mini|hochkant|Günter Meyer (2016)
Günter Meyer (* 25. August 1946 in Oldenburg) ist ein deutscher Geograph. Er ist Vorsitzender des World Congress for Middle Eastern Studies (WOCMES), Präsident der European Association for Middle Eastern Studies (EURAMES) und leitet das Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt (ZEFAW) an der Universität Mainz.
Seine Forschungsschwerpunkte sind die Politische Geographie der arabischen Welt und wirtschafts- und stadtgeografische Entwicklungsprobleme im Nahen Osten, besonders in Ägypten, Syrien, Jemen und den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie in Deutschland.
Einem breiteren Publikum wurde er durch insgesamt mehr als 1100 Interviews zum Irakkrieg, zum Bürgerkrieg in Syrien und zum Bürgerkrieg in Libyen 2011 und 2014/2016 bekannt.
Leben und wissenschaftliche Laufbahn Von 1968 bis 1973 studierte Günter Meyer Geographie und Englisch an der Universität Erlangen-Nürnberg und der New University of Ulster in Nordirland. Nach seinem Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien 1973 wurde er 1976 zum Dr. rer. nat. promoviert. Er habilitierte sich 1983 in Geographie, ebenfalls an der Universität Erlangen-Nürnberg. Grundlage seiner Habilitation waren sozialgeographische Studien zur Entwicklung im bäuerlichen und nomadischen Lebensraum. Er wurde in Erlangen zum Professor ernannt und wechselte 1993 nach Mainz.
„Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation“ (DAVO) Seit Mitte der 1990er-Jahre baute Meyer auf nationaler, europäischer und globaler Ebene eine intensive mediale und organisatorische Vernetzung von Institutionen der Orientforschung mit Tausenden von Wissenschaftlern auf, und zwar in erster Linie durch die Gründung des interdisziplinären wissenschaftlichen Netzwerks „DAVO – Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation“ im Jahr 1993. Unter „Vorderer Orient“ werden alle Mitglieder der Liga der Arabischen Staaten sowie Afghanistan, Iran, Pakistan, die Türkei, die islamisch geprägten Staaten der ehemaligen UdSSR und angrenzende Regionen sowie Israel verstanden. Zur Förderung der Forschungskooperation unter den 1300 DAVO-Mitgliedern haben sich zu bestimmten Themenfeldern DAVO-Arbeitskreise gebildet, die sich um einen intensiven wissenschaftlichen Austausch bemühen, themenbezogene Panels auf Konferenzen organisieren und gemeinsame Publikationen koordinieren.
Als Reaktion auf die Erweiterung der Vereinssatzung durch neue politische Ziele erklärte Meyer im September 2025 seinem Rücktritt als DAVO-Vorsitzender. Bis zu diesem Zeitpunkt gab Meyer den wöchentlichen „DAVO-Info-Service“ per E-Mail heraus, der über Konferenzen, Stellenausschreibungen, Praktika, Stipendien und neue Forschungsprojekte informiert. Der Verein verleiht auf seinem jährlichen Kongress an DAVO-Mitglieder mit den besten Dissertationen den „DAVO-Dissertationspreis“ in Höhe von insgesamt von insgesamt 3000 Euro. Die Mitgliederzeitschrift „DAVO-Nachrichten“ wurde von Meyer bis zu seinem Rücktritt halbjährlich gedruckt verschickt oder in der Online-Fassung den Mitgliedern zugänglich gemacht.
Die Weltkongresse für Studien zum Vorderen Orient: „World Congress of Middle Eastern Studies“ (WOCMES) Unter seiner Leitung fand 2002 der Erste Weltkongress für Studien zum Vorderen Orient (WOCMES) mit rund 2100 Wissenschaftlern aus 68 Ländern und 126 Journalisten aus aller Welt an der Universität Mainz statt. 2006 wählte der Vorstand des Weltkongresses für Studien zum Vorderen Orient (WOCMES) Meyer erstmals zu seinem Vorsitzenden. Als Vorstandsvorsitzender war Meyer auch für die Weltkongresse in Amman/Jordanien, in Barcelona und in Ankara im August 2014 verantwortlich. 2018 organisierte er den Weltkongress in Sevilla. Im gleichen Jahr wurde er vom Vorstand einstimmig zum fünften Mal für die Zeit bis 2022 in diesem Amt bestätigt.
