Semele (HWV 58), eigentlich The Story of Semele, ist ein musikalisches Drama zwischen Oratorium und Oper in drei Akten von Georg Friedrich Händel. Neben Hercules ist es eines seiner beiden dramatischen Oratorien, welche kein biblisches, sondern ein mythologisches Thema zur Grundlage haben. Das Libretto stammt ursprünglich von William Congreve.

Werkgattung Der Gattungstyp der Story of Semele ist in der Forschung umstritten. Händel selbst ließ das Werk am Tag der Uraufführung und den folgenden Aufführungen der ersten Serie in The London Daily Post mit dem Hinweis „After the Manner of an ORATORIO“ ankündigen, distanzierte sich also etwas von dem Begriff Oratorium, den er ansonsten verwendete. Für die Ankündigungen der Wiederaufnahmen vom Dezember 1744 im King’s Theatre am Haymarket gab er erst gar keine Gattungsbezeichnung an. Neben der Stoffwahl unterscheidet sich Semele auch von den anderen Oratorien (außer Hercules), als der Chor einen nur verhältnismäßig kleineren Anteil hat und meist nur kommentierend wirkt, ohne in die Handlung einzugreifen.

Händel führte Semele trotz im Libretto vorhandener Szenenanweisungen immer konzertant auf. Trotzdem hat man sie oft als Oper bezeichnet, womit sie, nach Henry Purcells Dido und Aeneas, eine der ersten echten englischsprachigen Opern wäre. Im 20. Jahrhundert wurde sie mehrmals (zuerst 1925 in Cambridge) erfolgreich szenisch aufgeführt.

Entstehung Im März 1743 führte Händel seinen zuvor nur in Dublin gespielten Messiah das erste Mal in London auf, doch gegen die Präsentation biblischer Texte in einem Opernhaus als „Entertainment“ gab es verbreitet Widerstand, besonders vom anglikanischen Klerus. Offenbar darauf reagierend nahm sich Händel für die kommende Spielzeit kein biblisches Sujet vor, sondern griff auf die griechische Mythologie zurück.

Thomas Augustine Arne hatte im Zuge einer Wiederbelebung der Dichtungen von William Congreve dessen The Judgment of Paris komponiert und im März 1742 sehr erfolgreich im Londoner Drury Lane Theatre uraufgeführt. Vielleicht deshalb ergriff auch Händel ein Libretto Congreves: The Story of Semele. Aber zunächst war Händel krank und konnte nicht arbeiten, da seine Lähmungserscheinungen im rechten Arm und die geistige Trübung, die nach seinem Schlaganfall 1737 das erste Mal auftraten, wieder präsent waren:

Noch im Juni 1743 bescheinigen Freunde Händels seine gesundheitlichen Einschränkungen, so in einem Brief des Anwalts Thomas Harris, einem glühenden Anhänger Händels, an seinen Bruder, den Philosophen James Harris:

Obwohl Händel offenbar Anfang Juni von seinen Beschwerden noch nicht vollständig genesen war, begann er doch am 3. Juni 1743 mit der Komposition des ersten Aktes der Semele und notiert in seiner Partitur: „♃ [Donnerstag]. angefangen den 3. June 1743“. Am 13. Juni schloss er ihn ab: „☽ [Montag] Juny. 13. 1743.“ Der zweite Akt wurde sieben Tage später fertig: „☽ [Montag] 20 June 1743“. Mit der Komposition des dritten Aktes und dem Ausfüllen der Mittelstimmen stellte er das Werk am 4. Juli fertig: „G. F. Handel London ☽ [Montag] July 4. 1743. Völlig geendiget“. Diesmal, wohl weil es kein geistliches Werk war, verzichtete er auf seine sonst übliche Dankesformel Soli Deo Gloria am Ende der Partitur. Kaum war er damit fertig, komponierte Händel bis zur Erstaufführung der Semele noch das Dettinger Te Deum (HWV 283), das dazugehörige Anthem (HWV 265), sowie das nächste Oratorium Joseph and his Brethren (HWV 59). So konnte Charles Jennens im September seinem Freund mitteilen:

