Andreas Kurzmann (gestorben zwischen 1428 und 1431) war ein Zisterziensermönch im obersteirischen Stift Neuberg an der Mürz, wo er als Kantor, Abschreiber lateinischer Werke und Verfasser deutschsprachiger geistlicher Dichtungen wirkte.

Leben Andreas Kurzmann lebte und wirkte in der zweiten Hälfte des 14. und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts und dürfte steirischer oder niederösterreichischer Herkunft gewesen sein, wie Studien zum Wortschatz des Dichters ergeben haben.hierzu beispielsweise: Peter Wiesinger: Reflexe gesprochener Sprache im Frühneuhochdeutschen. Am Beispiel des steirischen Dichters Andreas Kurzmann. In: Harald Burger, Alois M. Haas, Peter von Matt (Hrsg.): Verborum amor. Studien zu Geschichte und Kunst der deutschen Sprache. Festschrift für Stefan Sonderegger zum 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin 1992, S. 361–395. Über die Person Andreas Kurzmann ist nur wenig bekannt. Das Wenige, das die Nachwelt über den obersteirischen Dichtermönch weiß, basiert lediglich auf Ableitungen und Schlussfolgerungen aus den handschriftlichen Notizen von Kurzmanns Mitbruder Heinrich Schäbel und den Schreibervermerken des Dichters selbst.Peter Wiesinger: Einige Bemerkungen zu Andreas Kurzmanns Reimübersetzung des Speculum humanae salvationis anlässlich des Editionsvorhabens. In: Alfred Ebenbauer, Fritz Peter Knapp, Anton Schwob (Hrsg.): Die mittelalterliche Literatur in der Steiermark. Peter Lang, Bern [u. a.] 1988, S. 300 (= Jahrbuch für Internationale Germanistik, 23).

Aus dem Schreibervermerk im Codex 194 der Stiftsbibliothek Seitenstetten wird deutlich, dass Kurzmann diese Abschrift des Neuen Testaments am 10. Februar 1390 fertigstellte und zu diesem Zeitpunkt bereits Neuberger Profess war, ein genaues Datum des Gelübdes kann jedoch nicht eruiert werden. Ferner verzeichnet der Vermerk der Hs. 1254 der Universitätsbibliothek Graz vom 7. März 1396 Andreas Kurzmann als Kantor des Neuberger Stifts – auch seine Profess wird in diesem Zuge erwähnt. Demnach muss Andreas Kurzmann vor 1390 ins Zisterzienserkloster Neuberg an der Mürz eingetreten sein, legte dort seine Profess ab und agierte als (Vor-)Sänger und Schreiber. In der Literatur wird Andreas Kurzmann zuweilen auch das Amt des Vikars in Spital am Semmering zugeschrieben, was aus dem Kolophon der Hs. 1253 der UB Graz erschlossen wird. Dabei dürfte es sich jedoch um eine Fehlinterpretation handeln: So verweist Bruder Andreas nach der Nennung seines Namens nicht auf sich selbst, sondern auf einen Herrn Christian, der zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Codex das Amt des Kirchenrektors bekleidete. Mit dem 22. September 1407 liegt das Datum des letzten eigenhändigen Kolophons von Andreas Kurzmann in der Hs. 1295 der UB Graz vor. Das Sterbedatum des obersteirischen Dichtermönchs ist nicht bekannt, sein Tod wird auf die Jahre zwischen 1428 und 1431 datiert. Aufschlussreich ist diesbezüglich der handschriftliche Vermerk von Kurzmanns Mitbruder Heinrich Schäbel in der Hs. 856 der UB Graz: Schäbel versah den Codex mit 4 Datumsangaben: Während die ersten zwei Vermerke mit 1428 datiert wurden, wurden im dritten 1431 und im vierten 1462 als Jahr der Fertigstellung der jeweiligen Abschrift angegeben. Andreas Kurzmann wird jedoch erst zwischen dem zweiten und dem dritten Vermerk angeführt, womit sich als terminus ante quem das Jahr 1431 ergibt.Arnvid Unger: Andreas Kurzmann – ein Neuberger Dichtermönch. In: Zeitschrift des historischen Vereines für Steiermark, 99, 2008, S. 123–126. Außerdem: Vgl. Karin Morvay: Andreas Kurzmann. In: VL 5. 2. Auflage. 1985, Sp. 469.

