Abū Hamza Anas ibn Mālik ( geb. zw. 612 und 614 in Medina, gest. zw. 708 und 714 bei Basra) war ein Gefährte des Propheten Mohammed, auf den eine besonders große Zahl von Hadithen zurückgeführt wird. Während der Herrschaft der Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair, ʿAbd al-Malik und al-Walīd gehörte er zu den angesehensten und vermögendsten Persönlichkeiten von Basra. Bei vielen der in seinem Namen überlieferten Traditionen wird in der modernen westlichen Hadith-Forschung allerdings angenommen, dass sie ihm erst in späterer Zeit zugeschrieben wurden. Gautier H.A. Juynboll hat sogar in Zweifel gezogen, dass Anas jemals in direktem Kontakt mit dem Propheten stand.
Neben der Kunya Abū Hamza, die ihm der Prophet verliehen haben soll, war Anas ibn Mālik nach seinem ältesten Sohn Thumāma auch unter der Kunya Abū Thumāma bekannt.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 340. miniatur|Grabmal von Anas ibn Malik in der irakischen Hafenstadt Basra
Leben Frühe Jahre in Medina und Bahrain Anas ibn Mālik war ein Sohn von Umm Sulaim bint Milhān und Mālik ibn an-Nadr, die beide den Banū an-Naddschār, einem Clan des Stammes Chazradsch, angehörten.Vgl. Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. Bd. I, S. 73b. Als Mohammed nach Medina übersiedelte, war Anas acht bzw. zehn Jahre alt. Anas wird mit der Aussage zitiert, dass Mohammed einmal zu Besuch kam und von seiner Mutter und ihren Schwestern verpflegt wurde, während Anas selbst ihm zu trinken gab.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 341. Bei einer anderen Gelegenheit soll Mohammed sie zu Hause besucht haben und nur mit Anas, seiner Mutter und deren Schwester Umm Harām außerhalb der üblichen Gebetszeiten ein Gebet verrichtet haben.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 341.
Seine Mutter war es auch, die ihn nach der Überlieferung als Diener in Mohammeds Haushalt gab.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 308 und Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 10. Es wird berichtet, dass er für Mohammeds Schuhwerk (naʿl) und sein Waschgefäß (idāwa) zuständig war.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 358. Mohammed soll ihm den Namen Abū Hamza (arab. ḥamza = Kraut) verliehen haben, als er einmal eine Krautpflanze vom Boden pflückte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 340. Bei der Schlacht von Badr war Anas anwesend, kämpfte jedoch nicht mit.Vgl. Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. Bd. I, S. 74a. Er blieb bis zum Tode Mohammeds in dessen Dienst.
Nach einem Bericht, der auf Anas' Sohn Mūsā zurückgeführt wird, schickte Abū Bakr nach Erhebung zum Kalifen Anas zur Siʿāya, d. h. zur Erhebung der Sadaqa, nach Bahrain.Vgl. Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī: Tahḏīb al-tahḏīb. Bd. I, S. 378. Nach dem Herrschaftsantritt von ʿUmar ibn al-Chattāb kehrte er nach Medina zurück und leistete ihm den Treueid.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 13, Z. 7–11. Einen Teil des Betrages, den Anas in Bahrain eingenommen hatte, durfte er behalten.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 369f und aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 401.
Teilnahme an den arabischen Eroberungszügen Im Jahre 639 wurde Anas ibn Mālik auf Bitten von Abū Mūsā al-Aschʿarī nach Basra abgeordnet.Vgl. aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1879–1901, Bd. I, S. 2531. Digitalisat Zusammen mit seinem Bruder Barā' ibn Mālik nahm er an der Eroberung der Stadt Tustar teil. Während Barā' den rechten Flügel kommandierte, fungierte Anas als Führer der Kavallerie. Nach der Eroberung der Stadt brachte er al-Hurmuzān, den persischen Oberkommandierenden der Stadt, zu ʿUmar ibn al-Chattāb nach Medina.Vgl. Al-Balādhurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden, 1866. S. 380f. Digitalisat Anas' Sohn Mūsā wird mit der Aussage zitiert, dass sein Vater insgesamt an acht Kriegszügen teilgenommen habe.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 400.
