Die Beschäftigungslenkung (gelegentlich als BL abgekürzt) ist ein Manöver in der Schachkomposition. Bei einer Beschäftigungslenkung werden schwarze Steine nur aus einem einzigen Grund zu Bewegungen gezwungen (gelenkt): um sie zu „beschäftigen“, damit Schwarz nichts gegen eine weiße Stellungsverbesserung tun kann. Beschäftigungslenkungen haben Ähnlichkeiten zu aus dem Partieschach bekannten Motiven, etwa dem Dauerschach und der Zugwiederholung.

Der Begriff der Beschäftigungslenkung wurde von Erich Brunner 1930 eingeführt, Aufgaben dieses Typs sind jedoch älter, auch solche von Brunner selbst. Sie werden nicht selten mit spektakulären Schachprovokationen verbunden (Lepuschütz-Thema): Weiß setzt sich Schachs aus, um seinen Plan umzusetzen. Das Thema hat sich im Problemschach als sehr fruchtbar erwiesen, die Bezeichnung selbst wurde allerdings aus prinzipiellen Gründen kritisiert. Heute spricht man oft einfach von Beschäftigung des Schwarzen.

Begriffsprägung Das Motiv der Beschäftigung des Schwarzen gibt es in Schachkompositionen schon lange. Die Encyclopedia of Chess Problems führt als Beispiel eine 1763 veröffentlichte Position von Giambattista Lolli an.Milan Velimirović, Kari Valtonen: The definitive book. Encyclopedia of Chess Problems. Themes and Terms. Chess Informant, Neuauflage, Belgrad 2018, S. 131. Vgl. auch Kari Valtonen: Modenan koulukunta – modernin tehtävätaiteen edelläkävijä. In: Tehtäväniekka 4–5/2013. Online, S. 4. Als eigenständiges Thema rückte es jedoch erst mit der Begründung der Neudeutschen Schule der Schachkomposition im 20. Jahrhundert ins Blickfeld, deren Hauptinteresse der logischen Struktur von Schachproblemen galt (sie wird auch als „logische Schule“ bezeichnet). Schachkomponisten der neudeutschen Schule wie Friedrich Palitzsch systematisierten die Manöver, mit denen Weiß Bewegungen schwarzer Steine erzwingt, um eine Schädigung zu erreichen, die das Matt in der vorgegebenen Zügezahl ermöglicht. Diese Manöver werden seitdem indirekte Manöver oder Lenkungen schwarzer Steine genannt.Friedrich Palitzsch: Die Ablenkung, das Element der indirekten Kombination. Riemann, Coburg 1917. Es gibt jedoch auch Lenkungen schwarzer Steine, die keine Schädigung, ja überhaupt keine bleibende Stellungsveränderung erzeugen und trotzdem für das Matt entscheidend sind. Erich Brunner, der der Neudeutschen Schule nahestand, hat bereits seit 1910 Aufgaben komponiert, in denen das Thema solcher Beschäftigungslenkungen im Vordergrund steht. Formuliert hat er es aber erstmals im Zuge der Ausschreibung eines Thematurniers für Schachkompositionen 1930.

Im 6. Internationalen Problemturnier des Dresdner Anzeigers 1930 wurde zur Einsendung von Schachaufgaben eingeladen, die „direkte Manöver in 3-, 4- oder 5-zügigen logischen Kombinationsproblemen“ zeigen.Thema-Turnier. In: Wiener Schachzeitung, Jg. VIII (XXVII) 1930, Nr. 8, S. 128. Online. Der Preisrichter dieses Turniers war Erich Brunner. Er gab in einem Beitrag, der in der Wiener Schachzeitung abgedruckt wurde, einige Hinweise dazu, wie die Forderung des Turniers zu interpretieren sei. In diesem Artikel wies er auch auf „eine besondere Art von Lenkungen“ hin, die er als „reine Beschäftigungs-Lenkungen“ definierte.Erich Brunner: Zur Theorie der direkten Manöver. Erläuterungen zum 6. Internat. Problemturnier des „Dresdner Anzeigers“ 1930. In: Wiener Schachzeitung, 1930, Nr. 11, S. 174–176, hier: S. 175. Online. Er illustrierte diese Art von Lenkungen mit einer Eigenkomposition, die er bereits 1914 veröffentlicht hatte.

Lösung:

Der weiße Mattplan ist 1. Dh8 matt, doch das geht nicht, weil der weiße Turm h5 im Weg steht. Einfach 1. Thg5? (droht 2. Dh8 matt) würde auf die Widerlegung 1. … b1S+! treffen, und Weiß käme nicht mehr zum Matt. Auch das Räumungsopfer 1. Txd5+? führt nicht zum Ziel, da dies Schwarz nach 1. … Txd5 2. Dh8+ die Verteidigung 2. … Te5 ermöglicht.