Werke mini|hochkant|Universitätsbibliothek Graz, Ms. 1258, fol. 51r: Die Handschrift des Andreas Kurzmann, identifizierbar an den ausladenden g-Schleifen Neben festgesetzten Gebetszeiten, Verwaltungsarbeiten und der Bewirtschaftung (von Land und Wasser) war Schriftlichkeit ein inhärenter Teil im Tagesablauf eines Zisterziensermönchs. Zisterzienserorden gelten als „Pioniere der Schriftlichkeit im Allgemeinen wie des Urkundenwesens im Besonderen“.Reinhard Härtel: Notarielle und kirchliche Urkunden im frühen und hohen Mittelalter. Böhlau [u. a.], Wien [u. a.] 2011, S. 142. Die Klöster verfügten somit über elaborierte Skriptorien, in denen Texte abgeschrieben und neu verfasst wurden. Auch Andreas Kurzmann war ein sogenannter „Schreiber-Mönch“, der im Zuge seiner Arbeit in der Schreibstube nicht nur bestehende lateinische Werke abschrieb, sondern auch selbst geistliche Dichtungen verfasste.

Abschriften lateinischer Werke Bruder Andreas fertigte im Rahmen seiner Schreibertätigkeit zahlreiche Abschriften lateinischer Werke an, die von Kopien des Neuen Testaments, Predigten bis hin zu Texten, die im klösterlichen Schulunterricht Verwendung fanden, reichen.Andreas Kurzmann: Soliloquium Marie cum Jhesu. Diplomatischer Abdruck nach der Handschrift Graz, UB, Cod. 856 und Übertr. ins Nhd. v. Andrea Hofmeister. Universitätsverein Steir. Literaturpfade d. MA., Graz 2012, S. 13 (= Texte zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters. Band 1). Von Andreas Kurzmanns Schreibertätigkeit sind heute noch insgesamt 11 lateinische Handschriften erhalten. Während je eines der Manuskripte im Benediktinerstift Seitenstetten und der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) aufbewahrt wird, befinden sich die übrigen neun in der Handschriftensammlung der Universitätsbibliothek Graz, wohin ein Großteil der Handschriftenbestände nach der Auflösung des Stifts im Jahre 1786 verlagert wurde. Sieben dieser elf Handschriften [dazu zählen: Codex 3508 (ÖNB Wien), Hs. 589 (UB Graz), Hs. 595 (UB Graz), Hs. 672 (UB Graz), Hs. 677 (UB Graz), Hs. 911 (UB Graz), HS. 1258 (UB Graz)] weisen keinen Schreibervermerk Kurzmanns auf. Aufgrund des charakteristischen typographischen Schriftbilds können diese Handschriften – auch ohne expliziten Verweis auf den Zisterziensermönch – dennoch eindeutig seiner Hand zugewiesen werden: Dabei sind es vor allem die ausladenden g-Schleifen in der jeweils untersten Zeile des Schriftspiegels, die zur auffälligen Schriftcharakteristik Kurzmanns beitragen. Daneben trägt die steile Schrift mit einem relativ hohen Ansetzen der Graphen l und a zur Identifizierung seiner Hand bei.Unger, Andreas Kurzmann (wie Anm. 3), S. 127.

