Dieser Artikel behandelt alle Fragen der Textgeschichte der frühen Drucke und der editorischen Entscheidungen von Shakespeares Drama Hamlet.

Textgeschichte

In der neueren Shakespeare-Forschung geht man üblicherweise von einer Produktionssequenz aus, die die drei Schritte Abfassung, Aufführung und Druck eines Werkes in zeitlicher Folge umfasst.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 44. Dem liegen Annahmen über die sozialen Bedingungen der Theaterproduktionen im elisabethanischen Zeitalter zugrunde, vor allem die Beobachtung, dass viele Stückeschreiber wie Shakespeare gleichzeitig Schauspieler, Theatermitbesitzer und Arbeitgeber einer Schauspielertruppe waren.Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. Basel 2001. S. 23–68. Ihre Werke dienten dem Unterhaltungsbedürfnis und Zeitvertreib der Stadtbevölkerung.vgl. das Patent von Jakob I an Fletcher und Shakespeare: […] aswell for the recreation of our lovinge Subjectes […]. vgl.: Chambers: Elisabethan Stage. Vol 2 S. 208 Sie enthielten meist eine attraktive Mischung aus Musik und Tanz, Jux und Clownerien, Mord und Totschlag, Fechtpartien und Staatsakten.Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. Basel 2001. S. 41 Shakespeare und seine zeitgenössischen Kollegen verdienten Geld durch die Aufführung ihrer Stücke, deren Erfolg, bedingt durch minimale Ausstattung, vollkommen auf die durch den Text und das Geschick der Darsteller hervorgerufene Wortkulisse angewiesen waren. Daher riskierten Autoren, die gleichzeitig Theaterbesitzer waren, durch den Druck ihrer Werke ein Nachahmen oder Nachspielen der eigenen Produktionen durch die Konkurrenz, was die Erlöse durch Aufführen schmälern konnte.Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. Basel 2001. S. 302. Diese Situation könnte eine Erklärung für den Überlieferungsbefund vieler Shakespearestücke sein. Von Shakespeares Dramen ist – mit Ausnahme des Sir Thomas More keines als Manuskript erhalten. Die Stücke waren in der Hauptsache Spieltexte für das Theater. Ihre Manuskripte existierten vermutlich zunächst in Form von Schmierfassungen (foul paper oder rough copy), von denen saubere Abschriften (theater transcript oder fair copy) erstellt wurden und die dann als Vorlage für ein Regiebuch (playbook oder promptbook) dienten.Ulrich Suerbaum: Shakespeares Dramen. Basel 2001. S. 301. Im Fall des Hamlet spiegelt die Textgeschichte möglicherweise einzelne Stationen der sozialen Randbedingungen der elisabethanischen Unterhaltungskultur wider.

Vermutungen zu Abfassung und Aufführung vor 1603

Die Abfassungszeit des Hamlet ist nicht bekannt. Alle dazu in der Literatur gemachten Annahmen sind Vermutungen aufgrund von Indizien. Als sicherste Daten gelten die Hinrichtung des 2. Earl of Essex im Februar 1601, der Eintrag im Stationers’ Register im Juli 1602 und der Druck von Q1 im Jahr 1603. Der Text des Hamlet muss daher mit einiger Gewissheit spätestens in der Zeit zwischen Anfang 1601 und dem Jahr 1603 fertig gestellt worden sein. Auch das Datum der ersten Aufführung des Hamlet ist nicht bekannt. Vermutlich fand sie aufgrund des Stationers-Eintrags vor dem Juli 1602 in London statt. Die erste zeitlich genau belegte Aufführung datiert aus dem Jahr 1607.

Die frühen Drucke

Von Shakespeares Hamlet existieren vier frühe Quartos: eine kurze (vermutlich unautorisierte) Fassung Quarto 1 (Q1) von 1603, eine wesentlich längere Version (Q2) von 1604/05 und zwei von dem Verleger John Smethwick besorgte Reprints des Q2 mit geringen Varianten: eine aus dem Jahr 1611 (Q3) und eine undatierte Version (Q4) vermutlich aus dem Jahr 1622. Im Jahre 1623 erschien die erste Folioversion (F1) der gesammelten Werke Shakespeares. Die Hamlet-Version in F1 enthält an Q2 angelehnte Erweiterungen und Kürzungen. Die Erweiterungen bestehen aus ca. 75 Zeilen „Folio-only“-Passagen, die möglicherweise einer „diplomatischen Zensur“ des Q2 zugrunde liegenden Manuskriptes entsprechen. Die Kürzungen bestehen meist in Streichungen längerer Reden.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 484.

