Als Eisenbahnkrankheit bezeichnet man eine Diagnose, die ab 1860 mit der Erfindung neuer Fortbewegungsmittel populär wurde. Nach dem häufigen und längeren Reisen mit der Eisenbahn klagten Betroffene über Zittern, Ermüdung, Erschöpfung, nervöse Reizbarkeit und Verdauungsstörungen. Die Symptome erinnern an eine Befindlichkeitsstörung. Im alphabetischen Verzeichnis zum ICD-10 wird die Diagnoseziffer T75.3 für Kinetose vorgeschlagen.Schütte: Die Eisenbahnkrankheit. Historischer Artikel aus den 1920er Jahren, auszugsweise in: Deutsches Ärzteblatt, Jahrgang 98, Heft 23 vom 8. Juni 2001, S. A-1568 f., B-1336 f. und C-1250 f.

Laut dem Brockhaus von 1892 wurden dafür das Dröhnen und die Erschütterungen der Dampflokomotiven verantwortlich gemacht. Dies führe nach längerem Stehen zu einem dumpfen anhaltenden Schmerz in den Beinen. Davon seien sowohl das Dienstpersonal als auch die Reisenden betroffen gewesen. In der Diagnose drücke sich auch das Misstrauen gegenüber der neuen Erfindung aus, da Menschen sich bisher noch nie so schnell fortbewegt hätten und die schnell wechselnden optischen Eindrücke noch nicht gewohnt seien. In einem Reisebericht von 1872 findet sich noch die Klage über den Sitzplatz in einem „Rüttelwagen“. Um 1900 hätten sich die Passagiere jedoch bereits daran gewöhnt.

Sigmund Freud vermutete 1906 einen Zusammenhang zwischen Zugreisen und Sexualität.Wilhelm Stekel: Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung. pp. 191-198Wolfgang Schivelbusch: The Railway Journey: The Industrialization of Time and Space in the 19th Century. p. 78Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Hanser, München/Wien 1977, ISBN 3-446-12425-X. Taschenbuch: Fischer-TB 14828, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-596-14828-6; Neuauflage 2023, ISBN 978-3-8031-2861-4.

Otto Dornblüth beschrieb 1934 die Eisenbahnkrankheit dagegen als „Railway spine, Unfallneurose nach Eisenbahnunfällen (aber auch das der Seekrankheit analoge Unwohlsein leicht empfänglicher Menschen nach langer Eisenbahnfahrt: Trockenheit im Halse, Benommenheit und so weiter).“Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 21./22. Auflage, Verlag von Walter de Gruyter, Berlin / Leipzig 1934, S. 126.Thomas Keller, Thomas Chappell: The rise and fall of Erichsen's disease (railroad spine). In: Spine (Philadelphia, Pennsylvania, 1976). 1. Juli 1996; Band 21 (13), S. 1597–1601. doi:10.1097/00007632-199607010-00022. Ein medizinisches Wörterbuch definierte 1967 die Eisenbahnkrankheit als eine „durch Bewegungsvorgänge und Erschütterungsvorgänge beim Eisenbahnfahren ausgelöste Kinetose.“Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 2. Ordner (Cargile Membran – Ezelle), München / Berlin / Wien 1967, ISBN 3-541-84000-5, S. E 41.

Railway spine Nach dem in London lebenden dänischen Chirurgen Sir John Eric Erichsen (1818–1896) beschrieb man früher die „wenig gebrauchte Bezeichnung für die als »railway spine« bekannte posttraumatische Neurose“ (Railroad Spine, Erichsensche Krankheit, Morbus Erichsen).Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Verlag Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 2. Ordner (Cargile Membran – Ezelle), München / Berlin / Wien 1967, ISBN 3-541-84000-5, S. E 203.

Der damalige Assistenzarzt Hermann Oppenheim von der Berliner Charité veröffentlichte 1888 in der Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde eine ausführliche zweiundzwanzigseitige Monographie über diese railway spine mit ausführlichem Literaturverzeichnis.Hermann Oppenheim: Railway-Spine. In: Albert Eulenburg (Hrsg.): Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. 2. Auflage. 16. Band, Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1888, S. 384–405.

Siehe auch Siderodromophobie

Einzelnachweise

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