Der Begriff Erneuerungsbewegung wurde in der Zeit des Nationalsozialismus im allgemein üblichen Sprachgebrauch des Nationalsozialismus für den sich mit seinen Zielen identifizierenden Teil der „deutschen Volkstumspolitiker“ in verschiedenen Ländern Europas verwendet, so auch mit Blick auf ÖsterreichAlfred Maleta: Der Sozialist im Dollfuss-Österreich: eine Untersuchung der Arbeiterfrage. Pressverein, Linz a. d. D. 1936, S. 108 f. oder die Schweizer Frontenbewegung.vgl. PA/AA: Inl. Hg 17d/1764, Dok. 129491-519. In: Thomas Casagrande: Die volksdeutsche SS-Division "Prinz Eugen": die Banater Schwaben und die nationalsozialistischen Kriegsverbrechen. Campus Verlag, 2003. ISBN 3-59337-234-7, S. 152. Politisch umwälzende Bedeutung erhielten die Erneuerer besonders im Königreich Rumänien und im Königreich Jugoslawien.
Königreich Rumänien Seit Ende des Ersten Weltkriegs hatte der Streit zwischen der großbürgerlichen Industriellengruppe um Hans Otto Roth und der kleinbürgerlich-ländlichen Gruppe um Rudolf Brandsch das konservative politische Lager gelähmt. Für eine politische Kurskorrektur in den Minderheitenbeziehungen standen in den 1920er Jahren Gruppierungen wie unter anderem die Unzufriedenen, Klingsor oder die Banater Jungschwaben. Ihr Kristallisationspunkt war allerdings die in Erneuerungsbewegung umgetaufte, ursprünglich als Wirtschaftsverein gegründete Selbsthilfeorganisation von Fritz Fabritius. Er kritisierte besonders die erfolglose, passive Politik der Minderheitenführung gegenüber der rumänischen Regierung. Nach 1930 verschärfte sich der Ton mit radikalen Lösungen und offensiven Positionen nach einer langen Kette von gescheiterten Versuchen von Veränderung der bestehenden Verhältnisse unter den vorherrschenden konservativen Eliten, die sich nicht auf einen Dialog einließen, und der rumänischen Regierung in Bukarest. Die in der Hauptstadt verfolgte Politik der Rumänisierung erschwerte als zusätzlicher Konflikt den „volksdeutschen Behauptungskampf“.Tammo Luther" Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933-1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004. ISBN 3-51508-535-1, S. 133.
Nach der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers 1933 gelang der Erneuerungsbewegung der politische Durchbruch. Sie verstanden sich nun nicht mehr als oppositionelle Randgruppe, sondern als Teil der internationalen nationalsozialistischen Bewegung. Nach konservativen Berichten warben die Erneuerer, die sich seit Mai 1932 Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung der Deutschen in Rumänien (NSDR) nannte, mehr mit Wahlgeschenken und weniger mit Argumenten. Wirtschaftsmaßnahmen der NS-Ortsgruppen nach dem Konzept einer Hilfe zur Selbsthilfe ließen mehr noch als die Versprechen auf finanzielle Zuschüsse aus Deutschland die ärmeren Bauern für Fabritius stimmen. Zu Beginn des Jahres 1934 änderte die NSDR ihren Namen in „Nationale Erneuerungsbewegung der Deutschen in Rumänien“ (NEDR).Johann Böhm: Hitlers Vasallen der Deutschen Volksgruppe in Rumänien vor und nach 1945. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2006
Infolge der Wahlsiege in den regionalen Volksräten wurde Fritz Fabritius am 29. Juni 1935 zum Vorsitzenden der rumäniendeutschen Dachorganisation gewählt, die in „Deutsche Volksgemeinschaft in Rumänien“ umbenannt wurde. Der Verband erhielt ein vom Nationalsozialismus inspiriertes „Volksprogramm“, gegen das sich weder die Konservativen noch die Evangelische Kirche A. B. auflehnten, wohl aber die radikale Fraktion der „Erneuerer“, die mittlerweile unter Alfred Bonfert und dem Parteitheoretiker Waldemar Gust am 10. Februar 1935 (zunächst noch mit der Zustimmung Fabritius’) die radikal-nazistische „Deutsche Volkspartei Rumäniens“ (DVR) gegründet hatten. Die Radikalen beanstandeten, dass das „Volksprogramm“ nicht dem „eigentlichen Geist des Nationalsozialismus“ entsprach. Der Konflikt zwischen der „Volksgemeinschaft“ und der DVR prägte bis zum Oktober 1938 die politische Diskussion der Rumäniendeutschen.Paul Milata: Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu: Rumäniendeutsche in der Waffen-SS. Band 34 von Studia Transylvanica. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2007, ISBN 3-412-13806-1, S. 336. Reichsdeutsche Ministerien, Parteistellen und Volkstumsorganisationen nahmen in diesem Konflikts zum Teil widersprüchliche Haltungen ein oder betrieben eine eigenständige Politik. Der „Streit trennte Hofnachbarn und entzweite Familien, Kinder prügelten sich auf der Straße und riefen ‚Fabritius soll regier'n, Bonfert soll krepier'n‘ oder umgekehrt (je nach Einstellung der Eltern)“; in den Städten tobten Saalschlachten.Georg Weber, Renate Weber: Zendersch: eine siebenbürgische Gemeinde im Wandel. Delp, 1985, ISBN 3-7689-0222-6, S. 265.
