Palast des Schweigens (Französischer Titel: Les Silences du palais; arabischer Titel: Ṣamt al-quṣūr) ist ein französisch-tunesischer Film aus dem Jahr 1994 von Moufida Tlatli, die zusammen mit Nouri Bouzid das Drehbuch verfasste. Das Drama um das Schicksal von Frauen in den 50er und 60er Jahren in den tunesischen Herrscherhäusern ist das Debüt und der erste Film unter der Regie einer Frau aus der arabischen Welt und wurde beim Carthage Film Festival (JCC) in Tunesien 1994 mit dem Tanit d’Or ausgezeichnet, wo Hend Sabri für die Rolle der jungen Alia auch als Beste Schauspielerin geehrt wurde. Beim Toronto International Film Festival (TIFF) 1994 wurde der Film mit dem FIPRESCI-Preis honoriert, nahm an diversen weltweiten Festivals teil und erhielt 1995 unter anderem die Auszeichnung als Bester Film beim Festival del Cinema Africano, d’Asia e America Latina von Mailand. Nathanael Hood: The Silences of the Palace (en). – In: Forgotten Classics of Yesteryear, 16. Februar 2010, abgerufen am 20. September 2019.
Handlung Mitte der 60er Jahre singt Alia in Bars, um sich so ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie ist 25 und lebt unverheiratet mit Lotfi zusammen, der in ihrer Jugend ihr Lehrer war und mit dem sie in die Stadt geflohen ist, um dem Leben im Palast des Bey zu entkommen. Alia ist schwanger von Lotfi; der möchte kein Kind und auch nicht heiraten und drängt Alia, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. In dieser Situation erzählt er Alia, dass Sid Ali verstorben sei, und sie macht sich nach 10 Jahren auf den Weg an den Ort, an dem sie aufgewachsen ist als das illegitime Kind einer Dienerin im Palast.
Dort angekommen, wird Alia von Erinnerungen ihrer Jugend heimgesucht, während sie am Bett der alten Dienerin Khalti Hadda sitzt. Diese – inzwischen erblindet und ans Bett gefesselt – spricht mit ihr über die Vergangenheit. Alia streift durch die Räume, viel ist nicht mehr geblieben von der einstigen Pracht. Alias Jugend fand in einer Zeit statt, als Tunesien die Unabhängigkeit von Frankreich anstrebte und damit auch im Jahr 1957 die Herrschaft des Bey beendet war. Ihre Mutter Khedija ist – wie die anderen Dienerinnen im Haus – eine Sklavin, ohne Mitspracherecht über ihren Körper, mit dem sie auch sexuell zur Verfügung zu stehen hat. In Flashbacks schaut Alia auf das Kind, dessen Vater es niemals als seins anerkennen wird; sie sieht, wie ihre Mutter von Sid Ali und Si Bechir sexuell missbraucht wurde, wenn sie unter dem Vorwand, den Tee zu servieren, Massagen oder Fußbäder zu verabreichen, gerufen wurde und Alia, der Mutter, immer wieder heimlich hinterherspionierte. Alia erlebt erneut die Traumata, welche sie als Heranwachsende durchlebte, als die Mutter nach einer ungewollten Schwangerschaft einen Abbruch von einer der Dienerinnen vornehmen lässt und daran stirbt, während Alia für die Gäste im Haus singt. Sie trifft am Ende eine Entscheidung, sie wird ihr Kind bekommen, nicht wissend, ob der Vater anwesend sein wird, oder ob sie das Kind eventuell auch alleine aufziehen muss.
Hauptcharaktere Khedija, die Mutter von Alia, wurde im Alter von 10 Jahren an den Bey verkauft und arbeitet seither als Dienerin im Palast. Neben ihren Tätigkeiten im Haushalt wird sie gerufen, um vor dem Bey und seinen Gästen zu deren Unterhaltung zu tanzen. Sie erzieht Alia alleine und behält für sich, wer der Vater sein könnte. Beide Söhne des Bey erwarten sexuelle Dienste von ihr, von Si Bechir wird sie brutal vergewaltigt. Als sie bemerkt, wieder ungewollt schwanger zu sein, bittet sie nach der Medizinfrau zu schicken, um die Schwangerschaft zu beenden. Khedija weiß, wie all die anderen Frauen, dass, wenn ihr weiteres Kind auch ein Mädchen sein würde, es mit der gleichen sexuellen Ausbeutung konfrontiert sein wird, die sie erlebt. Als Alia älter wird, fürchtet Khedija um deren Sicherheit vor den Männern des Palasts. Sie möchte Alia ihr Schicksal ersparen.
