310px|rechts|mini|Kastelle am Hadrianswall und Stanegate

Onnum oder Hunnum war ein römisches Reiterkastell der Hilfstruppen in Parish Whittington, Hamlet Halton Chesters, einem Ortsteil nördlich von Halton, Northumbria, im Nordosten von England.

Es gehörte zu der aus insgesamt 16 Kastellen bestehenden Festungskette des Hadrianswalls (per lineam valli) und sicherte dessen östlichen Abschnitt. Das Lager wurde etwa 300 Jahre, vermutlich von 126 bis 400 n. Chr., vom Militär genutzt. Ein bemerkenswertes Baudetail des Kastells ist die nachträgliche Vergrößerung seiner Südhälfte nach Westen, die auf das 3. Jahrhundert nach Christus zurückgeht. Überregional bekannt geworden ist die Ausgrabungsstätte auch durch das im frühen 19. Jahrhundert entdeckte, ungewöhnlich große Lagerbad.

Name Der Ortsname „Onnum/Hunnum“ stammt aus dem Keltischen und könnte „Wasserlauf“, „Baum“ oder „Fels“ bedeuten. Ersterer könnte sich vom Fence Burn, der in einer tiefen Schlucht westlich der Festung vorbeifließt, ableiten. Letzterer bezieht sich vielleicht auf die östlich des Lagers gelegene Erhebung des Down Hill. In der Cosmographie des Geografen von Ravenna wird der Ort als „Onno“ bezeichnet. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass das H von Hunno ursprünglich ein C war, und dass dieser beim Eintrag in der Ravenna Cosmographie weggelassen worden war, wie auch in einer Reihe von anderen Fällen. Der ursprüngliche Ortsname könnte daher Condo gelautet haben, was „steiler Hügel“ oder Convo „steiler Hang“ bedeutet.A. L. F. Rivet, Colin Smith 1979, S. 431–433, Cos. Rav. 146 (Rav. 43).

Lage Halton Chesters ist das fünfte Glied in der Festungskette des Hadrianswalls (vallum aelium). Es befand sich zwölf Kilometer westlich von Vindobala (Rudchester) und vier Kilometer nördlich von Coriosopitum (Corbridge) auf einem kleinen Plateau. Das Bodendenkmal wird durch eine Baumgruppe und ein paar Steintore in den Weidezäunen südlich der B6318 (sog. Militärstraße) markiert. Von dort aus hat man einen weiten Blick nach Norden, da der Boden nur leicht ansteigt. In Richtung Süden kann man bis zum Flusstal des Tyne (Tinea), entlang des Verlaufs des Walls (Fences Field), bis zu zwei Kilometer weit sehen. Im Osten wird die Sicht durch den nur 800 Meter entfernten Down Hill eingeschränkt. Das Kastellareal wird heute von der B6318 in der Mitte durchschnitten, die an diesem Abschnitt exakt über den Resten des Hadrianswalls verläuft. Warum das Lager gerade an diesem – nicht unbedingt optimalen – Standort errichtet wurde, ist unklar. Es war dort fast einen Kilometer vom westlich gelegenen Portgate entfernt, die Stelle, wo sich die Dere Street mit dem Hadrianswall kreuzte. Ab 212/213 gehörte die Region um Onnum zur Provinz Britannia inferior, ab dem 4. Jahrhundert zur Provinz Britannia secunda.Guy de la Bedoyere, 1997, S. 50

Forschungsgeschichte Auf dem Areal des Kastells wurde im Laufe der Zeit eine Reihe von Untersuchungen und Ausgrabungen vorgenommen. Im Jahre 1803 wurde im nördlichen Bereich des Kastells ein goldener Siegelring mit einer Gravur und einem blauen Schmuckstein gefunden. In der Rückwand des im 15. Jahrhundert erbauten Herrenhauses von Halton Castle ist ein Fragment eines römischen Grabsteins eingemauert, der eine Figur in einer bogenförmigen Aussparung zeigt. In der Wand westlich der Südwestecke des Schlossturms ist ein weiteres Grabrelief, worauf ein auf einer Liege ruhender Mann dargestellt ist, eingebaut. Auch der Schlossturm ist teilweise aus römischen Steinen, die vermutlich vom Hadrianswall und dem Kastell stammen, erbaut. Im Garten wurde ein kleiner römischer Weihealtar und beim Stallhof 1868 eine Inschriftenplatte entdeckt. Die Ausgrabungen von 1937 zeigten, dass der Hadrianswall und der südliche Graben bereits vor dem Kastell (vielleicht aber auch nur teilweise) fertiggestellt waren. Von 1960 bis 1961 führten J. P. Gillam und M. G. Jarrett Ausgrabungen im Kastell durch, bei denen neue Erkenntnisse über die Innenbebauung gewonnen werden konnten. Die letzte Grabung wurde von Archäologen der RCHME Newcastle (Königliche Kommission der Historischen Monumente in England) im ungewöhnlich trockenen Sommer von 1989 vorgenommen. Die Ergebnisse dieser Ausgrabungen wurden 1990 von Charles Daniels und Eric Birley zusammengefasst.Society for Promotion of Roman Studies. The journal of Roman studies, Nr. 51, 1961, S. 164, Ian Alexander Richmond 1947, S. 69–70, H. H. E. Craster, 1914, S. 395–413, RIB 1436.

