Abū Muhammad ʿAbdallāh ibn ʿAmr ( gest. zw. 683 und 685) war der Sohn des arabischen Eroberers ʿAmr ibn al-ʿĀs und ein bedeutender Prophetengefährte mit asketischen Tendenzen. Unter den ersten Kalifen übte er verschiedene politische Ämter aus, vor allem betätigte er sich aber als Schriftgelehrter. Während es in seiner Zeit üblich war, die Aussprüche des Propheten Mohammed nur mündlich zu überliefern,Schoeler: Mündliche Thora und Ḥadīṯ. 1989, S. 236. berief sich ʿAbdallāh ibn ʿAmr darauf, dass ihm der Prophet die Erlaubnis erteilt habe, seine Aussprüche auch schriftlich festzuhalten. Er selbst besaß ein Heft, das er as-Sādiqa („die Wahrhafte“) nannte und in dem er solche Prophetenaussprüche aufgezeichnet hatte. Teile dieses Heftes gingen in spätere Hadith-Sammlungen ein. ʿAbdallāh ibn ʿAmr sammelte nicht nur Hadithe, sondern befasste sich auch sehr eingehend mit den Überlieferungen der jüdischen und christlichen Tradition. Einzelne muslimische Gelehrte warfen ihm vor, Traditionen christlicher bzw. jüdischer Provenienz dem Propheten untergeschoben zu haben.
Leben Übertritt zum Islam und asketische Tendenzen ʿAbdallāh ibn ʿAmr war ein Sohn des arabischen Eroberers ʿAmr ibn al-ʿĀs und Rā'ita, der Tochter von Munabbih ibn al-Haddschādsch.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 241. Sowohl sein Vater als auch seine Mutter gehörten dem quraischitischen Clan der Sahm an.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 79 f. Er war nur zwölf (sic!) Jahre jünger als sein Vater und nahm noch vor ihm im Jahre 7 nach der Hidschra (= 628/29 n. Chr.) den Islam an.Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 286. Sein ursprünglicher Name soll ʿĀs gewesen sein. Den Namen ʿAbdallāh erhielt er erst bei seiner Konversion. ʿAbdallāh bekam von Mohammed die Erlaubnis, all das, was er von ihm hörte, aufzuschreiben.Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. 2012, S. 720b.
ʿAbdallāh soll sich sehr stark den gottesdienstlichen Übungen hingegeben haben.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb 1907, Band V, S. 337. Nach verschiedenen Berichten hielt er ein permanentes Tagesfasten und hatte ein Gelübde abgelegt, an diesem bis zu seinem Lebensende festzuhalten. Mohammed, der davon erfahren hatte, ermahnte ihn jedoch, in den Nächten nicht nur zu wachen, sondern auch zu schlafen, und tagsüber nicht nur zu fasten, sondern auch zu essen. Um seinen Körper zu schonen, empfahl er ihm ein intermittierendes Fasten, das er „Davidsfasten“ (ṣaum Dāwūd) nannte und von dem er sagte, dass es dem Lebenszeitfasten (ṣiyām ad-dahr) ebenbürtig sei.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band IV/2, S. 9f. Nach einem Bericht, der auf Mudschāhid ibn Dschabr zurückgeführt wird, war der eigentliche Anlass für die prophetische Ermahnung, dass ihn sein Vater mit einer Frau von den Quraisch verheiratet hatte, er sich jedoch nicht für sie interessierte, sondern die Zeit lieber mit Gebet und Fasten verbrachte. Als sein Vater davon erfuhr, beschwerte er sich bei Mohammed darüber. Dieser ermahnte ʿAbdallāh dann, sich in seiner Askese zu mäßigen und seine Frau nicht zu vernachlässigen.Aḥmad ibn Ḥanbal: Musnad. 1997, Band IX, S. 8f. Nach einem anderen Bericht befahl ihm der Prophet bei dieser Gelegenheit außerdem, seinem Vater zu gehorchen.Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. 2012, S. 721b.
Aktivitäten unter den ersten Kalifen Bei der Schlacht vom Yarmūk (636) führte ʿAbdallāh ibn ʿAmr das Banner seines Vaters.Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. 2012, S. 721a. Er nahm auch an der arabischen Eroberung Ägyptens (639–42) teil und errichtete in Ägypten ein Haus.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 244. Während des Kalifats von ʿUmar ibn al-Chattāb (634–644) und ʿUthmān ibn ʿAffān (644–656) hielt er in Ägypten Hadith-Sitzungen ab.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 279. Im Jahre 27 der Hidschra (= 647/48 n. Chr.) wurde er zum Statthalter von Caesarea in Syrien ernannt.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 271.