Alia, Tochter von Khedija, ist während ihrer Kindheit überwiegend umgeben von den Dienerinnen des Palastes, hält sich zwischen Palastküche und den Dienstbotenzimmern auf und versucht seit Kindheit zu erfahren wer ihr Vater ist. Sie spricht wenig, beobachtet viel. Sie wird Zeugin der Vergewaltigung der Mutter durch Si Bechir. Obwohl Männer im Haus des Bey anwesend sind, gibt es keine starke männliche Vaterfigur für sie. Ausnahme sind einige Szenen aus ihrer Kindheit, in denen Sid Ali eine Art Vaterfigur einnimmt. Sie hat während der Kindheit den sehnlichen Wunsch, das Spiel der Laute, der Oud, zu erlernen, dem Instrument der Oberschicht. Auch als Erwachsene wird Alias Beziehung zu ihrem Partner Lotfi mit dem Konflikt einer ungewollten Schwangerschaft beladen.
Si Bechir, einer der Söhne des Bey, ist rücksichtslos mit den Dienerinnen. Er weiß sehr wohl, dass diese keine Möglichkeit haben sich ihm zu widersetzen. Auch Alia wird klar zum Objekt seiner Begierde. Er verlangt von Khedija, ihm Alia in sein Zimmer zu schicken „um Tee zu servieren“, einer Beschönigung der Tatsache, ihm sexuell zu dienen. Khedija, nicht in der Position den Wunsch rigoros abzuwehren, erzählt ihm, um ihre Tochter zu schützen, dass diese nicht wisse, wie Tee richtig serviert werde. Mit seiner Tochter Sarra verbindet Alia eine Freundschaft. Sie spielen und musizieren zusammen. So hat Alia ein wenig mehr Zutritt zur Welt der Herrscher.
Sid Ali, ein weiterer Sohn des Bey, hat nur in wenigen Szenen für Alia einige väterliche Gesten übrig. Er könnte Alias Vater sein. Er scheint eine besondere Vorliebe für Khedija zu haben, eifersüchtig von seiner Frau beäugt. Eines Tages überrascht ihn Alia im Bett mit ihrer Mutter, die Szene erscheint ihr beinahe einvernehmlich, im Gegensatz zu der darauf folgenden Vergewaltigung der Mutter durch Si Bechir. Der Tod Sid Alis ist der Grund, warum Alia in den Palast ihrer Kindheit zurückkehren wird.
Der Bey ist Vater von Si Bechir und Sid Ali. Er hat seinen Söhnen deren Umgang mit den Dienerinnen vorgelebt.
Lotfi unterrichtete die junge Alia an der Laute, lehrt sie das Lesen und Schreiben, bringt ihr Musik nahe und erzählt ihr von der nationalistischen Bewegung, die außerhalb der Palastmauern stattfindet. Das weckt Alias Wunsch nach Unabhängigkeit, und sie flieht später mit ihm in die Stadt, wo er ihr Geliebter wird. Er ist nicht gewillt sie zu heiraten. Als sie schwanger wird, verlangt er die Abtreibung des Kindes, offenbar nicht das erste Mal. Zwar ist Alia keine Sexsklavin für ihn, dennoch unterwirft er sie mit seiner Haltung einem Leben, das außerhalb Alias Kontrolle liegt.
Cherifa wird von den Dienerinnen des Palastes gerufen, wenn es gilt Krankheiten zu behandeln oder die Enthaarung der Frauen vorzunehmen. Nach ihr wird geschickt, um den Abbruch der ungewollten erneuten Schwangerschaft Khedijas vorzunehmen.
Khalti Hadda, eine weitere Dienerin, ist eine Art Vertraute für Khedija. Alia liebt sie. Sie kommt, um nach ihr zu sehen, als Khedija sich vor Schmerzen über das Waschbecken beugt, und spricht diese leise, wie ein Geheimnis bewahren wollend, auf ihre Schwangerschaft an. Sie versucht Khedija Trost zu spenden. Zusammen mit Khedija spart sie ein wenig Geld, um eine Laute für Alia zu kaufen. Sie versteckt Lotfi, der ein Anhänger der Revolution ist und deshalb gesucht wird anfangs im Palast.
