mini|Das Expeditionsschiff Vøringen Die Norwegische Nordmeerexpedition (auch Vøringen-Expedition) war eine ozeanographische Forschungsexpedition mit dem Dampfschiff Vøringen in den Sommermonaten der Jahre 1876 bis 1878. Das untersuchte Meeresgebiet umfasste das gesamte Europäische Nordmeer sowie Teile der östlichen Grönlandsee vor Spitzbergen und der westlichen Barentssee. Neben der umfassenden Erforschung dieses Meeresgebiets, insbesondere auch im Dienste der Fischereiwirtschaft, verfolgte Norwegen auch das Ziel, seinen Anspruch auf dessen wirtschaftliche Nutzung zu untermauern. Die Expedition steht am Beginn der norwegischen Expansionspolitik, die zur Annexion von arktischen Gebieten wie Spitzbergen (1925), Jan Mayen (1930) und Teilen Grönlands („Eirik Raudes Land“, 1931–1933; Fridtjof Nansens Land, 1932–1933) führte.
Historisches Umfeld Der Ozean und seine ökonomischen Ressourcen waren für die Bewohner Norwegens seit jeher von fundamentaler Bedeutung. Nur dank des Golfstroms besitzt das Land ein für seine geographische Breite mildes Klima. Seit dem Mittelalter war Fisch das wichtigste Exportgut des Landes. Die jährlichen Fangerträge schwankten aber stark. So war z. B. 1860 der seit dem 12. Jahrhundert betriebene Fang von Kabeljau im Vestfjord eingebrochen. Während der kalten 1870er Jahre ging neben den Ernteerträgen der Landwirtschaft auch der Heringsfang zurück, was zu einer Auswanderungswelle in die Neue Welt führte. Trotz des gravierenden Einflusses des Europäischen Nordmeers auf das Gedeihen der norwegischen Gesellschaft war es bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts fast gänzlich unerforscht. Allenfalls seine Ränder waren wissenschaftlich untersucht. Michael Sars, ein Pfarrer und Zoologe, hatte mehrere Abhandlungen über die Meeresfauna vor Norwegens Küsten geschrieben. Er hatte durch Dredschzüge in norwegischen Fjorden bewiesen, dass auch in Tiefen, die vom Sonnenlicht nicht mehr erreicht werden, noch tierisches Leben existiert. Dadurch angeregt hatte der Brite Charles Wyville Thomson mit den Schiffen Lightning (1868) und Porcupine (1869 und 1870) die ersten Tiefsee-Dredschzüge im Atlantik und im Mittelmeer ausgeführt. 1872 war er mit der Challenger zu einer groß angelegten Tiefseeexpedition aufgebrochen, die ihn innerhalb von vier Jahren um die Welt führte.
Vorbereitung
mini|hochkant|links|Kapitän Carl Fredrik Wille Am 19. März 1874 wandten sich der Meteorologe und Ozeanograph Henrik Mohn und Michael Sars’ Sohn, der Zoologe Georg Ossian Sars, mit einem Memorandum an die norwegische Regierung. Sie führten darin aus, wie wenig die Wissenschaft über das vor der norwegischen Küste liegende Europäische Nordmeer wisse, obwohl dieses von großer Bedeutung für das Klima in Norwegen und vor allem für die Fischwanderung in den norwegischen Küstengewässern sei. Sie schlugen deshalb eine maritime Expedition vor, die in den Sommermonaten dreier aufeinander folgender Jahre an systematisch ausgewählten Messstationen die Tiefe, Temperatur, chemische Zusammensetzung des Meerwassers, vorherrschende Strömungen an der Oberfläche und in der Tiefe, die Geologie des Meeresbodens, meteorologische und magnetische Phänomene sowie die vorkommenden Tiere und Pflanzen erfassen sollte.
Die Initiative fiel in der norwegischen Gesellschaft auf fruchtbaren Boden. Die Politik sah in der Expedition eine Möglichkeit, abzustecken, was als norwegische Hoheitsgewässer angesehen wurde. Unterstützung kam auch von der Fischereiwirtschaft und den wissenschaftlichen Organisationen.
