mini|Henry Cavendish (1731–1810), Beispiel eines introvertierten, exzentrischen Wissenschaftlers Exzentriker: Über das Vergnügen, anders zu sein (im Original Eccentrics: A Study of Sanity and Strangeness) ist ein populärwissenschaftliches Buch, das der klinische Neuropsychologe David Joseph Weeks zusammen mit dem Journalisten Jamie James 1995 veröffentlichte; 1997 erschien es in deutscher Sprache.
Das Buch beruht auf den Ergebnissen einer Studie von D. J. Weeks und Kate Ward aus den 1980er Jahren, die 1989 unter dem Titel Eccentrics: The Scientific Investigation veröffentlicht wurde.
Zu weiteren Erklärungen und Erläuterungen von Exzentrizität werden im Buch Verhaltensweisen von historisch dokumentierten exzentrischen Persönlichkeiten herangezogen.
Inhalt Einleitung mini|Norton I. (1811–1880), Kaiser der Vereinigten Staaten und Schutzherr von Mexiko Mit dem Untertitel Ein Eldorado der Sonderlinge (im Original A Golden Age of Weirdness) führt Weeks in die Thematik der Exzentrizität ein, indem er auf die Akzeptanz historischer Exzentriker wie Norton I., Oofty Goofty, Onkel Freddie Coombs, King of Pain und den Großen Unbekannten eingeht, die Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts in San Francisco durch ihre exzentrische Lebensweise auch das Leben der Öffentlichkeit bereicherten.
Weeks stellt fest, dass es bis in die 1980er Jahre keine größere Studie zu exzentrischen Personen gab. Die Psychologie definiert exzentrisches Verhalten kaum oder vageIn einem von vier Psychologie-Lehrbüchern fand Weeks die Definition „vorwiegend inadäquate oder passive Psychopathie“. – Exzentrizität stellt kein Krankheitsbild dar – und auch eine lexikalische Definitionen wie „eine Person, die von der herkömmlichen oder bestehenden Norm abweicht, die anders ist als die anderen“ ist zu allgemein und könnte beispielsweise auch auf einen extremen Kriminellen oder eine Person mit einer seltenen Krankheit passen.
Mit der Absicht, ein schärferes Profil von exzentrischen Personen zu erhalten und die Abgrenzung von ungewöhnlicher, kreativer Denkweise zu krankhaftem Verhalten (die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn) vorzunehmen, begann Weeks 1984 am Royal Edinburgh Hospital mit seinen Untersuchungen. Durch Erwähnung in den Medien erreichte die Studie ein Volumen von mehr als 1000 exzentrischen Probanden, meist aus den USA und England.
Die Prämissen zur Studie waren Exzentrizität ist „nichts Normales“, daher selten. Das Spektrum menschlichen Verhaltens reicht von absoluter sozialer Konformität bis zu völlig bizarrer Nonkonformität. Exzentrische Personen sind mit mehreren und konsequenten Verhaltensweisen im Nonkonformitätsbereich zu erwarten. Kulturelle Faktoren spielen eine wichtige Rolle, da unterschiedliche Gesellschaften auch unterschiedliche Konformitätsnormen haben. Aus der bis in die 1980er Jahre vorliegenden Literatur ergibt sich keine eindeutige Definition von Exzentrizität. Der Ausschluss Was ist keine Exzentrizität? sollte daher auch berücksichtigt werden. Besteht möglicherweise ein Bezug zu psychologischen Erkrankungen – oder eher nicht? Neurotiker sind oft dysphorisch und fühlen sich elend, Schizophrene können ihre Visionen oder gehörte Stimmen nicht kontrollieren und entwickeln Angstgefühle, Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung meiden Kontakte und sind extrem introvertiert: Krankheit impliziert Leiden. Exzentriker geben hingegen den Eindruck, beim Ausleben ihrer Phantasien kindliche Freude zu empfinden und sie angstfrei privat oder in der Öffentlichkeit auszuleben.
Das Thema in 12 Kapiteln Jedem Kapitel ist ein themenbezogenes Zitat vorangestellt; gelegentlich sind es auch zwei Zitate.
In den einzelnen Kapiteln zitiert Weeks aus den Interviews der Studie, um die von ihm herausgearbeiteten Exzentriker-Aspekte mit konkreten Aussagen zu erläutern. Beispiel:
Die Untersuchung Weeks beginnt mit der Beschreibung von konzeptuellen Schwierigkeiten vor Beginn der Studie: Exzentriker sind nicht geographisch eingrenzt, haben keine andere, klar ersichtliche „Gruppenzugehörigkeit“, d. h., es fehlten die Auswahlkriterien, die ja erst durch die Studie zutage treten sollten. Diese Schwierigkeiten mussten kreativ gelöst werden, um für die geplante Studie geeignete Probanden zu finden.