Hintergrund Die Dienstboten Die Dienstboten der Familie sind ausschließlich innerhalb der Küche, innerhalb ihrer Quartiere oder bei Tätigkeiten im Haus zu sehen. Nie sind sie außerhalb des Palastes anzutreffen, was ihre Gefangenschaft unterstreicht. Es gibt ein Radio, über das die Diener den Vorgängen auf den Straßen von Tunesien lauschen, als der Umbruch im Land vonstattengeht. Vereinzelt bringen männliche Dienstboten Neuigkeiten mit, wenn sie mit Einkäufen vom Markt kommen. Die Dienerinnen werden in bedrückenden Situationen dargestellt, umrahmt von ihren kulturellen Praktiken und der männlichen Dominanz der Oberen. Sie haben nicht das Recht ihre Stimme zu erheben. Es gibt bedeutende Szenen im Film, in denen Khedija dieses Tabu bricht. Einmal, als sie feststellt wieder schwanger zu sein und sich mit der Entscheidung, diese Schwangerschaft zu beenden, in die Küche zu den Frauen begibt. Sie leidet, sitzt etwas abseits, beinahe erdrückt unter ihrer Last und Scham. In dieser Szene bricht ihr Leid aus ihr heraus. Sie schreit in die Stille der Palastküche hinein, während sie ihren Bauch hält und verlangt, dass man sie in Ruhe lassen möge. Sie äußert ihren Hass gegen sich selbst, ihre Empörung über die Vorgänge, den Hass auf ihren Körper. Danach wird die Stille der Palastküche nur durch das schmerzhafte Schluchzen von Khedija unterbrochen. Die anwesenden Frauen werden groß ins Bild gesetzt. Es läuft keine Musik, niemand spricht. Zwei der Frauen waschen Kleidungsstücke, als würde symbolisch die Schande von Khedija gewaschen. Eine weitere knetet Teig, stur geradeaus scheinbar in die Zukunft schauend. Mit ihrer Stille bieten sie Khedija den Schutz ihre Situation zu ertragen. Die Dienerinnen haben gelernt solidarisch zu sein, auch wenn sie ihre Situation nicht ändern können.
Alias Flashbacks Alia wird von der damals erst 14-jährigen Hend Sabri gespielt, für die Palast des Schweigens ihre erste Rolle vor der Kamera war. Für Alia gibt es mehrere Szenen, die ganz entscheidend sind. Als sie größer wird, fragt sie immer wieder, wer ihr Vater ist, auch ganz direkt, ob Sid Ali ihr Vater wäre. Alia hat einige Szenen, in denen Sid Ali sich beinahe väterlich verhält. Vorher noch weggeschickt, als die ganze Herrscherfamilie sich vor einem Fotografen postiert und Alia Sarra folgen wollte, um Aufstellung zu nehmen, wird sie nach dieser Szene von Sid Ali zusammen mit Sarra zu einem Einzelfoto gerufen. Er spendet auch Beifall, als Alia beginnt, das Lautenspiel zu erlernen oder anfängt zu singen. Leichte Gesten der Anerkennung lassen Alia strahlen, bis sie entdeckt, was die Söhne des Bey in die Quartiere der Dienstboten treibt, und damit auch Sid Ali in das Zimmer ihrer Mutter, welches Alia mit ihr teilt. Alia ist oft zu sehen, wie sie auf leisen Sohlen der Mutter folgt, um zu schauen wozu diese gerufen wurde. Sie beobachtet durch das Fenster ihres Zimmers Sid Ali und ihre Mutter im Bett. Sie stürmt davon, erreicht den Palastgarten und beginnt in großen Kreisen auf dem Rasen zu laufen, bis sie zusammenbricht und in Ohnmacht fällt. Dort wird sie von Si Bechir gefunden, der, mit der Hand ihren Rock hochschiebend, ihre erwachende Schönheit entdeckt, sie aufnimmt, in ihr Zimmer trägt und auf das Bett legt. Als ihre Mutter hinzukommt, bedeutet er dieser, welche Schönheit Alia sei, wendet sich dann aber im Lauf des Gesprächs der Mutter zu und vergewaltigt diese im Beisein Alias – inzwischen erwacht – im Zimmer. Alia läuft davon, zum Ausgang des Palastes, die geschlossenen Tore drücken in ihr Gesicht, und sie schreit ihren Schmerz heraus. Stille in dieser Szene, keine Musik, Alias Schrei nicht zu hören.Basant Ahmed: Hend Sabri stuns in her latest photo session (en). – In: Sada Elbalad, 26. Mai 2019, abgerufen am 24. September 2019.