mini|Élisabeth Duparc, detta La Francesina, sang die Titelpartie in der Uraufführung. Die Uraufführung der Semele war dann am 10. Februar 1744 im Theatre Royal in Covent Garden in der jährlich während der Fastenzeit stattfindenden Konzertreihe. Das Publikum erwartete natürlich ein biblisches Thema, doch das amouröse Thema von Semele bezog sich offensichtlich auf die griechische Mythologie und missfiel daher denjenigen, die Bewährtes erwartet hatten. Da das Werk zudem in englischer Sprache verfasst war, irritierte es andererseits auch die Anhänger der italienischen Oper. Händel hatte keine eigene Opernakademie mehr und für die konkurrierende Adelsoper, die „Opera of the Nobility“, komponierte er nicht. Obwohl es in der Spielzeit im Anschluss noch drei Wiederholungen gab, wurde Semele trotz dieses Anfangserfolges vom Londoner Publikum nicht angenommen. In der folgenden Saison nahm es Händel nur noch zweimal im Dezember desselben Jahres wieder auf. Hierfür überarbeitete er das Stück, strich vier Abschnitte des Dialogs mit sexuellen Anspielungen und nahm Ergänzungen vor. So streute er fünf Arien in italienischer Sprache aus Arminio und Giustino ein, vielleicht auch, um in der Gunst des Opernpublikums zu steigen, ganz sicher aber, um den neuen italienischen Sängern entgegenzukommen, die des Englischen nicht mächtig waren. Dies betraf die Rollen der Juno und des Athamas.

Die Rollen waren bei der Uraufführung mit folgenden Sängern besetzt:

Semele – Élisabeth Duparc, genannt „La Francesina“ (Sopran) Jupiter und Apollo – John Beard (Tenor) Athamas – Daniel Sullivan (Altus) Juno und Ino – Esther Young (Alt) Iris – Christina Maria Avoglio (Sopran) Cadmus / Somnus / Hohepriester – Henry Theodore Reinhold (Bass)

Aufführungsgeschichte Nach den sechs von Händel veranstalteten Vorstellungen, wagte es erst wieder Händels Vertrauter Johann Christoph Schmidt der Jüngere mit seinem Kollegen John Stanley im Jahre 1762 das Stück auf den Spielplan in London zu setzen, allerdings nicht, ohne größere Eingriffe, vor allem Kürzungen, vorzunehmen.

Danach war das Werk erst wieder sporadisch im 19. Jahrhundert, zunächst nur in Deutschland, zu hören. Den Anfang machten Berlin (1820) und Karlsruhe (1832), jeweils in einer deutschen Textfassung. 1842 führte Julius Rietz das Werk in einer eigenen Bearbeitung in Düsseldorf auf. Diese Produktion und schließlich die Herausgabe der Partitur im Rahmen der Händel-Gesamtausgabe durch Friedrich Chrysander im Jahre 1860 können als die eigentliche Wiederentdeckung des Dramas aufgefasst werden. Nun führte es ab 1874 auch die Singakademie Halle in Händels Geburtsstadt mehrmals auf. In England wurde Semele nach mehr als einhundert Jahren Pause erst wieder 1878 durch die University Musical Society in Cambridge aufgeführt.

Das 20. Jahrhundert brachte für das Oratorium den Durchbruch. 1907 konnte man es in Karlsruhe, 1913 wieder in Halle und 1923 im Gewandhaus zu Leipzig hören. Die erste szenische Aufführung wagte 1925 eben jene „University Musical Society“ in Cambridge, die zuvor die vielleicht einzige Vorstellung im England des 19. Jahrhunderts organisiert hatte. Dirigiert von Cyril Rootham fand diese Produktion im New Theatre, St Andrews Street, statt und war ziemlich erfolgreich, nicht zuletzt dank der Mitwirkung lebender Tiere in Form von Hunden, Tauben und Ziegen. Eine weitere szenische Aufführung durch die Londoner Borough Polytechnic im Jahre 1937 und andere englische Produktionen (1954 und im Jubiläumsjahr 1959) lösten eine Begeisterung für das Werk aus, die bis heute ungebrochen ist. Vor allem Charles Farncombe hat sich mit seiner „Handel Opera Society“ in London sehr für das Werk engagiert und führte es gleich viermal, 1959, 1961, 1964 und 1975, auf. 1970 wurde Semele in das Repertoire der „Sadler's Wells Opera“ (heute English National Opera) aufgenommen. Nach einer Pause von 238 Jahren kehrte das Werk 1982 nach Covent Garden (dem Royal Opera House) zurück, unter der Leitung von Charles Mackerras, wie schon in Sadler’s Wells.

