mini|hochkant=1.5|Abbildung 1: Verfügbare Einkommen in der EU in Kaufkraftparitäten
Die Einkommensverteilung der Europäischen Union betrachtet die personelle Verteilung der Einkommen in der Europäischen Union. Die personelle Verteilung wird von Eurostat meist auf Basis der verfügbaren Äquivalenzeinkommen gemessen. Darüber hinaus ergeben sich zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen auf die Einkommensverteilung der EU: einerseits können die Einkommensverteilungen der einzelnen Mitgliedstaaten verglichen und andererseits die Einkommensverteilung der EU als Ganzes betrachtet werden, wobei in letzterem Fall sowohl Einkommensunterschiede in den einzelnen Ländern als auch Einkommensunterschiede zwischen den Ländern in die Betrachtung einfließen.
Die Europäische Union hat, etwa im Rahmen ihrer Kohäsionspolitik oder auch in der Europäischen Säule sozialer Rechte der Europäischen Kommission, zahlreiche Maßnahmen formuliert und teilweise umgesetzt, die die Einkommensverteilungen der Mitgliedstaaten sowie die EU-weite Einkommensverteilung entweder beeinflussen oder direkt betreffen. Die Unterschiede bei den verfügbaren Einkommen zwischen den einzelnen EU-Staaten sind erheblich, wie Abbildung 1 und die folgende Tabelle zeigen. So reichten beispielsweise im Jahr 2017 die Durchschnittseinkommen von 3.059 Euro in Rumänien bis 41.562 Euro in Luxemburg und die Gini-Koeffizienten von 23,2 in der Slowakei bis 40,2 in Bulgarien. Der Gini-Koeffizient der EU-weiten Einkommensverteilung der verfügbaren Äquivalenzeinkommen lag im Jahr 2013 bei rund 35, während der gewichtete Durchschnitt der Gini-Koeffizienten der Mitgliedstaaten lediglich 30,5 betrug. Damit war die Einkommensungleichheit der verfügbaren Äquivalenzeinkommen in der EU als Ganzes im Jahr 2013 geringer als in den USA, wo sich der Gini-Koeffizient auf etwa 37,5 belief.
Einkommensverteilungen der Mitgliedstaaten In der Tabelle sind die EU-Länder nach ihrem ISO 3166-Code aufsteigend angegeben, am Tabellenende die Links zum Artikel Einkommensverteilung in …. + Indikatoren zur Einkommensverteilung der EU-Mitgliedstaaten Land Jahr Gini-Index Medianeinkommen in EUR Durchschnittseinkommen in EUR S80/S20 Verhältnis Links 2020 30,7 18.280 20.731 5,1 EU28-Durchschnitt 2020 27,9 26.555 29.503 4,3 Österreich 2020 26,0 25.639 27.641 3,8 Belgien 2020 40,2 4.614 5.928 8,2 Bulgarien 2020 30,8 16.704 19.430 4,6 Zypern 2020 24,5 10.627 11.885 3,4 Tschechien 2020 29,1 26.555 29.503 4,5 Deutschland 2020 27,6 30.681 34.346 4,1 Dänemark 2020 31,6 12.213 13.701 5,4 Estland 2020 34,1 16.043 18.119 6,6 Spanien 2020 25,3 25.490 28.683 3,5 Finnland 2020 29,3 21.739 24.850 4,4 Frankreich 2020 33,4 8.781 10.044 6,1 Griechenland 2020 29,9 7.892 8.643 5,0 Kroatien 2020 28,1 6.494 7.289 4,3 Ungarn 2020 30,6 26.656 30.672 4,6 Irland 2020 32,7 18.067 20.449 5,9 Italien 2020 37,6 8.606 10.491 7,3 Litauen 2020 30,9 37.844 43.688 5,0 Luxemburg 2020 34,5 8.809 10.404 6,3 Lettland 2020 28,3 16.240 19.048 4,2 Malta 2020 27,1 25.821 29.311 4,0 Niederlande 2020 29,2 8.040 8.923 4,6 Polen 2020 33,5 10.800 12.696 5,7 Portugal 2020 33,1 4.267 4.846 6,5 Rumänien 2020 28,0 24.710 26.654 4,3 Schweden 2020 23,7 14.774 15.836 3,4 Slowenien 2020 23,2 8.703 9.003 3,5 Slowakei
Gini-Koeffizient mini|hochkant=1.5|Abbildung 2: Entwicklung der Gini-Koeffizienten der EU-Mitgliedstaaten für verfügbare Äquivalenzeinkommen von 2008 bis 2017 Der Gini-Koeffizient ist ein Verteilungsmaß, welches die Ungleichheit einer Verteilung in einer einzigen Zahl zusammenfasst. Ein Gini-Index von 0 bedeutet beispielsweise für eine personelle Einkommensverteilung, dass alle Personen gleich viel verdienen und damit vollkommene Einkommensgleichheit herrscht, während ein Gini-Index von 100 anzeigt, dass eine einzelne Person das gesamte Einkommen einer Gesellschaft bezieht, womit eine maximale Einkommensungleichheit