mini|Südlicher Teil der Hafenbucht von Myndos mit Blick auf die Hasen-Insel (, ) Myndos (, ) ist der Name einer antiken Stadt in der historischen Landschaft Karien im Südwesten Kleinasiens, etwa 20 km westlich von Halikarnassos (heute ) auf der gleichnamigen Halbinsel in der Ägäis. Etwa ein Drittel der ehemals von einer Stadtmauer umgebenen Fläche ist heute von der türkischen Stadt überbaut.
Geographie Myndos wurde zunächst als Höhensiedlung gegründet, dann aber in die Ebene an eine Bucht der Ägäis verlegt, die ein natürliches Hafenbecken bildet. In der Mitte der Bucht liegt eine (Halb-)Insel (türk. Hasen-Insel), die durch eine heute wenige Zentimeter unter Wasser liegende Mauer mit dem Festland verbunden war. Dadurch konnte die Einfahrt zum Hafen besonders einfach geschützt werden. Direkt an der Küste erhebt sich die Landschaft in ein hügeliges Bergland.
Mythos und Geschichte Myndos wird von einigen antiken Autoren erwähnt. Die jeweiligen Ausführungen fallen dabei stets knapp aus, was daran gelegen haben könnte, dass die Stadt keine große politische Bedeutung hatte.
Myndos soll als Höhensiedlung von griechischen Siedlern aus Troizen, dessen Hafen ca. 50 km Seeweg von Athen entfernt lag, gegründet worden sein.Pausanias 2,30,7 . Die Stadt muss schon früh einen Hafen gehabt haben, der möglicherweise 3,5 km vom Siedlungsplatz entfernt an der Küste lag. Folgerichtig wurden Schiffe auch für kriegerische Auseinandersetzungen ausgestattet.
Beispielsweise berichtet Herodot über die Teilnahme einer Trireme auf persischer Seite am Versuch, im Jahr 500 v. Chr. die Insel Naxos einzunehmen.Herodot 5,33 . Der Schiffsführer mit dem griechisch-karischen Namen Skylax (mit dem Wortstamm Hund also etwa „Alter Hund!“) soll nachts keine Schiffswache aufgestellt haben. Der Streit um seine Bestrafung soll der Anlass für den Ionischen Aufstand gewesen sein.
Mindestens in den Jahren 453/452 bis 421/420 war Myndos Mitglied im attisch-delischen Seebund. Der Tribut in Höhe von 750 Drachmen war relativ gering, was z. B. daran gelegen haben könnte, dass Myndos stattdessen Schiffe stellte oder eine geringe politische Bedeutung hatte.
Für die Seeschlacht von Aigospotamoi im Jahr 405 v. Chr. stellte Myndos (mindestens) eine Trireme mit dem Kommandeur Theopompos, die auf der siegreichen Seite Spartas unter Lysander gegen Athen teilnahm. In Delphi wurde als Erinnerung an den Sieg ein Figurenensemble gestiftet, das auch eine Statue des Theopompos von Myndos umfasste.; Pausanias 10,9,7 .
Die (späteren) nicht Griechisch sprechenden lelegischen Bewohner entgingen zwar 362 v. Chr. einer Umsiedlung durch Maussolos in seine Regierungsstadt HalikarnassosStrabon 13,1,59 ., ihr Wohnort wurde jedoch direkt zum Hafen verlegt. Der Siedlungsplatz an der Küste wurde dafür mit einer großzügig ausgelegten Mauer umgeben. Angesichts der offensichtlich unverhältnismäßig großen Stadttore soll der Kyniker Diogenes den Ausspruch „Bürger von Myndos, schließet euer Tor, sonst wandert euch die Stadt aus“ geprägt haben.Diogenes Laertios 6,57 im . Beide Städte, „Myndos“ () und „Alt-Myndos“ (), könnten zeitweise gleichzeitig bewohnt worden sein.Plinius, Naturalis historia 5,107 .
Arrian behauptet, Alexander der Große habe Myndos im Jahr 334 v. Chr. vergeblich belagert: Während der Belagerung von Halikarnassos wurde Alexander zugetragen, dass sich Myndos ergeben würde, wenn er nachts vor dessen Toren erschiene. Er zog deshalb einen Teil des Belagerungsheeres von Halikarnassos ab und begab sich nach Myndos. Die Myndier ergaben sich aber nicht, sondern verteidigten die Stadt mit auf dem Seeweg herbeigeholten Verstärkungstruppen aus Halikarnassos. Alexander ließ einen Turm an der Stadtmauer unterminieren, was diesen zum Einstürzen brachte, aber die Mauer hielt stand. Daraufhin zog Alexander ab.Arrian, Anabasis 1,20,5–7 . Erst im folgenden Jahr 333 v. Chr. gelang es Alexanders Generälen Ptolemaios und Alessandros, die Stadt einzunehmen.Arrian, Anabasis 2,5,7 .
Im Jahr 308 v. Chr. nutzte Ptolemaios I. den Hafen der StadtDiodor 20,37,1 . und sie blieb im 3. Jahrhundert v. Chr. meist ptolemäisch.
