mini|hochkant=1.6|Jobst Dennecker (Kupferstecher) nach Johannes Putsch (Entwurf): Europa Regina mit Widmung und Lamentatio Europae (lateinisch „Klagegedicht der Europa“), kolorierter Holzschnitt und Typendruck. Augsburg 1534. Museum Retz, einziges erhaltenes Exemplar der Erstfassung.

Europa regina (lateinisch für ‚Königin Europa‘) nennt man eine anthropomorphe Landkarte des europäischen Kontinents in der Gestalt einer Königin mit den Reichskleinodien. Das Motiv kombiniert die meist nach Westen ausgerichtete kartographische Darstellung des Kontinents mit der figürlichen Darstellung der Königstochter Europa aus der griechischen Mythologie.

Der Typus entstand in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts als sichtbares Argument für eine Vereinigung Europas, die der Kaiser schaffen sollte. Varianten der Karte wurden als mnemotechnische Hilfsmittel genutzt, um sich die Topographie Europas besser einprägen zu können. Unter Kartographen blieb der Typus bis weit ins 18. Jahrhundert populär.

Beschreibung Im Typus der Europa Regina hat der Kontinent Europa stets die Gestalt einer Dame im Hofkleid,Elke Anna Werner: Triumphierende Europa – Klagende Europa. Zur visuellen Konstruktion europäischer Selbstbilder in der Frühen Neuzeit. In: Roland Alexander Ißler, Almut-Barbara Renger (Hrsg.): Europa – Stier und Sternenkranz. Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund. Bonn University Press, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 3-89971-566-7, S. 241–260, hier S. 243 ff. die durch die Reichskrone in Form der karolingischen Bügelkrone, den Reichsapfel und das Reichszepter als Herrscherin ausgezeichnet wird. Das Zepter wird dabei gelegentlich auch durch das Reichsschwert ersetzt.

Die Landkarte wird nach Westen ausgerichtet, so dass Spanien das Haupt und Portugal die Krone bilden. Frankreich und das Heilige Römische Reich stellen den Oberkörper dar mit Alpen und Rhein als schmückendem Halsgehänge. Das Herz der Königin liegt im Original in Böhmen. Das lange Gewand umfasst meist Ungarn, den Balkan, „Sarmatia“, Polen, Litauen, Livland und Bulgarien. Die Donau fungiert in vielen Fassungen als schmückende Leibkette. Dänemark stellt die linke Hand dar, die das Zepter hält. Die Arme werden meist durch die italische Halbinsel und Dänemark gebildet, in den Händen hält die Königin rechts Sizilien als Reichsapfel und links meist das Zepter. Die meisten Varianten zeigen am Rand der Karte Afrika, Asien, die Britischen Inseln und Skandinavien nur teilweise und schematisiert.

Benennung Die Bezeichnung des Darstellungstypus als Europa regina entstand erst spät. Unter der ältesten Darstellung wird dieser Typus 1534 als sub forma Europa puellae (lateinisch „Europa in der Gestalt eines Mädchens“) beschrieben. Ab 1587 wurde der Typus meist als Europa in forma virginis (lateinisch „Europa in der Gestalt einer Jungfrau“) bezeichnet. In der Forschung wird der Typus heute gelegentlich auch Europa-Imago genannt.Wolfgang Schmale: Europa, Braut der Fürsten. Politische Relevanz des Europamythos im 17. Jahrhundert. In: Klaus Bußmann, Elke Anna Werner (Hrsg.): Europa im 17. Jahrhundert. Ein politischer Mythos und seine Bilder. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-515-08274-3, S. 241–267.

Vorläufer Die Orientierung einer Karte nach Westen, ihre Zentrierung auf Europa und ihre menschengestaltige Darstellung sind im Mittelalter sehr selten. Kosmographische Karten waren vielmehr nach Osten, auf Jerusalem, ausgerichtet. Europa, Asien und Afrika waren auf den Radkarten im sogenannten TO-Schema angeordnet.Michael Borgolte: Perspektiven europäischer Mittelalterhistorie an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. In: Ralf Lusiardi, Michael Borgolte (Hrsg.): Das europäische Mittelalter im Spannungsbogen des Vergleichs. Akademie Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-05-003663-X, S. 13–28, hier S. 16. Indem sie Kopf, Hände und Füße Jesu Christi kreuzförmig an den Rändern einer solchen Radkarte anordnet, stellt eine dieser Karten, die Ebstorfer Weltkarte von um 1300, die Welt allerdings ausnahmsweise anthropomorph dar.

