Feiwel ist ein männlicher jüdischer Vorname und Familienname, der bis zum Holocaust vor allem bei den mittel- und osteuropäischen Jiddisch sprechenden Juden weit verbreitet war.
Varianten Der Name Feiwel ist in verschiedensten SchreibweisenYad Vashem Database; auch bei Kessler, S. 26. überliefert: z. B. als Fabisch, Fabian, Faibis, Faibish, Faivel, Faivil, Faivl, Faivus, Fajwel, Fajvish, Fajwisz, Favel, Favil, Favis, Faivish, Favl, Faybish, Fayvel, Fayvish, Fayvus, Fayvush, Fayvysh, Fyvush, Feibel, Feibisch, Feibish, Feibusch, Feibush, Feivish oder Fejwl.
Feiwel kommt auch als Familiennamen z. B. in den Formen Fabers, Fabian, Fabisch, Faißt, Fauwers, Febelmann, Feibel, Feibelmann, Feibisch, Feibusch, Feischel, Feiß, Feist, Feiwel, Feubel, Feubes, Feubus, Feud, Feudel, Feudeler, Feust, Pfeisch, Pheibian, Pheubel, Pheubers, Pheubus oder PheubuschKessler, S. 11. vor. Unter den 12.000 gefallenen jüdischen Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs finden sich beispielsweise auch: Ernst Feibel, Oskar Feibelmann, Bruno Feibelsohn oder Arthur Feibusch.Gedenkbuch des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, S. 31. Weitere Beispiele wurden in dem 14.000 reale Namen umfassenden Projekt „Von Arthur Aal bis Rosa Zwirn“Aus dem Kunst- und Poesieprojekt „Von Arthur Aal bis Rosa Zwirn. Die schönsten jüdischen Namen deutscher Sprache“ von Renate Rosenberg und Leibl Rosenberg, Nürnberg 2010–2012, ungedruckt. namhaft gemacht: Sally Feibel, Julian Feibelman, Hulda Feibelsohn, Hedwig Feibes, Georg Feibusch und Chaskiel Feiweles.
Herkunft und Bedeutung des Namens Der Name Feiwel leitet sich etymologisch mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von ab. Phoibos war und ist auch als hebräischer Name Uriel (Kurzform Uri) in Gebrauch.
Das Lateinische kennt diesen Namen als Phoebus. Er bedeutet „der Leuchtende“ oder „der Glänzende“ und ist ein Beiname des Apollon, der Sonnengott, die Sonne; die feminine Form ist Phoebe () d. i. die Klare, Glänzende, ein Beiname der Mondgöttin Artemis (griechische Mythologie) und DianaHeyse, S. 700. (römische Mythologie).
In Paulys Lexikon der Antike finden sich folgende Ausführungen zu Apollon:
Die Behauptung, der Name Feiwel stamme von einem fiktiven Vorfahren namens „Vivus“ herBeider, Bd. 1, 351, zitiert z. B. in: Mi yodeah, abgeleitet vom lateinischen Adjektiv vivusvom Verbum vivere (vivo, vixi, victurus) leben, noch am Leben sein, fortleben. (lebend, lebendig) – was wiederum das Äquivalent für den hebräischen Namen Chajim (oder Chaim) darstellen würde – lässt sich weder sprachgeschichtlich aufrechterhalten noch durch Quellen belegen. Es gibt in Forschung und Überlieferung keinen Beleg für eine Person namens „Vivus“, weder als Vor- noch als Familienname, noch in dieser oder in einer ähnlichen Schreibweise. Weitere Erklärungsansätze, die sich – wie bei GuggenheimerGuggenheimer, S. 231, verweist ohne nähere Begründung z. B. auf das Werk Sefer Dameseq Eliezer (1865) – widersprechen oder ohne nachprüfbare Belege bleiben, sind etymologisch und sprachgeschichtlich nur von geringem Wert.
Tatsächlich wird der Name Feiwel im religiösen und traditionellen Sprachgebrauch meist mit dem ursprünglich aramäischen Namen Schraga, aramäisch für die KerzeAlltags- und Umgangssprache im alten Israel vor und nach der Zeitenwende war Aramäisch. Das Hebräische, die Heilige Sprache, wurde beinahe ausschließlich im gottesdienstlichen Ritus und beim Studium der Heiligen Schriften gebraucht. Wichtigste aramäische Text- und Sprachquelle des nachbiblischen Judentums ist der Targum Onkelos, verknüpft. Sie werden sehr oft gemeinsam, beinahe synonymisch, vergeben und getragen. Eine dazu parallele Verknüpfung tritt auch mit dem hebräischen Namen Uri (= mein Licht) auf.
