mini|hochkant|Harvey Weinstein (2014) Der Weinstein-Skandal umfasst mehrere, erstmals im Oktober 2017 in der New York Times und dem New Yorker veröffentlichte Vorwürfe der jahrzehntelangen sexuellen Belästigung, sexuellen Nötigung und Vergewaltigung dutzender Frauen aus der Filmindustrie gegen den US-amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Weinstein bestritt die Vergewaltigungen.
Kurz nach der Veröffentlichung der Vorwürfe wurde Weinstein von seinem Unternehmen, der The Weinstein Company, entlassen und aus der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sowie anderen Berufsvereinigungen ausgeschlossen. Seine Ehefrau Georgina Chapman gab die Trennung bekannt und ließ sich scheiden. Politiker, die er unterstützt hatte, distanzierten sich von ihm. Wegen Vergewaltigung und schwerer sexueller Nötigung in mehreren Fällen ist Weinstein zu einer Gesamtstrafe von 39 Jahren verurteilt worden. Gegen ein erstes Urteil aus dem Jahr 2020 legte er erfolgreich Berufung ein. (Stand: 25. April 2024)WEITERE LANGJÄHRIGE HAFTSTRAFEN FÜR HARVEY WEINSTEIN UND R. KELLY, Brisant/dpa/AFP/New York Times, mdr.de, 1. Juni 2023
Hintergrund Harvey Weinstein und sein Bruder Bob Weinstein gründeten 1979 die Filmproduktionsfirma Miramax. Im März 2005 gründeten die Brüder The Weinstein Company und verkauften im September 2005 Miramax.
Gerüchte über Weinsteins „Besetzungscouch“-Praktiken hatten in Hollywood seit Jahren die Runde gemacht; Unterhaltungskünstler machten gelegentlich entsprechende Andeutungen. 1998 sagte Gwyneth Paltrow bei der Late Show with David Letterman, dass Weinstein sie dazu nötigte, „ein oder zwei Dinge zu tun“. 2005 riet Courtney Love jungen Schauspielerinnen in einem Interview: „Wenn Harvey Weinstein dich zu einer Privatparty in das Four Seasons einlädt, geh nicht hin.“ 2010 wurde in einem Artikel mit dem Titel Harvey’s Girls eine Anspielung auf Weinsteins „Besetzungscouch“ gemacht: „Alle paar Jahre sucht sich Harvey ein neues Mädchen als sein Mäuschen.“ 2012 sagte eine Figur in der Fernsehserie 30 Rock: „Ich habe keine Angst vor irgendjemandem im Showgeschäft, ich habe den Geschlechtsverkehr mit Harvey Weinstein bei nicht weniger als drei Gelegenheiten abgelehnt – von fünf.“ Bei der Oscar-Verleihung 2013 scherzte der Gastgeber Seth MacFarlane bei der Ankündigung der als beste Nebendarstellerin Nominierten, sie "müssen nicht mehr so tun, als würden sie sich zu Harvey Weinstein hingezogen fühlen." 2014 wurde Weinstein zudem von dem polnischen Regisseur Andrzej Żuławski öffentlich als „größtes Schwein Hollywoods“ bezeichnet.wpolityce.pl Im Jahr darauf schrieb Jordan Sargent in dem Gawker-Artikel Tell Us What You Know About Harvey Weinstein’s „Open Secret“, dass „Gerüchte über den mächtigen Produzenten, der sich seine Industriemacht für sexuelle Befriedigung zunutze macht – einvernehmlich oder sonstwie –, dazu tendierten, unausgesprochen zu bleiben, begrenzt auf gedämpftes Getuschel und schäbige Gerüchte-Blog-Kommentare“.
2015 berichtete die New York Times, Weinstein sei von der Polizei befragt worden, nachdem eine 22-jährige Frau ihn beschuldigt hatte, sie unangemessen berührt zu haben. Die Frau, das italienische Model Ambra Battilana Gutierrez, wurde damals von einigen Boulevardmedien als aufstrebende Opportunistin und angebliche Erpresserin dargestellt und mit den berüchtigten Bunga-Bunga-Partys des früheren italienischen Premierministers Silvio Berlusconi in Verbindung gebracht. Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, Cyrus Vance Jr., erhob aus Mangel an Beweisen keine Anklage. Eine Ehekrise konnte Weinstein damals noch abwenden.
Enthüllungen 2017 Über substanzielle Beschuldigungen von sexuellem Fehlverhalten Weinsteins berichteten zuerst am 5. Oktober 2017 die Journalistinnen Jodi Kantor und Megan Twohey von der New York Times. In ihrem Artikel beschuldigten die Autorinnen Weinstein der sexuellen Belästigung über drei Dekaden und berichteten von Zahlungen in acht Vergleichen an Schauspielerinnen und Produktionsassistentinnen, Zeitarbeiterinnen und andere Angestellte der Firmen Miramax und The Weinstein Company.