Ab 200 v. Chr. ging der Einfluss der Ptolemäer im Ägäisraum sukzessive zurück. Im Verlauf des Fünften Syrischen Krieges bzw. des zeitgleich stattfindenden Zweiten Makedonisch-Römischen Krieges entfernte sich Myndos von der Einfluss-Sphäre Ägyptens. Es wurde 197 v. Chr. durch Rhodos, einen Alliierten Roms, militärisch gegen Angriffe durch Antiochos III. aus Persien beschützt.Livius, Ab urbe condita 33,20,11 . In einem Friedensvertrag zwischen Milet und Magnesia wird Myndos 196 v. Chr. als Verbündeter von Rhodos erwähnt.
In diese Zeit fällt die Erwähnung des Ortsnamens von Myndos im deuterokanonischen 1. Buch der Makkabäer des Alten Testaments: Es wird ein römischer Schutzbrief für die Juden beschrieben, der an verschiedene Könige und Länder gerichtet war, darunter u. a. Myndos, Karien, Halikarnass .
Myndos wurde 133 v. Chr. durch Aristonikos erobert; dessen Vater hatte sein Reich (einschließlich Karien mit Myndos) testamentarisch Rom übereignet.Florus 1,35,4 (bzw. 2,20) . Im Zuge Aristonikos’ Niederschlagung durch Rom wurde Myndos in die römische Provinz Kleinasien eingegliedert.
43 v. Chr. nutzte Cassius, einer der Caesar-Mörder, den Hafen von Myndos für die Vorbereitungen einer Invasion der Insel Rhodos, während Brutus in Lykien einen Kriegszug vorbereitete.Appian, bellum civile 4,65–77 . Myndos wurde dann von Marcus Antonius, dem Gewinner der Auseinandersetzung, vorübergehend der rhodischen Verwaltung unterstellt (wohl um von dort Geld als Wiedergutmachung für die Kriegsschäden eintreiben zu können).Appian, bellum civile 5,7 .
Myndos hatte eine größere jüdische Gemeinde und war in der byzantinischen Zeit Sitz eines christlichen Bischofs.
Münzen mini|Silberne Drachme aus der Mitte des 2. Jh. v. Chr. aus 1996 Myndos-Hoard CH 9.522. mini|Silberne Hemidrachme aus der zweiten Hälfte des 2. Jh. v. Chr. aus CH 8.481 Ab dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert sind Münzen aus Myndos belegt. Charakteristisch ist neben der Herkunftsangabe () und dem Namen eines Magistrats die Abbildung des Kopfschmucks der ägyptischen Göttin Isis (Sonnenscheibe mit Hörnern, darauf zwei Federn) oder eines geflügelten Blitzbündels (Donnerkeil, als Symbol für Zeus) auf dem Revers sowie die Darstellung einer Gottheit (Kopf des Zeus bzw. Serapis, des Apollon, des Dionysos, auch Athene und Artemis) auf dem Avers. Die Münzen wurden zum Teil als Hortfund angetroffen: JahrFundortKatalogaus Myndoswann geschlossen1888bei BodrumIGCH 13526 Drachmen2.-1. Jh. v. Chr.1934in KarienCH 8.48591 Drachmen, 8 Hemidrachmen, 71 Trihemiobolica. 100 v. Chr.?1987unbekanntCH 8.481188 Hemidrachmenca. 100 v. Chr.1989unbekanntCH 8.48222 Drachmenca. 100 v. Chr.1985unbekanntCH 8.4955 Drachmen, 39 Hemidrachmenca. 100-75 v. Chr.1996unbekanntCH 9.522ca. 300 Drachmenca. Mitte 2. Jh. v. Chr. Auf den ca. 730 oben angegebenen Münzen finden sich 46 Namen von Magistraten:AAigyptos, Alexandros, Amphiktyon, Apollodorus, Apollonios, ArtemesDDamo, Damogenes, Demetrios, Demopeithes, Demophon, Diodoros, Dion, DrakonEEpigonos, Etearchos, ExekesHHermogenes, Hermolykos, Herodoros, Hestiaios, HieroklesKKallikles, KallistratosMMenedemos, Menestratos, Menodoros, Menodotos, Menoites?, Menophilos, Metrodorus, MoiragenesNNikoklesPPeithias, Pheraios, Philippos, Philon, Pro[.]onSSostratos, Straton, SymmachosTTaurion, Theainetos, Theodoros, Theodotos, Theokles Beachtlich ist das Vorkommen der Doppelaxt, hier als Attribut eines Hauptgottes der Karer, den die Griechen (den kriegerischen Himmelsgott) nannten. Die Produktion von myndischen Silbermünzen wurde spätestens um 49 v. Chr. eingestellt. Es sind jedoch römisch-kaiserzeitliche Bronze-Münzen mit der Aufschrift gefunden worden.