Entwicklung Im Jahre 122 befahl Kaiser Hadrian, im Norden Britanniens eine Sperrmauer, verstärkt durch Wachtürme und Kastelle, vom Tyne bis zum Solway Firth zu errichten, um die britischen Provinzen vor den ständigen Einfällen der Pikten aus dem Norden zu schützen. Der Wall wurde größtenteils durch Soldaten der drei in Britannien stationierten Legionen und Seeleuten der Classis Britannica errichtet.

Man nimmt an, dass die Festung zwischen 122 und 126, erst nach Fertigstellung des Walls entstand. Eine am Westtor geborgene Bauinschrift berichtet, dass es von Soldaten der Legio VI Victrix erbaut wurde. Die Inschrift nennt auch den Statthalter von Britannien, Aulus Platorius Nepos, der das Amt von 122 bis 126 bekleidete. Spätere Arbeiten am Kastell wurden wahrscheinlich unter Antoninus Pius von der Legio II Augusta ausgeführt. Die Besatzung überwachte einen Abschnitt des Hadrianswalls und die Dere Street, die die Wallzone in einem Tal westlich des Kastells (Portgate) durchquerte. Sie verband Corbridge mit den Außenpostenkastellen in den Lowlands (Risingham und High Rochester). Für den zivilen Grenzverkehr existierten am Hadrianswall nur drei Grenzübergänge, der bei Onnum, die anderen in Banna (Birdoswald) und Uxelodunum (Stanwix). Manche Forscher sind jedoch der Ansicht, dass die Überwachung der Straße nicht die Hauptaufgabe der Kastellbesatzung war. Nach Fertigstellung des Hadrianswalls war das Land im Norden (bis zur Errichtung des Antoninuswalls) Niemandsland. Die Dere Street hätte somit als Verbindungsroute zwischen den Stammesgebieten der Pikten und dem römischen Nordbritannien zu dieser Zeit keine so große Bedeutung mehr gehabt. Der Chronist Cassius Dio berichtete für die Regierungszeit des Commodus (180–192) von schweren Kämpfen mit den nordbritischen Stämmen. Auch Onnum wurde dabei schwer beschädigt. Im frühen 3. Jahrhundert wurde das Kastell noch etwas vergrößert. Danach wurde es, wahrscheinlich zur gleichen Zeit wie das nahegelegene Coriosopidum, durch einen Brand weitgehend zerstört. Vermutlich wurde es im 4. Jahrhundert wiederaufgebaut, aber im frühen 5. Jahrhundert vom Militär endgültig aufgegeben.Guy de la Bedoyere 1997, S. 50, Wolfgang Moschek, 2011, S. 213.

Kastell Wie beim benachbarten Vindobala ist auch von diesem Kastell kein aufgehendes Mauerwerk erhalten geblieben. Seine letzten Reste sind heute vollständig unter der Erde begraben. An seinem Standort erinnert nicht einmal eine Infotafel an das römische Lager. Nördlich der B6318 ist eine leichte Bodenerhebung zu sehen. Südlich davon sind noch schwach die Umrisse der Mauern und der Innenbebauung zu erkennen. Die mehrphasige Festung (Kastell I: hadrianisch, Kastell II: severisch) hatte ursprünglich einen langrechteckigen Grundriss mit abgerundeten Ecken (Spielkartenform), maß 134 Meter (Norden nach Süden) und 122 Meter (Osten nach Westen) und beanspruchte eine Fläche von 1,75 ha. Wie bei den Reiterkastellen am Wall üblich, ragte die Nordhälfte (praetentura) über den Hadrianswall hinaus.

