mini|Das Wappen von Soltau, wie es seit dem frühen 19. Jahrhundert aussieht.
Die Geschichte der Stadt Soltau umfasst die Entwicklung der niedersächsischen Stadt Soltau von der Urgeschichte bis in die Neuzeit.
Archäologische Funde zeigen, dass die Region um Soltau gegen Ende der letzten Kaltzeit von Rentierjägern bewohnt und seit der späteren Jungsteinzeit vor etwa 6000 Jahren mit vereinzelten bäuerlichen Häusern besiedelt war. Die erste urkundliche Erwähnung der Siedlung Curtis salta stammt aus dem Jahr 936, als sie in den Besitz des Stifts Quedlinburg überging. In den folgenden Jahrhunderten entstand das Dorf Soltouwe, dem 1388 durch die Herzöge des Fürstentums Lüneburg Stadtrechte verliehen wurden. Zuvor war das Dorfzentrum zum Schutz vor Raubrittern an den Zusammenfluss der Böhme und der Soltau verlegt worden. Die Schlacht bei Soltau 1519 war die entscheidende Auseinandersetzung der Hildesheimer Stiftsfehde. Mehrfach wurde die Stadt durch Kriege und Brände zerstört, insbesondere der Dreißigjährige Krieg war eine Zäsur in der Geschichte der Stadt. Von 1803 bis 1813 war Soltau von Napoleons Truppen besetzt und gehörte zeitweise zum französischen Kaiserreich. Nach der Annexion des Königreichs Hannover gehörte Soltau von 1866 bis 1947 zu Preußen. Im Ersten Weltkrieg befand sich das größte deutsche Kriegsgefangenenlager in Soltau. Während des Zweiten Weltkrieges waren mehrere Einheiten der Wehrmacht in der Stadt stationiert, zeitweise verlief die Front durch Soltau. 1974 wurden 16 umliegende Gemeinden eingemeindet, die Einwohnerzahl Soltaus stieg auf 20.000 Einwohner. In der drei Jahre später erfolgten Kreisreform verlor Soltau durch eine Zusammenlegung der Landkreise Soltau und Fallingbostel seinen Kreissitz. Ab den 1970er Jahren entwickelte sich Soltau zu einem touristischen Zentrum der Lüneburger Heide.
Ur- und Frühgeschichte (12.000 v. Chr. bis 800 n. Chr.) Rentierjäger (um 12.000 und um 10.000 v. Chr.) Menschliche Spuren lassen sich im Raum Soltau erst aus der letzten „Eiszeit“ nachweisen. Gegen Ende der Weichsel-Kaltzeit und nach den langsam verschwindenden nacheiszeitlichen Seenlandschaften entstand die heutige Oberflächenstruktur der Norddeutschen Tiefebene und der Lüneburger Heide. Drei Phasen starker Abkühlung unterbrachen dabei die langsame Erwärmung und unterbanden während der Extrema die Besiedlung durch Menschen. So kam es um 10.700 v. Chr. zu einer letzten starken Abkühlung (Jüngere Dryaszeit), was es den nach Norden ausgewichenen Rentieren gestattete, letztmals in das Gebiet der sich ausbreitenden Tundra zurückzukehren.Michael Baales, Ingo Clausen: Leben in der kalten Dryaszeit. Die letzten Rentierjäger im Norden. In: Archäologie in Deutschland. Nr. 10, 2016 (Sonderheft), S. 78–86, hier: S. 78.