Am 10. Oktober 2017 berichtete der NBC-News-Korrespondent Ronan Farrow im The New Yorker über weitere Anschuldigungen, wonach Weinstein 13 Frauen sexuell genötigt oder belästigt und drei vergewaltigt habe. Farrow sagte, er habe das Material schon Monate früher auf NBC bringen wollen, deutete aber an, dass der Sender unter Druck stand, es nicht zu veröffentlichen. NBC dementierte dies, andere Pressemedien hingegen bestätigten und kritisierten ebendies an NBC. Farrow zufolge sagten 16 frühere oder derzeitige Führungskräfte und Assistenten aus Weinsteins Umfeld, dass sie Weinsteins unerwünschte sexuelle Avancen beobachtet hätten oder darüber informiert gewesen seien. Vier Schauspielerinnen gaben ihren Verdacht weiter, dass Weinstein sie von Filmprojekten abgezogen hatte oder andere dazu überredete, sie in Filmprojekten nicht zu besetzen, nachdem sie seine sexuellen Avancen zurückgewiesen und sich über ihn beschwert hatten. Der New Yorker veröffentlichte auch den Mitschnitt einer belastenden Tonaufnahme aus einer Sting-Operation der „Special Victims Unit“ der New Yorker Polizei aus dem Jahr 2015. Darin räumte Weinstein ein, Ambra Gutierrez begrapscht zu haben.
Für die Enthüllung des Weinstein-Skandals erhielten im darauffolgenden Jahr Jodi Kantor und Megan Twohey sowie Ronan Farrow den Pulitzer-Preis in der Kategorie Dienst an der Öffentlichkeit.
Weitere Anschuldigungen Nachdem die Artikel in der New York Times und im New Yorker erschienen waren, erhoben viele Frauen aus der Unterhaltungsindustrie ähnliche Anschuldigungen gegen Weinstein. Ihren Berichten zufolge lud Weinstein junge Schauspielerinnen oder Models in ein Hotelzimmer oder Büro unter dem Vorwand ein, deren Karriere zu besprechen, und verlangte dann Massagen oder Sex von ihnen. Ehemalige Kollegen und Mitarbeiter Weinsteins sagten den Reportern, dass diese Aktivitäten durch Angestellte, den Mitarbeiterstab und Agenten ermöglicht wurden, die diese Meetings anberaumten, sowie Rechtsanwälte und Pressesprecher, die Beschwerden mittels Zahlungen und Drohungen unterdrückten. Eine ehemalige Assistentin meldete sich und verwahrte sich gegen derartige Vorwürfe der „Kollaboration“. Sie und ihre Arbeitskolleginnen hätten selber gelitten und in einem „System von Manipulation und Unterdrückung“ gelebt. Sie mache sich aber im Nachhinein Vorwürfe, jenes „System der Demütigung und Ausbeutung“ nicht früher verlassen zu haben.
Sexuelle Belästigung oder Nötigung Zu den Frauen, die angegeben haben, von Weinstein sexuell belästigt oder genötigt worden zu sein, zählen:
Amber Anderson, Schauspielerin Lysette Anthony, Schauspielerin Asia Argento, Schauspielerin und Regisseurin Rosanna Arquette, Schauspielerin Jessica Barth, Schauspielerin Kate Beckinsale, Schauspielerin Zoë Brock, Model Juls Bindi, Massagetherapeutin Cynthia Burr, Schauspielerin Liza Campbell, Schriftstellerin und Künstlerin Alexandra Canosa, Produzentin Emma de Caunes, Schauspielerin Marisa Coughlan, Schauspielerin und Drehbuchautorin Hope Exiner d’Amore, Angestellte bei Weinstein Florence Darel, Schauspielerin Cara Delevingne, Schauspielerin und Model Paz de la Huerta, Schauspielerin Juliana De Paula, Model Sophie Dix, Schauspielerin Lacey Dorn, Schauspielerin und Filmemacherin Caitlin Dulaney, Schauspielerin Dawn Dunning, Schauspielerin Lina Esco, Schauspielerin und Regisseurin Alice Evans, Schauspielerin Lucia Evans, vormals Lucia Stoller, Schauspielerin Angie Everhart, Model und Schauspielerin Claire Forlani, Schauspielerin Romola Garai, Schauspielerin Louisette Geiss, Drehbuchautorin und Schauspielerin Louise Godbold, Geschäftsführerin einer Non-Profit-Organisation Judith Godrèche, Schauspielerin Trish Goff, früheres Model, Schauspielerin und Immobilienmaklerin Larissa Gomes, Schauspielerin Eva Green, Schauspielerin Ambra Gutierrez, vormals Ambra