Die Quäkerschule Eerde war eine im April 1934 in Eerde, einem Ortsteil von Ommen, Provinz Overijssel, in den Niederlanden eröffnete Exil-Schule für in Deutschland durch die Nazis bedrohte Kinder. mini|Blick auf Schloss Eerde mit Nebengebäuden mini|Wasserschloss Eerde
Schloss Eerde und die Familie van Pallandt Die ersten bekannten AufzeichnungenGeschichte von Schloss Eerde stammen aus dem 13. Jahrhundert und erwähnen ein Haus Eerde, das im Jahr 1380 von dem Raubritter Evert van Essen in eine befestigte Burg umgewandelt wurde. Van Essen gab die Burg bald wieder auf, und in der Folgezeit wurde sie mehrmals belagert, geplündert und abgebrannt, aber immer auch wieder auf- und umgebaut. Im Jahre 1521 plünderten die Bewohner von Zwolle die Burg. Auch diese Plünderung wurde überwunden, und seit 1715 existiert das Schloss in seiner heutigen Form. Die Schlossanlage kam in den Besitz von August Leopold von Pallandt (1701–1779) aus einem weitverzweigten Adelsgeschlecht.Auf der Webseite Geschichte von Schloss Eerde wird ein „Johan Werner ‚Baron‘ van Pallandt, Lieutenant General of the Netherlands,“ als Erwerber des Anwesens im Jahre 1706 benannt. Der Park wurde im englischen Landschaftsstil umgestaltet, und es wurde eine Orangerie gebaut.
Um 1900 kam das HausIm Niederländischen wird es als „Kasteel“ bezeichnet. in den Besitz von Rudolph Theodorus van Pallandt (geboren 1868), der 1913 kinderlos starb. Er hinterließ Schloss Eerde seinem entfernten Cousin Philip Dirk Baron van Pallandt (1889–1979). Im Jahr 1924 übergab dieser das Schloss und Gut dem indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti, der es zu einem Zentrum des theosophischen Order of the Star in the East machte.Siehe hierzu auch ein Video auf YouTube: Krishnamurti in Eerde: „Home movie of the family Selleger, shot around 1927, with Jiddu Krishnamurti at the Eerde estate, Annie Besant arriving by plane in The Netherlands, and in the Tolstraat, Amsterdam, and images of one of the Starcamps at Ommen.“ In der Folge kamen Tausende von Menschen aus der ganzen Welt in Eerde zusammen, um hier Krishnamurti zu hören. Für diese jährlichen Treffen des „Sternenordens“ wurde in der Nähe des Schlosses eine große Anzahl von Holzbaracken für die Verwaltung, Küche, Sanitäranlagen und Lagerung errichtet, die später den Grundstock für das von den Nationalsozialisten eingerichtete Kamp Erika bildeten.
Im Jahre 1931 gab Krishnamurti, der sich 1929 vom „Sternenorden“ getrennt hatte, das von ihm offenbar schon länger nicht mehr genutzte Schloss Eerde an die van Pallandts zurück, während das Kampgelände noch bis 1939 für die Treffen des „Sternenordens“ genutzt wurde. Einige Details hierzu steuert der deutsch-amerikanische Historiker Hans A. Schmitt, ein ehemaliger Schüler der Quäkerschule Eerde, bei:
Nach Feidel-Mertz war es jedoch nicht nur van Pallandts Ehefrau, die die Odenwaldschule besucht hatte, sondern auch sein Schwager und sein Stiefvater, und seine Mutter Edith, eine Engländerin, sei so kinderfreundlich gewesen, dass sie eine nach ihr benannte Stiftung gegründet habe, die eine Montessori-Schule betrieb.Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. S. 152. Dank dieser günstigen Voraussetzungen konnte der in dem Zitat von Hans A. Schmitt erwähnte Piet Ariëns Kappers Schloss Eerde 1934 – nach Prüfung von 90 anderen Objekten in den Niederlanden – zum Aufbau der Quäkerschule Eerde übernehmen.
