mini|Dante verliebt sich in Beatrice (im gelben Kleid), die seine Gefühle nie erwidern wird. Gemälde von Henry Holiday, 1883 mini|Die griechische Dichterin Sappho stürzte sich der Legende nach aus unerwiderter Liebe zum Fährmann Phaon von einem Felsen. Gemälde von Ernst Stückelberg, 1897 Von unerwiderter Liebe oder einseitiger Liebe spricht man, wenn eine Person einer anderen Person Liebe entgegenbringt, von dieser anderen Person aber entweder gar nicht oder kaum wiedergeliebt wird. „Liebe“ bedeutet in diesem Zusammenhang eine starke romantische Anziehung in Verbindung mit der Sehnsucht, mit der betreffenden Person eine exklusive, körperlich intime und gefühlsintensive Beziehung einzugehen. Unerwiderte Liebe erscheint hauptsächlich in zwei Szenarien: entweder kommt eine Liebesbeziehung, da die geliebte Person die Gefühle und Wünsche der liebenden Person nicht teilt, gar nicht erst zustande; oder nach anfänglich wechselseitiger Anziehung hört einer der Partner auf, den anderen zu begehren. Unerwiderte Liebe ist einer der häufigsten Gründe für Liebeskummer.

Die unerwiderte Liebe ist in der Sozialpsychologie bis heute nur vereinzelt untersucht worden; wichtigste Ausnahme bildet die Forschung von Roy Baumeister. Umso präsenter ist unerwiderte Liebe seit jeher als Thema in der Literatur. Dort steht fast immer die unerwidert liebende Person im Mittelpunkt der Darstellung, während die Perspektive der zurückweisenden Person meist ausgespart wird.

Begriffsabgrenzung Unerwiderte Liebe ist ein Alltagsphänomen und von Erotomanie zu unterscheiden. Bei letzterer liegen auf der Seite des vergeblich Liebenden nicht nur kleine Illusionen, sondern ausgeprägt wahnhafte Züge vor.

Zu unterscheiden ist unerwiderte Liebe auch von Fällen, in denen die Trauer eines Menschen nach dem Tode einer geliebten Person in dem Sinne misslingt, dass er sich neuen Liebeserfahrungen nicht wieder zu öffnen vermag, sondern an dem unerreichbar gewordenen Liebesobjekt weiterhin festhält. Siehe: Komplizierte Trauer.

Sozialpsychologie der unerwiderten Liebe Die zurückgewiesene Person Liebe bringt dann Erfüllung, wenn sie eine zwischen zwei Personen rückgekoppelte Kreisbewegung gemeinsamen, eskalierenden Glücks beschreibt. Nicht die Liebe als solche ist es, die dem Liebenden Befriedigung verschafft, sondern deren Gegenseitigkeit. Ähnlich einer starken Droge kann Liebe Menschen einerseits in einzigartige, ekstatische Zustände versetzen; wie eine starke Droge birgt sie andererseits jedoch auch Risiken von Qual und Elend. Ein Mensch, der vergeblich liebt, wird ähnlich wie ein Drogenabhängiger im Entzug in den brutalen und schmerzhaften Prozess geworfen, der darin besteht zu lernen, auf eine Sache zu verzichten, die bis dahin den Mittelpunkt seines Lebens gebildet hat.

Ein amerikanisches Forscherteam – Baumeister, Wotman und Stillman – hat 1993 eine Studie vorgelegt, für die eine Anzahl von Personen, die mit unerwiderter Liebe Erfahrung gemacht hatten, über ihre Erinnerungen befragt worden sind. Charakteristisch für die zurückgewiesenen Personen (would-be lovers) war hier, dass sie sich an die nicht zustande gekommene Liebesbeziehung sowohl mit positiven als mit stark negativen Gefühlen erinnerten. Die Erfahrung hatte ihr Selbstwertgefühl stark beeinträchtigt; um es wieder aufzubauen, konstruierten sie das Vorgefallene in ihrer Erinnerung auf idiosynkratische Weise: Sie erinnerten sich, unter dem Eindruck gestanden zu haben, die zurückweisende Person habe ihre Zuneigung tatsächlich erwidert, der Zurückweisende habe sie getäuscht und auch nie klar mitgeteilt, dass er die entgegengebrachte Liebe nicht erwidert. Insgesamt empfanden sie den anderen als undurchschaubar und sein Verhalten als inkonsequent.

