Horst Ernestus (* 7. Oktober 1925 in Berlin; † 20. März 2023 in WuppertalHorst Ernestus ist gestorben. In: Westdeutsche Zeitung, Ausgabe Wuppertal, 24. März 2023; Traueranzeige in der Westdeutschen Zeitung vom 25. März 2023) war ein deutscher Bibliothekar, Bibliotheksdirektor, Dozent sowie Verfasser von Publikationen über das Bibliothekswesen. Er wurde unter anderem als Mitbegründer des Standardwerkes „Das Bibliothekswesen der Bundesrepublik Deutschland“ bekannt.

Leben Jugend und Ausbildung Horst Ernestus wurde in Berlin geboren und 1943 zum Wehrdienst einberufen. Er absolvierte eine Seeoffiziersausbildung bei der MarineHans Joachim Hornoff, Unter vollen Segeln, S. S. S. Albert Leo Schlageter. Mitten im Krieg. Berlin 2006, S. 151. und geriet bei Kriegsende in britische Gefangenschaft. Nach der Entlassung aus der Gefangenschaft ging er zunächst nach Hamburg, wo er Jura studieren wollte, dann aber seine Leidenschaft für Bibliotheken entdeckte. Nachdem er im Juli 1946 nach Berlin zurückgegangen war, begann er im folgenden Jahr seine Ausbildung für den gehobenen Dienst an wissenschaftlichen Bibliotheken an der damaligen Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (heute Staatsbibliothek zu Berlin) in Ost-Berlin, die er 1948 als Diplom-Bibliothekar abschloss. Er blieb dort zunächst, was aber in Folge des Kalten Krieges mit zunehmenden Schwierigkeiten verbunden war, da er weiterhin in West-Berlin wohnte. Aus diesem Grund wechselte er 1950 an die Stadtbücherei Charlottenburg und damit in das Öffentliche Bibliothekswesen. 1951 entstanden erste Kontakte zu englischen Bibliothekaren. Ernestus war beeindruckt von der Bibliotheksarbeit in Großbritannien und begann, Vorträge über das britische Bibliothekswesen zu halten, wodurch er sich in Berlin einen Namen machte.Klaassen, S. 980–981.

Amerika-Gedenkbibliothek 1955 wechselte er zur Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Berlin, um neue Formen der Bibliotheksarbeit zu erproben und englische Erfahrungen in seiner Arbeit umzusetzen, vor allem im Auskunftsdienst, der zu einem weiteren bestimmenden Thema seines beruflichen Engagements wurde. In die Zeit seiner Tätigkeit an der AGB fiel ein dreimonatiger Arbeits- und Studienaufenthalt in England, der ihn an eine Bibliothek in London führte und Kontakte zu den wichtigen Bibliotheken des Landes brachte.Klaassen, S. 981.

Deutscher Büchereiverband Mit der Wiederbelegung des Deutschen Büchereiverbandes (heute: Deutscher Bibliotheksverband) wurde Horst Ernestus 1957 dessen erster hauptamtliche Geschäftsführer. 1958 wurde er nach Gründung der Arbeitsstelle für das Büchereiwesen deren stellvertretender Leiter. In die Zeit der Verbandsarbeit fiel 1961/62 eine viermonatige USA-Reise zum Studium des amerikanischen Bibliothekswesens, von der er prägende Erfahrungen mitbrachte. Bei der Gründung der Bibliothekarischen Auslandsstelle (1963), einer gemeinsamen Einrichtung der deutschen Bibliotheksverbände, die mit finanzieller Förderung zuständiger Ministerien Studienaufenthalte ausländischer Bibliothekare in Deutschland und deutscher Bibliothekare im Ausland ermöglichte. Er wurde deren erster Geschäftsführer und später auch Präsident.Klaassen, S. 981–982; Busse-Ernestus (1968), S. 160–162.

Köln und Wuppertal 1964 kehrte Ernestus „in die Praxis zurück“, wie er selbst es rückblickend beschrieb, und wurde stellvertretender Leiter der Stadtbücherei Köln. In dieser Eigenschaft wirkte er unter anderem am Ausbau des Fahrbüchereiwesens mit, bei dem Köln damals als führend galt, war an den Vorplanungen für den Bau der neuen Zentralbibliothek beteiligt sowie konzeptionell bei der Realisierung eines neuen grafischen Erscheinungsbildes der Bibliothek.Klaassen, S. 982.