Das Argument, Juden würden prinzipiell nicht den Namen einer heidnischen Gottheit tragen, wäre nur dann stichhaltig, wenn so ein Namensgebrauch Ausdruck eines strikt verbotenen GötzendienstesBabylonischer Talmud, Traktat Aboda zara (Vom Götzendienste, wörtlich „fremder Dienst“), 8. Abschnitt in der Mischna-Ordnung Neziqin, Band IX, S. 433 ff. wäre. Tatsächlich waren Namen griechischen Ursprungs bereits in der Antike unter Juden weit verbreitet, z. B. Agrippa, Alexander, Philipp, Philo etc. Der aus dem Buch Esther bekannte Name Mordechai (, auch Mordochai) ist mit großer Wahrscheinlichkeit von dem babylonischen Gottesnamen MardukOberster Gott im babylonischen Pantheon, Pauly 3, 1018., dem ursprünglichen Stadtgott Babylons, abgeleitet. Im Jiddischen wird aus Mordechai das umgangssprachliche Mottel oder Mottl.Name einer Gestalt in dem Roman „Tewje, der Milchmann“ von Scholem Alejchem Phoibos stellt lediglich eine von mehreren Erscheinungsformen oder Hypostasen des Gottes Apollon dar.
Namensvergabe Die Namensvergabe im Judentum ist keine Beliebigkeit, sondern ein religiöser Akt, der im Rahmen einer rituellen oder gottesdienstlichen Handlung stattfindet, bei Jungen bei der Beschneidung am achten Lebenstag, bei Mädchen in der Synagoge am ersten Schabbat nach der Geburt.
Walter Benjamin merkt dazu an: „Das tiefste Abbild dieses göttlichen Wortes und der Punkt, an dem die Menschensprache den innigsten Anteil an der göttlichen Unendlichkeit des bloßen Wortes erlangt, der Punkt, an dem sie nicht endliches Wort und Erkenntnis werden kann: das ist der menschliche Namen. Mit der Gebung des Namens weihen die Eltern ihre Kinder Gott; dem Namen, den sie hier geben, entspricht – metaphysisch, nicht etymologisch verstanden – keine Erkenntnis, wie sie die Kinder ja auch neugeboren benennen. Es sollte im strengen Geist auch kein Mensch dem Namen (nach seiner etymologischen Bedeutung) entsprechen, denn der Eigenname ist Wort Gottes in menschlichen Lauten. Der Eigenname ist die Gemeinschaft des Menschen mit dem schöpferischen Wort Gottes.“Benjamin, Sprache, Kap. 2.
Jüdische Namen werden mit Buchstaben des hebräischen Alphabets geschrieben und ausgesprochen, z. B. beim Aufruf (Alija) zur Torah, auf Verlobungs- bzw. Hochzeitsurkunden (Ketuba) oder Grabsteinen. In der jüdischen LebensweltZum Begriff der ‚Lebenswelt‘ vgl. die Schriften von Edmund Husserl. ist es uralte Sitte und Überlieferung, bei der Namensvergabe meist zwei Vornamen – wo immer möglich oder nötig die Namen verstorbener Familienmitglieder – den Vorzug zu geben. Nach dem Vorbild des JakobssegensDer Begriff Jakobssegen bezeichnet die Segenssprüche des sterbenden Stammvaters Jakob für die zukünftigen Zwölf Stämme Israels in Genesis 49, 3. 27. werden Namen miteinander verknüpft: Jehuda LöwZum Beispiel der Prager Rabbi und Mystiker Judah Löw oder Jehuda ben Bezalel Löw, bekannt auch als Rabbi Löw., Benjamin Wolf, Issachar Bär, Zwi Hirsch etc. So auch die Namen Uri, Schraga und Feiwel, die gemeinsam die Bedeutung „licht, hell, leuchtend, strahlend, glänzend“ in sich tragen.
Die hebräisch-jiddische Schreibweise des Namens Feiwel ist פייבל (Peh/Feh Jud Jud Bet/Wet Lamed). Die Transkription des Namens Phoebus kann im Hebräischen ausschließlich mit dem Buchstaben Peh/Feh und nicht mit dem Buchstaben Bet/Wet beginnen. Somit wäre die etymologische Ableitung des sicherlich seit der biblischen und talmudischen Zeit vergebenen Namens Feiwel von Phoibos zweifelsfrei erwiesen.