Quarto Q1 von 1603

mini|hochkant|Titelseite der Hamlet-Ausgabe (Q 1) 1603 Die erste Quarto-Ausgabe des Hamlet stammt aus dem Jahr 1603. Der Druck datiert vermutlich nach dem 19. Mai 1603, da an diesem Tag die Umbenennung der Lord Chamberlain’s Men in „King’s Men“ erfolgte, worauf sich wohl die Formulierung „his Highnesse seruants“ bezieht.William Shakespeare: Hamlet. Edited by G. R. Hibbard. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press 1987. Reissued as an Oxford World’s Classic Paperback 2008. S. 69. Von ihr sind zwei Exemplare erhalten. Das erste wurde 1823 von Sir Henry Bunbury entdeckt, gelangte bald in den Besitz von einem der Dukes of Devonshire und befindet sich heute in der Huntington Library in Kalifornien. Das zweite Exemplar erwarb der englische Shakespeare-Gelehrte James Orchard Halliwell-Phillipps im Jahr 1856 von einem Buchhändler in Dublin und verkaufte es zwei Jahre später an das Britische Museum. Es befindet sich heute in der British Library. Ein drittes Exemplar soll im 19. Jahrhundert aufgetaucht zu sein. Der für seine Fälschungen bekannte Shakespeare-Forscher John Payne Collier behauptete davon Kenntnis zu haben. Bestätigt wurde dies nicht.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 474f.

Die beiden Quartos sind unvollständig und ergänzen sich gegenseitig. Dem Exemplar in Huntington (Q1-HN) fehlt das Titelblatt, während dem Exemplar in London (Q1-L) das letzte Blatt fehlt. Als Herausgeber sind angegeben: „At London printed for N.L and Iohn Trundell“. Anhand der Schmuckfigur in der Mitte des Blattes weiß man, dass N.L. für Nicholas Ling steht. Der Drucker konnte anhand der Schmuckfigur auf der ersten Textseite als Valentine Simmes identifiziert werden.William Shakespeare: Hamlet. Edited by G. R. Hibbard. The Oxford Shakespeare. Oxford University Press 1987. Reissued as an Oxford World’s Classic Paperback 2008. S. 67. Die Unterschiede zwischen den beiden Exemplaren sind gering, die Herausgeber der neuen Arden-Ausgabe fanden neun Varianten.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 523. Die verbesserten Fehler waren nicht sinnentstellend, so wurde „maried“ zu „married“ korrigiert.

Das Quarto Q1 des Hamlet gilt seit Pollards Urteil von 1909 als ein Bad Quarto.A. W. Pollard: Shakespeare’s Folios and Quartos: A Study in the Bibliography of Shakespeares Plays 1594-1685. (1909). Seiten 64–80. Man würde erwarten, dass auf dem Titelblatt der Name des Stationer James Roberts auftaucht, der am 26. Juli 1602 den Eintrag im Stationers’ Register zum Hamlet verfasst hat. Dies ist nicht der Fall, daher glauben viele Autoren, dass dieser Eintrag die Herstellung einer Raubkopie verhindern sollte und die Existenz von Q1 belege, dass dieser Versuch nicht erfolgreich war. Auch über die Quelle von Q1 gibt es keine einheitliche Meinung. Neuere Studien stützen die Annahme, dass es sich bei Q1 um eine Niederschrift aus dem Gedächtnis handelt (vermutlich von einem der Darsteller).Laurie E. Maguire: Sakespearean suspect Texts: The "Bad Quartos" and their Context. Cambridge 1996. S. 325. Die Autoren des autoritativen „Textual Companion“ sind der Meinung, dass F1 und Q1 die gleiche Vorlage haben.Wells Stanley Wells and Gary Taylor: William Shakespeare: A Textual Companion. Oxford 1987. S. 398. Andere sind der Auffassung, bei Q1 handele es sich um eine Tournee-Version des Hamlet.Hamlet Weiner. S. 48. Robert E. Burkhart: Shakespeares Bad Quartos: Deliberate Abridgements Designed for Performance by a Reduced Cast. 1973. S. 23 Letztendlich haben einzelne Autoren die verschiedenen Hypothesen kombiniert und vermutet, dass Q1 eine Gedächtnisniederschrift von den Schauspielern sei, die eine vereinfachte Version des Hamlet vor einem ungebildeten provinziellen Publikum aufgeführt haben.Kathleen O. Irace: Reforming the Bad Quartos. Performance and Provenance of Six Shakespeare First Editions. Newark 1994. S. 19f.