Derartigen Herden waren bereits im wärmeren Meiendorf-Interstadial (12.700–11.900 v. Chr.) hochspezialisierte Jäger gefolgt, die als Angehörige der Hamburger Kultur gelten (Fundstelle Heber).Fundstelle Heber 127, nach: Felix Riede: A possible Brommian shaft-smoother from the site of Mǿllehǿje, north-western Denmark. In: Mesolithic Miscellany. Band 22, 2012, Nr. 1, S. 10–18 (online), hier: S. 15 (Tabelle). Riede bezieht sich auf Gernot Tromnau: Die Fundplätze der Hamburger Kultur von Heber und Deimern, Kreis Soltau. August Lax, Hildesheim 1975, Tafeln 30–32. Mit der Ahrensburger Kultur erschienen in der Gegend um Soltau, nach einer etwa tausendjährigen Unterbrechung durch erneut einbrechende Kälte, zum letzten Mal Rentierjäger,Wilcken Dürre: Fundplätze der Ahrensburger Kultur im Kreise Soltau. August Lax, Hildesheim 1971. was entsprechende Steinwerkzeuge aus der Region belegen.Bargmann, Band 1, Kapitel Der Siedlungsraum Soltau. S. 18 f. Zu den Fundstücken gehört etwa ein Pfeilschaftglätter aus Deimern,Felix Riede: A possible Brommian shaft-smoother from the site of Mǿllehǿje, north-western Denmark. In: Mesolithic Miscellany. Band 22, 2012, Nr. 1, S. 10–18, hier: S. 14 (Tabelle). der auf den frühen Gebrauch von Pfeil und Bogen hinweist.Einen Pfeilschaftglätter brauchte man, weil die Pfeile aus einem 75 bis 80 cm langen und 8 bis 10 mm dicken Hauptschaft bestanden, der wiederverwertet wurde, um Holz und Arbeit zu sparen, und einem 15 bis 20 cm langen und 5 bis 8 mm dicken Vorschaft, in dem sich die steinerne Spitze befand – der Vorschaft blieb im Beutetier stecken. Die beiden Schäfte wurden durch eine Schwalbenschwanzverbindung zusammengehalten, mit Birkenpech verklebt und womöglich umwickelt. Zum Glätten des Ganzen brauchte man einen Pfeilschaftglätter (Harm Paulsen, Sönke Hartz: Treffsicher: Die ältesten Belege für Pfeil und Bogen im Norden. In: Archäologie in Deutschland. Nr. 10, 2016 (Sonderheft), S. 46 f.). Auch wird dort ein Jagdlager angenommen (Deimern 45).Martin Schmidt: Späteiszeitliche Jäger und Sammler am Rande der Tundra: Jagdlager Deimern 45, Soltau, Lkr. Soltau Fallingbostel/Niedersachsen. In: Mamoun Fansa, Sabine Wolfram (Hrsg.): Müll. Facetten von der Steinzeit bis zum Gelben Sack. Führer durch die Ausstellung. Oldenburg 2003, S. 36 f. 1959 wurde die 187 m² große Fundstätte ausgegraben. Sie barg 12.776 Flintstücke, von denen 629 Werkzeuge darstellten, 12.005 Stücke waren Abschläge und 142 Mahlsteine..Ulrich Schoknecht, Jutta Möller, Daniel Nösler, Jens-Peter Schmidt: Norddeutschland. In: Ver Band der Landesarchäologen (Hrsg.): Handbuch der Grabungstechnik (Aktualisierung 2011), S. 27. Mit den vordringenden Wäldern verschwanden die Rentierherden und damit die jägerischen Kulturen endgültig.
Bäuerliche Kulturen (ab 4000 v. Chr.) mini|Hügelgrab in der Lüneburger Heide
Um 4000 v. Chr. ließen sich die ersten bäuerlichen Siedler auch in der Region Soltau nieder,Karl Heinz Brandt: Donauländische Geräte aus dem Südkreis Soltau-Fallingbostel. In: Die Kunde. N. F., Band 46, 1995, S. 1–27. nachdem weiter im Süden bereits Mitte des 6. Jahrtausends die bäuerliche Kultur die Jäger und Sammler verdrängt hatte. Zahlreiche jungsteinzeitliche Werkzeuge wie Beile, Äxte, Messer oder Keulen wurden seit dem 19. Jahrhundert an verschiedenen Orten rund um Soltau, wie beispielsweise im Schüttenbusch, in Wiedingen, Tetendorf und Harber gefunden. Aus der gleichen Zeit stammen auch die Großsteingräber in der Region. Der englische Geschichtsforscher John Mitchell Kemble legte bereits 1853 eine Bestandsaufnahme der Gräberfelder im Altkreis Soltau vor. Er erfasste unter anderem mehrere Grabhügel in Alm, Barmbruch und mehr als hundert Hügelgräber in Stübeckshorn.John Mitchell Kemble: Ausgrabungen im Amte Soltau im Sommer 1853. In: Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen. Band 17, 1851, 1. Doppelheft, S. 183–193 (Digitalisat). Laut seinem Bericht stammen die Gräber überwiegend aus der Bronzezeit, vereinzelt aber auch aus der Jüngeren Steinzeit.
Im Siedlungsgebiet um das heutige Soltau waren in den folgenden Jahrhunderten aufgrund des kargen Bodens nur einzeln stehende Höfe mit durchschnittlich zwei bis drei QuadratkilometernBargmann, Band 1, Kapitel Der Siedlungsraum Soltau. S. 12. eigengenutztem Umland üblich. Durch Viehhaltung und teilweise Brandrodung der Wälder für die Ackerflächen entstanden rund um die Siedlungen riesige baumfreie Bereiche. In diesen teils sumpfigen Gebieten siedelten sich bald Heidekräuter an. Später bildete sich dort als eigenständige Wirtschaftsform die Heidebauernwirtschaft heraus, deren Grundlage die Heidschnuckenhaltung war. Immerhin lässt sich für Fallingbostel in der Bronzezeit Fernhandel wohl Richtung Süden nachweisen, denn dort wurde ein Ösenhalsring entdeckt, der in dieser Zeit als Zahlungsmittel galt.Heide Wrobel: Die Halskragen der Nordischen Bronzezeit. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Band 30, 2009, S. 1–20, hier: S. 3. Der Fundort liegt allerdings am Nordwestrand seines Verbreitungsgebietes.
