Der Boykott Israels durch die Arabische Liga war eine Maßnahme, welche die Arabische Liga mit ihren Mitgliedsstaaten verfolgte, um den Staat Israel strategisch, wirtschaftlich und militärisch zu schwächen und ihn so letztlich zu zerstören. mini|Vertreter der Arabischen Liga 1946. Vorn sitzend von links nach rechts: Kronprinz Saud, Kronprinz-Regent Abd ul-Ilah, Präsident al-Quwatli, König Faruq I., König Abdallah I. Der Boykott wurde 1945 bei der Gründung der Arabischen Liga zunächst gegen den Jischuw, die jüdische Bevölkerung in Palästina vor der Gründung des Staates Israel, vereinbart und wurde 1948 auf den neugegründeten Staat übertragen. Der Boykott eskalierte zur Sueskrise 1956 und erreichte seinen Höhepunkt mit der Ölpreiskrise ab 1971. Der durch die Arabische Liga organisierte Boykott dauerte dann noch bis in die 1990er Jahre an und war somit der weltweit längste und am meisten institutionalisierte Boykott gegen einen Staat. Es gelang der Arabischen Liga letztlich nicht, die israelische Ökonomie entscheidend zu schwächen. Der Boykott wird heute nur noch von wenigen Staaten aktiv aufrechterhalten, da die Arabische Liga seit dem Jahr 2002 umfassende Friedensverhandlungen mit Israel anstrebt.
Vorgeschichte Ab 1890 sorgten sich die arabischen Einwohner Palästinas über die um 1880 begonnene jüdische Einwanderung, und erste Rufe nach Boykotten wurden laut. Unter anderem forderten Araber vom Osmanischen Reich, Juden Landkäufe zu verbieten, und es kam zu Aufrufen in Zeitungen, keine Geschäfte mit Juden abzuwickeln. Diese Deklarationen weckten Aufmerksamkeit, zeigten aber kaum wirtschaftliche Wirkung.
Nach dem Ende der osmanischen Herrschaft über Palästina wurde im Faisal-Weizmann-Abkommen eine ökonomische Zusammenarbeit zwischen jüdischen und arabischen Bewohnern des Mandatsgebiets Palästina beschlossen. Die weitere Entwicklung im Land verhinderte jedoch, dass das Abkommen in Kraft trat. Christliche und muslimische Verbände in verschiedenen Städten beschlossen ab 1920 neue Boykotte, Embargos und andere Maßnahmen gegen Juden, sogar stadtweite Wohn- und Betretverbote in Jaffa, Jerusalem und Nablus. Nach den Unruhen von Jaffa (1921) und den Massakern von Hebron und Palästina (1929) wurde die Umsetzung der durch arabische Vereinigungen regelmäßig erneuerten und präzisierten Boykotte stärker kontrolliert: 1929 wurden hebräische Schilder aus arabischen Läden entfernt. 1931 appellierte der Islamische Weltkongress an alle muslimischen Staaten, Handelsbeziehungen mit Juden in Palästina zu vermeiden. Eine 1932 gegründete Jugendorganisation sollte den Boykott überwachen. mini|Arabische Karikatur in „Falastin“ 1936: Das zionistische Krokodil bedroht arabischen Wohlstand, die Kolonialmacht schaut zu. Zur Begründung der arabischen Boykotte wurde bereits ab den 1900er Jahren auf einen jüdischen Boykott gegenüber arabischen Händlern und Produkten verwiesen, auf welchen man wiederum reagieren müsse. Anderen Quellen zufolge soll es diesen Boykott arabischer Ware durch Juden aber erst ab den 1920er Jahren gegeben haben. Tatsächlich wurde besonders ab Beginn der 1930er in jüdischen Kreisen zum Gegenboykott aufgerufen: Juden sollten demnach nur bei Juden kaufen, umgekehrt aber auch an Araber verkaufen. Ferner sollten nur jüdische Arbeiter zu guten Löhnen eingestellt werden. Das Resultat war ein beidseitiger, jedoch nicht institutionalisierter Boykott.R. T. Naylor: Economic Warfare: Sanctions, Embargo Busting, and Their Human Cost. Boston 1999. ISBN 978-1-55553-499-8. S. 94 Digitalisat Die Boykottaufrufe der 30er Jahre zeigten Wirkung: Im Juli 1937 stellte die britische Palestine Royal Commission fest, dass Araber kaum oder gar nicht in jüdischen Läden einkauften.