Middle East Studies Association of North America (MESA) 2014 verlieh ihm die Middle East Studies Association of North America (MESA) den Jere L. Bacharach Service Award. Meyer war damit der erste europäische Wissenschaftler, der mit diesem Preis gewürdigt wurde. In der Begründung wurde insbesondere Meyers „unermüdlichen Einsatz zur Verbesserung der Kommunikation und des Austauschs zwischen zuvor getrennten, unterschiedlichen Teilbereichen der europäischen Wissenschaft“ hervorgehoben.
Geographisches Engagement in Mainz und im Rhein-Main-Gebiet: „Geographie für Alle e.V.“ (GfA) Der 1994 von Günter Meyer gegründete und rund 300 Mitglieder starke Verein konzentriert sich auf geographische Führungen der Metropolen und Naturräumen des Rhein-Main-Gebiets. Neben dem jährlichen Angebot von rund 80 verschiedenen Gruppenführungen und Rundgänge für Erwachsene, Familien und Kinder, bei denen universitäres Wissen der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, ist ein weiteres Ziel des Vereins, die Qualifikationen der Studierenden für das spätere Berufsleben zu fördern. Dies geschieht z. B. durch das Erlernen wissenschaftlicher Exkursionsdidaktiken und anschließender eigenverantwortlicher Leitung der öffentlichen Stadt-und-Naturführungen. Die Themengebiete von Geographie für Alle sind neben der jeweiligen Geschichte der drei Metropolen Mainz, Wiesbaden, Frankfurt und deren Umland vielfältig und behandeln z. B. in Mainz die Gentrifizierung in der Neustadt, die Rolle der Mainzer Frauen oder „Persönlichkeiten auf dem Mainzer Hauptfriedhof“, eine kostenfreie und sich jährlich wiederholende Großveranstaltung mit bis zu 14 zeitlich hintereinander gereihten Einzelführungen am Feiertag Allerheiligen. In Wiesbaden stehen bei den Rundgängen der Hauptbahnhof, die Villen rund um den Kurpark und Gustavsburg mit seiner Gartenstadt im Mittelpunkt. In Frankfurt wird u. a. über die Bankenmacht und die „neue Altstadt“ als „Little Heidelberg“ referiert. Im Jahr 1999 veranstaltete GfA auch die „Längste Stadtführung der Welt“ mit einer Dauer von 26 Stunden und schaffte es damit ins Guinnessbuch der Rekorde.
Forschung Meyers regionale Forschungsschwerpunkte sind vor allem der Vordere Orient, aber auch Deutschland und die Entwicklungs- und Schwellenländer.
Zur arabischen Welt befasst er sich mittlerweile hauptsächlich mit der politischen Geographie, den Entwicklungen in den Ländern des „Arabischen Frühlings“ (Tunesien, Libyen, Ägypten, Bahrain, Jemen), dem Bürgerkrieg in Syrien und die Auswirkungen auf die Nachbarländer, dem Nahost-Konflikt, dem Irak-Krieg, dem ethnisch-religiösen Konfliktpotential, Konflikten um Erdöl und Wasser sowie dem Islamismus und Terrorismus. In den 70er bis 90er Jahren stand die neoliberale Stadtentwicklung in den arabischen Golfstaaten und besonders wirtschaftsgeographische Entwicklungsprobleme in Ägypten, den Levantestaaten und auf der Arabischen Halbinsel im Vordergrund, dabei leistete er Feldforschung zu Themen wie Tourismusentwicklung, Neulandprojekten und Kleingewerbe in Ägypten.
Ägypten war auch Thema der stadtgeographischen Untersuchungen zu „gated communities“, zur Altstadtsanierung in Kairo, der Integration ländlicher Zuwanderer in die ägyptische Metropole und der damit zusammenhängenden Wohnungsprobleme in Kairo. Dazu kamen Forschungen zu Entwicklungsproblemen der Industrie in den „Neuen Städten“ und zur gewerblichen Entwicklung in der Altstadt und der Entwicklung informeller Siedlungen Kairos.
Ähnliche Themenschwerpunkte auf Entwicklungsprozessen untersuchte Meyer auch in Deutschland (Entwicklungsprozesse des Einzelhandels im Stadtzentrum und in den Außenbezirken) und in Entwicklungs- und Schwellenländern (Entwicklung der Megastädte, Folgen der Globalisierung).
