mini|Kobsar Ostap Weressai, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Kobsa (), auch kobza, ist eine gezupfte Schalenhalslaute, die in der Volksmusik der Ukraine gespielt wird. Aus dem 16. bis 18. Jahrhundert sind zwei Lautentypen mit jeweils sechs Darmsaiten bekannt, von denen eine der rumänischen Knickhalslaute cobză ähnelte und die andere zu den Langhalslauten gehörte. Im Lauf der Zeit erhielt die kobsa weitere kurze Saiten an einer Seite der Decke, die nur leer gezupft werden und entwickelte sich zum größeren, asymmetrischen Saiteninstrument bandura mit einer Saitenebene, die wie bei einer Kastenzither über die Decke verläuft. Die Bezeichnungen kobsa und bandura wurden im 19. Jahrhundert zeitweilig synonym verwendet. Der ältere Lautentyp kobsa verschwand Anfang des 20. Jahrhunderts zugunsten der heute populären bandura, wurde aber in den 1970er Jahren in unterschiedlichen Varianten wiedereingeführt.

Die kobsa war das Instrument des Kobsar, eines meist blinden Barden, der christliche Lieder (psalmy, Singular psalma) und dumky (Singular dumka) genannte epische Heldenlieder der Kosaken vortrug. Der berühmteste Kobsar im 19. Jahrhundert, als die Tradition der Barden ihren Höhepunkt erreicht hatte, war Ostap Weressai.

Etymologie Die Etymologie der beiden Instrumentenbezeichnungen kobsa und bandura verweist in entgegengesetzte Richtungen: nach Asien und nach Europa. Dies hängt mit den historischen Beziehungen des Landes zusammen und gehört zu der Frage, ob die besondere Bauweise der Instrumente mit seitlichen Zithersaiten einen östlichen oder westlichen Ursprung hat. Das ukrainische und russische Wort kobsa, das im Rumänischen in der Schreibweise cobză vorkommt, ist mit Ungarisch koboz verbunden, von dem ferner Alttschechisch kobos, kobes und Altpolnisch kobosa abgeleitet sind. Kobos und kobes waren vermutlich Bezeichnungen für Lauteninstrumente, etwa im Wörterbuch Bohemarius major des tschechischen Schriftstellers Klaret von 1369, in der Boskowitzer Bibel aus Olomouc von 1417, in der Handschrift des Chronisten Oldřich Kříž von Telč aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und in der Pernštejn-Bibel von 1471. In mehreren tschechischen Quellen aus dem 16. Jahrhundert kommt das Wort kobza vor, das offenbar ein Instrument der Volksmusik bezeichnete. Bei Šimon Lomnický z Budče heißt es in „Kupidos Geschoss“ (1590): „Jungvolk...mit Laute, Kobza, Zither treibt sich nachts herum...“ und Jan Ámos Komenský erklärt das Instrument 1694 so: „Kobza – die Fiedel (Geige) aus Sayten und Wirbeln, mit denen die Sayten gespannt werden.“ Unter kobza wurden also im 15./16. Jahrhundert zumindest eine Zupflaute und ein Streichinstrument verstanden. Eine Zeichnung aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegt den Namen kobza für eine Kastenzither in Böhmen, die dort vermutlich bereits im 17. Jahrhundert existierte. Bis ins 19. Jahrhundert konnten mit kobza in einzelnen Regionen noch andere Volksmusikinstrumente gemeint gewesen sein, etwa Drehleier, Reibtrommel und Sackpfeife.Ludvík Kunz: Die Volksmusikinstrumente der Tschechoslowakei. Teil 1. (Ernst Emsheimer, Erich Stockmann (Hrsg.): Handbuch der europäischen Volksmusikinstrumente, Serie 1, Band 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1974, S. 58f Eine rumänische Quelle von 1725 erzählt von „Jungs, die mit einem Mädchen auf dem Rücken im Pruth schwammen und cobuz spielten.“ Mit Rumänisch cobuz ist hier entsprechend Polnisch kobza oder – in der Aussprache übereinstimmend koza – „Ziege“ und „Sackpfeife“ gemeint.Anca Florea: Wind and Percussion Instruments in Romanian Mural Painting. In: RIdIM/RCMI Newsletter, Band 22, Nr. 1, Frühjahr 1997, S. 23–30, hier S. 28 Die Sackpfeife koza kommt bis heute im südpolnischen Bergland vor.

