mini|hochkant=1.5|Deutsche Karnevalisten in Verkleidungen, welche die traditionelle Bekleidung verschiedener Prärie-Indianer imitieren (2017) mini|hochkant=1.5|Namibische Frauen in viktorianischen Kleidern
Kulturelle Aneignung () bezeichnet die Übernahme von Ausdrucksformen oder Artefakten, Geschichte und Wissensformen von Trägern einer anderen Kultur oder kulturellen Identität. Im wissenschaftlichen Austausch ist der Begriff neutral und bekommt erst im konkreten Zusammenhang eine positive oder negative Konnotation (etwa Ausbeutung oder Bereicherung). Die Beurteilung ist häufig schwierig und gelingt nur unter Berücksichtigung der Motivation der Aneignenden: Sind Machtausübung, kommerzielle Interessen oder Diskriminierung die tieferen Beweggründe oder handelt es sich um unreflektierte (etwa romantisch-naive), wohlmeinende oder gar anerkennende Übernahmen?Kulturelle Aneignung im Glossar der schweizerischen Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, 2022, unter Mitarbeit von Darja Pisetzki, Projektmitarbeiterin der GRA, Online abgerufen am 29. Juli 2023.
In einem engeren Sinn wird als „kulturelle Aneignung“ angesehen, wenn Träger einer „dominanteren Kultur“ Kulturelemente einer „Minderheitskultur“ übernehmen und sie „ohne Genehmigung, Anerkennung oder Entschädigung“ in einen anderen Kontext stellen.Vgl. Irini Stamatoudi: Research Handbook on Intellectual Property and Cultural Heritage. Edward Elgar Publishing, 2022, S. 161. Die ethische Dimension kultureller Aneignung wird in der Regel nur dann thematisiert, wenn die übernommenen Kulturelemente einer Minderheit angehören, die als sozial, politisch, wirtschaftlich oder militärisch benachteiligt gilt.Adrienne Keene: But Why Can’t I Wear a Hipster Headdress? at Native Appropriations – Examining Representations of Indigenous Peoples. 27. April 2010
In der öffentlichen Diskussion wird vor allem die enge, negativ konnotierte Begriffsauslegung im Sinne eines Vorwurfs verwendet: Dabei geht es in der Regel darum, Menschen das Recht abzusprechen, sich bestimmter Ausdrucksformen anderer Kulturen für ihre Zwecke zu bedienen. Häufig gehören die Kritiker nicht zur „betroffenen“ Kultur und es ist unbekannt oder strittig, wie jene die Aneignung bewertet. Oft steht hinter solchen Vorwürfen ein sehr statisches Verständnis von Kultur, das die Realität der vielfältigen kulturellen Anpassungsprozesse ignoriert.
Kritiker des Konzepts geben zu bedenken, dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen und diese Dynamiken bei einer kompromisslosen, negativen Verwendung des Konzepts übermäßig stigmatisiert würden. Manche Kritik am Konzept sieht darin identitätspolitische Tendenzen.
Begriff Erste Erwähnungen erfuhr die „kulturelle Aneignung“ in den 1970er und 1980er Jahren in den Cultural Studies und Media Studies im angelsächsischen Sprachraum. Wie im aktuellen ethnologischen Sprachgebrauch bezieht sich kulturelle Aneignung dort v. a. auf die „Differenz zwischen verschiedenen Möglichkeiten der Wahrnehmung kultureller Phänomene“.Hans Peter Hahn (2011) Antinomien kultureller Aneignung: Eine Einführung. Zeitschrift für Ethnologie 136 (2011) 11–26; Zitat S. 11 Als eine der ersten dezidierten Auseinandersetzung mit dem Problem gilt der 1976 von Kenneth Coutts-Smith gehaltene Vortrag Some General Observations on the Problem of Cultural Colonialism. In den Vereinigten Staaten wurde das Problem in den 80er-Jahren vor allem in Zusammenhang mit der Diskriminierung von Schwarzen und Native Americans diskutiert.