1973 wurde er zum Direktor der Stadtbibliothek Wuppertal gewählt. Hier bestand sein erstes Ziel darin, die bisherige wissenschaftliche Stadtbibliothek mit der Öffentlichen Bücherei und den bisher selbständigen Stadtteil- und Jugendbibliotheken zusammenzuführen. Eines der wichtigsten Projekte war der Aus- und Umbau der Zentralbibliothek. Ernestus setzte seine eigenen Vorstellungen von einem grafischen Erscheinungsbild als Teil einer umfassenden Öffentlichkeitsarbeit um, mit dem er die Einheit des Systems der verschiedenen Bibliotheken visualisierte. Viele seiner Werbeideen und Werbemittel wurden auch überregional übernommen, z. B. von der ekz.Zur überörtlichen Bedeutung vgl. Andreas Winter, Das graphische Erscheinungsbild öffentlicher Bibliotheken: Untersuchung ausgewählter Beispiele, Wiesbaden 1998 (teilweise online bei Google Books), Cronin, sowie Klaassen, S. 983. Unter seiner Leitung entstanden neue Dienstleistungen für die Stadt wie die Mediothek in der Volkshochschule, die gemeinsam mit der Volkshochschule und der Stadtbildstelle als Modellprojekt realisiert wurde.Ernestus, Von der Bibliothek zur Mediothek (1971); Beddig, Ernestus, Otto, Medien für die Weiterbildung (1976) Die neu gegründete Kinder- und Jugendbibliothek Das Bücherschiff erhielt eine unverwechselbare Ausstattung und Atmosphäre, die überregional Beachtung fand.Ernestus, Das "Bücherschiff" (1984) Durch Ausstellungen und Veranstaltungen in der Zentralbibliothek sollte die Bibliothek nach außen geöffnet und in der Stadt präsent gemacht werden. Für die Veranstaltungen konnten oft prominente Gäste gewonnen werden, so die Botschafter vieler Länder.Klaassen, S. 983. Zu den Höhenpunkten gehörten die Besuche der Bundespräsidenten Gustav Heinemannanlässlich der Verleihung des Geschichtspreises des Bundespräsidenten 1974; Klaassen, S. 983. und Walter ScheelDeutsche Lesegesellschaft e.V.: Plädoyer für Buch und Lesen. Walter Scheel diskutiert mit Jugendlichen. Dokumentation einer Veranstaltung in der Stadtbibliothek Wuppertal [am 17. November 1977]. Bonn 1978. in der Stadtbibliothek. 1990 ging Horst Ernestus in den Ruhestand.

Veröffentlichungen und Vorträge Aus den internationalen Erfahrungen und Kontakten entstand seine Grundkonzeption für das Buch Das Bibliothekswesen in der Bundesrepublik Deutschland, dessen erste Ausgabe (1968) er, auf Anregung der Bibliothekarischen Auslandsstelle und im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft,Busse-Ernestus (1968), S. 10. gemeinsam mit Gisela von Busse schrieb und das bald zum Standardwerk auch im Rahmen der Bibliothekarausbildung wurde.Klaassen, S. 984; vgl. auch Jürgen Babendreier, [Rezension zu Portale zu Vergangenheit und Zukunft: Bibliotheken in Deutschland von Jürgen Seefeldt und Ludger Syré. In: Informationsmittel (IFB): digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft]. Anm. 3 1972 erschien die englische Übersetzung,Libraries in the Federal Republic of Germany (1972) 1983 überarbeitete und aktualisierte deutsche und englische Ausgaben, nun mit Engelbert Plassmann, 1999 eine weitere Auflage „des durch Gisela von Busse und Horst Ernestus begründeten Werkes“ von Engelbert Plassmann und Jürgen Seefeldt, 2008 eine japanische Übersetzung.-ドイツの図書館: 過去現在未来 (Doitsu no toshokan. Kako genzai mirai, 2008)

Seit 1957 verfasste er Aufsätze zum deutschen und internationalen Bibliothekswesen, bei denen Schwerpunkte Großbritannien und die USA blieben. 1968 erschien der erste grundlegende Vortrag und Aufsatz zum Thema AuskunftsdienstErnestus, Auf dem Weg zum Auskunftsdienst (1968); vgl. dazu Jürgen Klostermann: Digitale Auskunft in Bibliotheken. Eine vergleichende Evaluation zwischen ausgewählten digitalen Auskunftsverbünden. Köln 2007 (Kölner Arbeitspapiere zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Band 52), online: webdoc.sub.gwdg.de/ebook/serien/aw/fh-koeln/Band052.pdf, S. 12; Tara Niemitz: Policies für den Auskunftsdienst Funktion und Verbreitung in Deutschland, Köln 2011 (Kölner Arbeitspapiere zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Band 59), online: epb.bibl.th-koeln.de/frontdoor/deliver/index/docId/268/file/Niemitz_2011.pdf; Pamela Baer, Assistenten als Informationsvermittler? Chancen und Probleme beim Einsatz von Bibliotheksassistenten im Auskunftsdienst von Öffentlichen Bibliotheken (Diplomarbeit Stuttgart 1998), online: hdms.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/232/file/Pamela_Baer.pdf sowie Klaassen, S. 981. basierend auf britischem und amerikanischem Vorbild. Bahnbrechend für die Einführung audiovisueller Medien in westdeutschen Bibliotheken war sein Beitrag „No silence“.Ernestus, No silence–die Herausforderung durch die neuen Medien (1970)Ernestus, AV-Medien in öffentlichen Bibliotheken (1980)vgl. Rebecca Behnk: Fernsehaufzeichnungen in bibliotheken. Rechtliche Probleme der Sammlung und Benutzung (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Heft 398), Berlin 2015, S. 10 und Klaassen, S. 984.