Das Wortumfeld in den slawischen Sprachen geht auf Alttürkisch qopuz, „Laute“, zurück.Gerhard Doerfer: Türkische und mongolische Elemente im Neupersischen. Unter besonderer Berücksichtigung älterer neupersischer Geschichtsquellen, vor allem der Mongolen- und Timuridenzeit. (Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Veröffentlichungen der Orientalischen Kommission, Band 16) Band 1, Franz Steiner, Wiesbaden 1963, S. 536 In den meisten Turksprachen haben die von qopuz abgeleiteten Formen die Bedeutung „Saiteninstrument“, so etwa komuz für eine kirgisische Langhalslaute, agach kumuz für eine dagestanische Laute und kobys für eine in Zentralasien mit dem Bogen gestrichene Schalenhalslaute. Üblicherweise werden die zentralasiatischen Lauten gestrichen und die namensverwandten slawischen gezupft. Der Name ist auch auf asiatische Maultrommeln übergegangen, die qopuz, chomus, kumys, kobus und ähnlich genannt werden. Bei den sibirischen Jakuten kann chomus überdies „Blasinstrument“ bedeuten.Vgl. András Róna-Tas: Szeged 1986, S. 19f

Das turksprachige, aus vorislamischer Zeit stammende Wort qopuz ist ins Persische und Arabische übergegangen und findet sich als Bezeichnung der jemenitischen Kurzhalslaute qanbus. Das Instrument und der Name gelangten von Südarabien mit muslimischen Händlern nach Indonesien, wo die Laute gambus in der islamischen Musik gespielt wird, und von dort an die ostafrikanische Küste (gabbus auf SansibarLarry Francis Hilarian: The migration of lute-type instruments to the Malay Muslim world. (PDF) Conference on Music in the world of Islam. Assilah, 8.–13. August 2007, S. 3). Der türkisch-arabische Instrumentenname qopuz scheint im frühen Mittelalter nach Europa gekommen zu sein und – wie die arabische rabāb zur rebec wurde – ein europäisches Lauteninstrument bezeichnet zu haben. In Heinrich von Neustadts religiöser Verserzählung Von Gottes Zukunft, die Anfang des 14. Jahrhunderts entstand, werden in Versen folgende Saiteninstrumente genannt: „Psalterien und welsche fioln / Die kobus mit der luten / Damburen mit den bucken...“Belegarchiv/Konkordanz. Mittelhochdeutsches Wörterbuch Das Wort kobus, das Curt Sachs (1930) auf eine Mandora bezieht,Curt Sachs: Handbuch der Musikinstrumentenkunde. (1930) Georg Olms, Hildesheim 1967, S. 216 f. war Curt Sachs (1940) zufolge vermutlich als koboz aus dem Byzantinischen Reich über Ungarn nach Westeuropa gelangt, da in einer um 800 verfassten griechischen Abhandlung über Alchimie ein Saiteninstrument namens kobuz oder pandurion mit drei bis fünf Saiten und sieben Bünden erwähnt wird.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton, New York 1940, S. 252

Das mittelhochdeutsche damburen geht wie Arabisch-Persisch tanbūr auf Altgriechisch pandura zurück, das wiederum mit dem noch älteren pandur in der sumerischen Sprache verbunden ist. Bandura im Ukrainischen kam wahrscheinlich über das Polnische aus süd- und westeuropäischen Sprachen, in denen etliche namensverwandte Lauteninstrumente vorkommen: Deutsch Mandora, Pandora, Englisch bandore, Spanisch bandurria; die Sprachverwandtschaft reicht bis in den Kaukasus zu panduri und pondur und nach Südasien (dambura, tanpura).

