Die Proteste im Iran 2017/2018 () waren landesweite Proteste, die aufgrund wirtschaftlicher Probleme in Maschhad begannen und um politische Forderungen ergänzt wurden. Als Gründe wurden wirtschaftliche Unzufriedenheit und fehlende politische Veränderungen genannt. Die überraschenden überregionalen Proteste um die Jahreswende 2017/2018 mit zehntausenden von Teilnehmern galten als die größten seit denjenigen nach den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009.

Hintergründe In sozialen Netzwerken war von religiösen Hardlinern in Maschhad zu einer Demonstration gegen die Wirtschaftspolitik von Hassan Rohani aufgerufen worden. Der Ajatollah Ahmad Alamolhoda, Freitagsprediger in Maschhad und Vertreter des Obersten Religionsführers Ali Chamenei in der Provinz Razavi-Chorasan, soll der Demonstration zugestimmt haben. Der Hintergrund wird bei Alamolhodas Schwiegersohn, dem ultrakonservativen Ebrahim Raissi vermutet, der bei der Präsidentschaftswahl 2017 als Herausforderer Rohani unterlegen war.Ali Sadrzadeh: Proteste im Iran. Ein Bumerang für die Hardliner. In: Qantara.de, 2. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018 Ebrahim Raissi ist seit März 2016 Aufsichtsratsvorsitzender der größten Stiftung (und größten Grundbesitzers) des Iran, Astana Quds Rezavi, und wird als möglicher Nachfolger von Ali Chamene’i angesehen.Predicting the Unpredictable in Iranian Politics. In: stratfor.com, abgerufen am 3. Januar 2018

Die Zusammensetzung der demonstrierenden Akteure war eine andere als 2009, die Demonstranten vor allem jünger und das Frustrationspotenzial höher.Interview mit Adnan Tabatabai: In: Deutschlandfunk Kultur, 3. Januar 2018, 7:40 Uhr, 07:03 Minuten, abgerufen am 3. Januar 2018 Die Arbeitslosenquote unter jungen Leuten liegt nach Schätzungen bei etwa 24 Prozent. Der zuletzt vorgelegte Haushaltsplan Rohanis sieht weiterhin Einschnitte bei Hilfsprogrammen für Arme vor, in Übereinstimmung mit Empfehlungen von IWF und Weltbank.Alexander Sarovic: Wut trotz Aufschwung. Warum die Wirtschaftslage Iraner auf die Straße treibt. In: Spiegel.de, 3. Januar 2018, 11:19 Uhr, abgerufen am 3. Januar 2018 Hinzu kommen Wassermangel und Dürre, vor allem außerhalb der großen Städte, worunter diejenigen stark leiden, die mit Landwirtschaft ihr Einkommen zu erwirtschaften versuchen. Zurzeit leben etwa 11 Millionen Menschen in Iran unter der Armutsgrenze von umgerechnet 250 €.iranjournal.org Millionen unter der Armutsgrenze (abgerufen am 9. Januar 2018)

Ende 2017 veröffentlichte die Regierung Rohani Zahlen über einzelne Positionen im Staatshaushalt. Die größten Posten im Haushalt sind Gelder für religiöse Institutionen und Stiftungen sowie für Militär und die Revolutionsgarde. Subventionen wie zum Beispiel für Benzin – aktuell kostet der Liter Benzin 0,36 US-Dollarglobalpetrolprices.com (abgerufen am 9. Januar 2018) – sollen in Zukunft entfallen. Über soziale Medien erhielten die Bürger zudem Informationen über Korruption, Verschleierung und Vetternwirtschaft.Die Wut ist geblieben. In: tagesschau.de, 5. Januar 2018, abgerufen am 6. Januar 2018 Das 2016 in Kraft getretene Abkommen über das Iranische Atomprogramm hat für den normalen Bürger keine Verbesserung gebracht. Trotz Aufhebung der Sanktionen hinderten die USA, insbesondere unter der Präsidentschaft von Donald Trump, internationale Banken und Großunternehmen Geschäfte in und mit dem Iran zu tätigen.Bahman Nirumand: Iran-Report 1/2018 (abgerufen am 12. Januar 2018)

Orte Seit 2009 waren zum Jahreswechsel 2017/2018 erstmals wieder landesweite Proteste gegen das iranische Regime erfolgt.Natalie Amiri: Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran. Aufbau, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03880-9; Taschenbuchausgabe ebenda 2022, ISBN 978-3-7466-4030-3, S. 178 und öfter. Anders als 2009 waren Protestierende verhältnismäßig häufiger in ärmeren ländlichen Gegenden auf der Straße als in den Metropolen. In mittelgroßen Städten und kleinen Orten demonstrierten eher einige Hunderte, maximal waren es um die 1000 Protestierende. In: Handelsblatt, 3. Januar 2018, abgerufen am 4. Januar 2018.