Um das Hindernis zu beseitigen, muss man die weißen Steine besser stellen, also nicht schwarze Steine lenken, sondern weiße Steine führen. Solche Führungen oder auch direkten Manöver sind es, die in der Ausschreibung gefragt waren. In diesem Fall muss Weiß einen Funktionswechsel der weißen Türme herbeiführen. Während dieses direkten Manövers ist der Schwarze zu beschäftigen, damit er keine Zeit zu Störmanövern hat.

1. Th5–h3! Es droht 2. Txd3+ Lxd3 3. Txd3 matt. Wegen der zusätzlichen weißen Kraft auf der 3. Reihe genügt nun 1. … b1S+ nicht mehr: 2. Dxb1 Lxb1 3. Txd3+ Lxd3 4. Txd3 matt oder 2. … Ta3 3. Db2+ Tc3 4. Dxc3 matt. Also muss der schwarze Turm sich einschalten. Das kann er sich momentan leisten, weil der Weiße im Schlüsselzug den Druck auf d5 aufgegeben hat.

1. … Ta5–a3 2. Tg3–g5. Da der schwarze Turm seinen Posten auf der 5. Reihe verlassen hat, droht nun einfach 3. Txd5 matt, der Turm muss zurück.

2. … Ta3–a5. Die Ausgangsstellung ist wieder erreicht, mit dem einen Unterschied, dass nun der andere weiße Turm auf d3 zielt, nämlich der Turm auf der h-Linie, der zunächst im Wege stand. Den kann man nun mit einem Räumungsopfer zum Verschwinden bringen:

3. Th3xd3+ Lc2xd3 4. Dh1–h8 matt.

Definitionen Brunner kommentierte, dass in der obigen Aufgabe der schwarze Turm zweimal gelenkt wurde: im ersten Zug weg von der 5. Reihe (Deckung von d5), im zweiten Zug wieder weg von der 3. Reihe (Deckung von d3). Das Ergebnis ist aber nicht, wie bei einer echten Lenkung, eine Schädigung, die Weiß ausnutzen könnte. „Durch die Lenkungen ist Schwarz nur ‚beschäftigt‘ worden, während Weiß inzwischen die wertschaffende Umschichtung seiner Kräfte vollziehen konnte.“Erich Brunner: Zur Theorie der direkten Manöver. Erläuterungen zum 6. Internat. Problemturnier des „Dresdner Anzeigers“ 1930. In: Wiener Schachzeitung, 1930, Nr. 11, S. 174–176, hier: S. 175. Online. Eine solche ausschließlich der Beschäftigung dienende Lenkung definierte Brunner als Beschäftigungslenkung. In diesem Fall ist das Thema der Beschäftigungslenkung mit dem Thema der (weißen) Wechseltürme verbunden, das gleichfalls von Brunner stammt.Zum Thema der Wechseltürme siehe etwa Manfred Zucker: 60 Jahre Wechseltürme, in: Die Schwalbe, 1974, Heft 30, S. 240–242, online; Arno Tüngler: 85 Jahre Wechseltürme, in: Die Schwalbe, 1999, Heft 180, S. 277–283, online.

In seinem Buch über Erich Brunner drückte Hans Klüver die Idee der Beschäftigungslenkung so aus: „Schwarz wird […] ‚beschäftigt‘, wodurch er an der gewünschten Entfaltung seiner Kräfte gehindert wird. Schwarz wird ‚niedergehalten‘, ohne daß ihm daraus ein direkter Schaden erwächst. Die Schädigung ist eine indirekte: Weiß kann seine Stellung verbessern, ohne daß Schwarz Zeit hat, Weiß daran zu hindern. Das Wesen der BL liegt also in Störungsverhinderungen.“ Er brachte an derselben Stelle auch die oft geäußerte Kritik an der Bezeichnung auf den Punkt: Eine Lenkung verursache stets direkte Schädigungen, es sei also im Grunde unberechtigt, die Beschäftigungslenkung überhaupt als Lenkung anzusprechen. Klüver ordnete sie daher unter die „Schwebeformen“ zwischen Führung und Lenkung ein.Hans Klüver: Erich Brunner. Ein Künstler und Deuter des Schachproblems. Siegfried Engelhardt Verlag, Berlin-Frohnau 1958, S. 109.

