mini| Blick vom Petridom auf das Areal des Franziskanerklosters Das Franziskanerkloster Bautzen war ein Kloster des Franziskanerordens (Ordo fratrum minorum, ‚Orden der Minderbrüder‘), das um 1240 gegründet wurde und bis 1562 bestand. Der Konvent mit dem Patrozinium der Jungfrau Maria war anfangs einige Jahre Hauptkloster einer Kustodie des Ordens, etwa 10 mal tagte das Provinzkapitel der Sächsischen Franziskanerprovinz im Kloster. In der Oberlausitz war er nach dem Franziskanerkloster in Görlitz der zweitälteste Konvent. Von der Klosteranlage ist heute nur noch die Ruine der Klosterkirche, die sogenannte Mönchskirche, und eine Wand des Refektoriums erhalten.
Gründung Der früheste Beleg für das Kloster ist die Bulle vom 6. Mai 1248, mit der Papst Innozenz IV. allen Gläubigen, die zum Bau der Kirche und anderer Gebäude des Bautzener Franziskanerklosters beitrügen, einen vierzigtägigen Ablass gewährte.
Im Görlitzer Nekrolog gibt eine beim Jahr 1475 eingeschobene Anmerkung an, wann Konvente in die Kustodie übernommen wurden. Darin heißt es:
Otto der Fromme erhielt das Gebiet um Bautzen und die Lausitz zwar erst zwischen 1243 und 1253 als Hochzeitsgut bei seiner Hochzeit mit Beatrix (Božena), der Tochter des böhmischen Königs Wenzel I. Aber seine Beteiligung an der Bautzener Klostergründung ist plausibel, wenn man berücksichtigt, dass solche Gründungsphasen bis zu zwei Jahrzehnte dauern konnten.
In der Literatur wurde wiederholt das Jahr 1225 als Gründungsdatum des Bautzener Klosters angegeben, zuletzt 1984 bei Schrammek. Dieses Datum bezieht sich auf die Weiheurkunde der St.-Georgs-Kapelle im Bereich der Ortenburg, wo es heißt, dass diese Kapelle „in claustro budissinensis“ gelegen sei. Daraus wurde geschlossen, dass die Kapelle im Franziskanerkloster („in claustro“) lag. Diese Deutung passt aber nicht zur Ausbreitungsgeschichte des Franziskanerordens und zu Berichten über Gründungsvorgänge in anderen Städten.
Der im Jahr 1210 gegründeten Franziskanerorden breitete sich in großer Geschwindigkeit in Europa aus; erste Niederlassung war 1221 in Augsburg, 1224 wurde Erfurt erreicht, kurz nach 1230 bereits Riga. Das Generalkapitel des Ordens richtete 1239 eine Böhmische Ordensprovinz (Bohemia) ein, ordnete das neue Kloster in Bautzen dieser slawisch geprägten Provinz zu und ernannte es zum Vorort einer eigenen Kustodie in der Bohemia mit Sitz des Kustos, des Oberen der Kustodie. Wegen anhaltender nationaler Spannungen wurde das Kloster jedoch bereits 1263 vorübergehend und ab 1274 endgültig wieder ausgegliedert und mit den schlesischen Klöstern der Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia) zugeordnet.Lucius Teichmann: Die Franziskanerklöster in Mittel- und Ostdeutschland 1223–1993. Leipzig, 1995, S. 36.
Lage und Gebäude mini|Plan von 1805: Mönchskirche (L) und Areal des Klosters zwischen Heringstraße (f) und Hohengasse (p), A7=Mönchsbastei, A=Ortenburg, E=Dom Das Areal des Franziskanerklosters lag zwischen der Großen Brüdergasse im Norden und der Judengasse (heute Heringstraße) im Süden und wurde an den Seiten von der Hohengasse und der Mönchsgasse begrenzt. Die Fläche von ca. 6000 m² fällt von der Großen Brüdergasse zur Heringstraße etwa 9 m ab. Zwei Steinbrüche an der Südwestecke wurden bis ins 14. Jahrhundert genutzt und danach verfüllt. Über die gesamte Fläche verfügte das Kloster erst nach zwei Schenkungen in den Jahren 1324 und 1334.