Langobarden und Sachsen (1. bis 8. Jahrhundert) mini|Loingau und umliegende Gaue des Herzogtums Sachsen um 1000
Um Christi Geburt verschwanden die Spuren der Jastorf-Kultur, wie sie etwa in Behringen nachweisbar sind.Heinrich Krüger: Die Jastorfkultur in den Kreisen Lüchow-Dannenberg, Lüneburg, Uelzen und Soltau (= Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte. Band 1). Neumünster 1961, S. 96. Die nachfolgenden Vorgänge sind weitgehend ungeklärt. Um die Zeitenwende erstreckte sich westlich der Unterelbe das Kerngebiet der Langobarden. Im Jahr 5 n. Chr. wurden diese im Immensum bellum von römischen Legionen unter Tiberius besiegt. Der Unterwerfung konnte sich der Stamm durch einen archäologisch fassbaren RückzugKlaus-Peter Johne: Die Römer an der Elbe. Das Stromgebiet der Elbe im geographischen Weltbild und im politischen Bewusstsein der griechisch-römischen Antike. Berlin 2006, S. 139. hinter die Elbe entziehen. Bereits ab dem 2. Jahrhundert verließen die Langobarden weitgehend das Gebiet zwischen Weser und Elbe.Bargmann, Band 1, Kapitel Der Siedlungsraum Soltau. S. 23. Sie tauchen erst 166 n. Chr. wieder in den Quellen auf.
Der Übergang zu einer Besiedlung der Region durch die Sachsen und deren Binnenorganisation ist seit langem umstritten und von den jeweiligen zeitgebundenen Vorstellungen geprägt.Matthias Springer: Die Sachsen. Kohlhammer, Stuttgart 2004, S. 57–96. Nach der im 19. Jahrhundert entwickelten Vorstellung – die an administrative staatliche Hierarchien gewöhnt war – teilten die Sachsen ihr Siedlungsgebiet in Gaue ein, die sich wiederum in Goe gliederten. Gemäß dieser Konstruktion einer Verwaltungsstruktur in „altsächsischer“ Zeit gehörte der Go Soltau zum Loingau, was heute als überholt gilt. An der damaligen Existenz sächsischer Gaue wird inzwischen gezweifelt; Matthias Springer hält sie für eine „Schöpfung“ Karls des Großen oder seiner Nachfolger.Matthias Springer: Die Sachsen. Kohlhammer, 2004, S. 149.Diese Einschätzung deckt sich mit der ersten Erwähnung eines pagus Lobingao aus dem Jahr 850, nämlich in der Vita des Bremer Bischofs Willehad, dann wieder im Jahr 937. In: Wilhelm von Hodenberg: Die Diöcese Bremen und deren Gaue in Sachsen und Friesland nebst einer Diöcesan- und einer Gaukarte. Capaun-Karlowa, Celle 1858, S. 47. Zweifelhaft geworden ist auch die Ansicht Friedrich Grütters von 1899 bzw. 1901,Das Werk des Bürgermeisters der Stadt Walsrode erschien ab 1899 in einzelnen Abschnitten in den Hannoverschen Geschichtsblättern (Bericht über die neuere Litteratur zur deutschen Landeskunde, Band 2, 1904, S. 203 (Digitalisat)). der den eingewanderten Sachsen einen relativ kleinen Anteil an der Gesamtbevölkerung des Loingaus zuschrieb, die zum überwiegenden Teil aus Laten und Sklaven bestanden habe. Aus den zum Teil heute noch bestehenden Ortsnamen (mit den Endungen „-ding“ und „-ing“) schloss er, dass der Loingau bereits zuvor durch verschiedene germanische Stämme wie Angrivarier, Cherusker, Chauken, Langobarden und andere besiedelt war. Auch einige slawische Wenden rechnete Grütter der damaligen Bevölkerung zu;Friedrich Grütter: Der Loin-Gau (= Veröffentlichungen zur Niedersächsischen Geschichte. Band 4). Hrsg. von Otto Jürgens. Schaper, Hannover 1901; Friedrich Grütter: Zur Geschichte der Stadt Soltau. In: Hannoversche Geschichtsblätter. Band 4, 1901, S. 361–370. gesicherte Erkenntnisse über damalige Bewohner des heutigen Stadtgebiets gibt es allerdings bis heute kaum.