Exodus: Warum wir Einwanderung neu regeln müssen (englisch: Exodus: How Migration is Changing Our World) ist ein 2014 erschienenes Buch des britischen Ökonomen Paul Collier (die britische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel Exodus: Immigration and Multiculturalism in the 21st Century). Es behandelt die wirtschaftlichen und sozialen Folgen von Migration.

Inhalt Das Buch ist in einen Prolog und fünf Teile gegliedert. Im Prolog erzählt Collier von seinem Großvater Karl Hellenschmidt, der aus Ernsbach nach Bradford auswanderte, und seinem Vater Karl Hellenschmidt jr., der seinen Namen in Charles Collier änderte. Im ersten Teil wird das Migrationstabu erläutert und aufgezeigt, warum die Migration zunimmt. Die drei folgenden Teile beleuchten die Migration aus der Sicht der Aufnahmegesellschaften, der Migranten selbst und aus der Sicht der Herkunftsländer. Der letzte Teil enthält eine Diskussion der Begriffe Nation und Nationalismus und stellt Vorschläge für eine bessere Einwanderungspolitik bereit.

„Die Fragen und der Prozess“ „Das Migrationstabu“ Collier sieht die Migration armer Menschen in reiche Länder als „ein mit vergifteten Assoziationen überladenes Problem.“ (S. 17) Er beleuchtet die großen Unterschiede in der Migrationspolitik der reichen Länder, die zwischen fast völliger Abschottung und einem Ausländeranteil von 95 % schwanken und die sich bei der Auswahl der Einwanderer und bei den Rechten und Pflichten für Einwanderer stark unterscheiden. Collier vermutet, dass diese Unterschiede nicht auf unterschiedliche Gegebenheiten, sondern auf emotionale Reaktionen und Unwissenheit zurückzuführen sind.

Weiter beschreibt er, wie Werte das Denken beeinflussen und welchen Zweck Tabus haben. In seinem Buch will er den Leser über dessen „werteorientierte, vorschnelle Urteile hinausführen.“ (S. 20)

Für Collier ist es wichtig, zwischen der moralischen Pflicht, den Armen zu helfen, und der freien Bewegung zwischen den Ländern zu unterscheiden.

Er erläutert, woher die Abscheu vor dem Nationalismus stammt und geht auf dessen Gefahren ein. Für ihn hat ein starkes Nationalgefühl große Vorteile, wie die Stärkung der Fähigkeit zur Kooperation und der Erleichterung der Umverteilung von Reich zu Arm. Aus seiner Sicht ist es „nicht mehr nötig, die nationale Identität abzulegen, um sich gegen das Übel des Nationalismus zu schützen.“ (S. 25)

Collier stellt klar, dass sich jeder Widerstand gegen die Einwanderung in gefährlicher Nähe zum Rassismus befindet, ist aber überzeugt davon, „dass eine Trennung der Begriffe Rasse, Armut und Kultur heutzutage möglich ist.“ (S. 27)

„Warum die Migration zunimmt“ Collier beschreibt die großen Einkommensunterschiede zwischen den reichen und armen Ländern und erläutert, weshalb die Einkommenskluft selbst bei höheren Wachstumsraten in den Entwicklungsländern noch jahrzehntelang bestehen bleiben wird. Er erklärt, worin Wissenschaftler bisher die Ursachen für die großen Einkommensunterschiede sahen, und stellt dann seine eigenen Ansichten dar. Dafür definiert er das Sozialmodell eines Landes als Kombination aus: den politischen und ökonomischen Institutionen den Narrativen, die in der Gesellschaft vorherrschen den sozialen Normen, z. B. zu Gewalt und Korruption den staatlichen und privaten Organisationen. Seiner Ansicht nach haben alle entwickelten Länder gut funktionierende Sozialmodelle, auch wenn sich diese teilweise stark unterscheiden. Laut Collier fliehen Migranten meist aus Ländern mit dysfunktionalen Sozialmodellen. Er sieht die Gefahr, dass die Migranten die schlecht funktionierenden Sozialmodelle ihrer Herkunftsländer mit in die Einwanderungsländer übernehmen und schätzt deshalb den Multikulturalismus kritisch ein. miniatur|rechts|hochkant=1.3|Migrationsfunktion und Diasporakurve mit stabilem Gleichgewicht Als drei wichtige Antriebskräfte der Migration nennt er: die Einkommenskluft zu den reichen Ländern, das Einkommensniveau in den Herkunftsländern, da die Migration mit Kosten verbunden ist, die nicht jeder aufbringen kann und die Größe der Einwanderergemeinde in den Aufnahmeländern, da eine größere Gemeinde die Migrationskosten senkt. Collier definiert als Absorptionsrate den Anteil einer Einwanderergemeinde, der jährlich aus ihr ausscheidet, indem sie in der Aufnahmegesellschaft aufgeht. Er stellt fest, dass die Absorptionsrate geringer ist, je größer die Einwanderergemeinde ist, da dann die Interaktionen mit den Einheimischen abnehmen.