Sprachgeschichte Der Name Feiwel ist über das LateinischeÜber den Einfluss der Römer und der von ihnen nach Germanien gebrachten lateinischen Sprache auf die germanischen bzw. deutschen Sprachen und deren Phonologie, Semantik und Grammatik vgl. deutsche Sprachgeschichte, Latein, Lateinische Grammatik. (Phoebus) in den jiddischen Sprachgebrauch gekommen. Das Jiddische zählt zur germanischen Sprachengruppe und stellt im Kern das ansonsten seit Jahrhunderten ungebräuchliche Mittelhochdeutsch dar. Neben den gut erforschten Lautverschiebungen aus dem Indogermanischen über das Germanische zum Deutschen wären in diesem speziellen Fall zu berücksichtigen, dass bereits im Alt- und Mittelhochdeutschen das griechische aspirierte Φ (Phi) als „f“ gesprochen wurde. Darüber hinaus wurde parallel zur Wandlung des indogermanischen [o] in das germanische [a] aus dem griech. foibos das germanische faibos.Persönliche Hinweise des Sprachwissenschaftlers Prof. Dr. Wolfgang Huber
Namenforschung Der heute größte zugängliche Korpus jüdischer Namen findet sich in der Datenbank von Yad Vashem, Jerusalem.Yad Vashem – The World Holocaust Remembrance Center, Jerusalem, wurde 1953 in Jerusalem gegründet. The Central Database of Shoah Victims’ Names. Die Internetpräsenz Yad-Vashem.org.il enthält eine Datenbank mit den Namen und Angaben zur Verfolgung von mehr als 4,2 Millionen Holocaust-Opfern. Das Archiv umfasst eine Sammlung von über 58 Millionen Seiten Dokumentation und über 138.000 Fotografien.
Bei der Frage nach den häufigsten jüdischen männlichen Vornamen lässt sich in der Yad-Vashem-Datenbank folgende Reihung (Stand: 1. Oktober 2016) feststellen:
Moses (171.556), Jakob (159.956), Josef (158.803), Abraham (147.886), Isaak (140.820), Samuel (101,430), David (100.651), Salomon (98,936), Chaim (92.296), Israel (83.615), Levi (83.001), Leib (77.682), Hersch (69.754), Mordechai (65.216), Aron (55.330), Meyer (54,918), Michael (50.499), Simon (49.368), Menachem (48.740), Lazar (46.580), Elieser (46.580), Jehuda (45.274), Elias (42.141), Wolf (35.321), Benjamin (31.027), Nathan (28.616), Schaja (20.187), Ephraim (15.320), Feiwel (14.286), Fischel (9.565), Jona (9.548), Rafael (9.087), Daniel (8.957), Saul (8,612), Schraga (4.502), Menasche (4.191), Uri (2.439), Jonathan (671)
Yad Vashem nennt 14.286 Personen mit dem Vornamen Feiwel in den verschiedensten Schreibweisen, z. B. Faivel, Faivil, Fajwel, Fajwisz, Favel, Favil, Favis, Favl, Fayvel, Fayvish, Fayvus, Fayvush, Fayvysh, Feibel, Feibisch, Feibish, Feibusch, Feibush, Feiwel oder Fejwl. Weiterhin finden sich bei Yad Vashem 4.502 Personen, deren Vornamen Feiwel gemeinsam mit dem Vornamen Schraga (Shraga, Szraga etc.) aufgelistet werden. Feiwel / Phoebus und Schraga wurden noch bis ins 19. Jahrhundert hinein auch mit dem Namen Uri (hebr. mein Licht) genannt. Yad Vashem nennt 2.439 Personen mit diesem Vornamen.
Was den deutschen Sprachraum anbetrifft, lässt sich anhand des Gedenkbuchs für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945 belegen, dass lediglich 42 Personen mit dem Vornamen Feiwel und nur 3 Personen mit dem Familiennamen FeiwelZum Vergleich: In der österreichischen genealogischen Datenbank GenTeam werden die Familiennamen Feiwel, Feiweles und Feiwelsohn 92 mal genannt. verzeichnet sind. Wenn die verschiedenen Schreibweisen dieser Namen in die Suche mit einbezogen werden, finden sich dort 356 Personen. In so gut wie allen Fällen waren sie in Mittel- und Osteuropa (Deutschland, Polen, Österreich-Ungarn, Russland, Ukraine oder der Bukowina), also im Verbreitungsgebiet des Jiddischen, geboren. Sämtliche 154 deutsche Schoaopfer mit dem Vornamen Uri hingegen waren in Deutschland geboren worden. 13 Personen mit dem Familiennamen UryBekanntester Namensträger im deutschsprachigen Raum war der Künstler Lesser Ury (1861–1931) werden im Gedenkbuch aufgeführt.
Bekannte Namensträger Uri Phoebus ben Ahron Halevi (1625–1715), hebr. DruckerJüdisches Lexikon, IV/2, S. 1138. Uri aus Strelisk, mit dem Beinamen „Seraph“Jüdisches Lexikon, IV/2, S. 1138. (1757–1826)http://www.yivoencyclopedia.org/article.aspx/Uri_ben_Pinhas_of_Strelisk. Samuel ben Uri Shraga Phoebus, hebr. Schmuel ben Uri Schraga Feivish, polnischer Rabbiner und Talmudist aus Woydyslaw in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Meschullam Feibusch Heller (ca. 1742–1794), chassidischer Rebbe von Sbarasch/Ukraine Phöbus Moses Philippson (1807–1870) war Mediziner und Schriftsteller, Bruder von Ludwig Philippson (1811–1889) Uri Schrage Feiwel HaLevi SchreierUri Schrage Feiwel HaLevi Schreier (1819–1898), zionistischer Rabbiner in Boho-radčany, Galizien