mini|Die Pala d’oro im Aachener Dom

Die in das erste Viertel des elften JahrhundertsHerta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 12. datierte Pala d’oro (ital. für „Goldenes Altarbild“, wörtlich „Goldblatt“) dient als Antemensale zum Schmuck der Schauseite des Hauptaltars im Aachener Dom. Sie ist ein Meisterwerk ottonischer Goldschmiedekunst und besteht aus siebzehn in Goldblech getriebene Reliefs, die vermutlich auf eine Stiftung des sächsischen Kaiserhauses zurückgehen. Sie stellt neben dem Basler Antependium – beide Arbeiten stammen wahrscheinlich aus derselben Werkstatt – dem Mailänder Goldaltar aus der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts sowie den frühesten Bestandteilen der venezianischen Pala d’oro im Markusdom eine der wenigen metallenen Altarverkleidungen des Frühmittelalters dar, die erhalten geblieben sind.

mini|Christus in der Mandorla, links Maria und gegenüber Erzengel Michael, umgeben von den vier Evangelistensymbolen

Beschreibung Die goldene Altartafel hat ein querrechteckiges Format mit einem Raster von 4 × 3 Bildfeldern (Rahmen und Anordnung stammen ais dem 19. Jahrhundert; siehe unten). Im Zentrum steht exponiert eine Mandorla, in der Christus thront. Ebenso an den Kreuzungspunkten der Rahmenkontruktion aufgesetzt sind vier Medaillons mit den Evangelistensymbolen. In zehn Reliefs werden Szenen aus der Passions- und Auferstehungsgeschichte dargestellt. Die übrigen zwei Felder zu den Seiten des Erlösers steht links seine Mutter Maria und rechts tötet der Erzengel Michael einen Drachen.

Die Tafeln wurden aus dünnen Feingoldblechen aus einer Legierung von 999,98 ‰ Goldanteilen getrieben und sind heute mit einer, in späteren Zeiten aufgetragenen Füllmasse mit den dünnen hölzernen Trägerplatten verbunden.Herta Lepie: Ausblick. In: Schimmernd in lauterem Gold ... und leuchtend von kostbaren Steinen. Projekte in der Goldschmiedewerkstatt des Aachener Domes (= Karlsverein-Dombauverein Schriftenreihe, Band 4). Veröffentlichungen des Karlsvereins-Dombauvereins, Thouet, Aachen 2001, S. 56. Im Lauf der Zeit wurde die Anordnung der einzelnen Teile der Tafel mehrfach verändert und der jeweiligen Funktion angepasst. Möglicherweise stellen die heute erhaltenen Reliefs lediglich die Reste einer vollständigen Altarverkleidung dar.Ernst Günther Grimme: Der Aachener Domschatz. Düsseldorf 1973, S. 30.

Bildprogramm Majestas Domini und Deësis In der Mitte der Altartafel, umrahmt von einer Mandorla, sitzt aufrecht Christus auf einem Thron, die Füße auf einen separaten Schemel ruhend. Christus wird im Typus der gütigen Majestas Domini dargestellt, wozu die Evangelistensymbole sowie seine Gestik gehört: in der linken, hier verhüllten Hand hält er das geöffnete Buch des Lebens, die rechte Hand ist zum Segensgestus erhoben und auf einen Kreuzstab gestützt.

Die jugendliche Christusfigur, die von einem Heiligenschein umgeben ist, wird zu seiner Rechten von Maria begleitet, die im Dreiviertelprofil dargestellt ist. Die mit einem Falten gelegten Tuch verhüllte, leicht gebeugte Figur ist Christus mit offenen Händen bittend zugewandt. Links der Christusfigur ist der Erzengel Michael im Halbprofil gezeigt, der einem feuerspeienden Drachen eine Lanze, die er in der rechten Hand führt, in den Rachen stößt. In der linken Hand hält er einen Schild, der den Körper im faltenwerfenden Gewand vor den Flammen schützt. Beide Figuren tragen ebenfalls einen Heiligenschein und stehen stellvertretend für die Fürbittenden der Menschheit, die Deësis.

Dieses im Mittelalter häufig gebrauchte Bildmotiv der christlichen Ikonografie zeigt in der Regel eine Dreifigurengruppe mit Christus, Maria und gewöhnlich Johannes dem Täufer an seinen Seiten. In der Aachener Altartafel tritt der Erzengel Michael in die Position des Heiligen Johannes. Die Auslegung als Deësis wird allerdings von der szenischen Darstellung Michaels als Drachentöter eingetrübt. Das aus dem 4./5. Jahrhundert stammende ikonografische Schema wurde durch die Kreuzzüge aus der Ostkirche importiert und nur lamgsam verbindlich. Michael besiegt das Böse und steht damit auch für das Seelenheil beim Weltgericht, mit dem die Deësis auch assoziiert wird.