Positionen Bürgerkrieg in Syrien Schon 2012 äußerte Meyer in Interviews, es handele sich um eine massive Einmischung von außen in einen innersyrischen Konflikt. Es gehe den westlichen Mächten vor allem darum, die „Achse Iran-Syrien-Hisbollah auszuschalten“. Aus Libyen würden hunderte Mujahedin eingeflogen, weil der CIA einen Bürgerkrieg initiieren wolle, um Syrien zu schwächen. Die Medien ignorierten die Tatsache, dass die Mehrheit der syrischen Bevölkerung Assad weiterhin als Regenten wolle.
Zum Bürgerkrieg in Syrien bezog Meyer von Anfang an Stellung gegen Bestrebungen, Präsident Baschar al-Assad aus seinem Amt zu entfernen.„Die USA haben kein Interesse an einer friedlichen Lösung, bei der Bashar al-Assad an der Macht bleiben könnte.“ So eine Form von Desinformation habe ich noch nie erlebt In: JGU-Magazin. 11. April 2012.„Es kann nur eine politische Lösung, es kann nur eine Verhandlungslösung geben unter Beteiligung des gegenwärtigen Regimes.“ Günter Meyer im Gespräch mit Martin Zagatta In: DLF. 22. Mai 2015. Das Verhalten Russlands im Konflikt lobte er vor dem Einsatz der Luftstreitkräfte als konstruktiv.Der Kreml spielt eine konstruktive Rolle. In: DLF. 15. September 2015.
Wiederholt machte Meyer die Irak-Politik der USA für das Entstehen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ verantwortlich: Zur Situation nach einem möglichen Sturz Assads bezog er sich auf den verbreiteten Slogan: „Die Christen in den Libanon, die Alawiten ins Grab“. Dieser Slogan zeige, welche Gefahren den Gebieten drohen, die noch vom Regime kontrolliert werden.
Meyer stellte im Februar 2016 seine Sicht des Konflikts und seiner Ursachen dar. Der Sturz Assads sei ab 2001 geplant worden. 2006 sei mit den von Wikileaks veröffentlichten Depeschen der US-Botschaft in Damaskus „durchgesickert“, dass das Regime destabilisiert werden sollte, dabei sollten unter anderem die ethnischen Gegensätze angefacht werden. Die Strategie der Unterstützung der gemäßigten Rebellen über Waffenlieferungen aus Libyen und die Türkei sei gescheitert, diese Rebellen hätten sich den extremen Kräften angeschlossen. Die Türkei habe den IS unterstützt und tue alles, um einen kurdischen Staat zu verhindern. Ein Sturz Assads würde Syrien in ein Chaos stürzen, von dem nur Extremisten profitieren könnten. Die russische Politik bewertete er im Unterschied zu allen Leitmedien als konstruktiv. Eine Absicht, die Flüchtlingsbewegung nach Europa zu verschärfen, schloss er dabei aus. Das Ziel der russischen Politik sei, Teile des Landes wieder unter die Kontrolle der Regierung zurückzubringen. Obwohl Geograph, sieht er in der Problematik des Pipelineverlaufes durch Syrien keinen Bezug zum Syrienkonflikt.
In einer Erörterung vom 9. Juni 2016 erwartete Meyer keinen einfachen Machtübergang für den Fall einer Ablösung des Regimes. Die beiden stärksten militärischen Gruppen, die Nusra-Front und der IS, könnten nicht an der Macht beteiligt werden; auch die übrigen Milizen seien vorwiegend salafistisch bzw. radikal-islamistisch orientiert und vielfach untereinander verfeindet. Sie eine nur der Kampf gegen Assad. Bei einem Machtwechsel dürfe nicht der Fehler nach dem Irakkrieg wiederholt werden, die Streitkräfte und den Staatsapparat zu zerstören. Haupthindernis für einen Friedensschluss sah Meyer in der hegemonialen Politik Saudi-Arabiens. Der Konflikt sei für Saudi-Arabien ein Stellvertreterkrieg, sein Einsatz sei durch die Rivalität mit dem Iran motiviert. Nach der Abwendung Obamas von dem ursprünglichen Pakt zwischen USA und Saudi-Arabien (Öl für Sicherheit) versuche Saudi-Arabien den Golf-Kooperationsrat „in ein Bollwerk gegen den Iran“ umzuwandeln.Michael Wrase: Der Lösung keinen Schritt nähergekommen. Gespräch mit dem deutschen Nahost-Experten über die Lage in Syrien. In: Luxemburger Wort. 9. Juni 2016, S. 12.