mini|Isolde kredenzt den Zaubertrank Eros und Thanatos unauflöslich vereint.(FR) Emmanuèle Baumgartner: Tristan et Iseut: De la légende aux récits en vers, S. 5.Beginn einer schicksalhaften Liebe, die unaufhaltsam zum Tode führt. mini|links| als Ritter der TafelrundeDer Gral erscheint den ArtusritternMiniatur, Handschrift BnF ms. 116BnF ms. 116, fol. 610v Auf Gallica. Handschrift aus dem 15. Jhd. Prosa-Tristan, «Le Roman de Tristan en Prose», bezeichnet ein überdimensionales altfranzösisches Romanwerk des 13. Jahrhunderts, das in über 80 teils kostbar illuminierten Handschriften mit zahlreichen Varianten und in verschiedenen Versionen überliefert ist.Le roman de Tristan en prose. Herausgegeben von Philippe Ménard, Verlag Droz Genf 1987, Band 1, S. 8: ISBN 978-2-600-00190-8, .
In dieser Prosaauflösung der Verserzählungen des 12. Jahrhunderts wird „der große europäische Mythos vom Ehebruch“« La légende de Tristan et Iseult, l’archétype du grand mythe européen de l’adultère ». Denis de Rougemont: L’Amour et l’Occident. 1939, 2001, ISBN 978-2-264-03313-0, „Tristan und Isolde“, in einem erweiterten Kontext und auf vielfach verschlungenem Wege völlig neu erzählt. Die Prosautoren bauten den „Tristan-und-Isolde-Stoff“ durch viele Einschübe aus dem märchenhaften keltischen Sagenkreis der «matière de Bretagne» immens aus, und zwar mit Hilfe von Elementen, welche sie dem altfranzösischen Vulgata-Zyklus (Lancelot-Gral-Zyklus) entnahmen.Philippe Walter (Hrsg.): Le Livre du Graal. Drei Bände, Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 2001–2003.
Hier werden die berühmten ehebrecherischen Paare Tristan-Isolde und Lancelot-Guenièvre in einem Crossover zusammengeführt und rivalisieren um die Lesergunst des spätmittelalterlichen Publikums. Tristan wird in den Rang eines Artusritters erhoben und reiht sich als Verwandter biblischer Gralshüter in die Zahl derer ein, die auf Gralssuche gehen.Dietmar Rieger: Tristans Wandlung. Zum altfranzösischen Prosatristan und seinen „auctores“. In: Tristan und Isolt im Spätmittelalter. Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 3. bis 8. Juni 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Herausgeber: Xenja von Ertzdorff und Rudolf Schulz, Verlag Brill Rodopi 1999, ISBN 90-420-0605-6,
Der bekannte Tristan-und-Isolde-Stoff verschmilzt mit dem beliebten Artus-Stoff zu „einem der größten Ritterromane des 13. Jahrhunderts“. Dieses euphorische Urteil fällt der französische Mediävist Philippe Ménard 1987 im Vorwort seiner altfranzösischen Edition des « Roman de Tristan en prose »:
1997, mit Erscheinen des neunten Bandes im Genfer Verlag Librairie Droz, fand diese Edition nach Kodex 2542, fol. 469v—500v, der ÖNB in Wien nach mehr als zweitausend Seiten ihren Abschluss.
In den Jahren 1997–2007 unternahm Philippe Ménard einen zweiten Anlauf. Sein Team aus renommierten französischen Romanisten edierte eine andere Version des Romanwerkes nach Handschrift Paris, BnF fr. 757, in fünf Bänden auf ca. 3.000 Seiten, erschienen im Pariser Verlag Honoré Champion.Édition Philippe Ménard, nach Handschrift BnF fr. 757, Sigel „N“ (Kurzversion des Romans „V. I.“), Verlag , Reihe CFMA (Classiques français du moyen âge), Paris, fünf Bände, 1997–2007.
«Roman indigeste» Wegen der ungeheuren Länge und der vielsträngigen Digressionen und Interpolationen sprach der norwegische Romanist Oluf Eilert Lǿseth von einem «roman indigeste», von einem „schwer verdaulichen, ungenießbaren Roman“.Oluf Eilert Lǿseth: Le Roman de Tristan, le Roman de Palamede de Pise : analyse critique d'après les manuscrits. Verlag Emile Bouillon, Paris 1890, S. XII.
