Pai Mārire (von Neuseeländern europäischer Abstammung auch Hauhau genannt) ist eine synkretistische Religion der Māori, die auf der Nordinsel Neuseelands vor allem zwischen 1863 und 1874 bedeutsam war. Sie wurde in der Region von dem Propheten Te Ua Haumene gegründet und setzte sich aus Elementen zusammen, die der Bibel und dem traditionellen Glauben der Māori entlehnt waren. Sie versprach ihren Gläubigen die Befreiung von der Vorherrschaft der Pākehā (Europäer). Damit ergänzte sie die zuvor rein politisch ausgerichtete Unabhängigkeitsbewegung der Māori um religiöse Aspekte.S. Barton Babbage: Hauhauism: An Episode in the Maori Wars 1863–1866. Kapitel 1. A.H & A.W. Reed, Dunedin, 1937. Die bereitwillige Aufnahme der neuen Religion durch einige Māori zeigte auch ihre Ablehnung des Christentums und ihr Misstrauen in die Missionare aufgrund deren Rolle in Landkäufen zum Nachteil der Ureinwohner.S. Barton Babbage: Hauhauism: An Episode in the Maori Wars 1863–1866. Kapitel 3. A.H & A.W. Reed, Dunedin, 1937 Die neue Religion erlangte unter den Māori der Nordinsel breite Unterstützung und hatte enge Verbindungen zum Māori King Movement.
Die Bewegung führte wegen der Übergriffe eines Teils der Anhänger auf isolierte Siedlergemeinden zu großen Sorgen für die europäischen Siedler. Obwohl aus friedlichen Motiven heraus gegründet – der Name bedeutet wörtlich „gut und friedlich“ –, wurde Pai Mārire vor allem für einen extremistischen Teil der Anhänger bei den Europäern unter dem Namen Hauhau bekannt. Es gibt Belege, dass die schlimmsten Gewaltexzesse zwischen 1864 und 1865 von „Unterpropheten“ angeführt wurden, die gegen die Wünsche von Te Ua und die Grundsätze ihrer Religion handelten.Paul Clark: Hauhau: The Pai Marire Search for Maori Identity. (1975) zitiert von Belich in The New Zealand Wars (1986), Kapitel 11. Der Aufstieg und die Verbreitung dieser gewaltsamen Ausdrucksformen von Pai Mārire können als Antwort auf Militäroperationen der neuseeländischen Regierung gegen die Māori der Nordinsel gesehen werden, die auf die Ausweitung des Einflusses der Europäer und der Eroberung von Land für die Besiedelung durch Europäer ausgerichtet waren. Der Historiker B.J. Dalton ist der Ansicht, dass nach 1865 alle Māori unter Waffen fast stereotyp als „Hauhau“ bezeichnet wurden.
Die Pai Mārire schufen neue Riten wie Zaubersprüche, eine Art Totempfahl (Niu) und den Glauben an einen übernatürlichen Schutz gegen Kugeln. Die Riten umfassten auch Enthauptungen, das Herausschneiden des Herzens feindlicher Soldaten und rituellen Kannibalismus. Pai Mārire verbreitete sich ab 1864 rasch über die Nordinsel und vereinte die sonst oft verfeindeten Stämme in einem leidenschaftlichen Hass gegen die Pākehā. Sie war auch Inspiration für den starken militärischen Widerstand gegen die Kolonialstreitkräfte, vor allem im Zweiten Taranaki-Krieg (1863–1866).
Gouverneur George Grey begann im April 1865 einen Feldzug zur militärischen Unterdrückung der Bewegung, in dessen Verlauf Dutzende Dörfer in Taranaki und an der Ostküste angegriffen wurden. Mehr als 400 Anhänger wurden gefangen genommen. Die meisten wurden auf den Chatham Islands interniert. Elemente der Religion flossen in die 1868 von Te Kooti, der von den Chathams entkommen konnte, gegründete Religion Ringatu („Erhobene Hand“) ein.
Beim Zensus 2006 nannten 609 Einwohner Neuseelands ihre religiöse Zugehörigkeit als „Hauhau“.
Prophet Te Ua Der spätere Prophet der Religion, Te Ua Haumene, wurde in den frühen 1820er Jahren in der Region Taranaki geboren. Er und seine Mutter wurden 1826 von einem feindlichen Stamm gefangen genommen und versklavt. Er lernte Māori zu lesen und zu schreiben und studierte das Neue Testament. Er wurde 1834 von Reverend John Whiteley in der wesleyanischen Mission in Kawhia auf den Namen „Horopapera Tuwhakararo“ getauft. Dies ist eine Transliteration von John Zerubbabel. Später kehrte er nach Taranaki zurück.