Zu den Protestorten zählten Nischapur, Kaschan, Kerman, Kermānschāh, Kāschmar, Rascht, Isfahan, Arak, Bandar Abbas, Ardabil, Qazvin, Hamadan, Sāri, Bābol, Amol, Shahin Shahr, Schahr-e Kord, Schiras, Chorramabad, Zandschan, Gorgan, Zahedan, Urmia, Dorud, Yazd und Schahrud.Saeed Kamali Dehghan, Emma Graham-Harrison: Iranians chant ‘death to dictator’ in biggest unrest since crushing of protests in 2009. In: theguardian.com, 31. Dezember 2017, abgerufen am 3. Januar 2018

Ablauf der Proteste mini|links|200px|Proteste am 31. Dezember in Teheran. 175px|mini|Gegendemonstration in Chorramabad mit Poster des Führers Ali Chamene’i.

Am 28. Dezember 2017 kam es in Maschhad zu Protesten wegen Korruption und steigender Preise sowie der kostspieligen Beteiligung des Iran an den Konflikten in Syrien und Irak. Die Demonstranten riefen: „Nicht Gaza, nicht Syrien, nicht Libanon, wir opfern uns nur für den Iran“. Auch „Wir wollen die Islamische Republik nicht“, „Tod für Rohani“ und „Tod dem Diktator“ waren zu hören. In: Handelsblatt, 30. Dezember 2017, abgerufen am 3. Januar 2018. Auslöser der ersten Proteste sollen gestiegene Preise für Eier und für Geflügelprodukte gewesen sein.Der Unmut entzündete sich am Eierpreis – was ist los im Iran? In: stern.de, abgerufen am 4. Januar 2018 Die Demonstrationen weiteten sich schon am 29. Dezember auf die Städte Kermānschāh, Schiras, Sāri, Rascht, Qazvin, Qom, Isfahan, Ahvaz und Hamadan aus.Updated: Second day of protests in Iran. In: rudaw.net, 29. Dezember 2017, abgerufen am 3. Januar 2018.

Einen Tag später, am 30. Dezember, demonstrierten an der Universität Teheran viele Studenten. Laut der halbamtlichen Nachrichtenagentur Fars warfen sie Steine auf Polizeibeamte und riefen „Tod dem Diktator“. Gemeint war das geistliche Oberhaupt Ali Chamene’i.Regierungskritische Proteste Iran schränkt Zugang zu Internetdiensten ein. In: spiegel.de, 31. Dezember 2017, abgerufen am 3. Januar 2018 Außerdem stürzten die Demonstranten eine überlebensgroße Statue des Obersten Religionsführers.Patricia Schäfer: In der Nacht zwischen 30. und 31. Dezember kamen laut Regierungsangaben zwei Menschen bei den Protesten ums Leben. Sie seien bei Zusammenstößen in der Stadt Dorud gestorben, erklärte der stellvertretende Gouverneur der Provinz Lorestan, Habibollah Chodschastehpur, im Fernsehen. Die Parolen, die die Demonstranten an diesem Tag riefen, lauteten: „Die Menschen betteln, die Kleriker verhalten sich wie Götter“ und „Tod den Taliban“ (marg bar taliban). Damit sind die schiitischen Kleriker gemeint.Kersten Knipp: Unruhen im Iran – Der Geist aus der Flasche: Protest im Iran. In: dw.de, 31. Dezember 2017, abgerufen am 3. Januar 2018

Am 1. Januar 2018 kam der Sicherheitsausschuss des Parlaments Madschles zu einer Krisensitzung in der Hauptstadt Teheran zusammen. Der Innenminister Abdolreza Rahmani Fazli begründete dies damit, dass es sich nicht mehr um Proteste handele, sondern um einen Volksaufstand. Die Polizei werde und müsse konsequent eingreifen. In Kermānschāh wurde laut Bild.de dann am 2. Januar 2018 nachts ein Posten der Verkehrspolizei in Brand gesteckt. Verletzt worden sei niemand.

Die iranische Regierung organisierte eine Woche nach Beginn der Demonstrationen, am 3. Januar 2018, landesweite Gegenkundgebungen. Bei allen Demonstrationen wurden demonstrative Mottos gegen USA, Israel und Saudi-Arabien erhoben.Tausende demonstrieren für Irans Regime. In: spiegel.de, abgerufen am 3. Januar 2018 Die Führung der Revolutionsgarde erklärte indes, dass die Reihe der Proteste gegen die Regierung beendet sei.

