mini|Rama sitzt auf dem Thron. Glücklicher Ausgang des Ramayana nach der großen Schlacht. Tolpavakuthu-Figur im Museu do Oriente, Lissabon. Tholpavakuthu, auch Tholpavakoothu (Malayalam തോൽപ്പാവക്കൂത്ത്), ist eine Form des Schattenspiels, die im südindischen Bundesstaat Kerala gepflegt wird. Die Figuren sind groß, meist unbeweglich und werden aus dicken, getrockneten Tierhäuten ausgeschnitten. Die traditionell den Pulavar-Familien angehörenden Vorführer spielen Szenen aus dem Kambaramayanam, der von Kamban im 12. Jahrhundert verfassten Version des altindischen Epos Ramayana, zur Verehrung der hinduistischen Göttin Bhagavati, eine Form der großen Göttin Devi, die auch als Bhadrakali auftritt. Im Zentrum der Erzählung steht der epische Kampf und letztlich der Sieg des Gottes Rama über den Dämonenkönig Ravana. Nach der Legende führten die Götter Tholpavakuthu als jährliches Schauspiel für Bhadrakali ein, weil diese bei der Vernichtung des Asura Darika helfen musste und deshalb die Entscheidungsschlacht gegen Ravana nicht beobachten konnte.
Die bis zu 21 Nächte hintereinander dauernden Aufführungen finden in einem Bühnenhaus (kuthu madam) auf dem Tempelgelände statt und gehören zu einem religiösen Puram-Jahresfest. Zentrum der Tradition ist der Distrikt Palakkad und dessen Umgebung.
Tolpavakuthu ist eine verschwindende Tradition, die als einzige der unterschiedlichen südindischen Schattenspielformen nicht in erster Linie unterhalten soll, sondern als regionaler religiöser Kult aufgeführt wird. Das nur dem Schattenspiel dienende, sakrale Bühnenhaus ist eine Besonderheit, die es nirgendwo sonst gibt. Das Wort tholpavakuthu ist aus thol („Leder“, „Haut“), pava („Puppe“) und kuthu („Schauspiel“, „Aufführung“) zusammengesetzt.
Herkunft und Forschungsgeschichte mini|Liegender Vishnu als Narayana, von der Weltenschlange Shesha bewacht, bei der Erschaffung der Welt. Tholpavakuthu-Figur im Museu do Oriente, Lissabon Eine der ältesten literarischen Quellen, in denen Puppentheater und Schattentheater erwähnt werden, ist laut M. L. Varadpande das indische Epos Mahabharata, das ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. schriftlich fixiert wurde. Er sieht eine frühe Entwicklung von maskierten menschlichen Darstellern bei magischen Ritualen hin zur Verwendung von Puppen, die anstelle der Maske mit einer Hand vor dem Kopf gehalten werden. Einen möglichen Hinweis zu Puppentheater oder je nach Interpretation des Sanskrit-Wortes rupparupakam zu Schattentheater enthält die aus der Zeit der frühesten Buddhisten stammende und um 80 v. Chr. niedergeschriebene buddhistische Schrift Therigatha.M. L. Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 62, 66 Europäische Fachgelehrte diskutierten von etwa 1900 bis in die 1930er Jahre kontrovers die Frage, ob es ein altindisches Schattenspiel überhaupt gab. Der indische Sanskritologe Surendranath Dasgupta (1887–1952) lehnte die Existenz eines indischen Schattenspiels selbst für das hohe Mittelalter noch ab und bestritt die ansonsten verbreitete These einer Ausbreitung des indischen Schattenspiels in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten nach Indonesien, wo das wayang kulit bis heute aufgeführt wird.Surendranath Dasgupta: A History of Sanskrit Literature: Classical Period. Bd. 1, University of Calcutta, Kolkata 1947, S. 48f, 501 (bei Internet Archive) Zur Frage gehörte auch, wer mit den shaubhika gemeint war, die in Patanjalis Werk Mahabhashya (um 250–120 v. Chr.) als professionelle Darsteller eines Dramas genannt werden. Heinrich Lüders (1916) vertrat die viel zitierte These, dass das Wort shaubhika Darsteller meinte, die Schattenfiguren zeigten und dem Publikum erklärten.Shadow-Play. In: Mohan Lal (Hrsg.): Encyclopaedia of Indian Literature: Sasay to Zorgot. South Asia Books, Columbia (Missouri) 1993, S. 3936