Im Oktober 1938 nahmen Fabritius, Bonfert und Gust an den Gesprächen zur Gleichschaltung der Rumäniendeutschen unter der Leitung der Sonderbeauftragten für Rumänien, Edit von Coler, teil. In der Folge wurden die Radikalen um Bonfert und Gust in die „Volksgruppenführung“ assimiliert, mit Bonfert als stellvertretendem Landesvorsitzenden.Stefan Breuer, Ina Schmidt: Die Kommenden: eine Zeitschrift der Bündischen Jugend (1926-1933). Band 15 von Edition Archiv der deutschen Jugendbewegung, Wochenschau Verlag, 2010, ISBN 3-89974-529-9, S. 316. Da die radikale Gruppe auch nach der Einigung 1939 den Streit weiter führte, schalteten sich die Volksdeutsche Mittelstelle (VoMi), das Auswärtige Amt und Heinrich Himmler in den Konflikt ein, da die Führung des Deutschen Reiches die volle Kooperation der deutschen Minderheit in einer Zeit sensitiver Beziehungen zu Rumänien bedurfte.Valdis O. Lumans: Himmler's Auxiliaries: The Volksdeutsche Mittelstelle and the German National Minorities of Europe, 1933–1945, University of North Carolina Press, 1993, ISBN 0-8078-6311-4, S. 111 (englisch). Fabritius schloss Bonfert und Gust im Frühjahr 1939 wegen eines angeblichen Putschversuchs aus der Führung der Volksgruppe aus. Bonfert, Gust und der Landesjugendführer Friedrich „Fritz“ Cloos wurden ihrer Ämter enthoben und ins „Reich“ abgeschoben.Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik, Johann Böhm: Techniken der Manipulation - tehnici de manipulare (Stellungnahme), 1. Februar 2013.
Fabritius selbst wurde nach Aussagen, die wiederholt zu diplomatischer Verwirrung und politischer Missstimmung in den deutsch-rumänischen Beziehungen geführt hatten, Ende November 1939 endgültig nach Deutschland zurückbeordert, als sein Nachfolger wurde Wolfram Bruckner in der Position des Landesobmann (ad Interim) bestätigt. Nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch vom August 1940 übernahm die NSDAP der deutschen Volksgruppe in Rumänien die alleinige Vertretung der dortigen „Volksdeutschen“. Am 27. September 1940 wurde Andreas Schmidt vom Leiter der VoMi, Werner Lorenz, zum „Volksgruppenführer“ in Rumänien ernannt, womit die nationalsozialistische Machtübernahme unter den Rumäniendeutschen abgeschlossen war.Klaus Popa: Die Herrschaftsbestrebungen des Volksgruppenführers und Machtmenschen Andreas Schmidt und die Deutsche Volksgruppe in Rumänien (1940–1944) als Paradebeispiel für NS-Fanatisierung und -Instrumentalisierung
Königreich Jugoslawien Der Wohlstand der deutschen Minderheit in Jugoslawien, besonders in der Vojvodina, war verglichen mit den dort lebenden Magyaren oder Albanern nur relativ, da es unter ihnen eine beträchtliche Zahl landloser und kleiner Bauern gab. Die jugoslawische Bodenreform gestand den Deutschen keine Grundstücke zu. Obwohl die deutschen Bauern wenig Land an den Agrar-Fond abgeben mussten, verloren ihre Gemeinden beträchtliche Flächen.Nikola Gaćeša: Nemci u agrarnoj reformi i vlasništvu obradivog zemljišta u Vojvodini 1919-1941: Radovi iz agrarne istorije i demografije. Novi Sad 1995, S. 294. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006. Die Abgeordneten der deutschen Minderheit konnten politisch nur begrenzten Einfluss auf die Entscheidungen im Parlament ausüben.Oskar Plautz: Das Werden der Volksgemeinschaft. Novi Sad 1940, S. 53–55. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006. Nach der Einführung der Königsdiktatur 1929 verringerte sich die innenpolitische Bedeutung der deutschen Minderheit noch weiter. Das deutschsprachige Schulwesen war trotz einiger staatlicher Zugeständnisse nach 1918 nur schwach entwickelt und bestand aus vierklassigen Grundschulabteilungen und einigen Mittelschulen mit Lehrern, die oft keine ausreichenden Kenntnisse der deutschen Sprache besaßen.Josef Volkmar Senz: Das Schulwesen der Donauschwaben in Jugoslawien. München 1969. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006. Das deutsche Vereinswesen, ihre WirtschaftsvereineJovan Durman: Zadrugarstvo Nemaca u Jugoslaviji do Drugog svetskog ratam: Zadružni arhiv, 2. 1954; Ivan Milivoj Varga: Nase zadrugarstvo. In: Jubilarni zbornik života i rada SHS 1918–1928. Beograd 1928, S. 279–289. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006. und überwiegend lokale Presse waren jedoch gut entwickelt.Branko Bešlin: Vesnik tragedije. Nemačka štampa u Vojvodini (1933–1941). Novi Sad 2001. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006.
In dieser Situation versuchte eine kleine, aber agile und nationalbewusste Intelligenzschicht in den 1920er Jahren mit parlamentarischer Tätigkeit und Kontakten sowohl zur jugoslawischen als auch zur deutschen Regierung die Gesamtlage der Minderheit zu verbessern, konnte dabei jedoch nur begrenzte Erfolge erzielen. Das Nationalbewusstsein begann zwar zu erwachen, aber die Verbesserung der sozialen und politischen Lage der Minderheiten blieb aus. Bei der jüngeren Generation entstand Anfang der 1930er Jahre Unzufriedenheit. In Jugoslawien aufgewachsen hegte sie, im Unterschied zu breiten Kreisen der älteren Generationen, keine Sympathien für das Vorkriegsungarn oder das historische Königreich Kroatien-Slawonien. Gleichzeitig war sie wesentlich radikaler und ungeduldiger in der Formulierung ihrer Wünsche, besonders gegenüber den alten Führern, die nach ihrer Meinung versagt und ihre Posten nur zum eigenen Vorteil genutzt hatten. Die Generation der jungen Intellektuellen trat zeitgleich mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich auf. Sie lernten die neue Ideologie an deutschen und österreichischen Universitäten kennen, wo sie zum großen Teil studiert hatten. Hier war der Einfluss der Nationalsozialisten schon vor 1933 spürbar,Georg C. Mosse: The crisis of German ideology. Intellectual origines of the Third Reich. New York 1964, S. 268 und 271. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006. und so kehrten die jungen Intellektuellen mit radikalen Ideen in ihre Heimat zurück. Dort aber herrschte nicht nur die Königsdiktatur und eine Missachtung der Minderheitenrechte, sondern auch die Perspektivlosigkeit für junge Akademiker der Minderheiten. Sie hatten praktisch keinen Zugang in den Staats- oder Gemeindedienst, und in den Minderheitenorganisationen bekleideten einflussreiche „Alte“ oft mehrere Posten gleichzeitig.Dušan Biber: Nacizem i Nemci v Jugoslaviji 1933–1941. Ljubljana 1966, S. 67–69, 93–127, 140–166. In: Zoran Janjetović: In: Mariana Hausleitner, Harald Roth: Der Einfluss von Nationalsozialismus auf Minderheiten in Ostmittel- und Südeuropa. IKS Verlag, München 2006.