Die Autoren benutzen das literarische Verfahren des «entrelacement», der systematischen Verflechtung durch Unterbrechungen und Aufschub. Kein Abenteuer stellt eine in sich abgeschlossene Einheit dar. Einerseits bilden vorgängige Episoden, die vorübergehend außer Acht geblieben sind, fortlaufende Verzweigungen, andererseits werden nachfolgende Episoden, nahe liegend oder weiter entfernt, vorbereitet.Eine Begriffserklärung dieses literaturwissenschaftlichen Fachbegriff «entrelacement» findet sich S. 226, Fußnote Nr. 7, , in: Mäzenaten im Mittelalter aus europäischer Perspektive: Von historischen Akteuren zu literarischen Textkonzepten. Band 4, V&R unipress Göttingen 2017, ISBN 978-3-8471-0736-1. Dem Leser fällt es dabei schwer, den Überblick zu wahren.
Die schicksalhafte Liebesbeziehung, das Hauptmotiv der Verserzählungen des 12. Jhd., rückt im Laufe des Prosaromans zugunsten der Überfülle blutiger Heldentaten, welche die Artusritter zu bestehen haben, immer mehr in den Hintergrund. Den ständig streitenden Helden liegt weniger die Gralssuche am Herzen, also das Bemühen um spirituelle Vervollkommnung, als das Wetteifern um den Ruhmestitel, « li mieudres cevaliers du monde »Graphie der Ménard-Ausgabe („der beste Ritter der Welt“).
Dieses rein diesseitige Streben mündet in die Katastrophe, in den Zusammenbruch des imaginären Artus-Reiches von „Logres“.siehe den Artikel „Logres“ in der anglophonen Wikipedia!
Da die Romanhelden nur der Gewalt frönen, bleiben sie «li cevalier terrien», „die irdischen Ritter“, bis auf Galahad. Der Sohn Lancelots und der Gralsträgerin Elaine von Corbenic, Tochter des Fischerkönigs, erreicht nach langer Suche Vollkommenheit. Er wird zu einem «cevaliers celestiel», zu einem „himmlischen Ritter“. Ihm allein enthüllt sich das letzte Mysterium des Grals, das ihn unvermittelt in die „Andere Welt“ entrückt.
In dieser immensen „réécriture“, Neuschreibung der Tristan-Verserzählungen und der arturischen Prosaromanzyklen, „in der sich gleichsam alle narrativen Register der höfischen Literatur ein multiples Stelldichein geben“,Dietmar Rieger: Tristans Wandlung. Zum altfranzösischen Prosatristan und seinen „auctores“. In: Tristan und Isolt im Spätmittelalter. Vorträge eines interdisziplinären Symposiums vom 3. bis 8. Juni 1996 an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Herausgeber: Xenja von Ertzdorff und Rudolf Schulz, Verlag Brill Rodopi 1999, ISBN 90-420-0605-6, stehen die «aventure» der fahrenden Artus-Ritter der Tafelrunde und die Gralssuche im Vordergrund. Die Rolle der blonden Isolde verblasst im Laufe der Erzählung, der Titel des Romans beschränkt sich auf Tristan.
Helden des Prosaromans sind der zum Artus-Ritter avancierte Protagonist Tristan, Kahedin, sein treuer Gefährte, der Seneschall Keu, König Artus, der treubrüchige König Marke, Mordred, der verräterische Neffe von König Artus, der mörderische Gawain, sein Bruder Agravain, Lamorak, der Bruder Percevals, Lancelot, der rivalisierende Ehebrecher und Vater des makellosen Galahads, welcher letztendlich als Auserwählter das Mysterium des Grals erschauen wird.
Zwei originale Schöpfungen der Autoren des Prosa-Tristans sind der dunkelhäutige Sarazenen-Ritter Palamedes, der hoffnungslos in Isolde verliebt ist, und Dinadan, subversiver Skeptiker und Spötter, ein Anti-Held. Auch wenn Dinadan Tristan als den besten Ritter der Welt, «li mieudres cevaliers du monde», bewundert, kritisiert er in aller Öffentlichkeit die zu blutiger Streit- und Turnierlust verkommenen Ideale des Rittertums und geht sinnlosen Zweikämpfen aus dem Weg. Als Agravain seine Tapferkeit in Frage stellt und ihn fragt, ob er denn noch ein echter Ritter sei, antwortet Dinadan:
Dieses Zitatsiehe auch: Löseth §258, S. 175 und Eugène Vinaver: Un chevalier errant à la recherche du sens du monde, in: À la recherche d’une poétique médiévale. Librairie Nizet, Éditions Klincksieck, Paris 1970, ISBN 978-2-7078-0214-9, S. 163–177. spiegelt die düstere Grundstimmung des Prosa-Tristans wider. Im Gegensatz zum Vulgata-Zyklus geht der Glaube an eine Heilsmythologie langsam verloren. Der Lauf der Weltgeschichte erscheint blind und ohne Ziel zu sein. Ein höherer Sinn ist nicht mehr zu erkennen. Die Artuswelt geht unaufhaltsam ihrem Untergang entgegen.
