteten Rettungswagen (RTW). Die Komponenten des TNA-Systems bestehen aus stationärer und mobiler Kommunikationstechnologie, kompatibler telemetrieadaptierter Medizintechnik, der TNA-Zentrale mit Logistik und Hardware, inklusive spezieller Softwarekomponenten für das Gesamtsystem in einer verteilten Serverumgebung.

Ein TNA-System ermöglicht die unmittelbare, sichere und zuverlässige Einbindung eines Notfallmediziners während eines Rettungseinsatzes. TNA-Systeme sind an der S1-Leitlinie „Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin“DGAInfo Aus der Kommission Telemedizin (2016): Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin: Strukturempfehlungen der DGAI. AWMF. orientiert und berücksichtigen Anforderungen des Datenschutzes, der Dokumentationsqualität, der technischen Standards, der Rechtssicherheit sowie definierter Qualitätsmerkmale. Derzeit ist eine S2e-Leitlinie in Arbeit.Registernummer 001 - 037, auf wmf.org.

Telenotarzt-Zentrale Die Telenotarzt-Zentrale ist die Standorteinheit eines oder mehrerer Telenotärzte mit Zugriff auf das TNA-System. Durch den Zugriff kann ein TNA seine Aufgaben erfüllen, die im Detail durch die Landesrettungsdienstpläne, Gesetzgebungen und im Detail durch die Ärztlichen Leiter Rettungsdienst für den jeweiligen Standort festgelegt wurden.

Rolle der Telemedizin in der prähospitalen Notfallmedizin Der Rettungsdienst in Deutschland steht vor einer Vielzahl an Herausforderungen, die im Folgenden ausschnittsweise erläutert sind. Die Einsatzzahlen wachsen stetig.F. Sieber, R. Kotulla, B. Urban, S. Groß, S. Prückner: Entwicklung der Frequenz und des Spektrums von Rettungsdiensteinsätzen in Deutschland. In: Notfall + Rettungsmedizin. Band 23, Nr. 7, 2020, S. 490–496. doi:10.1007/s10049-020-00752-1. Dies ist zum einen der vorherrschenden demografischen Veränderung zuzuschreiben. Die Morbidität steigt mit zunehmendem Alter, sodass sich Angehörige oder die betroffenen Personen häufiger an den Rettungsdienst wenden. Auch mangelnde Gesundheitskompetenz ist ein Grund für steigende Einsatzzahlen: Aus Hilflosigkeit in Anbetracht einer unbekannten Situation (ein Angehöriger hat Herzrasen und man möchte lieber auf Nummer sicher gehen) Aus Unsicherheit, welche Versorgungsstruktur angemessen ist, wird der Rettungsdienst kontaktiert. Unter Umständen wäre es angebrachter, z. B. den kassenärztlichen Notdienst zu kontaktieren. Das steigenden Anspruchsdenken der Bevölkerung: Man möchte die bestmögliche Behandlung durch die möglichst höchstqualifizierte Person bekommen, was jedoch nicht immer lebensnotwendig ist. Auch der Rettungsdienst ist vom Fachkräftemangel betroffen: Es gibt weder ausreichend Rettungsdienstpersonal, noch genügend medizinisches PersonalRettungsdienst in Nordrhein-Westfalen klagt über Fachkräftemangel, In: Ärzteblatt News vom 28. Januar 2019, abgerufen am 24. März 2021..

Zusammenfassend ist festzustellen, dass sich mindestens folgende Problemfelder der heutigen rettungsdienstlichen und auch notärztlichen Versorgung identifizieren lassen. Wobei diese Problemfelder primär theoretisch und nicht empirisch hergeleitet sind: Verlängerte Eintreffzeiten: Das Rettungsdienstpersonal und der bodengebundene Notarzt benötigen länger, um an den Einsatzort zu kommen. Dies könnte unter anderem an immer größer werdenden Städten mit steigendem Verkehrsaufkommen, zunehmender Zentralisierung (von Ressourcen), steigender Einsatzzahlen und weiterer bzw. häufigerer Anfahrten liegen.A. Follmann, H. Schröder, G. Neff, R. Rossaint, F. Hirsch, M. Felzen: Wenn Notarzt und Telenotarzt gemeinsam Leben retten. In: Der Anaesthesist. Band 70, Nr. 1, 2021, S. 34–39. doi:10.1007/s00101-020-00872-w. Steigende Einsatzzahlen, u. a. durch sogenannte Bagatelleinsätze: Das Rettungsdienstpersonal wird sehr häufig aufgrund von Unsicherheit, Unwissenheit oder mit Vorsatz zu Einsatzgeschehen gerufen, bei denen keine medizinischen Notfälle vorliegen. Eine andere Versorgungsstruktur (wie z. B. der Hausarzt) wäre in vielen Fällen der passendere Ansprechpartner. Mangel an qualifizierten Notärzten und RettungsdienstpersonalM. Skorning, S. K. Beckers, M. T. Schneiders: Telemedizin als Chance für den Notarztdienst: Perspektiven bei Qualitätsproblemen und Ärztemangel?, In: Rettungsdienst. Band 34, Nr. 3, 2011, S. 228–233. Fehlende Schnittstelle zwischen Versorgungsdienstleistern (Bsp. KV-Dienst & Rettungsdienst) Fehlende systematische Qualitätskontrolle (aufgrund fehlender Standardmethoden, Zeitmangel etc.) Regional können große Unterschiede in der Versorgungsqualität bestehen (z. B. aufgrund unterschiedlicher Motivation der Mitarbeiter, verschiedener Erfahrungen und Qualifikationen, unterschiedlicher Freigaben oder Hilfsfristzeiten)

Historische Entwicklung Aachener Forschungsprojekte als Basis

Basierend auf den beiden erfolgreich abgeschlossenen, öffentlich geförderten Aachener Forschungsprojekten Med-on-@ix (2007–2010) und TemRas (Abkürzung für Telemedizinisches Rettungsassistenzsystem, 2010–2013) wurde der Telenotarztdienst Aachen 2014 durch Beschluss des Rates der Stadt Aachen am 19. März 2014 in den Regelrettungsdienst der Stadt Aachen als europaweit erstes umfassendes telemedizinisches Rettungsassistenzsystem in der prähospitalen Versorgung implementiert. Dieses bietet insbesondere für die Patienten einen Mehrwert durch eine schnellere Bereitstellung ärztlicher Kompetenz, durch den sog. Telenotarzt.