Der Kalif ʿUmar schenkte Anas einen Sklaven namens Sīrīn. Dieser bat Anas, sich von ihm freikaufen zu können, was Anas mit dem Argument ablehnte, dass er ihn, wenn er sterbe, gerne beerben würde. Sīrīn beschwerte sich daraufhin bei ʿUmar, der Anas befahl, ihm den Freikauf zu ermöglichen. Anas ließ Sīrīn daraufhin gegen eine Summe von 40.000 Dirham frei.Vgl. Muḥammad ibn Ḥabīb: al-Muḥabbar. Ed. Ilse Lichtenstädter. Neudruck. Dār al-Āfāq al-Ǧadīda, Beirut, ca. 1985. S. 344. Digitalisat Sīrīns Sohn Muhammad diente Anas ibn Mālik in Persien als Sekretär.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 309 und Muḥammad ibn Ḥabīb: al-Muḥabbar. S. 379. Einer seiner Nachkommen wird mit der Aussage zitiert, Anas sei der geldgierigste von allen Gefährten Mohammeds (aḥraṣ aṣḥāb Muḥammad ʿalā l-māl) gewesen.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 11, Z. 11f.
Als herausragende Persönlichkeit der Stadt Basra Anas erbaute sich bei Basra ein herrschaftliches Haus (qaṣr).Vgl. Ibn al-Faqīh: Kitāb al-buldān. Ed. M.J. de Goeje. Brill, Leiden, 1885. S. 189. Dieses befand sich anderthalb Parasangen von Basra entfernt an einem Aussichtspunkt (ṭaff)Vgl. Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. Bd. I, S. 75a. und hatte einen Garten, der zwei Mal im Jahr Früchte trug.Vgl. an-Nawawī: Tahḏīb al-asmāʾ wa-l-luġāt. S. 166. Daneben hatte Anas noch drei weitere Häuser in Basra selbst. Eines befand sich in unmittelbarer der Freitagsmoschee, ein anderes in der Stephanusstraße (sikkat Iṣṭifānūs).Vgl. Ḫalīfa ibn Ḫaiyāṭ al-ʿUṣfurī: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt. Ed. Akram Ḍiyāʾ al-ʿUmarī. Baġdād : Maṭbaʿat al-ʿĀnī, 1967. S. 91.
Anas fiel seinen Zeitgenossen auch durch sein prunkvolles Auftreten auf. Als er einmal bei einem Leichenzug gesehen wurde, hatte er so prächtige Kleidung an, dass man ihn für einen persischen Adligen (Dehqan) hielt.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 10f. Meist trug er seidene Kleidung. Sein Turban, den er hinten locker herabhängen ließ, war aus schwarzer Seide, sein Schal und Obergewand aus besonders kostbarer gelber, roter oder grüner Seide. Sein Überwurf hatte Ärmel, die eine Elle breit waren, seinen Bart färbte er gelb oder rot.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 14f. Er parfümierte sich mit ChalūqVgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 405. und trug am Finger einen Siegelring, auf dem ein liegender Löwe eingraviert war.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 11. Als er gefragt wurde, warum er selbst Seide trage, während er es anderen verbiete, rechtfertigte er sich damit, dass er diese Kleidung von den Herrschenden erhalten habe und er sie ihnen zu Gefallen trage.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 15, Z. 1–5.
Im Jahre 65 der Hidschra (= 684 n. Chr.), kurz nach dem Tode des umayyadischen Kalifen Yazid I. beauftragte der mekkanische Kalif ʿAbdallāh ibn az-Zubair Anas, den Bewohnern von Basra als Vorbeter zu dienen, eine Aufgabe, die er für vierzig Tage wahrnahm,Vgl. aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1879–1901, Bd. II, S. 465. Z. 14–15. Digitalisat bevor Ibn Muʿammar (gest. 701) das Statthalteramt übernahm.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 370.
Nach Ibn al-Athīr hatte Anas insgesamt 80 Söhne und zwei Töchter.Vgl. Ibn al-Aṯīr: Usd al-ġāba. Bd. I, S. 74b. Er selbst wird mit der Aussage zitiert, dass er 106 bzw. 120 Kinder habeVgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 349, 354. und derjenige Prophetengefährte von den Ansār mit den meisten Kindern und dem größten Vermögen überhaupt sei.Vgl. Ibn Qutaiba: Kitāb al-Maʿārif. 1960, S. 308. Bei der dreitägigen Pest von al-Dschārif im Jahr 688/89, bei der etwa 200.000 Menschen starben, verlor er aber 70 oder 80 seiner Kinder.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 405. Bis zu der Eroberung Basras durch al-Haddschādsch ibn Yūsuf im Jahre 691 wurden angeblich sogar über 100 bzw. 120 seiner Nachkommen begraben.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 347f, 351–353.