In den 1850ern wurde er ein Unterstützer des Māori King Movement. In den 1860ern kämpfte er im Ersten Taranaki-Krieg gegen die Kolonialtruppen. Er kämpfte auch in der Invasion von Waikato, wo er den Māori-Soldaten auch als Kaplan diente. In den frühen 1860ern war Te Ua Teil eines runanga (lokale Verwaltung), die neben der Lokalverwaltung auch sicherstellen sollte, dass die Grenzen des Landes, das unter dem Mana des Māori-Königs stand, unverletzt blieben.
Damit waren die Eckpunkte von Te Uas religiöser Lehre gesetzt: er glaubte, dass die Māori ein Recht hätten, ihre Grenzen zu verteidigen, er glaubte an die landesweite Erlösung der Māori von den weißen Siedlern und er hatte die Missionare in Verdacht, den Verlust von Land der Māori zu fördern.
Die Erhebung von Te Ua zum Propheten folgte einem Zwischenfall im September 1862. Das britische Dampfschiff Lord Worsley hatte vor der Küste von Taranaki Schiffbruch erlitten. Die örtlichen Māori diskutierten, was mit Ladung und Mannschaft geschehen sollte. Te Ua, der damals im Wereroa Pā nahe Waitotara lebte, forderte, dass die geborgene Ladung nach New Plymouth geschickt werden sollte. Er fand jedoch kein Gehör und die Ladung wurde geplündert. Am 5. September behauptete er, eine Vision gehabt zu haben, in der der Erzengel Gabriel ihm verkündete, dass das Letzte Gericht der Bibel nah sei und Gott ihn als Prophet auserwählt habe. Als solcher solle er die Pākehā hinauswerfen und „Israel“ (die Māori) in ihr Geburtsrecht auf das Land Kanaan (Aotearoa/Neuseeland) wiedereinsetzen.
Es gibt widersprüchliche Versionen, wie Te Ua auf diese Vision reagierte: Nach einer Version soll er sein Kind getötet haben und in einem unter den Stämmen verbreiteten Brief erklärt haben, dass dies zur Erlösung seines Volkes geschehen sei, das „verwirrt, desolat und in Zweifel“ sei. Andere Berichte behaupteten, er habe das Bein des Kindes gebrochen und auf wundersame Weise geheilt. Te Ua kam zunehmend in den Ruf, Wunderkräfte zu haben. Die Ansichten unter den Siedlern waren weniger schmeichelhaft: Bischof William Williams behauptete, Te Ua zeigte starke Zeichen von Geisteskrankheit und der Kolonialsoldat und Historiker T.W. Gudgeon behauptete, er sei bis dahin als „harmloser Irrer“ von schwachem Intellekt, aber friedlicher Einstellung angesehen worden.
Gründung und Verbreitung der Religion Te Ua begann seine neue Religion auszuformulieren. Dazu gehörte ein heiliges Buch, Ua Rongo Pai (Das Evangelium nach Ua). Dieses kombinierte Elemente alttestamentlicher Moral, christlicher Doktrin und traditioneller Māori-Religion. Ihr Ziel war es, eine friedliche Gesellschaft zu schaffen, in der Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit herrschten. Sie sahen sich als ein zweites auserwähltes Volk und glaubten, dass sie mit der göttlichen Hilfe Jehovas ihr angestammtes Land zurückerhalten würden und die Engländer ins Meer zurückgetrieben würden.S. Barton Babbage: Hauhauism: An Episode in the Maori Wars 1863-1866. Kapitel 2. A.H & A.W. Reed, Dunedin, 1937. Zur Verbreitung der Religion wählte Te Ua drei Männer als Unterpropheten aus: Tahutaki, Hepenaia und Wi Parara.
Angriff bei Ahuahu Den weißen Siedlern wurde die Existenz der neuen Religion durch eine Serie von Angriffen im April und Mai 1864 dramatisch bewusst. Am 6. April zog eine Streitmacht unter Führung von Tahutaki und Hepenaia zu dem im dichten Busch gelegenen Dorf Ahuahu südlich von Oakura bei New Plymouth, um einige Pākehā (Weiße) in ihre Hände zu bekommen. Die Gruppe überraschte eine kombinierte Truppe des 57. Regiments und der neu formierten Miliz Taranaki Military Settlers von insgesamt 101 Mann. Diese rasteten ohne ihre Waffen auf einer Expedition, um Anpflanzungen der Māori zu zerstören. Die Māori töteten sieben und verwundeten zwölf Männer. Die Körper der sieben Toten, unter ihnen der Kommandeur Captain P.W.J. Lloyd, wurden ausgezogen und enthauptet. Das Bein eines der Soldaten wurde ebenfalls abgeschnitten.B. Wells, The History of Taranaki, Kap. 24, 1878.