Die einzigen anderen Beispiele anthropomorpher Landkarten des Mittelalters bieten die in zwei rätselhaften Manuskripten erhaltenen kartographischen Karten des Mittelmeerraumes von Opicinus de Canistris (1296 – um 1353), die sukzessive zwischen 1337 und 1352 entstanden sind. In ihnen sind mit wechselnden Geschlechterrollen ein gutes Europa und ein böses Afrika einander auf beiden Seiten eines diabolischen Mittelmeers als streitendes Paar gegenübergestellt.

Karten, die auf Europa zentriert waren, blieben sehr selten; die einzigen bekannten Exemplare sind eine auf 1112 datierte Europakarte aus dem Liber Floridus von Lambert de Saint-Omer, die Teil aus dem TO-Schema isoliert und auf einem eigenen Folio zeigt, sowie eine byzantinische Karte aus der Mitte des 14. Jahrhunderts.

Varianten Erstfassung Erst der Tiroler Dichter und Mathematiker Johannes Putsch (latinisiert Johannes Bucius Aenicola; 1516–1542) entwarf Mitte der 1530er Jahre wieder eine Europakarte. Diese stellte den Kontinent Europa zudem erstmals als Frauengestalt dar.

Das einzige noch bekannte Exemplar der von Putsch in Wien entworfenen ältesten Fassung der Karte, ein 1534 von dem Formschneider und Drucker Jobst Dennecker († vor 1548) in Augsburg geschnittener kolorierter Holzschnitt, wurde 2019 von der Archäologin und Kulturwissenschaftlerin Celine Wawruschka (Donau-Universität Krems) im Stadtmuseum Retz entdeckt.

Anders als alle späteren Kopien und Variationen enthält dieses Blatt auch ein zugehöriges Widmungsgedicht und – wie Peter Meurer schon 2013 vermutet hatte – die auf das Bild bezogen Lamentatio Europae (lateinisch „Klagegedicht der Europa“), das 1544 in einer Gedichtanthologie Putschs posthum noch einmal nachgedruckt wurde.

Der Entstehungskontext der Fassung von 1534 ist durch das Widmungsgedicht an den späteren Kaiser Ferdinand I. aus dem Hause Habsburg – damals designierter Nachfolger seines Bruders Karl V. auf dem Kaiserthron, König von Böhmen, Kroatien und Ungarn sowie Römischer König – dokumentiert, zu dessen Entourage Putsch seit jungen Jahren gehörte. Michael von Aitzing überliefert 1583, dass ein Exemplar des Blattes 1535 zudem an Karl V. in Italien überreicht wurde. Geographische Informationen zu Ungarn und dem Balkan entnahm Putsch 1534 wohl der von Lazarus Secretarius entworfenen und von Georg Tannstetter überarbeiteten Landkarte Tabula Hungariae von 1528. 1548 nennt Conrad Gessner in seinen Pandectarum […] libri als Autor einer „Beschreibung Europas“, neben Putsch auch Claudio Mario Arezzo, der aus Syrakus in Sizilien stammte, sich intensiv mit Kartographie befasste und von 1525 bis 1532 Historiker am Kaiserhof war.

Kopie Der von Putsch erfundene Darstellungstypus erfreute sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts größerer Beliebtheit. Die Erstfassung von 1534 kopiert bereits 1537 ein Holzschnitt des aus den Burgundischen Niederlanden stammenden reformierten Druckers und Buchhändlers Christian Wechel (1495–1554) in Paris graphisch und typographisch grob, aber inhaltlich vollständig. Ein Zeitgenosse betonte, dass diese Fassung als Wandkarte genutzt werden könne, da sie auf der Rückseite nicht bedruckt war. Auf der Rückseite des lange Zeit einzigen bekannten Exemplars dieser Fassung, die sich im Tiroler Landesmuseum befindet,TLMF, Historische Sammlungen, Inv. Nr. K V/84. wurde später allerdings eine gedruckte Tafel mit einer Beschreibung angebracht. Diese muss jedoch, wie unter anderem die Paginierung zeigt, aus einer der vielen nach 1587 erschienenen Ausgaben von Heinrich Büntings Itinerarium sacrae scripturae (lateinisch „Reise durch die Heilige Schrift“) stammen, wo sie sich auf die dortige, an Putschs Vorbild angelehnte Darstellung bezieht.