mini|links|„The Quest and Achievement of the Holy Grail“, „himmlischer Ritter“,ohne Fehl, erschaut das Mysterium des Grals.Wandmalerei Edwin Austin Abbeys, welche die Boston Public Library ziert.mini|König Marke verletzt den Harfe spielenden Tristan tödlich.Miniatur aus Handschrift, um 1470, BnF ms. fr. 112, fol. 144r. Die Rolle des Bösewichts und Verräters («félon») spielt der Ehemann Isoldes, König Marke von Cornwall, welcher die Invasion der Sachsen unterstützt und welcher am Ende König Artus’ Reich zerstören wird. Als «un des plus desloial roy du monde», als „einer der treubrüchigsten Könige der Welt“ wird er letztlich nicht in geweihter Erde bestattet.Zitat nach: nach BnF, ms. fr. 340, fol. 207b, in: Fanni Bogdanow: The Romance of the Grail: A study of the structure and genesis of a thirteenth-century Arthurian prose romance. Manchester University Press 1966, Appendix II, S. 269, Zeilen 207/208, ISBN 978-0-7190-0167-3.
Das Motiv des Liebestodes hatte der Harfe spielende Dichter Tristan im Lai Chevrefoil der Marie de France in den berühmten Versen 77/78 bereits anklingen lassen: V 77 ‘Bele amie, si est de nus: V 78 ’ V 77 ‘Schöne Freundin, so ist’s mit uns: V 78 ’
Im Gegensatz zu den Verserzählungen wird der Liebestod im Prosaroman allerdings brutal realistisch geschildert. König Marke will an den beiden wegen des Ehebruchs Rache nehmen:
Der eifersüchtige König hört dies und verletzt seinen Neffen tödlich mit einer von der Fee Morgain vergifteten Lanze. Daraufhin tötet der sterbende Tristan mit Brachialgewalt seine Isolde, die ihm zuvor immer versichert hatte, ohne ihn nicht leben zu können. Sie hätte sonst sicherlich den Freitod gewählt. Liebestrunken zieht der sterbende Tristan seine Geliebte so fest an sich, dass « Iseut la bloie », die blonde Isolde, in dieser tödlichen Umarmung erstickt:
Bis ins 16. Jahrhundert war der Prosa-Tristan mit seinen immer neuen Ausweitungen sehr beliebt, was die vielen zwischen 1489 und 1586 erschienenen Druckausgaben belegen.Straßburg-Portal
Teile des Prosa-Tristans dienten Sir Thomas Malory im 15. Jahrhundert als Quelle(FR) Desonay Fernand: Eugène Vinaver. Le roman de Tristan et Iseut dans l'oeuvre de Thomas:Malory. In: Revue belge de philologie et d'histoire, tome 5, fasc. 4, 1926. S. 1023–1025; Rezension – auf Persée seiner mittelenglischen Prosa-Kompilation des gesamten Artuszyklus, die von seinem Verleger William Caxton ab 1458 unter dem (fehlerhaften)Der altfranzösische Titel des Schlussteils des Prosa-Lancelot-Graal-Zyklus, nach dem Claxton den Titel für Malorys Artus-Kompilation fehlerhaft nachgebildet hat, lautet korrekt «La Mort Le Roi Artu» Titel „Le Morte Darthur“ als Inkunabel mit einem Vorwort Caxtons gedruckt wurde.Norris J. Lacy (Hrsg.): The New Arthurian Encyclopedia. Garland Publishing, Inc, New York 1996, ISBN 0-8153-2303-4, p.296.
Analysen und Texteditionen
1890 versuchte als erster der norwegische Romanist Oluf Eilert Lǿseth Übersicht in die Handschriftenfülle und in das kaum überschaubare Handlungsgeschehen dieses « roman indigeste », dieses unverdaulichen opus monumentale, zu bringen, als er sein 543 Seiten umfassendes Buch « Le Roman de Tristan en prose. Analyse critique »Oluf Eilert Lǿseth: Le Roman de Tristan, le Roman de Palamède et La compilation de Rusticien de Pise : analyse critique d'après les manuscrits de Paris. Verlag Emile Bouillon, Paris 1890. Volltext online — auf Internet Archive veröffentlichte. Lǿseth unterteilte darin die verschlungenen, vielsträngigen Handlungsfäden in 619 Abschnitte. Diese Strukturierung des Prosa-Tristans in 619 „Paragraphen“ dient seitdem Philologen und Editoren als Referenz, wenn sie einen Passus in das Geschehen des Prosaromans einordnen wollen. Nach dem Studium aller 34 ihm zugänglichen Handschriften unterscheidet Lǿseth zwei Hauptversionen des Romans. Eine kurze V. I. und eine lange zyklische V. II.Löseth, op. cit. S. XII