Das Kloster lag dicht bei den weltlichen und kirchlichen Machtzentren der Oberlausitz: der Ortenburg, dem Sitz des Domstifts Bautzen und dem Bautzener Rathaus. Auf der nördlichen Seite der Großen Brüdergasse, am Irrenberg, erstreckte sich das Viertel der Handwerker und Händler. Grabungsfunde lassen vermuten, dass in der Großen Brüdergasse ein wirtschaftliches Zentrum der frühen Stadt lag.
mini|Südwand des Refektoriums Mangels schriftlicher Unterlagen muss sich die Rekonstruktion der Klosteranlage auf archäologische Untersuchungen stützen, die Fritz Rauda um 1900 begann, und die in den 1930er und 1990er Jahren fortgeführt wurden. An der Großen Brüdergasse stand die als Ruine erhaltene Klosterkirche. An sie schloss sich südlich der Kreuzgang mit einer Fläche von etwa 25 × 35 Metern an, die Wände waren ausgemalt, die Gewölberippen und Konsolen aus Backstein. An der Westseite des Kreuzgangs wird die 1506 erwähnte Barbarakapelle vermutet. Östlich schloss sich der Kapitelsaal an den Kreuzgang an. Daneben lag an der Hohengasse die Klosterpforte. Am südlichen Kreuzgangarm wird das Kalefaktorium vermutet, worauf eine dort ausgegrabene Steinofen-Luftheizung hindeutet. Nach Süden wurde die Klausur von einem großen Gebäude abgeschlossen, in dem sich zwei Refektorien und das Dormitorium befanden. Eine Wand des Refektoriums mit großen Vorhangbogenfenstern ist noch erhaltenen. Südlich der Klausur lag an der Heringstraße der von einer Mauer umschlossene Wirtschaftshof mit Brau-, Koch- und Backhaus, Ställen und Lagerräumen sowie einem eigenen Brunnen und einem kleinen Garten. Das Torhaus an der Südostecke bildete den Zugang. Reymann erwähnt ein Siechenhaus ohne genauere Ortsangabe.
Vom Wirtschaftshof führte später ein überdachter Gang über die Heringstraße zur Mönchsbastei, den Bauplatz dafür hatten Colman von Metzradt und seine Söhne dem Kloster 1324 geschenkt.Ratsarchiv Bautzen. 1. Or. (Original) Ratsarchiv Bautzen. 1324 Sept. 14. In der Bastei befand sich auch eine große Latrinenanlage für das Kloster. Die Ordensmänner mussten die Bastei unterhalten und bei Gefahr mit einer angeworbenen Besatzung verteidigen, so z. B. 1429 bei der Belagerung von Bautzen durch die Hussiten. Der Gang wurde 1563 abgerissen.
Außerhalb des Klosterareals lag in nördlicher Richtung die Mönchsschäferei, in der Schafe, Schweine und Hühner gehalten wurden, und auf dem Burglehn das Regelhaus für die Beherbergung von Laienschwestern. Gegenüber der Eingangspforte zur Klosterkirche stand das nicht zum Kloster gehörende Seelhaus, in dem gemäß einer Stiftung des Domdekans Heinrich Porschin von 1394 Brot für die Armen ein Mal wöchentlich verteilt wurde.
Mönchskirche mini|hochkant=0.8|Nordwand der Mönchskirche
Über Größe und Gestalt der um 1248 errichteten ersten Kirche ist nichts bekannt, sie dürfte den Vorgaben der Bettelordenskirchen entsprochen haben. Bei Grabungen in den 1990er Jahren wurden Eckkonsolen mit Kelchkapitellen wahrscheinlich aus der Mitte des 13. Jahrhunderts gefunden, die der ersten Kirche zugerechnet werden.
Die Bauformen und stilistischen Merkmale der heute noch sichtbaren Ruine legen nahe, dass um 1300 ein Neubau begonnen wurde. Vermutlich verlangte das Anwachsen der Ordensgemeinschaft eine Vergrößerung der Kirche und anderer Gebäude. Die Möglichkeit dazu ergab sich als 1324 Kalman von Metzradt und 1334 Günter von Rechenberg ihre Burglehnhöfe dem Kloster schenkten. 1339 erwarb das Kloster zudem einige Häuser und ließ sie zur Verbesserung der Feuersicherheit abreißen. Die neue Kirche wurde als zweischiffige Hallenkirche mit acht Jochen errichtet und war etwa 18 Meter breit und 50 Meter lang. Das schmalere südliche Schiff war in zwei Geschosse unterteilt, unten lag die Sakristei und der Nordflügel des Kreuzgangs, der damit in das Kirchengebäude integriert war, während das obere Geschoss als Empore diente. Zunächst wurden im Westen beginnend vier Joche in Bruchsteinmauerwerk (aus den eigenen Steinbrüchen) fertiggestellt, die Fundamente und Strebepfeiler aus regelmäßigen Granitquadern. Konsolen, Gewölbedienste und Fenstereinfassungen waren aber bereits aus Backstein. Dieser Teil der Kirche dürfte um 1350 vollendet gewesen sein.
Ob der östliche Teil der Kirche sofort im Anschluss oder erst nach einer längeren Pause um 1400 begonnen wurde, ist nicht sicher zu ermitteln. Beim Stadtbrand am 1. August 1401 wurden Kloster und Kirche schwer beschädigt. Mit der Bulle vom 13. Januar 1402 gewährte Papst Bonifatius IX. sieben Jahre und siebenmal 40 Tage Ablass für Beihilfe zur Wiederherstellung der Kirche. Das Kirchendach wurde 1441 erneut durch Brand beschädigt.
