mini|Thubten Ngödrub 2014 in Trance während des Kalachakra in Ladakh mini|Spiegel des tibetischen Staatsorakels Das Nechung-Orakel ist das offizielle Staatsorakel von TibetLawrence R. Spencer, S. 97 und eines von mehreren Orakeln im alten Tibet. Sein Medium residierte im Nechung-Kloster, dessen Abt es war und von dem der Name abgeleitet wurde.Ellen Pearlman, Tibetan Sacred Dance: a journey into the religious and folk traditions, Inner Traditions, Rochester, Vermont, USA, 2002, ISBN 978-0-89281-918-8, p. 94. Nach der Exilierung der tibetischen Regierung wurde dieses Kloster in Dharamsala in Indien, in der Nähe der Residenz des heutigen Dalai Lama, neu erschaffen. Das dort residierende Medium hat den Rang eines Vizeministers inne. Der Dalai Lama konsultiert es am tibetischen Neujahrsfest.
Seit dem 4. September 1987 ist Thubten Ngödrub das Medium. Er ist der 17. Amtsträger und war Nachfolger von Lobsang Jigme, der diese Funktion von 1945 bis zu seinem Tod 1984 innehatte. Bereits 1947 prophezeite das Nechung-Orakel die Unruhen rund um die Machtübernahme des kommunistischen Regimes und riet dem 14. Dalai Lama im Jahr 1959 zur Ausreise aus China.
Geschichte Ursprünge mini|Pekar reitet auf einem Schneelöwen. mini|Darstellung des Pehar Gyalpo im tibetischen Nechung-Kloster Die Praxis des Orakels stammt aus den alten religiösen Traditionen Tibets, etwa dem Bön oder den Nyingmapa. Nach buddhistischer Auffassung überträgt eine Gottheit ihr Bewusstsein beim Phowa, einem der sechs Yogas von Nāropa, in einen Kuten, die physische Basis. Die Besessenheit ist eine harte Erfahrung, welche eine Phase der Rekonvaleszenz nach sich zieht.Ellen Pearlman, op. cit., S. 94–95. In der ganzen Himalaya-Region haben die Orakel eine wichtige Rolle in der Religion gespielt. Ebenso bedeutsam war die Beratungsfunktion für die Regierung Tibets und die gegenwärtige Exilregierung.
Die Gottheit, die sich im Orakel ausdrückt, heißt Pekar, einer der Geister unter Padmasambhava, der ihn zum obersten Beschützer Samyes machte.
Er soll sich anschließend in der Gegend des Nechung-Klosters niedergelassen haben und wurde in Samye durch den Geist Tsiu Marpo ersetzt.Christopher Paul Bell, Tsiu Marpo: The Career of a Tibetan Protector Deity.
Der Ursprung der Beziehung zwischen Pekar (Dorje Dragden) und den Dalai Lamas geht auf den 2. Dalai Lama zurück, der sich wiederholt Pekar visualisiert hat. Pekar wurde zum Beschützer des Dalai Lama sowie des Drepung-Klosters in der Nähe des alten Nechung-Tempels.Thubten Ngödrub: Nechung, l'oracle du Dalaï-lama, avec Françoise Bottereau-Gardey et Laurent Deshayes, Presses de la Renaissance, Paris 2009, ISBN 978-2-7509-0487-6, S. 106.
Als 1642 der 5. Dalai Lama zum Staatsoberhaupt Tibets wurde, änderte Dorje Dragden seinen Status. Er sollte die Dalai Lamas und die Regierung beschützen, während eine andere Gottheit, Palden Lhamo, damit beauftragt war, Tibet selbst zu beschützenThubten Ngödrub, S. 107. Der Potala-Palast wurde als Sitz des Dalai Lama und der Regierung errichtet, über den Dorje Dragden als Beschützer des Staats wachte. Ein Medium, der Nechung-Kuten, als physische Unterstützung diente dazu, die Ratschläge Pekars zu empfangen. Der Gott ist jedoch spirituell nicht frei und seine Ratschläge sind nur ein Element unter anderen im Entscheidungsprozess.