Ein Psychologenteam aus Indiana hat in einer Studie aus dem Jahre 2013 fünf Typen von unerwiderter Liebe unterschieden: Verliebtheit in jemanden, der unerreichbar ist (z. B. Star-Schwärmerei); Verliebtheit in eine nahestehende Person; Werbung um einen potenziellen Liebespartner, der dem Werbenden im Verlaufe der Werbung aber einen „Korb“ gibt, ihn also zurückweist; Sehnsucht nach einem ehemaligen Liebespartner; eine sehr ungleiche Beziehung. Die möglichen Gründe, warum Menschen sich überhaupt in Personen verlieben, die ihre Gefühle nicht erwidern, sind vielfältig. Als Beispiele nennen Baumeister und Wotman eine Ungleichheit der Attraktivität der Beteiligten sowie Missverständnisse, die sich daraus ergeben, wenn die reine Freundlichkeit eines anderen irrtümlich als Signal von Liebesinteresse gedeutet wird. Das größte Risiko, sich in Liebesbeziehungen ungeschickt zu verhalten und ihren Partner damit zu vertreiben, haben nach einer Studie von Charlene Corey Hazan und Phillip Shaver solche Menschen, die schon in der Kindheit große Liebesunsicherheit erlebt haben und sich einem „ängstlichen“ Bindungstyp zuordnen lassen; als Erwachsene sind sie besonders anfällig für Furcht, von anderen Menschen im Stich gelassen zu werden.

Die zurückweisende Person Die Erinnerungen der zurückweisenden Personen (rejectors), die das amerikanische Forscherteam für die Studie von 1993 interviewt hatte, wichen von denen der zurückgewiesenen deutlich ab. Anders als die der Zurückgewiesenen waren ihre Erinnerungen häufig nicht ambivalent, sondern nur mit negativen Gefühlen verbunden. Dennoch waren auch sie zwiegespalten: obwohl sie sich keiner moralischen Schuld bewusst waren, fühlten sie sich angesichts des massiven Leidens des Zurückgewiesenen dennoch schuldig. Um sich von diesen Schuldgefühlen zu entlasten, beschrieben viele von ihnen die Liebeswerbung des Zurückgewiesenen als übergriffig und lästig oder warfen ihm Selbsttäuschung und Unvernunft vor.

Viele Menschen, die die Liebe eines anderen nicht erwidern, fühlen sich für die entgegengebrachte Zuneigung anfangs dankbar und sind geschmeichelt, ringen dann um einen Weg, das nicht wiedergeliebte Gegenüber auf nicht verletzende Weise über die Fakten aufzuklären, und empfinden, wenn dies nicht gelingt, gegen die Person am Ende Aversion.

Relevanz des Themas für die Wissenschaft Wie die Psychologen Roy Baumeister und Sara Wotman aufgewiesen haben, verdient die unerwiderte Liebe von Seiten der Forschung schon allein darum Aufmerksamkeit, weil sie im Leben so weit verbreitet ist. Für ihre Untersuchung hatten sie Collegestudenten interviewt; die Befragten waren unverheiratet und durchschnittlich 21 Jahre alt. Rund 98 % von ihnen gaben an, unerwiderte Liebe schon einmal am eigenen Leibe erlebt zu haben; im Mittel hatten sie eine große, zwei mittelgroße und drei oder vier kleinere Liebesenttäuschungen erlebt.

Unerwiderte Liebe ist auch ein Faktor, der starken Einfluss auf die Einstellungen hat, die Menschen zu Liebe und Intimität, zum sexuell bevorzugten Geschlecht und zu sich selbst haben. Die Mediziner Donald Smith und Marianne Hokland (Universität Aarhus) haben 1988 gezeigt, dass Menschen, deren Liebe nicht erwidert wird, überdies zu gesundheitlichen Problemen neigen, etwa zu einem geschwächten Immunsystem.

Generell zeigt das Phänomen der unerwiderten Liebe, wie sehr Lieben bedeutet, Risiken einzugehen: Man kann nicht lieben, ohne sich der Gefahr auszusetzen, verletzt zu werden.

Unerwiderte Liebe und Geschlecht In der von Baumeister und Wotman durchgeführten Befragung von Collegestudenten haben die männlichen Befragten von mehr erlittenen Zurückweisungen berichtet als die weiblichen. Die Sozialpsychologen Charles Hill, Zick Rubin und Letitia Anne Peplau hatten bereits 1976 beobachtet, dass Männer sich leichter verlieben als Frauen, während Frauen leichter als Männer das Interesse an einem Partner wieder verlieren. Eine Studie aus dem Jahre 2017 hat dagegen gezeigt, dass zumindest bei unverheirateten Paaren die Initiative zu einer Trennung ebenso oft vom Mann ausgeht wie von der Frau.