Quarto Q2 von 1604/05

mini|hochkant|Titelseite der Hamlet-Ausgabe (Q 2) 1605 Im Jahr 1604 begann James Roberts mit dem Druck von Q2, von dem sieben Exemplare erhalten sind, drei aus dem Jahre 1604, die sich in Bibliotheken in den USA befinden und vier aus dem Jahre 1605, die in England und Polen aufbewahrt werden:

die Jennens-Howe-Kopie in der Folger Shakespeare Library die Kemble-Devonshire-Kopie in der Huntington Library die Huth-Kopie in der Beinecke Library das Exemplar von David Garrick in der British Library das Exemplar aus dem Besitz von Edward Capell im Trinity College in Cambridge die Gorhambury-Kopie aus dem Besitz des Earl of Verulam in der Bodleian Library und das erst 1959 entdeckte Exemplar in der Universitätsbibliothek von Warschau.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 478.

In den sieben Exemplaren von Q2 finden sich insgesamt 26 Textvarianten, die nur in wenigen Fällen wesentliche editorische Entscheidungen erfordern. Eine Untersuchung von John Russell Brown von 1955 ergab, dass am Druck von Q2 zwei Schriftsetzer gearbeitet haben und eine Analyse von W. Craig Ferguson aus dem Jahr 1989 ergab, dass für den Druck zwei Pica Roman Zeichensätze verwendet wurden. Ein Großteil der Fehler entfällt dabei auf einen der beiden Setzer und den zu ihm gehörigen Zeichensatz. Die meisten Gelehrten glauben, dass Q2 ein handschriftlicher Erstentwurf Shakespeares zugrunde liegt.Ann Thompson, Neil Taylor (Hrsg.): Hamlet. The Arden Shakespeare. Third Series. Band 1, London 2006. S. 480.

Die Quartos Q3 und Q4

mini|links|hochkant|Titelseite der Hamlet-Ausgabe (Q3) 1611 Am 19. November 1607 erwarb der Verleger John Smethwick von Nicholas Ling das Copyright für den Hamlet. Er gab drei Reprints von Q2 heraus (Q3-Q5). Im Jahre 1611 erschien Q3, gedruckt von George Eld, und einige Jahre später ein weiterer Reprint (Q4). Beide enthalten einige Varianten gegenüber Q2. Die Datierung von Q4 ist umstritten. Jenkins gibt 1622 an.William Shakespeare: Hamlet. The Texts of 1603 and 1623.. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by Ann Thompson and Neil Taylor. Volume two. London 2006 : S. 17f. Rasmussen hat darauf aufmerksam gemacht, dass die zwischen 1619 und 1623 verwendete Druckplatte der für Titelblätter verwendeten Schmuckfigur von Smethwick Abnutzungserscheinungen zeigt (sichtbar an den Locken des Engels) und schließt daraus, dass Q4 eher 1621 gedruckt wurde.Eric Rasmussen: The Date of Q4 Hamlet. Bibliographical Society of America 95 (March 2001) 21-29. Q3/4 sind vermutlich von den Schriftsetzern der First Folio verwendet worden.Stanley Wells and Gary Taylor: William Shakespeare: A Textual Companion. Oxford 1987. S. 396f.

Die First Folio 1623

mini|hochkant|Titelseite der First-Folio-Ausgabe (F1) von 1623