Das neue Nechung-Kloster wurde auf Wunsch des 5. Dalai Lama durch den Regenten Thrinle Gyatsho (1660–1668) gegründet. Unter der Regentschaft von Sanggye Gyatsho (1679–1703), nahmen die Arbeiten an Umfang zu und das Kloster erhielt den Namen „Nechung Dorje Drayang Ling“ (Nechung, der Garten des melodischen Vajra-Klangs), wie es heute noch genannt wird. Sanggye Gyatsho erneuerte die Schutzfunktion Pekars.Thubten Ngodup, S. 108
Pekar besaß letztlich viele Sitze. Nechung ist der wichtigste, doch er ist auch die Schutzgottheit von Tshel Gungthang, der ehemaligen Residenz des Lama Shang Tsöndru Dragpa, des Begründers der Linie der Telpa Kagyüpa im 12. Jahrhundert. Er wurde Beschützer von Meru Nyingba, wo sich die Residenz des Nechung-Kuten in Lhasa befand. Es ist ein mit Nechung verbundenes Kloster, dessen Gründung auf Songtsen Gampo im 7. Jahrhundert zurückzuführen ist. In diesem Tempel vollendete Thonmi Sambhota die Erschaffung der tibetischen Schrift, welche aus einem indischen Alphabet hervorging. Wie das Nechung-Kloster ist es mit drei großen Schulen verknüpft: Sakya, Gelug und Kagyü.Thubten Ngödrub, S. 109.
Das Nechung-Kloster wuchs von ursprünglich vier bis auf 113 Mönche zur Zeit des 13. Dalai Lama. Der Nechung-Kuten stand als Abt an seiner Spitze, ab dem 19. Jahrhundert folgten ihm der Nechung-Rinpoche und der Nechung-Depa als Verantwortliche für die Verwaltung. Alle drei wurden von der tibetischen Regierung ernannt.Thubten Ngödrub, S. 110. Im Jahr 1959 konnten einzig sechs Mönche des Klosters nach Indien fliehen. Von den Verbliebenen überlebte nur eine Handvoll. Nechung wurde in Teilen zerstört und in ein Erntelager verwandelt. Seine Schätze wurden mehrheitlich geplündert.Thubten Ngödrub, S. 111.
Die Reihe der Kuten 1. Kuten 1544 soll Pekar Gyalpo erstmals von einem menschlichen Wesen Besitz ergriffen haben. So wurde Drag Trang-Go-Wa Lobsang Palden das erste Medium von Nechung. Lobsang Palden gab Hinweise zur Auffindung des 3. Dalai LamaThubten Ngödrub, S. 201.. Bis 1945 sollten die Medien aus verschiedenen Klöstern nach Nechung kommen.
2. Kuten Der 2. Kuten ist unter den Namen Jampa Gyatso und Ringangpa bekannt. Letzterer verweist auf seine Herkunftsregion, Rinchen Gang.Thubten Ngödrub, S. 202.
3. Kuten Der 3. Kuten, Nangso Gönor, war ein Laienmitglied der Regierung (nangso), als er seine erste Trance erlebte.
4. Kuten Der 4. Kuten, Sepo Sönam, war ein Vertrauter des 5. Dalai Lama, dem er viele Ratschläge gab, namentlich als es in den 1650er Jahren zu Spannungen zwischen Tibet und dem Königreich Bhutan kam. In dieser Zeit schützte der Dalai Lama das Nechung-Kloster und der Kuten wurde zum offiziellen Staatsorakel.
5. Kuten Der 5. Kuten, Tsewang Pelbar, war in den zehn Jahren von 1679 bis 1689 im Amt. Der Regent Sanggye Gyatsho ließ Statuen für das Nechung-Kloster anfertigen, dessen Betrieb er überwachte. Es sollte nicht mehr als fünfzig Mönche haben. Nach dem Tod dessen 5. Dalai Lama machte er eine Vorhersage zu dessen Rückkehr. Er verstarb 1689 mit 58 Jahren.Thubten Ngödrub, S. 202–203
6. Kuten Der 6. Kuten, Lobsang Legjor Gyatso, stammte aus Kongpo und erlebte seine erste Trance 1690. Die Zahl der Mönche in Nechung stieg auf 101.Thubten Ngödrub, S. 203.
7. Kuten Der 7. Kuten, Tsangyang Tamdrin (Lobsang Tashi), erlebte 1725 seine erste Trance. Er war ein Vertrauter des 7. Dalai Lama in seiner ersten Lebenshälfte. Er hatte mehrere Trancen und führte in Nechung den Ritus der 13 Gottheiten von Yamantaka und der Brandopfer ein. Sein Ansehen war derart groß, dass er für das Nechung-Kloster viel Landbesitz im östlichen Kham erhielt. Er verstarb 1747 an Altersschwäche.Thubten Ngödrub, S. 203–204.
8. Kuten Der 8. Kuten, Ngawang Gyatsho, stammte aus Dartsedo und aus dem Kloster Gar Dratsang. Er erlebte seine erste Trance 1747 in Zentraltibet, im Beisein des 7. Dalai Lama.
9. Kuten Der 9. Kuten, Yulo Köpa, ist wenig bekannt. Er war 1822 im Amt. Er könnte aus Yulo Kö, einer kleinen Siedlung bei Nechung, stammen. Er wurde in den Rang eines Khenchung erhoben.Thubten Ngödrub, S. 206–207.