Die Kosten für die Expedition inklusive denen für den Bau eines Forschungsschiffes wurden auf 61.500 Speciedaler geschätzt. Das norwegische Parlament, der Storting, bewilligte zunächst lediglich 20.000 Speciedaler, und beschloss, dass ein Schiff saisonal zu chartern sei. 1876 wurden aber weitere 14.500 Speciedaler freigegeben und 1877 noch einmal 28.327, so dass die ursprünglich geschätzte Summe sogar geringfügig überschritten wurde. Als Kapitän wurde Carl Fredrik Wille (1830–1913) bestimmt, der Erfahrungen mit Tiefenlotungen besaß. Dieser reiste sofort nach England, um sich von Kapitän George Nares beraten zu lassen, der die Challenger während ihres ersten Reisejahrs befehligt hatte und unmittelbar vor der Abreise zu seiner Nordpol-Expedition mit den Schiffen Discovery und der Alert stand. Auf der Suche nach einem Expeditionsschiff fiel die Wahl im Dezember 1875 auf die Vøringen, ein 1861 gebautes Dampfschiff der Reederei Brunchorst & Dekke, das seinen Heimathafen in Bergen hatte. Die Vøringen wurde im Frühjahr 1876 mit einer Dampfwinde zum Heraufziehen der Dredsche nachgerüstet und erhielt – wie die Challenger – eine Lotmaschine nach Baillie zur Bestimmung der Meerestiefe.
Das wissenschaftliche Personal der Expedition bestand neben den beiden Expeditionsleitern Henrik Mohn und Georg Ossian Sars aus dem Arzt und Zoologen Daniel Cornelius Danielssen, Direktor des Bergen Museums und „Vater der Lepraforschung“, dem Geschäftsmann und Zoologen Herman Friele, der ebenfalls mit dem Museum verbunden war, sowie wechselnden Chemikern: 1876 S. M. Svendsen, 1877 und 1878 David Hercules Tornøe (1856–1907) und 1878 Ludvig Henrik Benjamin Schmelck (1857–1916). Außerdem nahm der deutsche Landschaftsmaler Franz Wilhelm Schiertz an der Reise teil.
Verlauf 1876 mini|links|F. W. Schiertz: Die Vøringen an den Westmännerinseln, Island mini|Route der Vøringen Am 1. Juni 1876 verließ die Vøringen mit der Expeditionsmannschaft an Bord den Hafen von Bergen und nahm nördlichen Kurs auf den Sognefjord. Beim ersten Dredschversuch am Ausgang des Esefjords ging die Dredsche verloren. Auch der zweite Versuch misslang, da das Schiff zu schnell fuhr und das Schleppnetz vom Grund abhob. Vom 10. bis 19. Juni blieb die Expedition auf der Insel Husøy an der Mündung des Sognefjords und nahm Messungen des Erdmagnetfelds vor. Dann ging es für ein paar Tage unter regelmäßigem Loten und Dredschen hinaus auf See, bis am 23. Juni Kristiansund angelaufen und Kohle gebunkert wurde. Auf dem Weg nach Westen geriet die Vøringen in ihren ersten Sturm. Teile des Schanzkleids wurden von der schweren See weggerissen und mussten in Tórshavn auf den Färöer-Inseln ersetzt werden. Während der Reparaturarbeiten vom 8. bis 15. Juli unternahmen die Wissenschaftler biologische und mineralogische Exkursionen an Land. Bei weiterhin stürmischem Wetter, das es nicht immer erlaubte, ein Schleppnetz auszubringen, ging es nun in Richtung der Island südlich vorgelagerten Westmännerinseln, wo das Schiff einige Tage im Schutze der Insel Heimaey vor Anker liegen musste. Am 26. Juli fuhr die Vøringen in den Hafen von Reykjavík ein, wo sie vom mittlerweile sechsten Sturm bis zum Ende des Monats festgehalten wurde. Kapitän Wille nutzte die Zeit für magnetische Messungen und die Wissenschaftler für einen Ausflug nach Þingvellir. Nachdem ein Leck im Dampfkessel notdürftig repariert worden war, legte das Schiff am 3. August wieder ab. Der Plan, Island zu umrunden, wurde wegen der inzwischen relativ weit fortgeschrittenen Saison aufgegeben, und die Vøringen verließ die Insel entlang ihrer Südküste, bog dann nach Nordost ab und überquerte den 65. Breitengrad. Am 8. August wurde mit 3403 m die größte Tiefe des Jahres 1876 gemessen. Bei Halten wurde die norwegische Küste wieder erreicht und am 14. August war man in Namsos, wo das Schiff sechs Tage blieb, die für magnetische Messungen genutzt wurden. Am 26. August lief die Vøringen wieder in den Hafen von Bergen ein.