Die östlichen vier Joche wurden auf einem Fundament von Granitquadern vollständig aus Backstein errichtet. Die Kirche hatte kein Chorpolygon, sondern einen geraden Abschluss. In der Südostecke entstand – das Turmverbot der Anfangszeit ignorierend – ein hoher Glockenturm. Die vorhandenen Reste der Fenstereinfassungen, des Maßwerks und der verzierten Gesimse zeugen von hoher baukünstlerischer Qualität. In der Entstehungszeit des Ostteils galt Backstein wegen seiner Farbe als fürstliches Baumaterial, deshalb war er geeignet, den liturgisch bedeutsamsten Teil der Kirche, das Presbyterium, hervorzuheben. Die Kirche zeigt bemerkenswerte Parallelen zu der um die gleiche Zeit erbauten Kirche des Zisterzienserinnenklosters Marienstern: beide sind Hallenkirchen ohne Chorpolygon, die Schiffe haben etwa gleiche Länge und Breite (Marienstern hat jedoch 3 Schiffe) und beide haben einen in das südliche Seitenschiff einbezogenen Kreuzgang mit darüberliegender Empore. Fritz Rauda entdeckte in den Zwickeln der Gewölbeanfänger Schallgefäße unterschiedlicher Tiefe aus schwach gebranntem Ton, die der Schallverstärkung dienten.
Eine umfassende Bautätigkeit gab es noch einmal Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts. Damals wurde eine Orgel eingebaut, vermutlich durch Blasius Lehmann. Nach den baulichen Veränderungen weihte Bischof Johann VII. von Schleinitz die Kirche 1520 erneut.
Ausstattung Die wichtigste Quelle für die Ausstattung der Kirche ist eine Jahresrechnung aus dem Jahr 1506. Darin sind Ausgaben verzeichnet für den Einbau einer Empore, den Bau der Orgel und die Ausmalung des Heiligen Grabes, das vermutlich in der Kirche lag. Außerdem Ausgaben für ein Tafelbild zur Aufstellung in der Barbarakapelle und ein weiteres Tafelbild des heiligen Franziskus, für Kirchenfahnen, ein Altartuch, ein Triumphkreuz, liturgische Gewänder und liturgisches Gerät, auffällig ist dabei eine silberne Monstranz („höher als ein Mann“), für die der Bautzener Goldschmied den beachtlichen Lohn von 120 Talern erhielt. Ein Inventar der Sakristei von 1512 verzeichnet 16 aufwendig gestaltete Kelche, 11 Reliquiengefäße, 14 Paternoster aus Koralle und 15 aus Halbedelsteinen, 4 größere Kreuze und eine vergoldete Krone mit Edelsteinen für das Standbild der Jungfrau Maria.
Begräbnisse Begräbnisse in der Klosterkirche und innerhalb des Kreuzgangs waren ein Angebot des Konvents an die Gläubigen der Stadt und des Umlands. Stiftungen und Vermächtnisse zum Erwerb einer Grablege und für regelmäßiges Totengedenken bildeten eine sichere Einnahmequelle. Eine Urkunde von 1345 nennt fast 200 Personen, die sich bei den Franziskanern hatten begraben lassen. Darunter befinden sich Namen der Bautzener Ratsfamilien, zahlreicher Stadtbürger und von Angehörigen der Adelsfamilien Metzradt, Kopperitz, Temritz und Nostiz. Repräsentative Grabplatten hatten der Meißner Bischof Johann III. († 1408), der Landvogt der Oberlausitz Johann von Wartenberg († 1464) („beigesetzt unter dem Schwibbogen bei der Kanzel“) und Helferich von Meckau († 1494). Reymann nennt außerdem den Erbschulzen Heinrich zu Budissin und den Münzmeister Nikolaus zu Budissin.
Stiftungen Für Unterhalt und laufenden Bedarf sorgten große Stiftungen. Wegen der vielen Fastenzeiten bestand ein hoher Bedarf an Fischen. Die Stadt Löbau lieferte jährlich zwei Tonnen Heringe als Zins auf eine wiederverkäufliche Anlage von 200 rheinische Gulden. Jeweils eine Tonne Heringe im Jahr lieferten die Stiftung Christof Gersdorffs zu Baruth und die Stiftung Albert Schreibersdorffs. Weil die Stiftungen den Bedarf nicht deckten, hatte sich auf der Judengasse beim Kloster der „Häringskram“ etabliert, was zum Namen Heringstraße führte. Daneben erhielt das Kloster auch frischen Fisch.