Während der Auseinandersetzungen um ʿUthmān gegen Ende von dessen Kalifat nahmen ʿAbdallāh ibn ʿAmr und sein Vater ʿAmr eine neutrale Position ein.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band VII/2, S. 189. Als ʿUthmān 656 zum ersten Mal in Medina belagert wurde, zog er mit seinem Vater und seinem Bruder nach Palästina, wo die Familie ein Landgut hatte, das ʿAdschlān genannt wurde. Der Name stammte von einem Klienten, der das Landgut im Auftrag des Vaters bearbeitete. Nach der Beschreibung der arabischen Quellen lag das Anwesen bei dem Ort Sabʿ in dem Distrikt von Bait Dschibrīn. Michael Lecker identifiziert den Ort mit der Wüstung Chirbat ʿAdschlān südwestlich der modernen Stadt Kirjat Gat.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 36. Hier warteten die drei die weiteren Ereignisse ab.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 31–33.
Im Dienste Muʿāwiyas Nach der Ermordung ʿUthmān begab sich ʿAbdallāh zusammen mit seinem Vater zu Muʿāwiya ibn Sufyān und nahm auf dessen Seite an der Schlacht von Siffin teil.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band VII/2, S. 190. Nach Abu ʿUbaid ibn Qāsim ibn Sallām (gest. 838) kommandierte ʿAbdallāh den rechten Flügel von Muʿāwiyas Heer.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 91. Mehrere Berichte betonen aber, dass ʿAbdallāh ibn ʿAmr nur widerwillig an der Schlacht teilgenommen habe. Nach Ibn al-Athīr weigerte sich ʿAbdallāh zunächst, mit seinem Vater auszuziehen, und verwies darauf, dass ihm der Prophet einen speziellen Auftrag erteilt habe. Sein Vater erinnerte ihn daraufhin an die letzten Worte des Propheten, in denen er ihm befohlen hatte, seinem Vater zu gehorchen. Nach der Schlacht bereute er die Teilnahme an der Schlacht und wünschte sich, zwanzig Jahre früher gestorben zu sein.Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. 2012, S. 721a. Mehrere Berichte betonen, dass er nicht gekämpft, sondern nur das Kriegsbanner geführt habe. Zwei Männer, die sich darum stritten, den ʿAlī-Anhänger ʿAmmār ibn Yāsir getötet zu haben, ermahnte er, sich damit besser nicht zu rühmen, weil der Gottesgesandte vorhergesagt habe, dass ihn die „rebellische Bande“ (al-fīʾa al-bāġiya) umbringen werde.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 92.
ʿAbdallāhs Ansehen war so groß, dass ihn sein Vater beim Schiedsgericht nach der Schlacht, als Abū Mūsā al-Aschʿarī ʿUmars Sohn ʿAbdallāh als Kompromisskandidaten für das Kalifat vorschlug, als eigenen Gegenkandidaten vorschlagen konnte.Negahban: ʿAbd Allāh b. ʿAmr b. ʿĀṣ. In Encyclopaedia Islamica, Band I, S. 147b. Nach dem Tode ʿAlīs begleitete ʿAbdallāh Muʿāwiya bei seinem Einzug in Kufa.Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb at-tahḏīb 1907, Band V, S. 338. Für eine Zeitlang fungierte er als sein Statthalter in Kufa, dann ersetzte ihn Muʿāwiya durch al-Mughīra ibn Schuʿba.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 91f. Danach zog ʿAbdallāh zu seinem Vater, der in Ägypten als Muʿāwiya Statthalter fungierte.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band VII/2, S. 190. Hier nahm er seine Hadith-Sitzungen wieder auf, wurde aber von früheren Schülern dafür gerügt, dass er sich am Bürgerkrieg beteiligt hatte.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 279.