Die Sitabenga-Höhle („Wohnort von Sita“) im Distrikt Surguja im zentralindischen Bundesstaat Chhattisgarh gilt manchen als die älteste indische Theaterbühne, in der ungefähr im 2. Jahrhundert v. Chr. bei religiösen Festen Aufführungen stattfanden. Dies soll aus einer Felsinschrift hervorgehen, nicht jedoch, welcher Art die Aufführungen waren. Wegen der geringen Zahl von etwa 30 Sitzplätzen in der Höhle, die einer Theaterbühne mit Schauspielern nicht genug Platz geboten haben konnten, vermutet Georg Jacob (1931) hier eine Schattenspielbühne, deren Projektionsfläche ein Vorhang an der Eingangsöffnung war, der vom Tageslicht erhellt wurde. Diese These verstärkt Jacob um die von Heinrich Lüders (Indische Höhlen als Vergnügungsorte, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 58, 1904, S. 867f) vorgebrachte Übersetzung des zusammengesetzten Wortes lenashobhika in einer Inschrift aus Mathura als „Höhlenschattenspielerin“. Bei Varadpande (1987) wird die These zur Gewissheit,M. L. Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 74 Fan Pen Chen (2003) hält sie jedoch für eine Überinterpretation.Fan Pen Chen: In: Asian Folklore Studies, Bd. 62, Nr. 1, 2003, S. 27 Harry Falk (1991) verwirft bei seiner Übersetzung der Höhleninschrift die früheren Vermutungen, dass es sich um eine Art griechisches Theater gehandelt haben könnte, übergeht aber das Thema Schattenspielbühne.Harry Falk: Kunstdichtung in den Höhlen von Rāmgarh. In: Asiatische Studien: Zeitschrift der Schweizerischen Asiengesellschaft, Band 45, Heft 2, 1991, S. 257–276,
Mehrere mittelalterliche Sanskrit-Dramen tragen die Bezeichnung chaya-nataka, „Schatten-Spiel“, im Titel. Wieder sind die Interpretationen kontrovers: Chayanataka wird wörtlich oder als „Schatten“, „Umriss“ eines Dramas, gemeint als Adaption eines älteren Schauspiels verstanden. Ein als chayanataka bezeichnetes Stück ist Dutangada, das ein gewisser Subhata im 13. Jahrhundert verfasste und das einen Ausschnitt der Ramayana-Legenden enthält. Die Hauptszene mit einer magischen Verwandlung ist ein Charakteristikum von Schattenspielen. Das Stück Dharmabhyudaya (genannt Chayanataka Prabhanda) von Meghabrabhacharya aus dieser Zeit enthält Regieanweisungen, die es als Schattentheater erscheinen lassen, woraus Varadpande den Schluss zieht, dass seit altindischer Zeit Schattentheater und Puppenspiel nebeneinander existierten und sich von Indien nach Südostasien ausgebreitet haben.M. L. Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 74f Von Vyasa Ramadeva, der im 15. Jahrhundert lebte, sind drei Schattenspiele bekannt, eines davon basiert auf den Legenden um Rama und den Affenfürsten Hanuman und zwei Geschichten behandeln die Pandava-Brüder aus dem Epos Mahabharata.Georg Jacob Hans Jensen, Hans Losch: Das indische Schattentheater. (Georg Jacob, Paul Kahle (Hrsg.): Das orientalische Schattentheater, Bd. 2) W. Kohlhammer, Stuttgart 1931, S. 6f
Die Fachleute, die Anfang des 20. Jahrhunderts die Existenz eines altindischen Schattenspiels bestritten, wussten auch von den in relativer Verborgenheit zu ihrer Zeit im südlichen Indien aufgeführten Schattenspielvorführungen nichts. Ihnen war ferner entgangen, dass der italienische Forschungsreisende Pietro della Valle (1586–1652) in einem mehrbändigen, in den 1650er und 1660er Jahren auf Italienisch, Französisch und Deutsch erschienenen Reisebericht ein Schattenspiel in Karnataka beschrieben hatte. Am 22. November 1627 beobachtete er an einem Hindutempel in der Hauptstadt Ikkeri des damaligen Fürstentums Bidanur (heute im Distrikt Shivamogga), wie bemalte Papierfiguren mit Reitern, Elefanten und miteinander kämpfenden Menschen hinter einem weißen Papierschirm durchschienen. Eine Quelle für ein Schattenspiel auf dem Dekkan-Hochland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Jaffur Shureef (Jaf’ar Sharif, 1832). Er schreibt über eine Schattenspielaufführung, diesmal in einem islamischen Kontext und zu einer Zeit, als das arabische Schattenspiel im Orient nur noch vereinzelt und als derbe Volksunterhaltung gepflegt wurde. Die Aufführung fand im islamischen Kalendermonat Muharram anlässlich des schiitischen Opferfestes Aschura statt, das an den Tod des Imams Husain erinnert. In dieser Nacht versammelte sich auf der Straße eine große Zuschauermenge um eine Schattenspielbühne, die Schlachtenszenen vorführte.Jaffur Shureef: Qanoon-e-Islam or the customs of the Moosulmans of India, compromising a full and exact account of their various rites and ceremonies from the moment of birth till the hour of death. Parbury, Allen & Co., London 1832, S. 182f (bei Internet Archive) Gegen Ende des 19. Jahrhunderts finden sich in einigen offiziellen Berichten der britischen Kolonialbehörde kurze Angaben zu Schattenspielen.
