Das gelobte Land (französischer Originaltitel: La Terre promise) ist ein Comicalbum aus der Serie Lucky Luke, das 2016 von Achdé gezeichnet wurde und mit dem Jul sein Debüt als Texter in der Reihe gab. Die von Klaus Jöken übersetzte deutsche Ausgabe erschien 2017 als 95. Band der Serie bei Egmont Ehapa. Das Album erfuhr sowohl in Frankreich als auch in Deutschland bei seinem Erscheinen eine umfangreiche Rezeption, die sich auch auf die Thematisierung der Einwanderung aschkenasischer Juden in die Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert bezog. Nach Angaben des Verlags hat sich die deutsche Ausgabe des Comics in den ersten Monaten 100.000-mal verkauft.
Protagonisten Lucky Luke und Jolly Jumper Die Familie Stern Moishe Stern, Großvater und Familienoberhaupt Rachel Stern, die Großmutter, entspricht dem Stereotyp der jüdischen Mutter Hanna Stern, die zwanzigjährige Enkelin von Moishe und Rachel Stern; ihre Eltern wurden von Kosaken ermordet Jankel Stern, zwölfjähriger Bruder von Hanna Jack Loser alias Jakob Stern, Sohn von Moishe und Rachel, Onkel von Hanna und Jankel
Handlung Lucky Luke begleitet eine Rinderherde und trifft dabei mit seinem alten Freund Jack Loser zusammen. Dieser offenbart ihm, dass sein richtiger Name Jacob Stern ist. Jack entstammt einer Familie osteuropäischer Juden, die ihm nun in die Vereinigten Staaten von Amerika folgen will. Jacks Familie soll nicht erfahren, dass er kein Anwalt in New York, sondern nur ein einfacher Cowboy im Westen ist. So bittet Jack Lucky Luke um Hilfe. Lucky Luke soll Jacks aschkenasische Familie in St. Louis abholen und sie durch den Westen nach Chelm City bringen, einem fiktiven Ort in Montana.
Bereits bei der Ankunft in St. Louis werden die Ankömmlinge beobachtet. Ihr umfangreiches Gepäck mit zahlreichen Holzkisten weckt die Begierde zweier Räuber, die darin große Reichtümer vermuten. Tatsächlich sind es überwiegend Bücher, doch dass die Familie von einem Mann vom Kaliber eines Lucky Luke begleitet wird, verstärkt die Aussicht auf reiche Beute. Außerdem belauschen die Banditen ein Gespräch bei der Übergabe eines geheimnisvollen großen Schatzes an Lucky Luke, bei dem es sich jedoch um eine Tora handelt.
Auf dem Weg zu ihrem Ziel Chelm City werden die Reisenden wiederholt das Ziel gescheiterter Überfälle. Bei einem Aufenthalt in der Kleinstadt Peachy Poy verhält sich Moishe Stern im Saloon derart auffällig, dass er beinahe gelyncht wird. Lucky Luke greift jedoch noch früh genug ein. Es folgt eine gefährliche Fahrt durch einen Canyon, wo ein weiterer Überfall scheitert. Zudem werden sie von einem Stamm der Cree überfallen, deren Häuptling und Medizinmann sich jedoch mit der Familie Stern anfreunden. Schließlich erreicht die Gruppe Chelm City und wird von den Juden des Ortes, darunter Jack Loser, begeistert empfangen. Im ersten koscheren Saloon des wilden Westens findet eine Begrüßungsfeier und wenig später auch die Bar Mitzwa des kleinen Jankel statt. Während der Feier setzt sich Lucky Luke ab und reitet auf Jolly Jumper an einem siebenarmigen Kaktus vorbei und der untergehenden Sonne hinterher.
Karikaturen und Anspielungen Durch den ganzen Band zieht sich eine Vielzahl von Anspielungen auf das Judentum und die aschkenasische Kultur. So sprechen die Sterns in der deutschsprachigen Ausgabe in einem Idiom, das vom Jiddischen beeinflusst ist und im Comictext durch Lautverschiebungen wie ibrig statt übrig oder ejn statt ein markiert wird. Die jüdischen Figuren sind dem Medium entsprechend stark überzeichnet und stereotyp, aber überaus positiv dargestellt. So entspricht die Großmutter Rachel mit ihrer Fürsorglichkeit und dem ständigen Streben, ihre Zuneigung durch Essensgaben auszudrücken, in vielerlei Hinsicht dem Stereotyp der jüdischen Mutter.
Im Handlungsablauf wird immer wieder auf alttestamentliche Motive, jüdische Kultur, Judenverfolgungen im Russland des 19. Jahrhunderts bis zum nationalsozialistisch besetzten Europa und die Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten Bezug genommen. Dabei erschließen sich zahlreiche Motive nur Kennern der jüdischen Geschichte, einige sind klar auf die französische Leserschaft ausgerichtet. Das gilt beispielsweise für die Anspielung auf den fiktiven Ort Peachy Poy oder Pitchipoï. Andere Verweise betreffen prominente Juden wie Albert Einstein oder Levi Strauss oder Elemente der US-amerikanischen Populärkultur.