Auch vor der Begriffsschöpfung fand sich schon vergleichbare Kritik an entsprechenden Praktiken, etwa in der Kritik an Minstrelsy durch Autoren der Harlem Renaissance. Die Onlineausgabe des Oxford English Dictionary definiert den Begriff „kulturelle Aneignung“ (cultural appropriation) als „unangemessene Aneignung der Gewohnheiten, Bräuche, Ideen eines Volkes oder einer Gesellschaft durch Angehörige eines anderen, typischerweise dominanteren Volkes“. Das Cambridge Dictionary bezeichnet kulturelle Aneignung als „das Verwenden von Dingen einer Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du diese Kultur verstehst oder respektierst“.Gina Thomas: Schriftsteller vor dem Sittengericht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2021, abgerufen am 24. Mai 2021.
Der Kommunikationswissenschaftler Richard A. Rogers identifiziert vier Formen kultureller Aneignung:
Kultureller Austausch: Der gegenseitige Austausch von Symbolen, Artefakten, Ritualen, Genres und/oder Technologien zwischen Kulturen, die über etwa gleich viel Macht verfügen. Kulturelle Dominanz: Die Angehörigen einer unterworfenen („subordinated“) Kultur bedienen sich an Elementen der dominanten Kultur im Sinne einer Assimilation an oder Integration in die herrschende Kultur, aber auch als Praxis des Widerstands. Kulturelle Ausnutzung: Die Aneignung der Elemente einer untergeordneten Kultur durch die dominante Kultur ohne nennenswerte Reziprozität, Erlaubnis und/oder Kompensation. Transkulturation: Kulturelle Elemente, die von verschiedenen Kulturen hervorgebracht wurden und die sich nicht mehr klar einer Ursprungskultur zuordnen lassen. Das Konzept der Transkulturation soll den Realitäten einer globalisierten Welt gerecht werden, in der Kulturen auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind und das Konzept der Kultur selbst in Frage gestellt wird.
Distelhorst sieht drei Sphären, in denen es zu kultureller Aneignung komme: „Erstens Diebstahl von kulturellen Gütern wie Raubkunst aus kolonialen Kontexten, zweitens die ungefragte Repräsentation von Minderheiten, ohne diese selbst zu Wort kommen zu lassen, und drittens die Aneignung von kulturellen Artefakten und Wissensbeständen im Kontext von Mode und Lifestyle.“
Wenn der Fokus auf die kulturelle Ausnutzung gelegt wird, dient das u. a. zur Reflexion von Macht- und Diskriminierungsverhältnissen, auf deren Grundlage traditionelle Gegenstände der materiellen Kultur verschiedener Ethnien kommodifiziert oder instrumentalisiert werden. Diese Form kultureller Aneignung wird kritisiert, da die betroffenen Kulturen verloren gehen oder verfälscht werden könnten. Zudem kann die externe Kommerzialisierung die wirtschaftliche Betätigung in den betroffenen Ethnien beeinträchtigen.
Der Diskurs der Critical-Whiteness-Bewegung fokussiert auf spezifisch „kulturelle“ Objekte. Zu nennen sind etwa unterschiedliche Kunstgattungen (Musik, Tanz etc.) oder religiöse Dinge (Symbole, Spiritualität, Zeremonien), aber auch Mode- und Sprachstil, Sozialverhalten sowie andere kulturelle Ausdrucksformen.
Kritik an Handlungen, die als kulturelle Aneignung wahrgenommen werden Kritik an kultureller Aneignung richtet sich vor allem gegen Aneignungsprozesse durch Mitglieder dominanter Gruppen und kulturelle „Outsider“. Laut Kritikern werden bei kultureller Aneignung im Gegensatz zum „kulturellem Austausch“ die übernommenen Bestandteile kultureller Identität zur Ware gemacht und damit trivialisiert. Zudem würden die angeeigneten Kulturelemente oftmals falsch oder verzerrt reproduziert, was zur Förderung von Stereotypen führen könne. Kultureller Austausch dagegen basiere auf Wertschätzung und Respekt und finde meist im Rahmen eines gegenseitigen Kennenlernens der Träger der unterschiedlichen Kulturen statt.
Greg Tate stellt in seinem Buch Everything but the Burden. What White People Are Taking from Black Culture dar, dass weiße Menschen alles aus schwarzen Kulturen übernehmen würden, außer der Diskriminierung, die damit verbunden sei, schwarz zu sein.
Oft wird die Kommerzialisierung kultureller Erzeugnisse kritisiert. Wenn Vertreter dominanter Kulturen Güter von Minderheiten übernehmen und diese vermarkten, würden die finanziellen Gewinne nicht bei den eigentlichen Urhebern landen. Außerdem hätten traditionelle Künstler oftmals nicht dieselben Möglichkeiten der Produktion und würden durch das Angebot von Billigvarianten aus dem Markt verdrängt.