Die iranische Regierung reichte beim UN-Sicherheitsrat Beschwerde über die US-Regierung ein, weil deren Einmischung Demonstranten zu einem Umsturz ermutigen solle.Brief an UN: Iran beschwert sich über Einmischung der USA. Die iranische Regierung kritisiert bei den Vereinten Nationen die USA. Deren Einmischung solle Demonstranten zu einem Umsturz ermutigen. In: Die Zeit, 4. Januar 2018, 0:14 Uhr

Proteste außerhalb des Iran mini|Proteste am 1. Januar vor der Botschaft in Genf.

Österreich In Österreichs Hauptstadt Wien kamen am 1. Januar 2018 mehr als 100 Menschen auf dem Stephansplatz zusammen, um gegen das iranische Regime zu demonstrieren. Außerdem riefen sie: „Tod der Diktatur“.Proteste gegen Regime im Iran auch in Wien. In: derstandard.at, 1. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018

Deutschland Vor dem iranischen Generalkonsulat in Hamburg gingen am Nachmittag des 2. Januar 2018 bis zu 750 Demonstranten auf die Straße. Das Motto der von der Arbeiterkommunistischen Partei angemeldete Kundgebung war „Freiheit für den Iran“.Demonstranten fordern "Freiheit für den Iran". In: ndr.de, 2. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018 Am 3. Januar demonstrierten 70 bis 75 Anhänger des Nationalen Widerstandsrats Iran vor dem Brandenburger Tor in Berlin. In Köln gingen am 3. Januar ebenfalls Demonstranten auf die Straße.Iranische Proteste erreichen Deutschland. In: tagesschau.de, 3. Januar 2018, abgerufen am 6. Januar 2018 Am 7. Januar versammelten sich bis zu 1300 Menschen des Nationalen Widerstandsrats Iran am Pariser Platz in Berlin, um ihre Solidarität mit den Protesten im Iran zum Ausdruck zu bringen.

Reaktionen Inland Das Staatsfernsehen betonte, dass die Iraner das Recht hätten, gegen Arbeitslosigkeit, hohe Lebensmittelpreise, aber auch Inflation zu protestieren. Sobald es aber politisch werde, könne es gefährlich werden. Die Proteste, die am Donnerstag, den 28. Dezember 2017, mit Demonstrationen gegen Inflation und iranische Wirtschaftspolitik begannen, seien später deutlich regimekritisch und gegen die Regierung gerichtet.

Der iranische Innenminister Abdolreza Rahmani Fazli drohte den Regimekritikern und Beteiligten laut Nachrichtenagentur ISNA mit den Worten: „Diese Versammlungen sind illegal, das können und werden wir nicht mehr dulden.“ Bei weiteren Ausschreitungen müsse die Polizei konsequent einschreiten. Zum Ausmaß der Proteste teilte er mit, dass „höchstens 42.000 Personen beteiligt waren“, und das sei keine hohe Anzahl.

In einer seiner Mitteilungen erklärte Präsident Hassan Rohani, dass die Probleme der Demonstranten gehört wurden; der Iran sei „ein freies Land und daher haben die Menschen auch ein Recht auf Meinungsfreiheit“. Er warnte vor „Ausschreitungen, die die Sicherheit des Landes und Volkes gefährden“.Mindestens zehn Tote bei Protesten – Ruhani räumt "Mängel" ein. In: tagesspiegel.de, 1. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018 Rohanis Vizepräsident, Eshagh Dschahangiri, machte religiöse Hardliner für die Proteste verantwortlich, die die Proteste in Maschhad angeheizt haben sollen, um dem eher moderaten Präsidenten zu schaden.Luisa Hommerich: Regimekritische Demonstrationen in Iran Nur ein Funke. In: spiegel.de, 1. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018

Für den obersten Religionsführer Ali Chamene’i waren, nach einer im Staatsfernsehen veröffentlichten Erklärung, die Proteste von „ausländischen Mächten“ gesteuert. Der Freitagsprediger von Teheran, Ajatollah Ahmad Chatami, bezeichnete die Proteste als „amerikanisch-israelische Verschwörung“.Führender Kleriker spricht von amerikanischer Verschwörung. In: zeit.de, abgerufen am 5. Januar 2018

Für den iranischen Admiral und Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats Ali Schamchani waren die Proteste ein „Stellvertreterkrieg“. Nach den Analysen des Sicherheitsrates seien 27 Prozent aller neuen Hashtags von der saudischen Regierung generiert worden.Recent riots result of foreign proxy war against Iran: Shamkhani. In: presstv.com, 2. Januar 2018, abgerufen am 3. Januar 2018

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