Vorgeschichte der Quäkerschule in Eerde Der Aufbau der Schule auf Schloss Eerde entsprach nicht dem ursprünglichen Plan der deutschen Quäker, sondern war der politischen Entwicklung in Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre geschuldet. Um das zu verstehen, ist ein Blick auf die Geschichte des deutschen Quäkertums hilfreich:
Die in Deutschland recht kleine Gemeinschaft der Quäker, die 1933 etwa 500 Mitglieder zählte, hatte sich Ende der 1920er Jahre dennoch dafür entschieden, eine eigene Schule zu gründen. Es sollte eine Schule für die eigenen Kinder werden, und Unterstützung erhielten die deutschen Quäker dabei von ihren britischen, amerikanischen und niederländischen Freunden. Hans A. Schmitt, der eine innere Verbindungslinie von der Ende des 18. Jahrhunderts von Ludwig Seebohm gegründeten ersten deutschen Quäkerschule zu den reformpädagogischen Ansätzen der Landerziehungsheime zieht, sieht die Motivation für eine solche Gründung in der den Quäkeridealen (competence, good sense, and service) zuwiderlaufenden deutschen Schulwirklichkeit:
1931 gründete die Deutsche Jahresversammlung, das Organisationsforum der Quäker, einen Ausschuss, der die Machbarkeit einer Schulgründung untersuchen sollte:
Der Bericht fiel positiv aus, und es begann sofort die Suche nach einem Standort, der für Tages- und Internatsschüler gleichermaßen geeignet sein sollte. Obwohl mit dem Verwaltungsgebäude der ehemaligen Saline Leopoldshall bald auch ein geeigneter Platz gefunden schien, verzögerte sich die Angelegenheit. Bedenken griffen um sich, dass das Vorhaben angesichts der zu geringen Schülerzahlen nicht zu realisieren bzw. den über ganz Deutschland verstreut lebenden Eltern ein einziger zentraler Schulstandort nicht zumutbar sei. Im Oktober 1932 setzte sich dann die Auffassung durch, dass die Schule nur zu verwirklichen sei, wenn sie „einen substantiellen Teil der Anmeldungen außerhalb Quäker-Kreisen finden“ könne.could recruit a substantial portion of its enrollment outside Quaker circles. Hans A. Schmitt: Quaker Efforts to Rescue Children from Nazi Education and Discrimination. S. 47. Und auch die finanzielle Unterstützung durch die amerikanischen und britischen Quäker wurde nun als unabdingbar erachtet.
Das Jahr 1933 warf dann alle weiteren Überlegungen über den Haufen. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung war schnell klar, dass eine Quäkerschule in der bisher diskutierten Form in Deutschland nicht mehr möglich sein würde. Der Glaube an die Notwendigkeit einer solchen Schule aber war ungebrochen, und hinzu kam, dass nun auch Arbeitsmöglichkeiten für Lehrer gefunden werden mussten, die durch die neuen politischen Verhältnisse ihre Existenzgrundlage verloren hatten.
Sich dieser Herausforderung zu stellen, bedeutete eine fundamentale Abkehr von den alten Schulplänen und hatte weitreichende Konsequenzen: Eine von den Quäkern initiierte Schule für die Verfolgten wäre möglicherweise eine Quäkerschule, in der es weder Quäker als Lehrer noch Quäkerkinder geben könnte. Und, da daran festgehalten wurde, eine deutsche Schule aufzubauen, musste das in letzter Konsequenz auch eine deutsche Schule außerhalb Deutschlands vorsehen. Der ursprüngliche Zweck, Quäkerkinder vor einem feindlichen Bildungsumfeld zu beschützen, verlangte nun nach breiteren und komplexeren Lösungswegen. Und, da nach Hans A. Schmitt Quäker nie in erster Linie darum besorgt waren, vorrangig sich untereinander zu helfen, sondern denen, die am meisten Not litten, war das Ziel vorgegeben:
Quäkerschule Eerde Welche Gründe dafür ausschlaggebend waren, die Schule in den Niederlanden anzusiedeln, ist nicht dokumentiert. Während deutschen Emigranten in Dänemark die Nähe zu Deutschland bedrohlich erschien und sie von dort in neue Länder aufbrachen, so zum Beispiel Minna Specht mit den Nachfolgeeinrichtungen des Landerziehungsheims Walkemühle oder Max Bondy, dem es selbst in Les Rayons in der Schweiz noch zu gefährlich schien, war den verantwortlichen Quäkern die Nähe zu Deutschland 1933/1934 offenbar noch kein Problem. Es hilft deshalb auch nicht, wenn Claus Bernet im Rückblick feststellt: „Hätte man zu diesem Zeitpunkt den Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 in Holland geahnt, hätte man einen Ort in der Schweiz gewählt.“Claus Bernet: Ja-sagen zum Judentum. S. 48. Allerdings: In Les Rayons existierte damals noch eine recht großzügig ausgestattete Quäkerschule, die von der englischen Quäkerin Emma Thomas geleitete International Fellowship School. Sie wurde 1936 aus finanziellen Gründen geschlossen und anschließend von Max und Gertrud Bondy übernommen.
