Die Gießener Burschenschaft Germania ist eine schlagende und farbentragende Studentenverbindung in Gießen. Die älteste Burschenschaft vor Ort wurde 1851Ernst-Günter Glienke: Civis Academicus. Handbuch der deutschen, österreichischen und schweizerischen Korporationen und studentischen Vereinigungen an Universitäten und höheren Schulen. Jahrgang 1996, Lahr 1996, S. 96. gegründet und war Mitgründerin sowohl des Norddeutschen Kartells, des Gießener Präsiden-Convents, des Gießener Deputierten-Convents, des Allgemeinen Deputierten-Conventes, der Roten Richtung, der Mainzer Burschenschaft Saravia als auch der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft. Sie vereint Studenten und Alumni deutscher Hochschulen in einem Freundschafts- und Lebensbund.

Geschichte Gründungsphase und Verbandsgründung Die Burschenschaft Germania wurde am 14. August 1851Meyers Konversationslexikon. 5. Auflage, Leipzig 1896, Beilage zum Artikel Studentenverbindungen.Hermann Oesterwitz (Hrsg.): Wegweiser durch die Universitätsstadt Giessen und ihre Umgebung. Giessener Verkehrshandbuch. Gießen 1907, S. 232. als Verbindung Germania in Gießen gegründet. Ihr gehörten viele Mitglieder ehemaliger Gießener Verbindungen, insbesondere Nachfolger der Alten Gießener BurschenschaftHierzu: Christian Scriba: Beiträge zur Geschichte der alten Gießener Burschenschaft: Burschenschaftliche Lebensbilder aus dem Jahre der großen Relegation 1828. Gießen 1913. an, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierten, hauptsächlich Mitglieder der Germania von 1850 und dem 1848 gegründeten und 1850 in Gesellschaft Germania umbenannten Nassauer Hof. Im Sommersemester 1852 ging die 1850 gegründete Studentenverbindung Treubund in ihr auf.Deutscher Universitäts-Kalender. Winter-Semester 1913/14. Leipzig 1913, S. 102. 1853 wurde Couleur in den Farben Schwarz-Rot-GrünGustav Heinrich Schneider: Die Burschenschaft Germania zu Jena. Jena 1897, S. 344. (die alten Farben des Treubundes)Richard Fick (Hrsg.): Auf Deutschlands hohen Schulen. Berlin, Leipzig 1900, S. 371. und einer schwarzen Mütze aufgenommen und der Wahlspruch Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland! festgelegt.

Früh suchte die Germania Anschluss an Burschenschaften in anderen Universitätsstädten, so kam es 1854 zu Treffen mit der Burschenschaft Germania Jena, mit der man 1855 ein Kartell schloss,Wilhelm Kalb: Die alte Burschenschaft. Erlangen 1892, S. 255. dem sich zugleich die Burschenschaft Arminia Breslau anschloss.Hugo Böttger (Hrsg.): Jahrbuch der Deutschen Burschenschaft. 1907. Carl Heymanns Verlag Berlin 1907, S. 241. Bestrebungen der Germania, das Kartell auf sämtliche Burschenschaften auszuweiten, scheiterten 1856 jedoch noch.Paul Wentzcke: Geschichte der deutschen Burschenschaft. (=Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung. Band 8), 2. Aufl., Heidelberg 1966, S. 270. 1858 wurde die Mützenfarbe in Ziegelrot geändert, nach behördlicher Genehmigung am 9. März 1861 die burschenschaftlichen Farben Schwarz-Rot-Gold angenommen.Paul Wentzcke: Burschenschafterlisten. Zweiter Band: Hans Schneider und Georg Lehnert: Gießen – Die Gießener Burschenschaft 1814 bis 1936. Görlitz 1942, S. 37. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen, burschenschaftliche Verbindungen in einem Verband zusammenzuschließen, wurde am 14. August 1858 unter Mitwirkung der Germania das Norddeutsche Kartell (NK) gegründet, dem sie bis 1869 angehörte. Als Gegengewicht zum Gießener Senioren-Convent wurde im Wintersemester 1861/62 zusammen mit der Burschenschaft Alemannia und dem Gießener Wingolf der Gießener Präsiden-Convent (PC) gegründet,Friedrich Waas: Geschichte des Gießener Wingolfs. In: Hans Waitz (Hrsg.): Geschichte der Wingolfsverbindungen. Darmstadt 1914, S. 288–289. der lediglich bis zum Wintersemester 1863/64 bestand. Die Anerkennung als Burschenschaft seitens der Universitätsbehörde erfolgte am 18. Juni 1863.Hugo Böttger (Hrsg.): Jahrbuch der Deutschen Burschenschaft. 1903. Carl Heymanns Verlag Berlin 1903, S. 185. Etwas später bestand auch eine kurzzeitige Beziehung zur Burschenschaft Alemannia Stuttgart.Frank Grobe: Zirkel und Zahnrad. Ingenieure im bürgerlichen Emanzipationskampf um 1900. Die Geschichte der technischen Burschenschaft. (Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Band 17, hrsg. von Klaus Oldenhage). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2009, S. 168. 1864Allgemeine academische Zeitung vom 5. Juni 1864. 4. Jahrgang Nr. 7, Jena 1864, S. 25. bis 1866 gehörte die Germania dem Eisenacher Burschenbund an.Paulgerhard Gladen: Geschichte der studentischen Korporationsverbände. Band II: Die nichtschlagenden Verbände und Nachträge zu Band I. Würzburg 1985, S. 31. Am 17. Februar 1869 gründete sie gemeinsam mit der Burschenschaft Alemannia den Gießener Deputierten-Convent (DC). Vom 15. Januar 1873 bis zum 25. Mai 1876 musste die Germania aus Mitgliedermangel suspendieren, inoffiziell tagte man als Kneipgesellschaft weiter. Zwischen Juni 1878 und Februar 1880 gehörte die Germania dem Eisenacher Deputierten-Convent (EDC) anPaulgerhard Gladen: Geschichte der studentischen Korporationsverbände. Band II: Die nichtschlagenden Verbände und Nachträge zu Band I. Würzburg 1985, S. 35. und war am 20. Juli 1881 an der Gründung des Allgemeinen Deputierten-Conventes (ADC) beteiligt.Paulgerhard Gladen: Geschichte der studentischen Korporationsverbände. Band I: Die schlagenden Verbände. Würzburg 1981, S. 75. Doch 1885 kam es zur erneuten Suspendierung aus Mitgliedermangel.