Kulturelle Psychologie der unerwiderten Liebe Modernes westliches Liebesideal Die unerwiderte Liebe hat nicht nur eine sozialpsychologische, sondern auch eine kulturelle Dimension. In den modernen westlichen Gesellschaften hat Liebe einen außerordentlich hohen Stellenwert. Sie bildet einen der höchsten gesellschaftlichen Werte, und die leidenschaftliche Liebe hat den Rang eines hohen Ideals erlangt, in dem Individuen menschliche Erfüllung suchen. Menschen, deren Liebe unerwidert bleibt, gewinnen – über ihre persönliche Enttäuschung und ihr emotionales Trauma hinaus – leicht auch den Eindruck, dass sie in einem der wichtigsten Punkte des Lebens versagt haben.

Unterstützende Narrative mini|hochkant|Nikolaus und Alexandra, offizielles Verlobungsfoto (1894) Oft wird das unbeirrte Festhalten an einer unerwiderten Liebe unterstützt durch die Existenz von einschlägigen Narrativen, die suggerieren, dass Beharrlichkeit am Ende stets mit Erfolg belohnt werde. Als Beispiel für ein solches Narrativ nennen Baumeister und Wotman das Schicksal des letzten russischen Zaren Nikolaus, der viele Jahre lang vergeblich um Alix von Hessen-Darmstadt geworben hatte, als Ehepartner schließlich aber doch akzeptiert wurde und sogar lebhafte Gegenliebe fand. Viel eher laufen solche Liebeswerbungen freilich darauf hinaus, dass die umworbene Person das hartnäckige Bedrängtwerden als zunehmend unerträglich empfindet.

Auf eine ganz andere Weise wird das Festhalten an unerwiderter Liebe auch von vielen Werken der literarischen Romantik (ca. 1795–1848) unterstützt. Beispielhaft sei hier Friedrich Hölderlin genannt, dessen Werke, etwa der Diotima-Roman Hyperion, beim Thema Liebe von einem extremen Gegensatz zwischen Ideal und Wirklichkeit erzählen. Das Ideal der Liebe wird hier so extrem hoch aufgehängt, dass reale Liebesbeziehungen niemals zustande kommen.

Selbsthilfe Im 1. Jahrhundert nach Chr. verfasste der römische Dichter Ovid im Anschluss an seine Ars amatoria ein Lehrgedicht Remedia amoris mit Ratschlägen, wie man seiner Liebe, wenn diese mehr Unglück als Glück bringt, ein Ende setzt.

Wie bei einem so weit verbreiteten Thema nicht weiter verwunderlich, werden auch heute noch viele Artikel und Bücher aus dem Genre der Selbsthilfeliteratur darüber verfasst. In Psychology Today gab die Psychotherapeutin Diane Barth 2015 Ratschläge an unerwidert Liebende. Dazu gehören das Eingeständnis der emotionalen Verletzung, das Begreifen, dass es vielen Menschen so geht, die Suche nach Mustern in der eigenen Liebesbiographie sowie das Verabschieden von der Vorstellung einer endgültigen Klärung („closure“).F. Diane Barth: 6 Ways to Get Past the Pain of Unrequited Love. In: Psychology Today vom 7. Februar 2015.

Etwas praktischer riet der Psychologe Gary W. Lewandowski 2019 in der Frauenzeitschrift Women’s Health unerwidert Liebenden dazu, den Kontakt zum Objekt ihrer Sehnsucht abzubrechen und sich auf das Durchleben von Trauer vorzubereiten. Wenn alles nichts hilft und der Betroffene durch die unerwiderte Liebe so eingeschränkt wird, dass er seinen Alltag nicht mehr bewältigen kann, solle eine Psychotherapie begonnen werden.Lindsay Geller: 7 Ways To Get Over Your Unrequited Love—For Good. In: Women’s Health vom 22. Januar 2019.

Kunst In der Literatur mini|hochkant|Als Werther Lotte begegnet, ist diese bereits mit Albert verlobt. (Die Leiden des jungen Werthers) Unerwiderte Liebe ist ein häufiges Thema in der Literatur, auch in der Weltliteratur. Einige Beispiele: Catull: Carmina (Rom, 1. Jahrhundert v. Chr.). Sammlung von Gedichten über Lesbia/Clodia, die offensichtlich anderen Männern den Vorzug vor dem Dichter gab. Dante Alighieri: Vita nova (Italien, 1295). Sammlung von Prosa und Gedichten, mit denen Dante die von ihm unerreichte, jung verstorbene Beatrice unsterblich zu machen versucht hat. Petrarca: Canzoniere (Italien, 1348). Gedichtzyklus um die vom Dichter unerwidert geliebte Laura. Miguel de Cervantes: Don Quijote (Spanien, 1605/1615). Dulcinea erfährt niemals, wie sehr der sinnreiche Junker von der Mancha sie liebt.