Überlieferung

mini|hochkant|Universitätsbibliothek Graz, Ms. 1253, hinteres Vorsatzblatt: Nachzeichnung der Neuberger Madonna (?) Stiftsbibliothek Seitenstetten, Codex 194 (1390, Schreibervermerk auf fol. 135rb): Hier handelt es sich um eine Sammelhandschrift; der erste Teil des Codex – eine vollständige Niederschrift des Neuen Testaments – stammt dabei aus Kurzmanns Feder. Die Handschrift gehört nicht zu den Seitenstetter Altbeständen. In welchem Jahr der Codex in die Obhut der Stiftsbibliothek gelangt ist, kann zeitlich nicht rekonstruiert werden. Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Codex 3508: Inhalt: Libellus definitionum ordinis Cisterciensis ab initio mutilus, Novellae definitiones factae 1316 und Statuta temporalia. Obgleich die für Kurzmann charakteristischen g-Schleifen am Ende des Blattes fehlen, wird der Codex in der Forschung – nicht ohne Gegenstimmen – Kurzmanns Schreiberhand zugewiesen.Peter Wiesinger: Schreibung und Aussprache im älteren Frühneuhochdeutschen. Zum Verhältnis von Graphem – Phonem – Phon am bairisch-österreichischen Beispiel von Andreas Kurzmann um 1400. De Gruyter 1996, Berlin / New York, S. 8 f. (= Studia Linguistica Germanica, 42) Universitätsbibliothek Graz, Hs. 1254 (1396, Schreibervermerk auf fol. 180v): Inhalt: Theologische und hagiographische Texte unter anderem bspw. von Johannes Guallensis und Thomas de Hibernia, Pseudo-Johannes Crysostomus oder Pseudo-Augustinus. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 1253 (1403, Schreibervermerk auf fol. 88v): Inhalt: Regulae pastoralis liber von Gregor dem Großen. Des Weiteren birgt die Handschrift eine Zeichnung auf dem hinteren Vorsatzblatt. Obwohl es sich hier lediglich um eine ‚Federprobe‘ handeln könnte, liegt die Vermutung nahe, dass Andreas Kurzmann, dessen Hand sich für den gesamten Codex verantwortlich zeigt, hier seine Fähigkeiten als Illustrator unter Beweis stellen wollte. Möglicherweise hat sich Bruder Andreas gemäß zisterziensischer Tradition der Marienverehrung mit dieser Skizze an einer Nachzeichnung der Neuberger Madonna versucht.Andreas Kurzmann: Soliloquium Marie cum Jhesu (wie Anm. 5), S. 15. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 1295 (1407, Schreibervermerk auf fol. 185r): Inhalt: diverse theologische Texte, so zum Beispiel Super hymnos cisterciensis ordinis. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 589: Inhalt: Tabula zur Summa poenitentialis von Thomas de Chabham sowie weiters ein lateinisches Rundschreiben an Pfarrer und Seelsorger bezüglich des Osterdienstags in Spital am Semmering im 15. Jh. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 595: Inhalt: Sermones de sanctis per totum annum von Johannes Militius. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 672: Inhalt: Texte von Beda Venerabilis, Maximilian Taurinensis, Fulgentius, Pseudo-Augustinus und Leo dem Großen. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 677: Inhalt: Texte von Humbertus de Romanis (* um 1200; † 14. Juli 1277)Wolfgang Wegner: Humbert von Romans. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 641. und Pseudo-Johannes Chrysostomus. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 911: Inhalt: Liber pastoralis Cura von Gregor dem Großen. Universitätsbibliothek Graz, Hs. 1258: Inhalt: Neben drei anonymen Predigten finden sich in dieser Handschrift u. a. Texte von Pseudo-Augustinus, Gregor dem Großen und Bernhard von Clairvaux. Drei dieser Predigten enthalten eingefügte deutsche Wörter (Glossen) – ob diese aus der Hand des Zisterziensermönchs stammen oder getreu den Vorlagen entnommen wurden, kann nicht festgestellt werden. Anton Kern glaubt, die anonym überlieferten Texte der Autorschaft Kurzmanns zuweisen zu können.

Deutschsprachige geistliche Dichtungen Andreas Kurzmann hat nicht nur lateinische Werke abgeschrieben, sondern wirkte auch selbst als Verfasser fünf deutschsprachiger geistlicher Texte. Es handelt sich dabei um deutsche Reimpaardichtungen, die Kurzmann eher frei nach lateinischen Vorlagen gestaltete. Die Texte in der Volkssprache Deutsch dienten der katechetischen Unterweisung von Laienbrüdern sowie einfachen Gläubigen, und so war Bruder Andreas darum bemüht, die geistlichen Dichtungen in schlichter und volksnaher Sprache niederzuschreiben.Unger, Andreas Kurzmann (wie Anm. 3), S. 129. Die zentrale Botschaft in und hinter Bruder Andreas‘ Texten ist das Vertrauen auf die Güte und Gnade Gottes und darauf, dass sich alle Gläubigen, die eine christliche Lebensweise unter den Geboten Gottes führen, dessen Erbarmen sicher sein können. Nimmt die Marienverehrung im Leben eines Zisterziensermönchs eine besondere Stellung ein, so erhält die Gottesmutter gemäß dieser Tradition in Kurzmanns Werken ebenfalls ihre besondere Rolle als Fürsprecherin der Gläubigen.Andreas Kurzmann: Soliloquium Marie cum Jhesu. (wie Anm. 8), S. 13. Obgleich Bruder Andreas keine direkten Kontakte zur vorreformatorischen Strömung der Pastoraltheologie nachgewiesen werden können, weisen die Intentionen hinter Kurzmanns Dichtungen dennoch zeitgeistige Parallelen damit auf. Ziel dieser Seelsorge war es, den Gläubigen Hoffnung auf die Errettung ihrer Seele zu geben und damit Stütze und Hilfe echter Lebensbewältigung zu sein.Andrea Hofmeister-Winter: Sterben lernen zwischen Mittelalter und Gegenwart. Andreas Kurzmanns Gedicht ‚De quodam moriente‘ als Impulsgeber für einen themenorientierten Literaturunterricht. In: Literatur-Erlebnisse. Aktuelle didaktische Konzepte und Reflexionen zur Vermittlung deutschsprachiger Texte zwischen Mittelalter und Gegenwart. Peter Lang, Frankfurt am Main 2015 (= Mediävistik zwischen Forschung, Lehre und Öffentlichkeit. Band 9). S. 287–288.