Zur Verdeutlichung der Zusammenhänge zwischen der Migrationsrate und der Größe der Auslandsgemeinde führt Collier ein Modell ein, bei dem ausschließlich Migrationsrate und Größe der Auslandsgemeinde veränderlich sind, alle anderen Faktoren werden als konstant angenommen. Das dazugehörige Diagramm wird im Buch immer wieder verwendet.

Die Migrationsfunktion gibt den Sachverhalt wieder, dass die Migration leichter wird, je größer die Auslandsgemeinde ist (da dann die neuen Migranten von Mitgliedern der Auslandsgemeinde unterstützt werden können).

miniatur|rechts|hochkant=1.3|Migrationsfunktion und Diasporakurve ohne Gleichgewicht Die Diasporakurve stellt die Kombinationen von Migrationsrate und Größe der Auslandsgemeinde dar, bei der sich die Größe der Auslandsgemeinde nicht ändert. Jeder Punkt der Gerade stellt also einen Zustand dar, bei dem die Zugänge zur Auslandsgemeinde durch neue Migranten und die Abgänge durch Migranten, die in der Aufnahmegesellschaft aufgehen gleich sind.

Der Schnittpunkt stellt ein stabiles Gleichgewicht dar. Die Größe der Auslandsgemeinde wird diesen Punkt anstreben.

Die folgende Grafik stellt den Fall dar, in dem sich Migrationsfunktion und Diasporakurve nicht schneiden und sich somit kein stabiles Gleichgewicht zwischen Zuwanderung und Absorption einstellen wird. Die Migration würde in einem solchen Fall weiter zunehmen.

Aus seinen Überlegungen zur Einkommenskluft und zur Vergrößerung der Migrationsrate zieht Collier den Schluss, dass die Migration weiter zunehmen wird, was er auch mit realen Daten belegen kann. Er schreibt: „Wir erleben den Beginn eines Ungleichgewichts von enormem Ausmaß“ (S. 57).

„Die Aufnahmegesellschaften - Begrüßung oder Abwehr?“ Dieser Teil beschäftigt sich mit den Folgen künftiger Migration auf die Bevölkerung der Aufnahmegesellschaften. „Die sozialen Folgen“ Collier legt dar, wie wichtig das gegenseitige Vertrauen für die Kooperation (Bereitstellung öffentlicher Güter, soziale Transferleistungen) in einer Gesellschaft ist. Er benennt Untersuchungen, die das unterschiedliche Vertrauensniveau in Gesellschaften und das Mitbringen der Moralvorstellungen der Migranten aus ihren Gesellschaften belegen. Er schreibt: „Es gibt also, wie unbequem dies auch sein mag, erhebliche kulturelle Unterschiede, die wichtige Aspekte des sozialen Verhaltens prägen, und Migranten bringen ihre Kultur mit“ (S. 74). Dabei bezweifelt er, dass es bereits zu Einschränkungen der Kooperation in den Aufnahmegesellschaften gekommen ist, versucht aber „von heute zu beobachtenden Beziehungen auf die möglichen Folgen eines fortgesetzten Anstiegs der Einwanderung zu schließen“ (S. 75).

Collier erläutert, wie unterschiedlich Einwanderer und ihre Kinder die Normen der neuen Gesellschaft übernehmen und geht auf die relativ schnelle Absorption von Migranten in den USA und die relativ langsame Absorption türkischer Einwanderer in Deutschland ein. Er stellt die Ergebnisse des Sozialwissenschaftlers Robert Putnam vor, der den Zusammenhang Einwandereranteil und Vertrauensniveau in einer US-amerikanischen Stichprobe untersucht hat. Putnams Ergebnisse fasst er so zusammen: „Je größer der Einwandereranteil in einer Gemeinde, desto geringer das Vertrauen zwischen Einwanderern und Einheimischen“ (S. 80) und „auch innerhalb der Gruppen“ (S. 81). Er betont nochmals: „Es geht nicht darum, die bisherige Migration zu verteufeln, sondern darum, die potentiellen Risiken einer weiteren deutlichen Vergrößerung der Diversität zu erkennen“ (S. 82). Er sieht dabei Europa eher in Gefahr als die USA, da der kulturelle Abstand zwischen Europäern und der Mehrzahl der Einwanderer nach Europa größer sei. Weiter betrachtet Collier die Bereitschaft zur Umverteilung und sieht auch sie durch höhere Migrationsraten bedroht. Dazu führt er Untersuchungen von Alberto Alesina und Edward Glaser an.