Der leichte Sieg über eine zahlenmäßig stärkere, britisch geführte Streitmacht gab der Bewegung einen starken Anschub und bestätigte nach Ansicht vieler Māori die Ansicht, unter dem Schutz des Erzengels Gabriel zu stehen. Als dessen Prophet wurde Te Ua nun angesehen. Die Zahl der Anhänger stieg stark an und die Riten des Pai Mārire wurden weiterentwickelt. Einige davon verwendeten die abgeschnittenen Köpfe von Soldaten, durch die Te Ua angeblich mit Jehovah kommunizieren konnte.
Angriff auf den Sentry Hill Drei Wochen später, am 30. April 1864, demonstrierten 200 Krieger ihren Glauben an den göttlichen Schutz beim Angriff auf die Befestigungsanlage auf dem Sentry Hill, 9 Kilometer nordwestlich von New Plymouth. Die Befestigung wurde von 75 britischen Soldaten mit zwei Coehorn-Mörsern verteidigt. Die Māori vom Iwi Atiawa sahen den Bau des Außenpostens auf ihrem Land als Provokation an und bildeten mit Māori von der Westküste eine Streitmacht.
Unter Führung von Hepanaia nahmen die Krieger an Riten um einen niu beim Manutahi pā teil. Alle wichtigen Häuptlinge waren anwesend: Wiremu Kingi, Kingi Parengarenga, Te Whiti und Tohu Kakahi. Die beiden letztgenannten wurden später Propheten in Parihaka. Die mit Musketen, Schrotgewehren und traditionellen Waffen der Māori bewaffnete Truppe marschierte zum Sentry Hill und begann um 8 Uhr morgens den Angriff auf die Anhöhe mit der Befestigungsanlage.
Als sie aus kurzer Distanz unter massiven Beschuss gerieten, „schützen“ sie sich nur durch Hochhalten der rechten Hand und Sprechen der magischen Formel. 34 Māori, ein Fünftel der Angreifer, und ein Brite kamen ums Leben.James Cowan: The New Zealand Wars: A History of the Maori Campaigns and the Pioneering Period, Band 2, Kapoitel 2. 1922.
Unter den Toten waren die Häuptlinge Hepanaia, Kingi Parengarenga (Taranaki), Tupara Keina (Ngatiawa), Tamati Hone (Ngati Ruanui) und Hare Te Kokai (der den Frontalangriff befürwortet hatte). Das Gemetzel schwächte zeitweilig das Vertrauen in Pai Marire. Te Ua hatte jedoch eine zufriedenstellende Erklärung: Die Schuld läge bei den Gefallenen selbst, da sie keinen absoluten Glauben in die Beschwörungssprüche gezeigt hätten.
Schlacht von Moutoa Zwei Wochen später, am 14. Mai 1864, zog eine Truppe von Pai Mārire vom Oberlauf des Whanganui River auf die Siedlung Wanganui zu, um diese zu überfallen. Sie überfielen den Briten loyale Māori vom Unterlauf des Whanganui River und töteten 50 davon, darunter den Propheten Matene Rangitauira.James Cowan, Bd. 2, Kap. 3
Die Siedler errichten darauf Neuseelands erstes Kriegsdenkmal am Ort der heutigen Moutoa Gardens. Die Inschrift auf dem Denkmal lautete „To the memory of those brave men who fell at Moutoa 14 May 1864 in defence of law and order against fanaticism and barbarism“ – „Zum Gedenken an die mutigen Männer, die am 14. Mai 1864 in Verteidigung von Recht und Ordnung gegen Fanatismus und Barbarei fielen“.
Morde an der East Coast Die Rückschläge am Sentry Hill und auf Moutoa Island verstärkten den Glauben der Māori in Te Ua's Bewegung, da man überzeugt war, die Niederlagen seien dem Ungehorsam der Propheten Hepanaia und Matene gegen ihren Führer zuzuschreiben. Weitere Iwi schlossen sich Te Ua an. Anfang 1865 wurden zwei Gesandtschaften, die im Rauch getrocknete menschliche Köpfe mit sich führten,James Cowan: The New Zealand Wars: A History of the Maori Campaigns and the Pioneering Period: Vol 2, Chapter 1, 1922. von Taranaki über Wanganui und zu Häuptling Hirini Te Kani an die geschickt. Eine der Gruppen zog über Rotorua, Whakatāne, Opotiki und das , die andere zog durch das Zentrum der Nordinsel über Ruatahuna und dem Wairoa District.