Battilana, Model Mimi Haleyi, Angestellte bei Weinstein Daryl Hannah, Schauspielerin Salma Hayek, Schauspielerin Lena Headey, SchauspielerinLena Headey Details Encounter With Harvey Weinstein: „I got into my car and I cried“ Natasha Henstridge, Schauspielerin Lauren Holly, Schauspielerin Dominique Huett, Schauspielerin Jessica Hynes, Schauspielerin Angelina Jolie, Schauspielerin und Regisseurin Ashley Judd, Schauspielerinspiegel.de vom 1. Mai 2018: Ashley Judd verklagt Harvey Weinstein Minka Kelly, Schauspielerin Katherine Kendall, Schauspielerin Heather Kerr, ehemalige Schauspielerin Mia Kirshner, Schauspielerin Myleene Klass, Sängerin und Model Nannette Klatt, Schauspielerin Laura Madden, Angestellte bei Weinstein Natassia Malthe, Schauspielerin Julianna Margulies, Schauspielerin Brit Marling, Schauspielerin Sarah Ann Masse, Schauspielerin, Komikerin und Schriftstellerin Ashley Matthau, Schauspielerin Rose McGowan, Schauspielerin Natalie Mendoza, Schauspielerin Sophie Morris, Angestellte bei Weinstein Katya Mtsitouridze, Fernsehmoderatorin Emily Nestor, Angestellte bei Weinstein Connie Nielsen, Schauspielerin Kadian Noble, Schauspielerin Lupita Nyong’o, Schauspielerin Lauren O’Connor, Angestellte bei Weinstein Gwyneth Paltrow, Schauspielerin Samantha Panagrosso, früheres Model Zelda Perkins, Angestellte bei Weinstein Vu Thu Phuong, Schauspielerin und Geschäftsfrau Sarah Polley, Schauspielerin, Schriftstellerin und Regisseurin Tomi-Ann Roberts, Professorin der Psychologie Lisa Rose, Angestellte bei Miramax Erika Rosenbaum, Schauspielerin Melissa Sagemiller, Schauspielerin Annabella Sciorra, Schauspielerin Léa Seydoux, Schauspielerin Jennifer Siebel, Dokumentarfilmerin und Schauspielerin Lauren Sivan, Journalistin Chelsea Skidmore, Schauspielerin und Komikerin Mira Sorvino, Schauspielerin Kaja Sokola, Model Tara Subkoff, Schauspielerin Melissa Thompson, Schauspielerin Uma Thurman, Schauspielerin Paula Wachowiak, Angestellte bei Weinstein Paula Williams, Schauspielerin Sean Young, Schauspielerin
Vergewaltigungen Anthony, Argento, Evans, McGowan, Sciorra und eine nicht mit Namen genannte Frau, die vom New Yorker zitiert wurde, haben Weinstein zusätzlich zur sexuellen Belästigung und der sexuellen Nötigung auch der Vergewaltigung beschuldigt. Bereits im Oktober 2016 hatte McGowan in einem Tweet indirekt zum Ausdruck gebracht, dass sie von Weinstein vergewaltigt worden sei. Sie beschuldigte im Oktober 2017 zudem mehrere Personen aus seinem Umfeld der Mitwisserschaft, darunter den gesamten Vorstand der Weinstein Company und Schauspieler Ben Affleck.Hollywood Babylon: Für Harvey Weinsteins stille Mitwisser ist Rose McGowan der ultimative Alptraum. In: screenread.de, 14. Oktober 2017, abgerufen am 15. Oktober 2017.
Detekteien ehemaliger Mossad-Agenten Um einer Veröffentlichung dieser Vorwürfe entgegenzuwirken, beauftragte Weinstein Sicherheitsdienste bzw. Privatdetekteien, die unter falschen Identitäten betroffene Frauen ausforschten. Den Vertrag mit Black Cube, einem Unternehmen, das größtenteils von früheren Agenten des Mossad und anderer Geheimdienste betrieben wird, schloss er im Juli 2017.Harveys Spione In: welt.de, 10. November 2017. Zwei Detektive trafen sich mit McGowan, die Weinstein der Vergewaltigung beschuldigte – unter anderem auch unter dem Vorwand, Frauenrechtler zu sein. Eine Agentin gab unter falscher Identität vor, ebenfalls betroffen zu sein. Black Cube entschuldigte sich später und kündigte an, die 1,1 Millionen Euro Honorar an Frauenrechtsorganisationen zu spenden. In anderen Fällen befragten von Weinstein beauftragte Journalisten und Detektive Frauen, um zu ermitteln, mit welchen Pressevertretern Kontakte bestanden – und berichteten Weinstein dies.Harvey Weinstein’s Army of Spies. In: newyorker.com, 6. November 2017.
Weinsteins Entgegnungen