Variationen Im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts wird die Europakarte des Johannes Putsch vielfach variiert. Dem gehen einige anthropomorphisierende Andeutungen zur topographischen Gestalt des Kontinents Europa voraus:

In der Darstellung der nördlichen Hemisphäre der Erde, die sich schon in der ersten Ausgabe der Cosmographia des Sebastian Münster von 1544 findet, ist eine Anthropomorphisierung der topographischen Gestalt Europas noch sehr vage angedeutet. In einem Holzschnitt, der in den Ausgaben ab 1550 unter der Kapitelüberschrift De Europa quae nostro aevo Christianum complectitur orbem et nonnihil de Turcica ditione (lateinisch „Über Europa, das in unserer Zeit die christliche Welt umfaßt und von dem ein Teil unter türkischer Herrschaft steht“) eingefügt ist, wird die anthropomorphisierende Ausdeutung schon etwas deutlicher erkennbar.

Guillaume Postel gibt 1561 der Überlegung seiner Ferdinand I. gewidmeten Cosmographiae Disciplinae Compendium (lateinisch „Kompendium der Lehre von der Kosmographie“), Europa in „Iapetia“ umzubenennen, einen kleinen Holzschnitt bei, der die kartographische Gestalt des Kontinents grob verzerrte und losgelöst von den benachbarten Kontinenten in der Figur einer Königin samt Krone zeigt, und erläutert dies im Text unter ausdrücklichem Bezug auf Putschs Fassung von 1537. Der Name „Iapetia“ spielt dabei auf den Titanen Iapetos sowie auf Japhet, den Sohn Noahs, an, der in das heutige Europa ausgewandert sein soll.

Diese Darstellung des Kontinents Europa/Iapetia als einsame Königin sollte – etwas feiner gezeichnet – 1642 noch einmal eine Radierung in Georg Philipp Harsdörffers Frauen-Zimmer Gespräch-Spiel aufgreifen.

In der Erläuterung der Weltkarte in seinem Wilhelm dem Jüngeren von Braunschweig-Lüneburg gewidmeten Itinerarium sacrae scripturae (lat. „Wegeplan der Heiligen Schrift“) von 1582 erklärt der Lutheraner Heinrich Bünting, dass die Gestalt des Kontinents Europa einer „ligenden Jungfrawen“ mit Spanien als Haupt, Frankreich als Brust und Deutschland als Herz gleiche, und deutete im Anschluss an die frühen Ausgaben von Sebastian Münsters Cosmographia in der Weltkarte eine Annäherung der kartographischen Gestalt des Kontinents an die Formen einer menschlichen Gestalt wieder rudimentär an.

Ab 1587 erscheinen dann Karten Europas in der ausgeprägten Gestalt einer Königin, wie Johannes Putsch sie entworfen hatte:

Ab der Ausgabe von 1587 fügt Bünting in seinem Itinerarium dann auf einer Doppelseite eine Karte Europas in der von Putsch entwickelten Gestalt einer Königin hinzu. Entgegen der Konzeption einer stehenden Figur „liegt“ Europa nun allerdings und ist, anders als bei Putsch – aber wie die in der Seitenfolge unmittelbar vorangehende Weltkarte – genordet. Auch fehlen bei Bünting die bei Putsch so zahlreichen Wappen sowie viele weitere Details; und die Landschaften sind – insbesondere für Osteuropa – weitaus gröber generalisiert wiedergegeben. Einige Städte sind aber von Putsch übernommen und weitere sogar neu hinzugekommen. Laut Büntings Eigenbeschreibung ist das Königreich Böhmen „wie ein Güldener Pfenning oder wie ein rundes gehenge von Kleinodt“ und „mein hertzliebes Vaterland / das Fürstenthumb Brunschwig“ das eigentliche Herz. Die Ansicht zeigt zudem zusätzliche Inseln um Europa herum: Neben Großbritannien sind dies Seeland, Fünen, Hibernia, Korsika, Sardinien sowie Malta. Auch sind nun „Moscovia“ und „Russia“ benannt.