Auch in Deutschland wurde das Drama nun vielfach in Szene gesetzt: zuerst 1965 während der Händel-Festspiele in Göttingen unter Günther Weißenborn, später in Wuppertal (1967), Karlsruhe (1980), Ludwigsburg (1985), Würzburg (1992), Halle (1995) und an der Berliner Staatsoper Unter den Linden mit der Akademie für Alte Musik Berlin unter Leitung von René Jacobs und vierzehn Aufführungen zwischen 1996 und 1998.

Die amerikanische Bühnenpremiere fand 1959 beim Ravinia Festival am Ufer des Michigansees statt. Semele wurde 1980 und 1995 in Washington und 1985 in der Carnegie Hall in New York aufgeführt, dort mit Kathleen Battle in der Titelrolle und unter der Leitung von John Nelson. Weitere internationale Aufführungsorte waren 1996 Aix-en-Provence, Buffalo und Spoleto. 1999 kehrte Semele in einer hochgelobten Inszenierung von Robert Carsen an die English National Opera in London zurück, mit Rosemary Joshua als Semele, John Mark Ainsley als Jupiter, Susan Bickley als Juno und Sarah Connolly als Ino. Die Inszenierung wurde 2004 mit Carolyn Sampson (Semele), Ian Bostridge (Jupiter) und Patricia Bardon (Juno) wiederaufgenommen. Seit einiger Zeit wird das Stück regelmäßig an vielen Ort gespielt. Vor allem Ensembles für Alte Musik haben sich des Werkes für Tonproduktionen angenommen.

Auch im 21. Jahrhundert geht die Erfolgswelle weiter, beispielhaft seien diese Produktionen erwähnt: 2002 führte die „Pinchgut Opera“ Semele in der City Recital Hall in Sydney auf. 2004 gab es eine Inszenierung mit der Regie von David McVicar und unter der Leitung von Marc Minkowski im Théâtre des Champs-Élysées in Paris. 2006 folgte eine Interpretation an der New York City Opera, 2007 eine an der Zürcher Oper unter der Leitung von William Christie und im September desselben Jahres wurde eine neue Inszenierung des chinesischen Künstlers Zhang Huan mit Les Talens Lyriques unter der Leitung von Christophe Rousset in La Monnaie in Brüssel aufgeführt. 2019 gab es Semele als inszenierte Oper an der Opera Philadelphia und 2023 erneut bei den Händel-Festspielen in Göttingen unter der Leitung von George Petrou.

Libretto Das Libretto wurde ursprünglich 1705/06 von William Congreve für eine von John Eccles komponierte Oper gleichen Namens verfasst (→ Semele (Eccles)), die aber nicht zur Aufführung kam. Es basiert auf dem griechischen Mythos der Semele, Mutter des Bacchus, wie er von Ovid in den Metamorphosen im dritten Buch (Verse 253–315) beschrieben wird. Schon Ovid hatte die griechischen Namen zu römischen geändert. 1710 wurde Congreves Text in die gedruckte Ausgabe seiner Werke aufgenommen. Er hatte den Mythos dramatisiert und für ein englisches Opernlibretto tauglich gemacht. Dafür nahm er einige dramaturgische Ergänzungen vor und führte beispielsweise Ino als Schwester Semeles in die Handlung ein. Die Aufgabenstellung für Congreve beschreibt er im Druck seines Textbuches von 1710 selbst so:

Dieses Libretto wurde dann (vermutlich) von Newburgh Hamilton für Händel überarbeitet. Hierfür wurden auch einige Verse aus anderen Werken Congreves und Alexander Popes Gedicht Summer: or Alexis in Jupiters Arie Where'er you walk, cool gales shall fan the glade (Nr. 29) integriert, was sicher das bekannteste Stück aus Semele wurde. Auch sind Anklänge an Dichtungen von John Dryden und Daniel Prat (Ode to Mr. Handel, 1722)Michael Zywietz: The Story of Semele in: Händels Oratorien, Oden und Serenaten, Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 3-89007-687-4, S. 347 zu finden. Der größte Teil des neuen Textes diente dazu, dem Chor eine bedeutendere Rolle zu geben als zuvor. Ferner strich man die Rolle des Liebesgottes Cupid.

Das ARGUMENT, die Vorbemerkung zum Textbuch der Uraufführung 1744, liest sich so:

Handlung