Laut Aktivisten fördert kulturelle Aneignung die Stereotypisierung. Die Kulturen, die für die weiße Mehrheit fremd seien, würden durch Kostüme usw. in Schubladen gesteckt, um ein gewisses Bild oder eine gewisse Stimmung zu erzeugen. So würden z. B. Indianerkostüme im Karneval oder das Tragen von Federschmuck und Kriegsbemalung den Eindruck wecken, es gäbe eine einheitliche Indianerkultur. In Wirklichkeit gibt es mehrere Tausend Stämme, die alle eine eigene Kultur und Tradition haben.
Die gewünschte Solidarität gegenüber fremden Kulturen werde oftmals zur eigenen Unterhaltung missbraucht. So würden historische Objekte und Plastiken für die europäischen Museumsbesucher ausgestellt, um ein „authentisches Bild Afrikas“ darzustellen. Die Artefakte würden aus ihrem kulturellen Zusammenhang gerissen, wie zum Beispiel in Carl Einsteins Werk Negerplastik. Bei 119 Objekten werde lediglich das ästhetische Erscheinungsbild bewertet, ohne dass auf die Herkunft und Bedeutung eingegangen werde. Dies, um eine vorwiegend weiße Zielgruppe zu erreichen, die am Anfang des 20. Jahrhunderts kurz vom „wilden Afrika“ fasziniert worden sei.
Kritik am Konzept Kritiker des Konzepts betrachten eine gewisse Aneignung als unvermeidlich, da sich die Kulturen andauernd gegenseitig beeinflussen. Eher sollte kulturelle Aneignung als Bereicherung angesehen werden, die aus Bewunderung und ohne böse Absicht geschieht. Sie sei ein Beitrag zur Vielfalt. Schon in der Frühgeschichte gab es kulturellen Transfer auf der Seidenstraße. Ohne kulturelle Aneignung würden Mitteleuropäer nicht auf Sofas sitzen oder Apfelstrudel essen können, beides habe seinen Ursprung in asiatischen Kulturen.Josef Joffe: Kulturelle Aneignung: Wem gehört’s?. In: Die Zeit, 6. Januar 2017, abgerufen am 17. Mai 2017. Eine Übernahme kultureller Eigenheiten könne zudem auch ausdrücklich ein Zeichen von Wertschätzung sein.Lisa Schmidt-Herzog: Jetzt soll auch das Kostümieren zu Karneval rassistisch sein?auf www.welt.de, 24. Februar 2017
Für die Ethnologin Susanne Schröter ist „die gesamte Menschheitsgeschichte eine Geschichte kultureller Aneignungen, ohne die es keine Entwicklung gegeben hätte“. Kulturelle Aneignung beinhalte deshalb immer eine „gewisse Wertschätzung“ und sei in einer durch die sich beschleunigende Globalisierung immer vielfältiger werdenden Welt „wohl die wichtigste Kulturtechnik, die ein friedliches Zusammenwachsen möglich macht“. Heutzutage könne nicht mehr genau nachvollzogen werden, woher eine bestimmte Tradition oder ein bestimmtes Objekt stamme. So wurden z. B. Dreadlocks schon von Persern, Azteken und Tataren getragen. Kritiker sehen in der Ablehnung kultureller Aneignung insbesondere seitens der Critical-Whiteness-Studies eine Nicht-Berücksichtigung lange bestehender kultureller Vermischung und eine Essenzialisierung sowie ein statisches Verständnis von Kultur, die an Ideen der rechtsradikalen Identitäre Bewegung erinnerten.Ulrike Marz: Critical Whiteness. Theoretische Einordnung und Grenzen des Ansatzes für die Rassismuskritik in Deutschland. In: Andreas Stahl et al. (Hrsg.): Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik. Tiamat, Berlin 2022, ISBN 978-3-89320-296-6, S. 15–46, hier S. 32.Martin Senti: Kulturelle Apartheid in Berner Szenequartier: Blonde Dreadlocks sind nicht mehr genehm. nzz.ch, 28. Juli 2022.Schweizer Politikerin Amolo: «Weisse, hört auf, unsere Kultur zu übernehmen und damit Geld zu machen», tagblatt.ch, 31. Oktober 2013