Judentum Tora Die Vornamen der Mitglieder der Familie Stern lassen sich alle auf Personen der Tora zurückführen: Moishe, eine Variation zu Mose, einer zentralen Figur der Tora ; Rachel, die Lieblingsfrau Jakobs (-); Hanna, die Mutter des Propheten Samuel ; Jankel, eine Variation zu Jakob; Jakob, Sohn Isaaks und Enkel Abrahams .
Der Auszug aus Ägypten und die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste (-) werden vielfach aufgegriffen, so mit der Bemerkung Beschwerliche Rejsn? Darin sind wir Spezialisten von Moishe Stern (S. 11, Panel 9; S. 15, Panel 8 und 9).
Einer der beiden Banditen, die Lucky Luke und die Familie Stern verfolgen, heißt Goliath. Goliath wird in einer Szene beim Versuch, den kleinen Jankel zu kidnappen, von ihm mit einer Schleuder niedergestreckt. Die Szene übernimmt den Kampf Davids gegen Goliat aus dem 1. Buch Samuel . Das 1. Buch Samuel ist nicht nur Teil des christlichen Alten Testaments, sondern auch – zusammen mit dem 2. Buch Samuel – als Buch Samuel eines der Prophetenbücher des jüdischen Tanach (S. 17, Panel 2 bis 10).
Angesichts der zerstörten Brücke über den Red River und verwirrt durch die Vielzahl der von gläubigen Juden zu beachtenden Regeln fragt Lucky Luke Moishe: „Durchs Wasser waten dürfen sie?“ Moishe antwortet: „Natirlich Mr. Luke. Solange wir dabei nicht iber den Jordan gehen!'“ Die Antwort bezieht sich auf die Überquerung des Jordan im Buch Josua () und auf die davon abgeleitete Umschreibung des Sterbens. Im französischen Original lautet der Dialog: „Vous êtes prêts à porter?'“ – „Prêt-à-porter? J’ai fait toute ma carrière dans la confection, monsieur Luke!“ (deutsch: „Sind sie bereit zum Tragen?“ – „Prêt-à-porter? Ich habe mit der Konfektion meine ganze Karriere gemacht, Monsieur Luke!“) und spielt auf den Schneiderberuf Sterns an (S. 22, Panel 3).
Lucky Luke und die Familie Stern überqueren mit Hilfe eines Biberdamms den Red River. Lucky Luke kommentiert den Glücksfall: „Trockenen Fußes über den „Red River“ zu gelangen, das grenzt schon an ein Wunder.“ Der Trapper, der die Reisenden auf den Biberdamm aufmerksam gemacht hat, heißt Moses Jackson. Dieser „Moses“ ist unschwer mit dem biblischen Mose zu identifizieren. Die Darstellung der Flussüberquerung nimmt Bezug auf das 2. Buch Mose (-) und die dort geschilderte wundersame Durchquerung des oft mit dem Roten Meer gleichgesetzten Schilfmeeres (S. 22, Panel 4 bis 9 und S. 23, Panel 1 bis 3).
Als Moishe Stern „ejne Flasche Wejn für den Schabbat“ benötigt, schlägt Lucky Luke vor, im Saloon danach zu fragen. Der übel beleumundete Saloon heißt Golden Calf (deutsch: „Goldenes Kalb“). Die Namensgebung ist ein Bezug auf das Götzenbild im 2. Buch Mose (-), einem der fünf Bücher der Tora (S. 25, Panel 1).
Der Besitz einer historischen Torarolle und einige Traditionen der Cree lassen sie als einer der zehn Verlorenen Stämme Israels erscheinen, die nach der Eroberung durch die Assyrer umgesiedelt wurden und seither verschwunden sind. Dass es sich um Indianer handelt, schafft die Verbindung zu der im 13. Jahrhundert in Deutschland entstandenen Legende von den roten Juden. Diese wurden erst durch den jiddischen Schelmenroman Die Fahrten Binjamins des Dritten des Aschkenasen Mendele Moicher Sforim einem breiten Publikum bekannt, womit auch eine Verbindung zum Ostjudentum hergestellt ist (S. 42 bis 46).
Jüdisches Leben Das Ziel der Familie Stern ist Chelm City. Damit wird auf die ostpolnische Stadt Chełm angespielt, die ein Zentrum jüdischen Lebens in ihrer Region war. Im jüdischen Witz sind die Einwohner wegen der ihnen unterstellten Dummheit Ziel des Spotts, vergleichbar mit den Schildbürgern. Ursprünglich bestand kein Zusammenhang mit dem Begriff des Schelmen (S. 6, Panel 1, S. 46, Panel 5 und viele weitere).Michael Berkowicz: Chelmer Narronim. In: Georg Herlitz und Bruno Kirschner (Hrsg.): Jüdisches Lexikon, Band I. Jüdischer Verlag, Berlin 1927, Spalte 1355.