Werner Sidler brachte in seinem Problemschachlexikon unter dem Stichwort „Beschäftigungslenkung“ den Begriff des Tempogewinns ins Spiel: „Ein im Endziel direktes Manöver einer Tempogewinnkombination: durch bloße ‚Beschäftigung‘ […] erwirkt Weiß die Zurechtstellung einer eigenen Figur.“Werner Sidler: problemschach. Alphabetisch geordnete Begriffsübersicht. Selbstverlag, Luzern 1968, S. 18. Oder, wie Herbert Grasemann schrieb: „Weiß will ein entscheidendes Tempo gewinnen und muß zu diesem Zweck […] ihm [dem Schwarzen] Zeit stehlen, indem er ihn an anderer Stelle beiläufig ‚beschäftigt‘.“Herbert Grasemann: Eines Reverends Einfall, der Geschichte machte. Selbstverlag, Berlin 1981, S. 27f.

Diese Definitionen setzen leicht unterschiedliche Akzente, legen aber alle auf eines Wert: Beschäftigungslenkungen haben ausschließlich den Zweck, den Schwarzen zu beschäftigen, ihm „Zeit (zu) stehlen“. Sobald die schwarzen Züge eine Veränderung bewirken, die beim Mattsetzen hilft, etwa den Wegschlag eines störenden weißen Steins oder die Verringerung schwarzer Kraft, sind es echte Lenkungen und keine Beschäftigungslenkungen mehr. Vergleicht man die Stellung vor und nach der Beschäftigungslenkung, sind es nur die weißen Züge, die eine Veränderung herbeigeführt haben, während die des Schwarzen im Ergebnis „völlig irrelevant“ sind.Herbert Grasemann: Eines Reverends Einfall, der Geschichte machte. Selbstverlag, Berlin 1981, S. 28.

Wegen seiner Entstehung in der neudeutschen Schule wird das Thema oft auch in englischen Texten mit dem Germanismus „Beschäftigung“ bezeichnet.Etwa in Hans Peter Rehms Beschreibung des Lepuschütz-Themas: „A sequence of moves which just loses time but does not leave other vital effects after its completion is called ‚Beschäftigung‘ in German. So we are concerned in our theme with a specific kind of Beschäftigung which makes a Führung successful“ (Hans Peter Rehm: The Lepuschütz Theme. In: Mat Plus, 15, 1997, S. 73. Online auf berlinthema.de). In der Encyclopedia of Chess Problems wird eine Umschreibung als Stichwort genutzt: „Decoy, to keep the opponent busy“,Milan Velimirović, Kari Valtonen: The definitive book. Encyclopedia of Chess Problems. Themes and Terms. Chess Informant, Neuauflage, Belgrad 2018 (ursprünglich 2012), S. 131. also etwa: „Lenkung, um den Gegner zu beschäftigen“. Hans Peter Rehm und Stephan Eisert schlugen in ihrer Neuausgabe von Grasemanns Buch den Terminus „keeping-busy manoeuvre“ (etwa: „Beschäftigungsmanöver“) vor, der den problematischen Lenkungsbegriff vermeidet.Herbert Grasemann: Eines Reverends Einfall, der Geschichte machte. Neu herausgegeben und erweitert mit einem Aufsatz und einer Auswahl neuerer Probleme durch Hans Peter Rehm und Stephan Eisert. Editions Fee=Nix, Aachen 2014, S. 177.

Verbreitung Die Idee der bloßen Beschäftigung des Gegners ist prinzipiell nicht selten, selbst im Partieschach nicht, auch wenn sie dort häufig mit Nebenzwecken verbunden ist. Schon Brunner sah in den bekannten Remis-Manövern der Zugwiederholung und des Dauerschachs den „reinsten Ausdruck“ dieses Gedankens.Brunner-Zitat nach Hans Klüver: Erich Brunner. Ein Künstler und Deuter des Schachproblems. Siegfried Engelhardt Verlag, Berlin-Frohnau 1958, S. 107. Ungewöhnlich war es aber, solche Kombinationen zu isolieren und sie in Reinform in einem streng logisch aufgebauten Schachproblem als wesentlichen Inhalt darzustellen. Als untergeordnete Zutat sind sie hingegen relativ häufig. Beispiele lassen sich in Studien (so etwa in einer bekannten Studie von Paul Heuäcker), aber auch in Problemen zuhauf finden, besonders im Zusammenhang mit Pendelmanövern.

Herbert Grasemann schrieb 1981, die Beschäftigungslenkung sei für die seinerzeit Dreißig- bis Vierzigjährigen bereits „zum Gemeingut geworden“ und trete „kaum noch als tragende Idee in Erscheinung“, wohl aber als Konstruktionshilfe zur Darstellung anderer Themen, als „wichtiges konstruktives Randmotiv“.Herbert Grasemann: Eines Reverends Einfall, der Geschichte machte. Selbstverlag, Berlin 1981, S. 28. Es gibt jedoch Weiterentwicklungen der Beschäftigungslenkung, bei denen dieses Thema nach wie vor den wesentlichen Inhalt einer Schachkomposition ausmacht.

Weiterentwicklungen