Der erste Suchansatz waren kleine, über ganz Edinburgh verteilte Aushänge mit dem Text: „Eccentric? If you feel that you might be, please contact Dr. David Weeks at the Royal Edinburgh Hospital“ und einer Telefonnummer. Ein Journalist wurde darauf aufmerksam und schrieb darüber einen Artikel im The Scotsman. Danach folgten Radio- und TV-Interviews (auch in allen vier Programmen der BBC) und Verbreitung in den Medien der USA: New York Times, Wall Street Journal, Los Angeles Times, International Herald Tribune etc. Insgesamt wurden die potentiellen Kontakte auf 140 Millionen Menschen geschätzt. Im Nachhinein bezeichnete Weeks diesen Ansatz als „Multimedia-Stichprobenerhebung“.
Unter den eingegangenen Meldungen gab es neben den augenscheinlichen Witzbolden etwa 10 % „einsame Menschen, die sich mit jemandem unterhalten wollten“. Zu schüchternen, introvertierten Exzentrikern bekam man indirekt, über Freunde oder Verwandte, Kontakt. Extrovertierte Exzentriker waren bereit, auf andere befreundete Exzentriker hinzuweisen.
Nach dem Aussortieren augenscheinlicher Nicht-Exzentriker ergab sich eine Probandenanzahl von etwa tausend Personen aller Schichten (hauptsächlich aber Mittelschicht) und Berufe, zwischen 16 und 92 Jahren (Durchschnitt 45 Jahre) mit etwas überdurchschnittlicher Gesamtausbildung, die im Mittel 14 Jahre gedauert hatte. Statistisch kam damit etwa ein Exzentriker auf etwa 10.000 Personen (± 50 %, d. h. 1:5.000 bis 1:15.000).
Die auf Tonband aufgezeichneten Interviews wurden als Feldstudie im persönlichen Umfeld der Exzentriker durchgeführt. Zusätzlich wurden standardisierte Persönlichkeitsfragebögen, Intelligenztests und Tests zur Diagnose von Schizophrenie und anderen psychischen Krankheiten eingesetzt.
Das Ergebnis war „ein Gruppenbild von Menschen, die so unterschiedlich waren wie die Gesamtgesellschaft“, die aber als Gruppe folgende, in absteigender Häufigkeit vorgefundenen Eigenschaften zeigten, wobei die ersten fünf bei nahezu jedem Exzentriker gefunden wurden: unangepasst; kreativ; stark durch Neugier motiviert; idealistisch und unerschütterlich optimistisch: mit dem Anspruch, die Welt zu verbessern und die Menschen in ihr glücklicher zu machen; betreibt beglückt ein oder mehrere Steckenpferde; ist sich von klein auf des Andersseins bewusst; intelligent (Intelligenzquotient durchschnittlich um 115 bis 120); eigensinnig und freimütig; überzeugt, selbst richtig zu liegen und dass der Rest der Welt aus dem Tritt geraten ist; ohne Konkurrenzstreben, ohne Verlangen nach Anerkennung oder Bestätigung durch die Gesellschaft; ungewöhnliche Essgewohnheiten und Lebensführung; nicht sonderlich interessiert an den Ansichten oder der Gesellschaft anderer, ausgenommen zu dem Zweck, diese vom eigenen – richtigen – Standpunkt zu überzeugen ausgestattet mit einem schelmischen Sinn für Humor; alleinstehend; gewöhnlich das älteste oder einzige Kind; fehlerhafte Rechtschreibung.
Den Abschluss bilden detaillierte Beschreibungen mehrerer Exzentriker der Studie, die exemplarisch für die fünf ersten Eigenschaften stehen.
Exzentriker aus vier Jahrhunderten mini|hochkant|links|Edith Sitwell (Öl auf Leinwand, Roger Fry, 1918) Bei der historischen Beschreibung von Exzentrikern muss die genaue Faktenlage berücksichtigt werden, die oft umso ungenauer ist, je weiter man in der Zeit zurückgeht. Dies schließt auch die genaue Kenntnis des Umfelds, des durch Gesetz oder Verhaltenskodex geregelten „normalen Verhaltens“, ein, denn der Exzentriker verhält sich anders als die um ihn herum lebenden normalen Menschen.In diesem Zusammenhang ist „normal“ ein relativer Begriff. Ein heute durch sein Verhalten als „normaler Mensch“ Gekennzeichneter würde gegen viele Verhaltensnormen des Mittelalters oder selbst heutiger, andersartiger Kulturen verstoßen. Als historische Person, bei der die Schlussfolgerung Exzentriker oder nicht? nicht getroffen werden kann, wird Nero genannt. Edith Sitwell habe in ihren 1933 erschienenen Buch The English Eccentrics ebendiesen Fehler gemacht, indem sie auch Scharlatane und „dekorierte Eremiten“ beschrieben habe, die sich für Geld ungewöhnlich verhielten.