Der 1921 eingesetzte Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini, der ein „judenfreies“ Palästina als Teil eines Großarabiens anstrebte, war in seiner Führungsstellung eine treibende Kraft hinter den arabischen Boykotten, zu denen er auch selbst aufrief. Er gründete 1936 ein Arabisches Hohes Komitee, forderte 1937 einen Boykott der Levante-Messe und setzte sich an die Spitze des arabischen Aufstands, welcher durch die britische Mandatsmacht niedergeschlagen wurde. Al-Husseini floh danach außer Landes und weilte ab 1941 im Deutschen Reich, von wo er 1945 nach Ägypten zurückkehrte und nationalsozialistische Propaganda in den arabischen Raum weiterverbreitete.Niklas Günther, Sönke Zankel: Abrahams Enkel. Juden, Christen, Muslime und die Schoa. Franz Steiner, 2006, ISBN 3-515-08979-9, S. 41–47
Im September 1937 forderte der Panarabische Kongress in Bludan (Syrien), die Balfour-Deklaration von 1917 zu widerrufen, das britische Palästinamandat abzuschaffen und einen Wirtschaftsboykott gegen die Juden als patriotische Pflicht durchzusetzen. Auch die Drohung eines Boykotts britischer Waren wurde in den Raum gestellt, um die britische Tolerierung des Judentums in Palästina zu sanktionieren.Feiler, S. 21–24 Dies zwang den Jischuw zu Entwicklung eigener Wirtschaftsmodelle jenseits des Handels in der Region.
Während des folgenden Zweiten Weltkriegs wurde der Boykott jedoch nicht länger befolgt, obwohl es im Oktober 1939 noch neue Aufrufe gab. Arabische Nachbarstaaten bezogen in großem Umfang Waren aus jüdischer Produktion und die Wirtschaftskraft des Jischuw entwickelte sich bis zur Staatsgründung Israels 1948 sprunghaft. Die ökonomische Stärke der jüdischen Wettbewerber sorgte auch für neue Unruhe auf arabischer Seite.
Beginn des Boykotts gegen den Jischuw Noch im Jahr ihrer Gründung 1945 beschloss die Arabische Liga einen Boykott gegen „Produkte palästinensischer Juden [..], welche die Erreichung des zionistischen Ziels fördern“ mit Wirkung ab dem 1. Januar 1946; diese Produkte waren ab dem Zeitpunkt „in arabischen Staaten unerwünscht“.
Maßnahmen des Boykotts durch die Arabische Liga umfassten: Verbot der Nutzung jüdischer Dienstleistungen (insbesondere finanzieller und medizinischer Art) Einfuhrverbote und Beschlagnahmung jüdischer Waren (von denen Zollbeamte 50 % als Lohn erhielten) Zertifizierungsgebote für nicht-jüdische palästinensische Waren das Führen Schwarzer Listen beispielsweise zu Personen, Unternehmen und Frachtschiffen, die gegen den Boykott verstießen das Verbot, jüdische Waren durch Staatsgebiet oder Hoheitsgewässer zu transportieren (d. h. insbesondere nicht durch den Sueskanal – zuwiderhandelnde Schiffe wurden von einem ägyptischen Prisengericht konfisziert)
Diese Maßnahmen wurden von Ägypten, Bahrain, Irak, Kuwait, dem Libanon, Palästina selbst, Saudi-Arabien, Syrien und Transjordanien getragen. Die ursprüngliche Resolution der Arabischen Liga betraf streng vom Wortlaut her zwar nur „palästinensische Juden“, die Maßnahmen der Liga-Mitglieder machten aber oft keine solche territoriale Unterscheidung, und auch die zionistische Gesinnung der boykottierten Produzenten wurde nicht geprüft. mini|Eröffnung der siebten Sitzung des Rats der Arabischen Liga, 1947 Wie eine im Oktober 1947 durchgeführte interne Untersuchung ergab, war die Umsetzung der Beschlüsse jedoch noch wenig effektiv: Überwachungsinstanzen waren nicht eingerichtet worden, jüdische Güter erreichten über Drittstaaten die arabische Welt und Finanzdienstleistungen wurden über Mittelsmänner abgewickelt. Insbesondere Libanon, Syrien und Transjordanien waren weiterhin Großabnehmer von palästinensischen Produkten, einschließlich derer aus dem Jischuw. Da sich ab Ende November mit Ausbruch des Bürgerkriegs die Gründung eines jüdischen Staates abzeichnete, intensivierte die Liga nun ihre Bemühungen, ohne jedoch die Gründung Israels im Mai 1948 verhindern zu können.