10. Kuten Der 10. Kuten, Kalsang Tsültrim, übte sein Amt zwischen 1837 und 1856 aus. 1849 wurde er aufgrund seiner Effizienz zum Khenchen, dem vierthöchsten Rang der Regierung, ernannt. Er verstarb kurz nach dem 12. Dalai Lama.Thubten Ngödrub, S. 207.
11. Kuten Der 11. Kuten, Lhalung Shakya Yarphel, war einer der beachtlichsten Kuten. 1878 beauftragte Lhalung Shakya Yarphel den ehemaligen Abt von Gyume, Lobsang Dargye, mit der Suche nach der Reinkarnation des 12. Dalai Lama. Lobsang Dargye begab sich an das Ufer des Sees Lhamo Lhatso, der dafür bekannt war, dass er nach langen Meditationen zu Visionen führte. Nach der siebten Nacht sah er das Kind, seine Eltern, ihre Namen und ihr Haus. Der 11. Kuten bestätigte die Visionen. Ein Suchtrupp, angeführt von Lobsang Dargye, fand am Dagpo das Haus eines bescheidenen Holzfällers, in dem der Knabe lebte. Sein Vater hieß Kunzang Rinchen und seine Mutter Lobsang Dolma. In Trance bestätigte der 11. Kuten, dass es sich um den 13. Dalai LamaThubten Ngödrub, S. 211–212. handelte.
Im Februar 1899 warnte der 11. Kuten den Dalai Lama während einer Trance, dass sein Leben in Gefahr sei und dass er vorsichtiger sein müsse. Trotz seines Rats wurde der vormals lebhafte Dalai Lama regelmäßig krank und war schnell ermüdet. Als er erneut befragt wurde, wies der Kuten darauf hin, dass sich schwarze Magie im Spiel befinde und befahl, dass dem Tertön Sogyal ein Paar Stiefel in seinem Besitz abgenommen würden. Sogyal wurde befragt. Er dachte, dass Shaö Trulkou ihm die Stiefel im Auftrag des Dalai Lama gegeben habe. Mit bösen Vorahnungen stellte er sie, nachdem er sie einmal angezogen hatte, in eine Ecke. Als sie untersucht wurden, fand man in den Schuhsohlen ein unheilvolles Pentakel, das Namen und Geburtsdatum von Thubten Gyatsho verriet. Es stellte sich heraus, dass eine Konspiration des früheren Regenten Demo Rinpoche dahintersteckte. Nachdem sie verhaftet wurden, nahmen sich viele das Leben, so auch Shaö Trulkou, der sich aus dem Fenster stürzte.Thubten Ngödrub, S. 213–215.
12. Kuten Der 12. Kuten, Lobsang Sönam, ein Mönch aus Kham, wurde im Februar 1901 mit einer Trance in sein Amt eingeführt.Thubten Ngödrub, S. 216.
13. Kuten Der 13. Kuten, Lhalungpa Gyaltsen Tharchin, stammte aus der Bhrumpa-Familie, welche viel Land in der Region Dagpo besaß. Er wurde am Losar 1913 bei seiner ersten Trance erkannt. In den 1920er Jahren wurde er vom Dalai Lama seines Amtes enthoben und begab sich nach Lhokha ins Exil.Thubten Ngödrub, S. 217–218.
14. Kuten Der 13. Dalai Lama setzte den 12. Kuten, Lobsang Sönam, wieder in sein Amt ein. In einer Trance bei den Feierlichkeiten zum tibetischen Neujahr 1932 warnte er den Dalai Lama, dass sein Ende bald bevorstehe. Er offenbarte ihm seine Krankheit und riet ihm, Befehle für die künftige Stabilität des Landes zu erlassen.
Gemäß einer Website soll Lobsang Namgyal den Tod des 13. Dalai Lama mittels falscher medizinischer Ratschläge beschleunigt haben. Die gleiche Website behauptet, dass er 1934 zum Staatsorakel ernannt wurde, während der 13. Dalai Lama am 17. September 1933 verstorben ist.Biografische Anmerkung von Lobsang Namgyal auf der Website The Tibet Album: „In 1934 [he was] degraded to the rank of an ordinary monk. It was alleged that he made some mistakes about the Dalai Lama’s medicine, and that this was the cause of His Holiness’ death.“
15. Kuten mini|Lobsang Namgyal, das Medium des Nechung-Orakels im Jahr 1939 Lobsang Namgyal nahm an der Suche nach dem 14. Dalai Lama teil. Das Orakel verlangte, dass drei Suchtrupps ausgeschickt würden: nach Zentraltibet, nach Amdo und nach Kham.
16. Kuten