Mit der Entscheidung für die Niederlande fiel dem oben schon erwähnten Piet Ariëns Kappers eine wichtige Rolle zu. Er war ein Kaffee-Importeur und Schreiber (ein offizielles Quäkeramt) des auch erst 1931 gegründeten „Dutch Yearly Meeting“ und verfügte über Kontakte ins niederländische Erziehungsministerium. Dadurch konnte er die Konditionen klären, zu denen eine Schule für ausländische Schüler machbar wa und ebenso die Konditionen für die Aufnahme niederländischer Schüler in eine solche Schule. Parallel dazu betrieb er die ebenfalls schon erwähnte Standortsuche und kam so nach etwa 90 geprüften Objekten auf Schloss Eerde und den Baron van Pallandt.
So präzise die Vorstellungen von Kappers waren, so erfolgreich seine Vorarbeiten für die Schulgründung: diese selbst stand noch im März 1934 auf der Kippe, weil sich mit dem Akt der Gründung unterschiedliche Interessen verbanden:
Wie verfahren die Situation war, geht aus einem von Budde zitierten Dokument hervor, nach dem die zuvor erwähnte Bertha Bracey noch am 23. März 1934 dafür plädiert habe, das gesamte Schulprojekt aufzugeben und das eingeworbene Geld anderweitig für deutsche Flüchtlinge zu verwenden.Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 89. Nur wenige Tage zuvor, am 16. März 1934, hatte Katharina Petersen ihre Zusage gegeben, die Schule zu leiten. Ihrer Berufung war ein nicht minder verworrener und von unterschiedlichen Interessen geleiteter Auswahlprozess vorausgegangen.
Angesprochen wurden vor dem Hintergrund dieses Anforderungsprofils Personen, die überwiegend reformpädagogische Ansätze in der schulischen Erziehung oder der Sozialpädagogik vertraten: Paul Geheeb, Elisabeth Rotten, Elisabeth Blochmann, Amalie KellerKurzbiografie von Amalie Keller im Stadtlexikon Darmstadt sowie der Pastor Wilhelm Mensching und der in der deutschen Quäkerorganisation sehr aktive Rudolf Schlosser. Sie alle sagten ab. Auf Vorschlag von Schlosser wurde dann Katharina Petersen angesprochen.Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. S. 155. Budde führt noch eine deutlich längere Liste von Namen an, die für die Schulleitung gewonnen werden sollten, und zitiert dann zu der getroffenen Entscheidung den Schreiber der „Deutschen Jahresversammlung“, Hans Albrecht, der in einem Brief an Katharina Petersen verdeutlicht, „dass es sich bei der Schule selbst wie bei der Mitarbeit um ein ‚Wagnis (adventure) im quäkerischen Sinne‘ handelt, weshalb wenigstens für das erste Jahr eine gegenseitige Lösung des Mitarbeiterverhältnisses innerhalb von vier Wochen jederzeit möglich sein soll, ja sogar im Interesses des Aufbaues nötig ist“.Peter Budde: Katharina Petersen und die Quäkerschule Eerde. S. 90–91.
Auch bei der Berufung des stellvertretenden Schulleiters spielten einige Unwägbarkeiten eine Rolle:
Aufbaujahre