Von den zahlreichen internationalen Vorträgen werden in einer Würdigung besonders hervorgehoben eine vierwöchige Vortragsreise zu kanadischen und amerikanischen Bibliotheksschulen, deren Auftakt ein Vortrag an der Universität Toronto (Bertha Bassam-Lecutre in Librarianship) bildete, sowie ein Sondervortrag vor dem „New York Library Public Relation Council“.Klaassen, S. 984.

Horst Ernestus erwarb 1993 den britischen Titel eines Fellow of the Library Association (FLA, heute CLIP, Chartered Institute for Library and Information Professionals).

Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Köln Von etwa 1980 bis 1995 war Ernestus Lehrbeauftragter und Mitglied des Prüfungsausschusses für den höheren Bibliotheksdienst an der Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln (bis 1982 Bibliothekar-Lehrinstitut des Landes Nordrhein-Westfalen, seit 1995 Teil der Technischen Hochschule Köln).Klaassen, S. 983.Vgl. z. B. Vorlesungsverzeichnis der Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen in Köln für das Sommersemester 1990.

Privates Horst Ernestus war seit 1956 mit der Diplom-Bibliothekarin Ursula Ernestus geb. Huffert verheiratet. Mit ihr hatte er zwei Söhne.www.wuppertal-barmen.de/2010/page/24/ Als engagierter Amateurfotograf hielt Horst Ernestus DiavorträgeZ.B. Lichtbildvortrag bei der Deutsch-Irischen Gesellschaft in Bonn und stellte seine Bilder auf Ausstellungen vor.Vgl. z. B. Unentdecktes Europa – Connemara, Irland. Ausstellungskatalog zu einer Ausstellung in Duisburg 1987 Er liebte Sprachen, verfasste Texte und Gedichte in Deutsch und Englisch.

Mitgliedschaften (Auswahl) Vorstand der Landesgruppe Berlin des Verein der Bibliothekare an Öffentlichen Bibliotheken (VBB) Mitarbeit beim KGSt-Gutachten Öffentliche Bibliothek Geschäftsführer des Deutschen Büchereiverbands (DBV) Stellvertretender Vorsitzender der Sektion I des DBV (abgerufen am 21. November 2019) Vorsitzender der Kommission für audiovisuelle Medien (AV-Kommission) des Deutschen Bibliotheksinstituts Geschäftsführer und Präsident der Bibliothekarischen Auslandsstelle Mitarbeit und Vorsitz beim Round Table AV-Medien der IFLA Mitarbeit bei der International Association of Metropolitan City Libraries (INTAMEL, heute Metropolitan Libraries Section der IFLA) Strukturplanungskommission Nordrhein-Westfalen Kuratorium des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht Deutsche UNESCO-Kommission Beirat des Goethe-Institutes für Bibliothek und Medien Jury für den Grimme-Preis 1975 und 1978Lutz Hachmeister (Hrsg.): Das Fernsehen und sein Preis. Materialien zur Geschichte des Adolf-Grimme-Preises 1973–1993. Bad Heilbrunn 1994, online: Fernsehen, S. 193. Fachliche Organisation und Leitung des Internationalen Bibliotheks-Kolloquiums der Bertelsmann-Stiftung (1984)Ernestus, Öffentliche Bibliotheken heute und morgen (1985), S. 256. Rotary Club Wuppertal (seit 1974, Präsident 1995/96)Rotary Club- und Mitgliederverzeichnis 2016/17. Hamburg 2016, S. 1881. Verzeichnis der Altpräsidenten der deutschen Rotary Clubs 2002/2003. Hamburg, S. 2002, S. 90 Quelle (soweit nicht anders angegeben):Klaassen, S. 983–984 Varia