Die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg Nachdem die Germania durch die Burschenschaft Alemannia Gießen 1888 wieder aufgemacht worden war,Georg Heer: Geschichte der Deutschen Burschenschaft.: Die Burschenschaft in der Vorbereitung des zweiten Reiches, im zweiten Reich und im Weltkrieg. Von 1859 bis 1919. In: Paul Wentzcke (Hrsg.): Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und der deutschen Einheitsbewegung, Band 16. C. Winter, Heidelberg 1939, S. 60. erstarkte sie erneut, so dass ein eigenes Korporationshaus gebaut werden konnte. 1897 gründete die Altherrenschaft hierfür einen Hausbauverein, ein Jahr später wurde der Bauplatz am Wetzlarer WegIllustrirte Zeitung. Jahrgang 1900, Leipzig 1900, S. 172. gekauft, 1900 fand die Grundsteinlegung statt, so dass das Germanenhaus zum 50-jährigen Stiftungsfest 1901 eingeweiht werden konnte. Im Sommersemester 1896 wurde ein Paukverhältnis mit der Landsmannschaft Darmstadtia Gießen eingerichtet, aus dem später ein Kartell entstand, das einzige zwischen einer Burschenschaft und einer Landsmannschaft überhaupt.Altherrenverband der Landsmannschaft Darmstadtia: Geschichte der Landsmannschaft Darmstadtia 1882–1962. Gießen 1969, S. 45. Für das Kartellverhältnis entstand im verbindungsstudentischen Umfeld die ursprünglich spöttische Bezeichnung „Straßenkartell“, da das Korporationshaus der Darmstadtia seit 1907 nur ca. 80 Meter entfernt an derselben Straße liegt. Auf das Jahr 1902 geht das Freundschaftsverhältnis zur Burschenschaft Arminia Leipzig (heute Frankfurt-Leipziger Burschenschaft Arminia und Burschenschaft Arminia zu Leipzig) zurück. Zudem existiert heute ein Freundschaftsverhältnis zur Alten Darmstädter Burschenschaft Germania. mini|Die Germania als Mitglied der Deutschen Burschenschaft (1915) Nachdem der ADC sich in Deutsche Burschenschaft (DB) umbenannt hatte, übernahm die Germania 1903 für ein Jahr den Vorsitz. Am 12. Juli 1919 fand auf dem Germanenhaus eine Vorbesprechung zur Gründung der Roten Richtung (RR) statt,Peter Frömke: Holzminda in der Roten Richtung. In: Hansheiner Schumacher (Hrsg.): Burschenschaft Holzminda Göttingen. Beiträge zu ihrer Geschichte 1860–1985. Göttingen, 1985, S. 125. an deren Gründung die Germania 1920 beteiligt war und der sie bis 1930 angehörte. Der Deutschen Burschenschaft gehörte sie bis zu deren Auflösung an und war beim sog. „Festakt“, dem Niederlegen der Fahnen, auf der Wartburg am 18. Oktober 1935 mit dabei. Nach dem Verbot der Germania durch die Nationalsozialisten am 2. Februar 1936 wurde der Aktivenbetrieb in der Kameradschaft I,Hans-Georg Balder: Geschichte der Deutschen Burschenschaft. Hilden 2006, S. 358. die später in Kameradschaft Brockwitz umbenannt wurde,Jürgen Setter: Kleine Geschichte der Verbindungen in Gießen. Verlag Friesland, Sande 1983, ISBN 3-9800773-0-6, S. 62. weitergeführt. Während des Zweiten Weltkrieges fielen 45 Mitglieder der Germania; nach bereits 31 Mitgliedern im Ersten Weltkrieg.Wilhelm Georg Heckmann: Ehrenbuch für die in zwei Weltkriegen gefallenen Bundesbrüder der Giessener Burschenschaft Germania. Altenkirchen 1964.

Nachkriegszeit mini|Das Gießener Germanenhaus im Jahr 2011