Boykott gegen Israel 1948 wurden alle bisher gegen den Jischuw gerichteten Maßnahmen sofort auf das neugegründete Israel übertragen. Diese Handelsverbote galten ab 1950 als primärer Boykott, während der neu eingeführte sekundäre Boykott alle Handelspartner Israels einschloss, namentlich derjenigen, die sich auf den Schwarzen Listen befanden. Der Boykott wurde schließlich auch auf deren Handelspartner ausgedehnt (tertiärer Boykott). Betroffen von sekundärem und tertiärem Boykott waren meist Unternehmen mit Kontakten oder Niederlassungen in Israel, keine Drittstaaten. Unternehmen aus nicht-arabischen Staaten wurden ab 1954/55 boykottiert. Zu den bis in die 1970er Jahre neu eingeführten Maßnahmen gehörten: Internationale Konferenzen und Messen, bei denen Delegationen aus Israel teilnahmen, sollten nicht von arabischen Delegationen besucht werden israel-freundliche westliche Künstler, Schauspieler und deren Werke wurden ebenfalls auf Schwarze Listen gesetzt (sog. Kulturboykott) Negative Herkunftszertifikate zeichneten Produkte aus, die sich vollständig an die Boykott-Richtlinien hielten und bei denen kein Teil aus Israel stammte Schiffe, die nacheinander israelische und arabische Häfen anliefen, wurden beschlagnahmt israelischen Flugzeugen (und teils von Unternehmen auf Schwarzen Listen) wurde der Überflug über arabische Gebiete verweigert Unternehmen mussten in umfangreichen compliance forms Angaben über ihre Geschäftspartner und ihre Angestellten machen Kommunikation per Funk, Telefon oder Post wurde untersagt (sog. Informationsboykott) israelische Pässe wurden nicht anerkannt etc. (sog. diplomatischer Boykott)
Die Umsetzung der beschlossenen Boykott- und Embargobestimmungen wurde ab 1948 strenger gehandhabt und allmählich in nationalstaatliche Boykottgesetze gefasst. 1951 wurde ein „Zentrales Boykott-Büro“ (Central Boycott Office, CBO) mit Hauptsitz in Damaskus gegründet, das als Kontrollinstanz alle Mitgliedsstaaten bezüglich der Umsetzung des Boykotts überwachte, in jedem Land eine Dependance unterhielt und angegliedert an den Wirtschaftsrat der Arabischen Liga war. Die weitere Organisation des CBO, das seine Aktivitäten auch auf Drittstaaten ausdehnte (Büros unterhielt es unter anderem in Bonn, London, New York, Paris, Rom, Washington und Wien),Der Spiegel, 5. April 1971: Naher Osten/Israel Boykott: Völlig überflüssig bildete sich erst im Lauf der Zeit heraus: es warb als Lobbyorganisation in Parlamenten, diente als Informationsbüro für Unternehmen und BürgerFeiler, S. 24–37 und es sammelte Daten zu Unternehmen, welche den Boykott unterstützten oder ablehnten. In Deutschland wurde die Tätigkeit auch durch die Ghorfa unterstützt, welche Negative Herkunftszertifikate ausstellen durfte.
Bei der politischen Einflussnahme kam es auch vor, dass mit dem Abbruch aller Handelsbeziehungen mit der Arabischen Liga oder einzelnen Ländern gedroht wurde. Dies wurde meist auf diplomatischem Weg verhindert. Ägypten, stellvertretend für die Arabische Liga, drohte beispielsweise Westdeutschland 1952/53 aufgrund des Luxemburger Abkommens mit demselben Sanktionsumfang wie Israel, was letztlich auch unter Verweis auf die wirtschaftliche Verflechtung abgewendet wurde. Zuvor hatte bereits der Direktor des CBO interveniert.Yeshayahu Jelinek: Deutschland und Israel 1945–1965: Ein neurotisches Verhältnis. Oldenbourg Verlag, 2004. ISBN 978-3-486-59458-4. S. 235 ff. Digitalisat Ebenfalls 1953 wurde der bereits beschlossene Boykott von Zypern aufgrund internationaler Kritik nicht in die Praxis umgesetzt. mini|Fünf Staatschefs der arabischen Liga 1964: Hussein I., Nasser, Arif, Bourguiba, Hassan II. Begründung und Ziele des Boykotts