1877 mini|links|H. Mohn: Beerenberg, Jan Mayen Den Platz des gesundheitlich angeschlagenen S. M. Svendsen nahm 1877 der Chemiker David Hercules Tornøe ein, der von Peter Waage kurzfristig auf seine Aufgabe vorbereitet worden war. Technische Probleme am Schiff verzögerten die Abfahrt, sodass Bergen erst am 12. Juni verlassen werden konnte. Vom 16. bis 22. Juni wurden drei Tiefenprofile des norwegischen Festlandsockels zwischen dem 65. und dem 68. Breitengrad vermessen. Nach einer Reihe von Temperaturmessungen im Vestfjord lief die Vøringen Bodø an, wo frische Lebensmittel an Bord gebracht und die Chronometer justiert wurden. Am 25. Juni fuhr das Schiff über den Vestfjord zur Insel Røst, um erneut magnetische Messungen vorzunehmen. Vom 28. Juni an erfasste die Expedition fünf weitere Profile westlich der Lofoten und erreichte am 8. Juli Tromsø. Kapitän Wille ließ die Dampfkessel reinigen und untersuchen und nahm Kohle und Wasser an Bord. Inzwischen fischten die Zoologen mit verschiedenen Netzen vom Boot aus. Am 14. Juli fuhr die Vøringen – zwei kranke Expeditionsmitglieder zurücklassend – durch den Ullsfjord in dessen Seitenarm Kjosen und anschließend an Fugløya vorbei in die offenen See. Nördlich des Malangsfjords wurden die nächsten zwei Profile aus insgesamt 18 Tiefenlotungen bestimmt. Dreimal wurde die Dredsche über den Meeresgrund gezogen. Für den 20. bis 24. Juli kehrte die Expedition noch einmal nach Tromsø zurück, nahm die inzwischen gesundeten Teilnehmer sowie Proviant an Bord und stach wieder in See. Mit voller Kraft dampfte die Vøringen gen Westen, bis am 28. Juli die Insel Jan Mayen aus dem dichten Nebel auftauchte. Unterwegs war eine Meerestiefe von 3200 m gemessen worden. Da die Wellen sich an der Ostseite der Insel brachen, umfuhr Kapitän Wille die Insel nördlich und ankerte in der Maria-Musch-Bucht. Am Morgen des nächsten Tages gingen die Wissenschaftler an Land, um geologische, botanische und zoologische Arbeiten zu verrichten. Neben einigen Seevögeln wurden drei Polarfüchse geschossen. Am 30. Juli wurde die Dredsche über den Boden der Bucht gezogen, als der Wind auffrischte und es sicherer schien, wieder auf die Ostseite der Insel zurückzukehren. Zum neuen Ankerplatz wurde die Treibholzbucht (norw. Rekvedbukta) nahe Eggøya erwählt. Am 1. August zeigte sich erstmals der 2277 m hohe Beerenberg, der bis dahin von Nebel und Wolken verdeckt gewesen war. An den nächsten Tagen war eine weitere Landung auf Jan Mayen aufgrund der unruhigen See nicht möglich. Das Programm beschränkte sich deshalb auf Tiefen- und Temperaturmessungen sowie Dredschzüge. Am 3. August verließ die Vøringen Jan Mayen in südlicher Richtung und schwenkte zwei Tage später etwa auf halbem Weg zwischen der Insel und Island nach Osten. Am 7. August wurde bei 68° 21′ N und 2° 5′ W die größte während der gesamten Expedition gemessenen Tiefe (3667 m) festgestellt. Am 10. August dampfte die Vøringen mit dem Mahlstrom wieder in den Vestfjord. Nachdem die Dampfkessel einer Inspektion unterzogen waren, fuhr das Schiff für drei Tage in den Skjerstadfjord, wo ein Dredschzug einen besonders reichen Fang erbrachte. Am 18. August nahm die Vøringen wieder Kurs auf Bergen, das am 23. erreicht wurde.
1878 mini|links|F. W. Schiertz: Magdalenefjord, Spitzbergen