Passionsreliefs Die Deësis wird von zehn Goldreliefs umrahmt. Die goldgetriebenen Tafeln sind querrechteckig in einem Verhältnis von etwa 8:9 und besitzen lichte Höhen von 22,5 bis 23 cm und 25,5 bis 26 cm Breite. Für die Evangelistenmedaillon besteht jeweils an einer Ecke eine Aussparung. In den Reliefs werden Szenen aus der Passion Christi dargestellt. Die Anordnung in gewöhnlicher Leserichtung stammt aus dem 19. Jahrhundert und muss nicht original sein: Obere Reihe: der Einzug in Jerusalem, das letzte Abendmahl, die Fußwaschung, die schlafenden Jünger im Garten Getsemani; Mittlere Reihe: der Verrat des Judas, die Geißelung; Untere Reihe: die Dornenkrönung, der Gang nach Golgota, die Kreuzigung und die Auferstehung.

Der Einzug in Jerusalem Die im Falzmaß 23,8 cm hohe und 26,7 cm breite Reliefplatte zeigt Christus auf einem Esel reitend vor den Toren Jerusalems. In der linken Hand hält er das geschlossene Buch des Lebens. Er wird von seinen barfüßigen Jüngern begleitet, von denen lediglich zwei figürlich im Halbprofil dargestellt sind, während die anderen dahinter verdeckt arrangiert wurden. Am rechten Bildrand kommen Christus Einwohner von Jerusalem entgegen und bereiten ihm einen huldvollen Empfang.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 6. Das Relief ist heute in der linken oberen Ecke der Altartafel angebracht. Die rechte untere Ecke wurde nachträglich umgearbeitet, um das Engel-Medaillon einzupassen. Dazu mussten der Fuß eines Bewohners Jerusalem und die Gestaltung der Erdschollen in diesem Bereich nachgetrieben werden.Lothar Schmitt: Restaurierungsbericht. S. 30.

Das letzte Abendmahl Die 27 cm lange und 23,7 cm hohe Reliefplatte zeigt Christus im Kreis seiner Jünger während des letzten Abendmahls. Am linken Tischende thront Jesus, die nackten Füße auf ein Podest gestellt. Ihm gegenüber sitzt auf einem niedrigeren Thron Petrus. Hinter dem mit Brotlaiben und Trinkgefäßen gedeckten Tisch sind halbkreisförmig die Brustbilder der Jünger angeordnet. Aus der Gruppe herausgehoben und vor dem Tisch dargestellt ist Judas, der aus der rechten Hand von Christus das Brot empfängt. Sich von ihm leicht abwendend, kratzt sich Judas mit der linken Hand am Hinterkopf.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 6.

Das Abendmahl-Relief ist heute in der oberen Reihe der Altartafel eingefügt, wobei die linke untere Ecke nachgearbeitet wurde, um das Engel-Medaillon einzufügen. Bei der Restauration Anfang des 21. Jahrhunderts wurde festgestellt, dass sowohl die Oberkörper der Apostel sowie die Jesus- und Judasfigur während früherer Restaurierungen nachgetrieben und umgearbeitet wurden.Lothar Schmitt: Restaurierungsbericht. S. 30–31.

Evangelistenmedaillons Die vier runden Medaillons, die die Mittelgruppe an den Ecken begrenzen, besitzen einen Durchmesser von 11 cm. Dargestellt sind vier geflügelte Gestalten: Mensch, Löwe, Stier und Adler, die seit dem 4. Jahrhundert n. Chr. symbolisch den vier Evangelisten zugeschrieben werden. Gleichzeitig schaffen die vier Evangelistenmedaillons als Symbole der Menschwerdung Gottes, des Opfertodes, der Auferstehung und Himmelfahrt so die Verbindung zu den in den umgebenden Reliefs dargestellten Szenen der Passion Christi.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 9 ff.