Herkunft mini|hochkant|links|Musikergruppe mit Violine, gusli, Flöte und Laute. Alphabetbuch Bukwar von Karion Istomin. Moskau, 1694. mini|hochkant|Lautenspieler. Ausschnitt aus einem Wandbild mit Musikern und Akrobaten in der Sophienkathedrale in Kiew, 11. Jahrhundert. Aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. sind elamitischen Tonfiguren aus Iran erhalten, auf denen in Umrissen die ältesten bekannten Kurzhalslauten ohne separaten Hals zu sehen sind. Sie gelten als Vorläufer für die frühe Form des barbat, der in der Sassanidenzeit gemäß einer Abbildung aus dem 3. Jahrhundert eine vermutlich dreisaitige Laute mit birnenförmigem Korpus war.Larry Francis Hilarian: The Transmission and Impact of the Hadhrami and Persian Lute-Type Instruments on the Malay World. S. 5 Mit der islamischen Expansion ab dem 7. Jahrhundert verbreiteten sich der birnenförmige Typ und andere Kurzhalslauten mit Namen wie mizhar und ʿūd im arabischen Raum.Henry George Farmer: The Origin of the Arabian Lute and Rebec. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland, Nr. 4, Oktober 1930, S. 767–783, hier S. 768 Der birnenförmige Lautentyp mit kurzem Hals, der sich deutlich von den auf Persisch tanbur genannten Langhalslauten unterscheidet, kam im 8. und 9. Jahrhundert auch in Choresmien (Zentralasien) vor und ist in einem byzantinischen Manuskript aus dem 13. Jahrhundert abgebildet: Im Codex Hagios Stavros 42, worin die im 11. Jahrhundert verbreitete Legende von Barlaam und Josaphat enthalten ist, findet sich auf fol. 164vHagios Stavros 42. Barlaam and Joasaph. 13th cent. fol. 164v. die Miniatur des „von Frauen geliebten“, indischen Prinzen Josaphat, wie er eine Laute spielt. Die mäßig gut erhaltene Darstellung zeigt eine birnenförmige Laute mit mutmaßlich drei Saiten.Joachim Braun: Musical Instruments in Byzantine Illuminated Manuscripts. In: Early Music, Band 8, Nr. 3, Juli 1980, S. 312–327, hier S. 321f Im 13. Jahrhundert taucht die über al-Andalus nach Europa eingeführte Kurzhalslaute auf vielen spanischen Illustrationen auf und der christliche spanische Dichter Juan Ruiz nennt das Instrument im 14. Jahrhundert guitara morisca („maurische Gitarre“).Curt Sachs, 1940, S. 251f

Die Existenz von Saiteninstrumenten im frühen Mittelalter bei den Slawen ist durch literarische Quellen belegt. Der frühbyzantinische Geschichtsschreiber Theophylaktos Simokates berichtet Anfang des 7. Jahrhunderts von drei slawischen Gefangenen, die im Jahr 591 aus dem Baltikum nach Thrakien verschleppt wurden und „kitharas“ mit sich führten, womit er das schlanke baltische Psalterium gusle gemeint haben dürfte. Einem arabischen Reisebericht aus dem 10. Jahrhundert zufolge gab es bei den Ostslawen eine achtsaitige Laute (ʿūd) und eine andere Laute (tanbur).Alicia Simon: An Early Medieval Slav Gesle. In: The Galpin Society Journal, Band 10, Mai 1957, S. 64 Ibn Fadlān, der Verfasser des langen Reiseberichts, beschreibt die Begräbniszeremonie einer Handelskarawane der Rus im Gebiet der unteren Wolga, wobei nicht zuverlässig erkennbar ist, welcher Nationalität die Gruppe war und um welche Art von Saiteninstrument es sich handelte.

Die älteste erhaltene Abbildung und auch der früheste eindeutige Nachweis einer Laute auf dem Gebiet der Ukraine, die als Vorläufer der kobsa vorstellbar ist, findet sich auf einem Wandbild in der Sophienkathedrale in Kiew aus dem 11. Jahrhundert, auf dem Musiker und Akrobaten außerdem Querflöte (vgl. die ukrainische Längsflöte sopilka), Trompete oder Schalmei, Psalterium und Zymbal spielen. Die Laute, von der nur die Umrisse ungefähr zu erkennen sind, ist wie die byzantinische Stavros-Laute und die zentralasiatische komuz birnenförmig und besitzt einen langen Hals. Ihre Form entspricht der im 17. Jahrhundert abgebildeten ukrainischen kobsa. Zur Herkunft der Bildmotive lässt sich nur sagen, dass die Wandmalereien und Mosaiken in der Kathedrale nach byzantinischen Vorbildern angefertigt wurden.

mini|Michael Praetorius: Syntagma musicum, Band 2, 1619, Tafel XXXVI, Nr. 2 zeigt ein merkwürdiges Instrument mit Lautenkorpus und Harfensaiten, das „nach Art der Harpfen tractiret“ werden sollte. Möglicherweise der Ausgangspunkt für die ukrainische torban und damit die seitlichen Saiten der kobsa.