Bistum In der Rangliste der Würdenträger der OstkircheNotitiae Episcopatuum: I 346, III 300, VIII 398, IX 308, X 414, XIII 264 bei ist Myndos unter den letzten fünf der Eparchie Karia und jeweils drei bzw. vier Plätze nach Halikarnassos aufgeführt.
Für die Jahre 431 n. Chr. und 451 n. Chr. sind in den Akten der Konzile von Ephesos und Chalkedon Bischöfe aus Myndos als Teilnehmer vermerkt: Archelaos von MyndosMansi IV 1158 und 1215 bei HathiTrust und Alphios von MyndosMansi VII 125 und 187/188 bei HathiTrust. Für die Jahre 680 n. Chr. in Konstantinopel (III) und 787 n. Chr. in Nicäa (II) ist jeweils ein Joannes episc. MindiMansi XI 211/212 und 858 bei HathiTrust sowie Mansi XII 997/998 bei fscire.it aufgeführt.
In der römisch-katholischen Kirche wird seit 1729 der Titel Bischof von Myndos (als Titularbischof) vergeben.
Archäologie Die wissenschaftlich-archäologische Erkundung des Gebiets der heutigen Stadt begann mit Reiseberichten u. a. von Charles Thomas Newton, John Linton Myres und William Roger Paton im 19. Jahrhundert. Systematische Ausgrabungen fanden in Myndos ab 2004 statt: zunächst durch das Museum für Unterwasserarchäologie in Bodrum, ab 2006 durch die Universität Bursa unter Leitung von Prof. Mustafa Şahin. Die Universität Hamburg beteiligte sich mit geophysikalischen Untersuchungen von 2011 bis 2014. Die Forschungsarbeiten wurden 2015 nach lokalpolitischen Auseinandersetzungen eingestellt.
Lelegische Mauer Die sogenannte lelegische Mauer erstreckt sich auf dem Bergrücken der Halbinsel Kocadağ, die den nördlichen Teil des Hafens von der Ägäis trennt. Şahin beschreibt die 2,75 m dicke Mauer als „aus größeren, wenig regelmäßig gefügten, polygonalen Blöcken eines harten Steins in Trockenmauertechnik errichtet“ ohne Fundierung und damit als eine kyklopische Mauer vom Typus III nach N. C. Loader. Diese Technik treffe man vor allem in Böotien und der Argolis an, womit eine Beziehung zu Troizen hergestellt wäre. Ein tiefer gelegener Teil der Mauer ist zum Teil mit späteren Befestigungen überbaut. Insgesamt umschließt sie einen möglichen Siedlungsbereich mit Felsvertiefungen, die vermutlich von Häusern stammen, sowie Spuren von Felsentreppen. Şahin vermutet hier den Ort von Alt-Myndos, den George Ewart Bean und John Manuel Cook (und andere) auf dem ca. 3,5 km landeinwärts gelegenen grauen Berg Bozdağ vermutet haben, denn dort finden sich neben Überresten einer „lelegischen“ Besiedelung ein Steinbruch sowie Anzeichen von historischem (Silber-)Bergbau. Andere Teile der Stadtmauer, beispielsweise an der östlichen Ecke (dort ist auch ein Turm), stammen aus der Zeit des Maussolos und sind aus Granit in pseudo-isodomer Technik gebaut.Grabungsberichte der Uldulağ-Universität Bursa:
Hasen-Insel () mini|Blick auf die Hasen-Insel (Tavşan Adası) Ausgrabungen sichtbar Durch Ausgrabungen 2009 und 2011 wurden Teile einer dreischiffigen Basilika freigelegt. Im mittleren Schiff ist ein ornamentaler Mosaik-Fußboden aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. gut erhalten. Im nördlichen Abschnitt dieser Basilika fanden sich zwölf früh-byzantinische Gräber mit kleinen Grabbeigaben, darunter Münzen aus dem 8. Jahrhundert sowie Fragmente von einem Marmor-Fries mit einer Jagdszene mit Pferd und Löwe. Dabei wurde ein Grab gefunden, das lediglich acht Schädel enthielt, in einem davon waren zwei 6 bis 8 cm langen Nägeln eingeschlagen. Es wird angenommen, dass der Kopf nach der Hinrichtung zur Schau gestellt wurde und die Nägel als Befestigung dafür dienten. Es könnte sich dabei eventuell um christliche Märtyrer handeln. Die Ausgrabungen deuten darauf hin, dass die Kirche bis zur Zerstörung durch ein Erdbeben im 12. Jahrhundert benutzt, dann aber nicht repariert und aufgegeben wurde.Grabungsberichte der Uldulağ-Universität Bursa:
In der Nähe fand man rechteckige Vertiefungen, die als Zisternen gedeutet werden, sowie einen Küchenbereich mit Terrakotta-Fliesen und einem Tandur-Ofen.
Außerdem wurde in westlicher Richtung ein U-förmiger stark beschädigter Altar entdeckt, der über dem Hafen „thront“; sein Äußeres war möglicherweise ursprünglich mit Marmorplatten bedeckt.