Konfrontation mit al-Haddschādsch ibn Yūsuf Nachdem al-Haddschādsch ibn Yūsuf Basra und Medina für die Umayyaden erobert hatte, ließ er Anas zur Erniedrigung ein Bleisiegel um den Hals hängen.Vgl. aṭ-Ṭabarī: Taʾrīḫ ar-rusul wa-l-mulūk. 1879–1901, Bd. II, S. 854, Z. 18 – S. 855, Z. 1 Digitalisat. Anas unterstützte umgekehrt den Aufstand des ʿAbdallāh ibn al-Dschārūd gegen al-Haddschādsch, sein Sohn ʿAbdallāh wirkte an dem Aufstand mit und kam dabei zu Tode.Vgl. Périer: Vie d’al-Hadjdjâdj Ibn Yousof. 1904, S. 87.
Eine erneute Konfrontation mit al-Haddschādsch ergab sich bei dem Aufstand von ʿAbd ar-Rahmān ibn al-Aschʿath (701–703). An diesem Aufstand nahm Anas' Sohn an-Nadr teil,Vgl. Redwan Sayed: Die Revolte des Ibn al-Ašʿaṯ und die Koranleser. Ein Beitrag zur Religions- und Sozialgeschichte der frühen Umayyadenzeit. Schwarz, Freiburg/Br., 1977. S. 351. während Anas selbst gegen al-Haddschādsch hetzte und für Ibn al-Aschʿath Partei ergriff. Man machte daraufhin einen nächtlichen Überfall auf sein Haus und brachte ihn vor al-Haddschādsch. Auf Anas' Arm wurden die Worte ʿAtīq al-Ḥaǧǧāǧ („Der Freigelassene von al-Haddschādsch“) eingebrannt. Dieser beschwerte sich daraufhin beim Kalifen, der seinen General maßregelte.Vgl. aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, S. 404.
Nach einer anderen Überlieferung, die Ibn al-Athīr und Ibn ʿAbd Rabbih anführen, zog al-Haddschādsch auch Anas' Güter ein und warf ihm bei einer persönlichen Gegenüberstellung vor, sich immer wieder an aufrührerischen Aktivitäten beteiligt zu haben, zunächst an der Seite von ʿAlī ibn Abī Tālib, dann zusammen mit ʿAbdallāh ibn az-Zubair und schließlich mit Ibn al-Dschārūd. Anas, der von al-Haddschādsch beschimpft wurde, beschwerte sich daraufhin brieflich beim Kalifen ʿAbd al-Malik. Dieser entschuldigte sich bei ihm für das respektlose Verhalten seines Generals und forderte al-Haddschādsch dazu auf, Anas und seine Familie ehrenvoll zu behandeln und ihm sein Vermögen zurückzugeben, was al-Haddschādsch auch tat.Vgl. Périer: Vie d’al-Hadjdjâdj Ibn Yousof. 1904, S. 87–91.
Nach verschiedenen Berichten, die Ibn ʿAsākir anführt, besuchte Anas noch während des Kalifats von al-Walīd mehrmals Damaskus. Er soll dort mit dem Kalifen Kontakt gehabt haben und von verschiedenen Autoritäten wie Makhūl ibn Abī Muslim und Ibn Schihāb az-Zuhrī zu verschiedenen ritualrechtlichen Problemen befragt worden sein.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 332, 334f. Ein Besuch bei al-Walīd soll kurz nach dessen Herrschaftsantritt im Jahre 86 (= 705 n. Chr.) stattgefunden haben, ein weiterer Besuch, der aber mit seinen übrigen Lebensdaten kaum zu vereinbaren ist, wird für das Jahr 92 (= 710/11 n. Chr.) erwähnt.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 332, 334f.
Tod und Begräbnis Anas ibn Mālik soll der letzte noch lebende Prophetengefährte in Basra gewesen sein.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 378 und Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 16, Z. 17–19. Er selbst wird mit der Aussage zitiert, dass er der letzte Überlebende von denen sei, die das Gebet in Richtung der beiden Qiblas (d. h. Jerusalem und Mekka) verrichtet hatten.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 12, Z. 15–17. In mehreren Überlieferungen wird davon berichtet, wie Menschen, die ihn besuchten, ihm die Augen und Hände küssten, weil er damit den Propheten gesehen, bzw. berührt hatte.Vgl. Ibn ʿAsākir: Taʾrīḫ madīnat Dimašq. Bd. IX, S. 358f.
In dem Jahr, bevor Anas starb, hielt er sich aus Krankheitsgründen nicht mehr an das Fastengebot. Um dies zu kompensieren, verköstigte er täglich 30 Bedürftige mit Brot und Fleisch.Vgl. Ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. Bd. VII/1, S. 15.