Noch in den 1930er Jahren waren die Kenntnisse europäischer Forscher über die asiatischen Schattenspiele allgemein dürftig. Auf Beiträge von Georg Jacob 1931 und 1935 (Die Entdeckung des südindischen Schattentheaters durch Prof. Spies, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, Bd. 14, 1935, S. 387–390) folgte eine Ergänzung des angesprochenen Otto Spies (Das indische Schattentheater, in: Theater der Welt, Nr. 1, 1938, S. 1–3). Der Zweite Weltkrieg verhinderte weitere Untersuchungen und so erschienen in dieser Zeit nur wenige erwähnenswerte Artikel zum indischen Schattenspiel, darunter einer des niederländischen Musikethnologen Arnold Adriaan Bake, der am Rand seines Themas einige Aussagen zum Schattenspiel in Kerala enthält (The Javanese Shadow Play, in: The Modern Review, Kolkata 1942, S. 317–320). Speziell hierzu äußerten sich, wenn auch knapp, K. Bharatha Iyer (The Shadow Play in Malabar, in: Bulletin of the Rama Varma Research Institute, Bd. 11, Teil 1, Trichur 1943) und H. J. Cousins (Dance Drama and Shadow Play, in: Stella Kramrisch, J. H. Cousins, R. Poduval (Hrsg.): The Arts and Crafts of Travancore. London 1948, S. 177f). In den 1960er Jahren beschäftigten sich einige indische Autoren meist in Zeitschriftenbeiträgen mit den indischen Schattenspielen, darunter A. Chandra Sekhar (Leather Puppet Dolls, in: Census of India, Bd. 2 (Andhra Pradesh) 1961, S. 15–31). Eine Zusammenfassung zum indischen Schattenspiel gab Valentina Stache-Rosen (1976), während Niels Roed Sörensen sich 1974 mit dem Tholu Bommalata von Andhra Pradesh beschäftigte (Shadow Theatre in Andhra Pradesh – Tolo Bommalu Kattu, in: Journal of the Sangeet Natak Academi, Nr. 33, Neu-Delhi 1974, S. 14–39).
Ein indischer Beitrag von 1980 über Kerala stammt von D. Boopathy (Pavakoothu – the shadow play of Kerala, in: Bulletin of the Institute of traditional Culture, Madras 1980, S. 63–72). Friedrich Seltmann verfasste in den 1970er und 1980er Jahren ausführliche Monografien zu mehreren indischen Schattenspielen. Seine 1986 erschienene Untersuchung zu Kerala basiert auf Feldforschungen 1962, 1964, 1976 bis 1978 und 1982. Eine Sonderausgabe des Journal of Sangeet Natak Akademi beschäftigte sich 1990 mit The Traditional Puppet Theatre of Kerala (Nr. 98). Gopalan Venu verfasste darin den Artikel Tolpava Koothu – Shadow Puppets of Kerala. Stuart Blackburn (1996) übersetzte einige wesentliche Ausschnitte der bei den Aufführungen gesprochenen und gesungenen Dialoge.
Das Alter des Tholpavakuthu ist nur schätzbar. Im Stück kommen Figuren der Bhattas vor. Diese bilden eine Brahmanen-Subkaste von fahrenden Sängern, die ab dem 14. Jahrhundert in Tamil Nadu historisch greifbar werden. Das Schattenspiel dürfte also später entstanden sein. Es gibt unterschiedliche Ahnenreihen der Schattenspieler, die sich zu 16 Generationen addieren lassen, was einen Beginn Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts möglich macht.Friedrich Seltmann, 1986, S. 16, 60 Die Ahnenreihe einzelner Familien reichen nicht so weit zurück. In einer Ende der 1980er Jahre befragten Familie sind acht Generationen seit Ende des 18. Jahrhunderts namentlich bekannt, ausgehend vom legendären Gründer Cinna Tampi Pulavar.Stuart Blackburn, 1996, S. 45
Verbreitung mini|Nächtliches Ritual beim Puram des Peruvanam-Tempels im Dorf Cherpu, Distrikt Thrissur.