gegeben wäre. Im Jahr 2017 betrug der gewichtete Durchschnitt der Gini-Koeffizienten für die verfügbaren Äquivalenzeinkommen der EU-28 Staaten 30,7. Wie unten näher ausgeführt wird, ist dabei jedoch zu beachten, dass dieser gewichtete Durchschnitt die Ungleichheit der EU-weiten Einkommensverteilung vermutlich in beträchtlichem Ausmaß unterschätzt, da Einkommensunterschiede zwischen den Ländern nicht berücksichtigt werden, welche aber gerade im Fall der EU-28 Länder eine große Rolle spielen (siehe Tabelle oben). Auch bei der Einkommensungleichheit in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten zeigen sich starke Unterschiede. Im Jahr 2017 reichten die Gini-Koeffizienten der verfügbaren Äquivalenzeinkommen von 23,2 in der Slowakei bis 40,2 in Bulgarien. mini|hochkant=1.5|Abbildung 3: Entwicklung der Gini-Koeffizienten für verfügbare Äquivalenzeinkommen und verfügbare Äquivalenzeinkommen ohne Sozialtransfers und Pensionen der EU-Mitgliedstaaten von 2005 bis 2017 Der Gini-Index ist ein relativ träges Maß für Einkommensungleichheit, weshalb bereits geringe Änderungen des Gini-Index wesentliche Änderungen der zugrundeliegenden Einkommensverteilung bedeuten und Änderungen im Jahresvergleich üblicherweise gering sind. Dennoch kann durch den Vergleich der Gini-Koeffizienten für die Jahre 2008 und 2017 ein grober Überblick zur Entwicklung der Einkommensungleichheit in den EU-Mitgliedstaaten im letzten Jahrzehnt gewonnen werden (Abbildung 2). Dabei zeigt sich, dass während der gewichtete Durchschnitt der EU-28 sich nur geringfügig von 31 im Jahr 2008 auf 30,7 im Jahr 2017 verändert hat, teilweise große Veränderungen der Einkommensungleichheit in den einzelnen Mitgliedstaaten stattgefunden haben. In diesem Zusammenhang lässt sich jedoch kein allgemeiner Trend feststellen, da sich die Entwicklungen in den einzelnen Ländern stark unterscheiden. Während etwa Bulgarien, Dänemark, Litauen und Ungarn einen hohen Anstieg in ihren Gini-Koeffizienten verzeichneten, sind diese in Lettland, Polen, Portugal und Rumänien beträchtlich gesunken.
Auch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass sich die Einkommensungleichheit in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten im Laufe der Zeit mitunter recht unterschiedlich entwickelt hat, während bei einer einfachen Betrachtung der Durchschnittswerte auf EU-Ebene kaum Änderungen feststellbar sind. Abbildung 3 zeigt daher die Entwicklung der Gini-Koeffizienten für verfügbare Äquivalenzeinkommen (mit und ohne Sozialtransfers und Pensionen) aller EU-Mitgliedstaaten und des jeweiligen gewichteten EU Durchschnitts im Zeitverlauf von 2005 bis 2017. Neben den gelben Linien, die den jeweiligen EU Durchschnitt des Gini für die Einkommen vor oder nach Sozialtransfers und Pensionen darstellen, zeigen die blauen und grünen Linien die Gini-Werte der einzelnen EU-Mitgliedstaaten vor und nach Sozialtransfers und Pensionen an.
Auf den ersten Blick zeigt sich zunächst die beträchtliche Umverteilungsleistung der europäischen Sozialstaaten, welche durch Sozialtransfers und Pensionen im EU-Schnitt eine Verringerung des Gini für verfügbare Äquivalenzeinkommen von etwa 50 auf circa 30 vollbringen. Außerdem lässt sich beobachten, dass die EU Durchschnittswerte, in deren Berechnung die Ginis der einzelnen Länder gewichtet nach ihrer relativen Bevölkerungsgröße einfließen, im Wesentlichen den Entwicklungen der bevölkerungsreichsten Länder folgen. So haben die Entwicklungen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien, die gemeinsam etwa 50 % der EU Bevölkerung ausmachen, einen großen Einfluss auf die Gini-Koeffizienten, die von Eurostat für die EU veröffentlicht werden, während die Entwicklungen in kleineren Ländern weniger ins Gewicht fallen (Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien sind zu diesem Zweck in Abbildung 3 hervorgehoben).