Der im 19. Jahrhundert entstandene Begriff der Buchreligion umfasst im engeren Sinn das Judentum, das Christentum und den Islam. Der arabische Begriff Ahl al-kitāb (deutsch: Leute des Buches oder Leute der Schrift) bezeichnet im Koran, im Hadith und im islamischen Recht Juden und Christen. Volk des Buches ist aber auch eine Selbst- und Fremdbezeichnung des jüdischen Volks. Darauf wird vielfach Bezug genommen, so bei der Ankunft der Sterns in St. Louis („Man nennt sie auch das Volk des Buches“) und mit der großen Zahl der Bücherkisten im Gepäck, die überwiegend religiöse Literatur enthalten (Seiten 9 und 13). Die Tora hat als Heilige Schrift des Judentums eine überragende Bedeutung, und eine historische Torarolle aus Galizien wird Lucky Luke als kostbarster Besitz der Sterns anvertraut (S. 19, Panel 6–10). Ihre Beschädigung, so dass sie durchlöchert ist wie die „Partitur für ein mechanisches Klavier“, ist ein entsetzliches Unglück (S. 35, Panel 3 bis 5; S. 45, Panel 2). Dieses Unglück wird aber dadurch gemildert, dass Moishe Stern von den Cree eine Torarolle aus Toledo aus dem 13. Jahrhundert erhält (S. 44).
Die Mitglieder der Familie Stern sind durch ihre schwarze Kleidung und die Kopfbedeckungen als Charedim zu erkennen und werden von der Bevölkerung entsprechend als fremdartig wahrgenommen. Durch die ganze Handlung ziehen sich Anspielungen, in denen das orthodoxe Judentum mit den Mormonen (S. 9, Panel 6, verglichen mit denen sind selbst die Mormonen Saloontänzerinnen; S. 12, Panel 5; S. 24, Panel 7 bis 8) und den Amischen (S. 26, Panel 5; S. 27, Panel 3; S. 28, Panel 8; S. 39, Panel 4 bis 6) verglichen oder verwechselt wird. Die bedrohliche Konfrontation mit dem Stamm der Cree wendet sich zum Guten, denn die Indianer entdecken, dass Moishe Stern – wie es orthodoxe Juden häufig tun – unter seinem Hut eine Kippa trägt. Mit der Ankunft des Besuchers Doppelter Skalp wird eine alte Prophezeiung erfüllt (S. 43, Panel 3 bis 4).
Die jüdische Küche hat eine Reihe von Gerichten hervorgebracht, die wiederholt erwähnt werden. Dazu gehören geräucherter Hering (S. 9, Panel 8), Gefilte Fisch (Tafel 29, Panel 8) und gehackte Leber (S. 14, Panel 9; S. 48, Panel 9). In den Lautäußerungen der zunächst feindseligen Indianer verbergen sich weitere Speisen, oft mit Bezug zum Judentum: Osban ist ein mit verschiedenen Zutaten wie Reis, Gewürzen, Lammfleisch, gehackter Leber und Herz gefüllter Pansen. Tunesische Harissa besteht aus grüner Paprika, Tomaten und Zwiebeln. Die Mekbouba ist ein auf Paprika und Tomaten basierendes Gemüsegericht tunesischer Juden (S. 43, Panel 1). Mulukheia ist ein arabisches Gemüsegericht auf der Basis von Muskraut, das wie Schakschuka und Msoki zur jüdischen Küche gehört (S. 43, Panel 2). Makroud ist ein süßes Gebäck mehrerer Länder Nordafrikas. Algerische Juden reichen es zu Rosch ha-Schana. Dafina ist ein Schmorgericht aus Rindfleisch, Kartoffeln, Kichererbsen und weiteren Zutaten, das traditionell in der jüdischen Küche des Maghreb zur zweiten Mahlzeit am Sabbat gehört (S. 44, Panel 5). Die Pkaïla wird aus Bohnen und Spinat zubereitet und mit Couscous serviert. Auch sie gehört zur tunesisch-jüdischen Küche (S. 44, Panel 7).
Als orthodoxe Juden sind die Sterns strikt an eine Reihe von religiösen Regeln gebunden, die während der Handlung aufgegriffen werden. Dazu gehört die Beachtung des Sabbats (S. 29, Tafel 2 bis 7), das Verrichten der vorgeschriebenen Gebete (S. 16; Seiten 30 bis 31) und die Beachtung der jüdischen Speisegesetze (S. 18 und S. 19, Tafel 1 bis 5; S. 30, Panel 12 bis S. 31, Panel 4).