Rahmen Die Reliefs sind in einen hölzernen Rahmen eingelassen. Über die Ausgestaltung des originalen Rahmen der Pala d’oro gibt es keine schriftlichen Überlieferungen. In Analogie zum Basler Antependium wird angenommen, dass er ursprünglich mit rankenverzierten Blechen oder Emailstreifen geschmückt war.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 14. Im 19. Jahrhundert initiierte der Kanonikus Franz Bock die Neurahmung der Goldreliefs. Er konnte Kaiser Wilhelm I. gewinnen, anlässlich des 25. Jahrestages des Bestehens des Karlsvereins 1872 einen neuen Rahmen zu stiften, den der Aachener Goldschmied August Witte anfertigte.Zur Witte’schen Restaurierung und dem neuen Emailrahmen ausführlich Wolfgang Cortjaens: Rheinische Altarbauten des Historismus. Sakrale Goldschmiedekunst 1870–1918. Rheinbach 2002, S. 209–226. Die Anordnung der Reliefs im Rahmen wurde entsprechend seiner vorgesehenen Funktion als Retabel vorgenommen.

Der heutige hölzerne Rahmen ist aus Eichenholz gefertigt und stammt aus den Jahren 1950/51.Ria Röthinger: Die Holztafeln und der Rahmen der Pala d’Oro. S. 39. Im Rahmen des Wiederaufbaus der gotischen Chorhalle nach dem Zweiten Weltkrieg entschied man sich, die Pala d’oro zukünftig als Antependium des neu gestalteten Altars zu verwenden. Dies machte eine Neurahmung der Goldreliefs notwendig, da der wilhelminische Rahmen von den Ausmaßen nicht zum neuen Altar passte. Anlässlich der 1999 begonnenen Konservierung wurden Überlegungen angestellt, den ursprünglich als Provisorium angesehenen Rahmen durch eine Neukonstruktion zu ersetzen.

Aus stilistischen Gründen entschied sich das Domkapitel bei der Restaurierung der Pala d’oro im Jahre 2002 dafür, die Rahmung aus den 1950er Jahren beizubehalten. Lediglich die Holzoberfläche wurde aufgearbeitet und die Justierung neu eingestellt.

Das Antependium misst heute samt dem Rahmen in der Höhe 0,83 m und in der Breite 1,215 m.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 6. Auf eine hölzerne Grundplatte sind die äußeren Rahmenleisten und das Goldrelief mit der Majestas-Domini-Darstellung fixiert; alle weiteren Rahmenleisten und Binnenstege sind durch ein Stecksystem miteinander verbunden. Durch die Verschraubung der vier Evangelistenmedaillons werden alle Rahmenteile justiert. Auch die einzelnen Goldreliefs als solche liegen jeweils auf einem sehr dünn gearbeiteten Eichenholzträger auf. Dieser besteht für die Mandorla aus zwei zusammengefügten Brettchen, für die Evangelistensymbole aus vier gedrechselten Rundplatten und bei den zwölf übrigen Reliefs in Form von rechteckigen Brettern mit einer mittig eingelassenen, quadratischen Ausnehmung zum Einfüllen des Wachses für die Füllmassen.Ria Röthinger: Die Holztafeln und der Rahmen der Pala d’Oro. S. 37. Sie sind 24,9 bis 28,4 cm lang, zwischen 18,2 (Marien- und Michaelsrelief) und 28,5 cm breit und 3 bis 5 mm dick.

Entstehung Der Entstehungsort der Tafeln lässt sich heute nicht mehr eindeutig lokalisieren. Ernst Günther Grimme schrieb die Tafeln einer Werkstatt zu, die sich unter Umständen in Fulda befunden hat,Ernst Günther Grimme: Der Aachener Domschatz. Düsseldorf 1973, S. 10. während Hermann Fillitz deutliche Parallelen zu Goldschmiedearbeiten des Trierer Gregor-Meisters aus dem trierisch-lothringischen Raum sieht.Hermann Fillitz: Ottonische Goldschmiedekunst. In: Bernward von Hildesheim und das Zeitalter der Ottonen. Katalog, Hildesheim 1993, S. 186.

Das Antependium ist nicht durchgehend einheitlich gearbeitet, sondern weist vielmehr nach den ersten fünf, wohl von einem im rheinischen Gebiet beheimateten und geschulten Meister geschaffenen Reliefplatten einen deutlichen Hang zur Monumentalisierung auf. Die hölzernen Grundplatten wurden ursprünglich als gleichfalls aus ottonischer Zeit entstammend vermutet; eine dendrochronologische Untersuchung ergab jedoch entgegen einer solchen Annahme eine wahrscheinliche Entstehungszeit der Holzplatten erst ab 1582.Herta Lepie: Pala d’Oro – der Goldaltar. S. 16.

Aufstellungsorte mini|Heutige Position des Hauptaltars mit Pala d’oro im Dom zu Aachen