Als „ausgezeichnete objektive Methode zur Messung des kulturellen Abstands“ (S. 83) sieht Collier den Sprachenstammbaum und beruft sich dabei auf Untersuchungen von José García Montalvo und Marta Reynal-Querol. Collier vergleicht die Migrationsraten unter dem Aspekt des kulturellen Abstands. Er geht davon aus, dass die Absorptionsrate tendenziell niedriger ist, wenn der Kulturabstand größer ist und kommt zu dem überraschenden Schluss, dass „die dauerhafte Migrationsrate umso größer sein wird, je größer der Kulturabstand zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland ist“ (S. 98).

Collier geht auf die Begriffe Emigrant und Siedler ein und erläutert die Unterschiede. Er vergleicht die vier Möglichkeiten, die ein Migrant im Umgang mit der einheimischen Kultur hat unter ethischen und sozialen Aspekten: Assimilation und Vermischung sieht er positiv, Separatismus und Siedlertum negativ. Collier erläutert weiter, wieso eine multikulturelle Politik einen negativen Einfluss auf die Integration der Migranten hat und beruft sich dabei unter anderem auf eine Arbeit von Ruud Koopmans. Er sieht die kulturelle Vielfalt aber nicht grundsätzlich negativ, sondern auch als Bereicherung.

„Die wirtschaftlichen Folgen“ Collier schreibt, dass sich nach den Grundlehren der Ökonomie die Einwanderung auf die reicheren Einheimischen positiv und auf die ärmeren negativ auswirken sollte. Er zitiert aber Studien, die belegen, dass die Löhne der meisten Einheimischen als Folge bisheriger Migration stiegen, im Niedriglohnsektor aber sanken. Collier befürchtet aber, dass bei weiterer Zunahme der Migration die Löhne der meisten Einheimischen sinken könnten.

Erheblicher als die Wirkung der Migration auf die Löhne ist für Collier die Wirkung auf die Wohnsituation. Besonders problematisch sieht er die Konkurrenz der Migranten und einheimischen Armen um Sozialwohnungen, „denn Migranten sind nicht nur arm, sie konzentrieren sich auch in wenigen armen Vierteln“ (S. 122). Er diskutiert die Frage, ob Einwanderer bei der Vergabe bevorzugt werden sollten oder nicht. Einen ähnlichen Konflikt sieht Collier in der Konkurrenz zwischen Einwandererkindern und leistungsschwachen einheimischen Kindern um besondere Zuwendung in der Schule.

Auch die Konkurrenz um privaten Wohnraum sieht Collier problematisch und erläutert die Auswirkungen der Migration nach Großbritannien auf die dortigen Immobilienpreise.

Collier erläutert das Für und Wider von Gruppenrechten.

Einen längeren Abschnitt widmet Collier den besonderen Eigenschaften der Einwanderer: Er setzt sich mit der Meinung auseinander, dass Einwanderer besonders innovativ seien, sieht es selber aber eher so, „dass die Erfahrung der Auswanderung die Menschen innovativ macht“ (S. 126). Er sieht es als „[...] Tatsache, dass Einwanderer tendenziell Erfolg haben“ (S. 126). Dies ist für ihn aber auch nicht ganz unproblematisch, wenn sich dadurch Einheimische als chancenlos begreifen oder die Konkurrenz um die besten Ausbildungsplätze zu stark wird. Das Vermögen der Einwanderer ist seiner Meinung nach meistens niedrig. Er betrachtet aber auch den Fall der Einwanderung besonders reicher Migranten. Als letzte besondere Eigenschaft behandelt er die Kriminalität der Einwanderer, wobei er anmerkt, dass Daten dazu „erstaunlich dürftig“ (S. 130) sind. Er vergleicht den Anteil der Ausländer in den Haftanstalten mit dem Anteil der Ausländer an der Bevölkerung und stellt fest, dass Ausländer in Gefängnissen in Europa überrepräsentiert und in den USA unterrepräsentiert sind. Es erläutert die möglichen Gründe dafür.