Als sein Vater ʿAmr ibn al-ʿĀs 662 oder 663 starb, vertrat ihn ʿAbdallāh eine Zeitlang in der Position des Statthalters von Ägypten. Dann entließ ihn aber Muʿāwiya ibn Sufyān und ersetzte ihn durch seinen eigenen Bruder ʿUtba ibn Sufyān.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 29f. Von seinem Vater hatte er gewaltige Reichtümer an ägyptischem Gold geerbt, so dass er einer der „Könige der Prophetengefährten“ (mulūk aṣ-ṣaḥāba) wurde.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 90. Asketen aus Basra, die ihn bei der Wallfahrt in Mekka besucht hatten, berichteten, dass er mit 300 Kamelen angereist war, von denen 100 Reitkamele und 200 Packkamele waren. Auf diesen transportierte er seine Mawālī und Freunde und ihr Gepäck.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 93. Nach einem Bericht, der in verschiedenen Versionen bei Ibn ʿAsākir angeführt wird, wurde Maslama ibn Muchallad, der ab 667/68 als Statthalter von Ägypten fungierte, von Muʿāwiya in einem Brief aufgefordert, ʿAbdallāh ibn ʿAmr mit den Postreitern zu ihm schicken, damit er ihn zu einem Hadith befragen konnte.Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. 1996, Band XXXI, S. 240.
Zerwürfnis mit Muʿāwiya und Annäherung an die Aliden Zu dem, was ʿAbdallāh von seinem Vater geerbt hatte, gehörte auch der Garten Waht in der Nähe von at-Tā'if, in dem Trauben angebaut wurden, die sagenhafte Erlöse einbrachten.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 25. Muʿāwiya I. begehrte dieses Landgut, doch war ʿAbdallāh nicht bereit, es ihm zu irgendeinem Preis zu verkaufen. Als Muʿāwiya verkündete, dass er Waht durch seinen Bruder ʿAnbasa, der sein Statthalter in at-Tā'if war, einziehen lassen werde, wies ʿAbdallāh seine Mawālī an, ihre Waffen zu ergreifen und sich auf den Kampf vorzubereiten. Als der Quraischit Chālid ibn al-ʿĀs al-Machzūmī ʿAbdallāh besuchte und ihn zum Nachgeben drängte, berief sich ʿAbdallāh darauf, dass der Prophet gesagt habe: „Wer bei der Verteidigung seines Eigentums getötet wird, ist ein Märtyrer.“ (man qutila dūna māli-hī fa-huwa šahīd).Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 26. Parallel zu der Entfremdung gegenüber Muʿāwiya ergab sich eine Annäherung an die Aliden. Während eines Aufenthaltes in Medina suchte ʿAbdallāh al-Husain ibn ʿAlī auf und bat ihn um Verzeihung dafür, dass er bei Siffīn an der Seite von Muʿāwiya gestanden hatte. Er führte als Entschuldigungsgrund an, dass er durch den Befehl des Gottesgesandten daran gebunden gewesen sei, seinem Vater zu gehorchen, verwies aber darauf, dass er nicht gekämpft hatte.Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. 2012, S. 721b.
ʿAbdallāh ibn ʿAmr siedelte später in das palästinensische Dorf ʿAdschlān um, das sein Vater ʿAmr ibn ʿĀs den eigenen Nachkommen gestiftet hatte.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 26. Von dort aus pflegte er Öl für die Lichter in der Geburtskirche nach Betlehem zu schicken.Lecker: The estates of ʿAmr b. al-ʿĀṣ in Palestine. 1989, S. 31. Gelegentlich scheint er auch den Kalifen Yazīd ibn Muʿāwiya an seinem Hof aufgesucht zu haben. Ein gewisser ʿUryān ibn al-Haitham hat ihn dort gesehen.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band IV/2, S. 11. Später scheint er sich aber von Yazīd distanziert zu haben. Nach einem Bericht, den adh-Dhahabī anführt, hielt er sich in Mekka auf, als Yazīds Heerführer al-Husain ibn Numair im Oktober 683 bei der Belagerung der Stadt die Kaaba in Brand setzte und das Gebäude in den Flammen zusammenbrach. Er soll bei dieser Gelegenheit Yazīds Vorgehen gegen al-Husain ibn ʿAlī und gegen das Haus Gottes heftig kritisiert und ihm die Rache Gottes angedroht haben.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām al-nubalāʾ. 1981, Band III, S. 94.
ʿAbdallāh ibn ʿAmr hatte einen rötlichen Teint, war sehr korpulent und groß und erblindete am Ende seines Lebens.Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 287. Im Alter war er zu schwach, um den von ihm gelobten Fastenrhythmus weiter einzuhalten. So soll er auch bereut haben, dass er die prophetische Erlaubnis zur Reduzierung seines Fastens auf drei Tage im Monat nicht wahrgenommen hatte.Abū Nuʿaim: Ḥilyat al-auliyāʾ. Band I, S. 284, 286. Nach seiner Erblindung soll er noch den Tawāf um die Kaaba vollzogen haben.Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Band IV/2, S. 11.
Tod