Die 150 historischen Exzentriker, die von Weeks und James zitiert werden, finden sich im Zeitraum von 1551 bis 1950 und sind mehrfach und über unterschiedliche, unabhängige QuellenDas erforderliche Minimum für die Qualifikation waren zwei unabhängigen Quellen, die diese Person als „exzentrisch“ (oder Synonyme davon) bezeichnen. abgedeckt. Als ältester Exzentriker dieser Liste wird the Honourable Henry Hastings (1551–1640) erwähnt, ein englischer Landadeliger und „Original in der Zeit, in der er lebte“. Weitere sind John Bigg (1629–1696), der „Dinton Hermit“ (Einsiedler von Dinton/Buckinghamshire) und Sir Thomas Urquhart (1611–1660), der angeblich an einem Lachanfall starb. Ab etwa 1725 werden vermehrt Exzentriker gefunden.
Eine Analyse der historischen Exzentriker Großbritanniens in Bezug auf ihre soziale Schicht ergab folgendes Ergebnis: Hochadel 16 %, Landadel 21 %, obere Mittelschicht 49 %, untere Mittelschicht 10 %, Arbeiterklasse 4 %. mini|hochkant|Victoria Claflin Woodhull: „… an inalienable, constitutional, and natural right to love whom I may, to love as long or as short a period as I can, to change that love every day if I please!“Frei übersetzt: „… ein unveräußerliches, konstitutionelles und natürliches Recht zu lieben, wen ich möchte, so lange oder so kurz wie ich kann, um diese Liebe jeden Tag zu ändern, wenn es mit gefällt!“ Die Erklärung geht dahin, dass die Reichen und Mächtigen („müßigen Klassen“) einerseits bessere Voraussetzungen hatten, ihrer Exzentrizität freien Lauf zu lassen, andererseits gilt ihnen auch das Interesse ihrer Mitbürger, die sie aufmerksam beobachten – und schriftliche Belege hinterlassen. Zu den oberen Klassen gehören beispielsweise der Schriftsteller und Baumeister William Thomas Beckford (1760–1844) und der Politiker und allem Morbiden zugeneigte George Augustus Selwyn (1719–1791). Einer der selteneren Unterklassen-Exzentriker war der Schotte Henry Prentice.
Zur Tendenz der britischen Klassenverteilung passt auch, dass während der harten Pionierzeit in Amerika kaum Exzentriker zu finden sind, und sie erst ab dem Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts auftauchten. John Chapman (1774–1847) wurde unter dem Namen „Johnny Appleseed“ bekannt und widmete sein ganzes Leben dem Pflanzen von Apfelbäumen. Ebenso zeigte Davy Crockett (1786–1836) exzentrische Züge. Es folgen viele weitere Beispiele mit der Bemerkung, dass die Extrovertierten (etwa 3/4 der 150 Fälle) als „beliebt und populär“ beschrieben wurden, die Introvertierten (etwa 1/4 der 150 Fälle, darunter auch „Einsiedler“) wurden eher „misstrauisch“ abgehandelt.
Historisch exzentrische Frauen wurden früher fast ausschließlich in den Oberschichten dokumentiert. Zu ihnen gehörte Victoria Claflin Woodhull (1838–1927), eine US-amerikanische Journalistin, Zeitungsverlegerin, Finanzmaklerin, Spiritistin und eine der bekanntesten Frauenrechtlerinnen des 19. Jahrhunderts. Weitere war die britische Schriftstellerin und Botschaftergattin Margaret-Ann Tyrrell (1924–1939), die im Botschaftsgarten in Paris hoch in einem Baum verborgen an einer Neuinterpretation der Weltgeschichte schrieb und Susanna Montgomery, Countess of Eglinton (1690–1780), die ihr Abendessen zusammen mit dressierten Ratten einnahm, die sie für dankbarer als Menschen hielt.
Aus der Analyse der 150 historischen Exzentriker (und als Abgrenzung zu Scharlatanen) wird geschlossen: „Wirkliche Exzentriker spielen niemals etwas vor. Sie sind starke Individuen mit ganz eigenen, sonderbaren Neigungen […]. Zu Kompromissen sind sie nicht bereit.“