Umwehrung Das Kastell verfügte über die vier standardmäßigen Haupttore (portae principales) mit zwei Durchfahrten, geteilt durch zwei Pfeiler (spina) und je zwei quadratische Flankentürme. Wie die benachbarten Kastelle verfügte das Lager auch über je ein Seitentor an der West- und Ostmauer (portae quintanae). Vor dem Nordtor (porta Praetoria) konnten Spuren der Zufahrtsstraße beobachtet werden. Östlich dieser Straße stieß man auf die Reste eines Gebäudes. Am West- und Osttor war die Lagermauer etwas tiefer fundamentiert. Am Westtor fand man 1936 eine Bauinschrift der Legio VI. Die Kastellecken waren durch Türme verstärkt. Der südliche Wallgraben (vallum) passierte in kurzer Distanz das Kastell und konnte auf einer Straße überquert werden, die vom Südtor (porta decumana) in Richtung Lagerdorf (vicus) und der Dere Street führte. Kastell I war zusätzlich von einem doppelten Wehrgraben umgeben.RIB 1427

Annex: Im frühen 3. Jahrhundert wurde in der Südhälfte (raetentura) unter Septimius Severus zusätzlich eine 1250 Quadratmeter große Fläche zwischen dem Hadrianswall und dem südwestlichen Eckturm in die Umwehrung miteinbezogen (sog. Annex). Im Jahre 1959 wurde festgestellt, dass dafür ein Teil der Westmauer des Kastell I beseitigt wurde. Der Südwall wurde im Gegenzug auf 170 Meter verlängert, was dem Lager einen winkelförmigen Grundriss gab. Am Annex wurde ein Turm an der Nordwestecke nachgewiesen. Das Kastell bedeckte nun eine Fläche von 2,8 ha. Nach der Fertigstellung von Kastell II wurden die Doppelgräben planiert und durch einen einzigen – wesentlich tieferen – Graben ersetzt. Einige der Tordurchfahrten wurden blockiert, das Westtor (porta principalis sinistra) wurde komplett zugemauert.

Innenbebauung Auf den Luftaufnahmen waren im Innenbereich die Umrisse von zahlreichen Gebäuden und Straßen zu erkennen. Die Archäologen konnten bei den Grabungen in den 1960er Jahren vier Gebäude aus der Mitte des 2. Jahrhunderts aufdecken. Mauerreste im südwestlichen Teil der Festung konnten als Kornspeicher (horreum) identifiziert werden. Das hadrianische Lagerhaus hatte aber nicht die typischen Außenpfeiler, die die Wände abstützen sollten. Diese wurden erst beim Wiederaufbau des Kastells im 4. Jahrhundert angefügt. Unmittelbar westlich lag das Stabsgebäude (principia). Gegenüber davon stand ein großer Hallenbau, der vielleicht als Exerzierhalle für die im Kastell stationierten Reiter diente (basilica equester exercitatoria). Solche Hallenbauten sind ansonsten nur aus den Kastellen Netherby und Birdoswald bekannt. Südlich stand ein kleines Gebäude mit unbekannter Funktion und westlich davon vermutlich eine Werkstätte (fabrica). Letztere wurden im severischer Zeit abgerissen und durch neue Bauten ersetzt. Bekannt ist auch der Verlauf der von West nach Ost verlaufenden Lagerhauptstraße (via Principalis).

Lagertherme: Im Jahre 1827 wurde auf einem Feld nördlich der B6318 (Flurname Brunt-ha-penny) das Lagerbad entdeckt. Es handelte sich um ein Gebäude des Reihentypus, wies alle dafür relevanten Funktionsräume auf (siehe Befundplan von 1827) und erstreckte sich von der Nordwestecke bis zum Westtor. Die Badegäste konnten u. a. über ein Heißbad, ein Lau- und Kaltbad sowie einen Umkleide- und Fitnessraum verfügen. Das Gebäude war – im Vergleich zu den anderen am Hadrianswall untersuchten römischen Bädern – mit bis zu elf Räumen ungewöhnlich groß und befand sich im Inneren des Kastells. Vielleicht ersetzte es – wie in Housesteads – ein außerhalb der Umwehrung (extra muros) gelegenes Bad. Wahrscheinlich wurde es erst im späten 4. Jahrhundert errichtet. Von diesem Gebäude sind heute keine Reste mehr zu sehen.J. Hodgson 1840, S. 317, Eric Birley 1961, S. 171, M. G. Jarrett 1959, S. 177–190, Guy de la Bedoyere 1997, S. 51, J. C. Bruce 1966, S. 72.

Hadrianswall