Median und Durchschnittseinkommen Sowohl Median als auch Durchschnittseinkommen geben Auskunft über das Einkommensniveau einer Gesellschaft. Das Durchschnittseinkommen gibt den arithmetischen Mittelwert aller Einkommen an, wogegen der Median das Einkommen jener Person darstellt, welche damit genau in der Mitte der Einkommensverteilung liegt (50 % verdienen mehr, 50 % verdienen weniger). Da es sich bei Einkommensverteilungen in der Regel um rechtsschiefe Verteilungen handelt, liegt das Durchschnittseinkommen meist über dem Medianeinkommen. Das kommt daher, dass das Durchschnittseinkommen eine geringe Anzahl hoher Einkommen stärker berücksichtigt als das Medianeinkommen.
Im Jahr 2017 lag der gewichtete Mittelwert des nationalen Durchschnitts der verfügbaren Äquivalenzeinkommen der EU-28 Staaten bei 19.387 Euro während das Medianeinkommen 16.909 Euro betrug. Hinter den gewichteten Durchschnittswerten auf EU-Ebene stecken aber auch in diesem Fall wieder große Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten. So reichten die Median- und Durchschnittseinkommen 2017 von 2.742 Euro bzw. 3.059 Euro in Rumänien bis 36.076 Euro bzw. 41.562 Euro in Luxemburg. Vergleicht man die Einkommensniveaus der verschiedenen Länder, zeigt sich also auch eine beträchtliche Einkommensungleichheit zwischen den Ländern, auf deren Bedeutung unten im Rahmen der EU-weiten Einkommensverteilung näher eingegangen wird.
S80/S20 Einkommensquintilsverhältnis mini|hochkant=1.5|Abbildung 4: Entwicklung des S80/S20 Verhältnis der EU-Mitgliedstaaten für verfügbare Äquivalenzeinkommen von 2008 bis 2017 Beim S80/S20 Einkommensquintilsverhältnis handelt es sich um ein weiteres Verteilungsmaß, bei welchem das Gesamteinkommen der obersten 20 % der Einkommensverteilung zum Gesamteinkommen der untersten 20 % ins Verhältnis gesetzt wird. Je höher das Verhältnis, desto höher die Ungleichheit. Der gewichtete Durchschnitt der S80/S20 Verhältnisse für die verfügbaren Äquivalenzeinkommen der EU-28 Länder betrug 5,1 im Jahr 2017. Das würde bedeuten, dass die oberen 20 % 5,1-mal so viel verdienten wie die unteren 20 %. Auch in diesem Fall ist jedoch davon auszugehen, dass dieser Wert für die EU-weite Einkommensverteilung unter Berücksichtigung der Einkommensunterschiede zwischen den Ländern höher ausfallen würde. Im Jahr 2017 reichte das S80/S20 Verhältnis von 3,4 in Slowenien und Tschechien bis 8,2 in Bulgarien. Für die Entwicklung der S80/S20 Verhältnisse zeigt sich beim Vergleich der Werte von 2008 und 2017 ein ähnliches Bild wie für die Gini-Koeffizienten.
EU-weite Einkommensverteilung Obwohl die EU kein Nationalstaat ist, zeigt sich in den letzten Jahrzehnten ein zunehmendes Interesse an der EU-weiten Einkommensverteilung. Dies lässt sich zunächst daher erklären, dass die EU spätestens ab der Einführung des Europäischen Binnenmarktes mit seinen vier Grundfreiheiten (Warenverkehrsfreiheit, Dienstleistungsfreiheit, Personenfreizügigkeit und freier Kapital- und Zahlungsverkehr) aus ökonomischer Sicht wesentliche Eigenschaften mit Nationalstaaten teilt, welche die EU als Wirtschaftsraum auch zu einem geeigneten Gegenstand für die Verteilungsforschung machen. Außerdem bietet die Betrachtung der Einkommensverteilung in der EU im Gegensatz zur Aggregation der Verteilungsmaße einzelner Mitgliedsländer eine angemessene Vergleichsmöglichkeit mit bevölkerungsreichen Ländern wie beispielsweise den USA. Schließlich betreibt die EU seit Jahrzehnten eine aktive Kohäsionspolitik (etwa im Rahmen ihrer Regionalpolitik), welche unter anderem Ziele wie Konvergenz, also das Aufholen von wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen, verfolgt und somit direkte, ungleichheitsverringernde Effekte auf die Einkommensverteilung in der EU haben sollte.