Sämtliche rechtliche Vorgehensweisen und Abläufe wurden im Rahmen der vorhergehenden Forschungsprojekte in Form von Gutachten abgesichert. Mit dem regionalen Datenschutzbeauftragten sind zudem alle Vorgehensweisen und Verfahren in Bezug auf Datenspeicherung und Datensicherheit abgestimmt. Der Telenotarzt ist im Rettungsdienstbedarfsplan verankert und somit Bestandteil der öffentlichen Daseinsfürsorge in Ergänzung zum bundesweit üblichen bodengebundenen Notarztdienst. Das System wird durch die Krankenkassen finanziert. Derzeit wird die Implementierung außerhalb des initialen Gebietes geplant und teilweise bereits umgesetzt. Das Aachener Institut für Rettungsmedizin und zivile Sicherheit (ARS) begleitet die Implementierung von Telenotarzt-Standorten in NRW im Auftrag des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) seit Anfang 2020. Im Jahr 2022 wurde in NRW nun zunächst die flächendeckende Aufteilung der Telenotarztzentralen zur telenotfallmediznischen Versorgung erreicht.

Mit Stand 2025 werden auf dieser Basis folgende präklinische Versorgungsstrukturen telemedizinisch unterstützt:

Telenotarzt-Zentrale Aachen      Stadt Aachen mit allen Rettungswagen und Reservefahrzeugen (seit 2014)      Kreis Euskirchen (Nordrhein-Westfalen) (seit 2017)      Kreis Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) (seit 2018)      Main-Kinzig-Kreis (Hessen) (seit 2019–08/2023) (aktuell unterstützend)      Waldeck-Frankenberg (Hessen) (seit 2019–08/2023) (aktuell unterstützend)      Städteregion Aachen (Nordrhein-Westfalen) (seit 2020)      Kreis Borken (Nordrhein-Westfalen) (seit 2021)

Telenotarzt-Zentrale Gelnhausen      Main-Kinzig-Kreis (Hessen) (seit 08/2023)      Waldeck-Frankenberg (Hessen) (seit 08/2023)

Telenotarzt-Zentrale Greifswald      Landkreis Vorpommern-Greifswald (seit 2017)      Landkreis Vorpommern-Rügen (seit 2020)

Telenotarzt-Zentrale Berlin      Berlin (seit 2021)

Telenotarzt-Zentrale Bielefeld      Ostwestfalen-Lippe (seit 01/2024)

Telenotarzt-Zentrale Münster      Münster (seit 06/2024)      Kreis Borken (seit 06/2024)      Coesfeld (seit 06/2024)      Recklinghausen (seit 06/2024)      Steinfurt (seit 06/2024)      Warendorf (seit 06/2024)

Telenotarzt-Zentrale Bonn      Bonn (ab 2025)      Kreis Rhein-Sieg (ab 2025)

Weitere Telenotarzt-Projekte folgen und werden aktuell (2025) in nahezu allen deutschen Bundesländern diskutiert oder sind bereits in konkreter Planung.

Pilotprojekt in Bayern

Das TELENOTARZT BAYERN-Pilotprojekt zur telemedizinischen Unterstützung der Notfallversorgung im Rettungsdienst einer ländlich strukturierten Region erfolgte vom 15. Dezember 2016 bis 15. Dezember 2019. In Bayern wurde in Verantwortung der IQ MEDWORKS GmbH dieses Pilotprojekt zur Klärung der Durchführbarkeit einer Telenotarztsystematik in einer stark ländlich geprägten Region erfolgreich durchgeführt. Das Projekt war durch den Innovationsfonds (Förderkennzeichen 01NVF16013) und die Arbeitsgemeinschaft der Sozialversicherungsträger in Bayern gefördert und am 18. Dezember 2020 durch den Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) gem § 92b Abs 3 SGB V in die Regelversorgung empfohlen. Die Untersuchung hat gezeigt, dass der Betrieb von Telenotarztsystem auch in ländlichen Regionen – unter Einsatz moderner Übertragungstechnologie – sicher möglich ist und signifikant positive Auswirkungen auf die Qualität der Notfallversorgung hat.

Der Ministerrat des Landes Bayern hat am 1. Dezember 2021 der Novellierung des Rettungsdienstgesetzes zur (unter anderem) Implementierung von Telenotärzten in die rettungsdienstliche Gesetzgebung und darauf folgend den landesweiten Rollout eines Telenotartzt-Systems beschlossen. Die notwendigen Vergabeverfahren für (a) die Betreiberschaft des ersten Telenotarzt-Zentrums (Bayern Ost) und (b) den Systemlieferanten folgten im Jahr 2022. Mit Beginn des Rollouts wird im 1. Quartal 2023 gerechnet. Inzwischen sind mehrere Vergabeverfahren in verschiedenen Bundesländern angelaufen oder in Vorbereitung, während andere Bundesländer immer noch auf Pilotprojekte setzen.

Pilotprojekt in Österreich