mini|Blick vom Damaskustor auf die Straße Tariq al-Wad Das Muslimische Viertel von Jerusalem (, ) ist das größte und bevölkerungsreichste der vier Viertel der Altstadt von Jerusalem. Es umfasst 31 Hektar im Nordosten der Altstadt. Im Norden und Osten bildet die Stadtmauer bzw. die Außenmauer des Haram esch-Scharif die Grenze. Im Westen grenzt das christliche Viertel an, im Süden das Jüdische Viertel.
Das muslimische Viertel hat 22.000 Einwohner.
Geschichte Frühe römische Kaiserzeit mini|Birket bani Israʿil, vor 1890 Das Areal des heutigen Muslimischen Viertels befand sich außerhalb der Stadtgrenzen des perserzeitlichen und hellenistischen Jerusalems, war aber zur Zeit des Herodes in die Neustadt einbezogen (Dritte Mauer). Kennzeichnend für die Nutzung dieses Gebiets waren verschiedene Teiche und Wasserreservoirs: Struthion , Schafteich, Bethesda . In antiker Zeit befand sich direkt nördlich des Herodianischen Tempels ein großes Wasserbecken , das für den Kultbetrieb erforderlich war. Auch nach der Zerstörung des Tempels behielt es seine Bedeutung als Wasserspeicher für die Bevölkerung bei. Den arabischen Namen Birket bani Israʿil, „Teich der Söhne Israels,“ erhielt die Anlage in frühislamischer Zeit.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 312 f.
An der Nordwestecke des Tempelbezirks befand sich schon in der Hasmonäerzeit eine Burg (Baris), die Herodes ausbauen ließ (Burg Antonia). Diese wurde im Jüdischen Krieg vollkommen zerstört, bis auf den Felssockel , auf dem sie errichtet war, und spielte in den folgenden Jahrhunderten keine Rolle mehr.
Spätantike, byzantinische und frühislamische Zeit Die römische Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. stellt einen tiefen Einschnitt in der Stadtgeschichte dar. Das danach neu entstandene Straßennetz von Aelia Capitolina ist im Muslimischen Viertel noch nachvollziehbar, weniger in den drei anderen Vierteln. Zwei Hauptachsen der spätantiken und byzantinischen Stadt bilden die Grenzen des Viertels:
der Cardo maximus (= Suq Chan ez-Zeit) im Westen; der Decumanus (= Tariq Bab as-Silsila) im Süden.
Der Cardo secundus verlief im Stadttal und lebt in der Straße Tariq Al Wad weiter, der in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Hauptstraße des Muslimischen Viertels. Zwischen Cardo primus und Cardo secundus gab es Querstraßen, eine davon ist die Via Dolorosa. Aber auch die vom Vorplatz des Damaskustors Richtung Osten abgehenden Straßen und ihre Querstraßen haben spätantike Vorläufer.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 1117.
Die jüdische Badeanlage Bethesda wurde nach der Zerstörung der Stadt im Jahr 70 n. Chr. aufgegeben; im 3./4. Jahrhundert bestand hier ein Kultort des Asklepios/Serapis. Die christlichen Jerusalemer verorteten die Geschichte von der Heilung des Gelähmten (Joh 5) aber weiterhin an den hier vorhandenen zwei Wasserbecken. In byzantinischer Zeit verband sich diese Lokaltradition mit einer (dominierenden) Marientradition. Maria zu Ehren entstand eine Basilika, während das benachbarte antike Schwimmbecken vom Pilger von Piacenza (um 570) als Kloake beschrieben wurde. Ihre schwere Beschädigung beim Persereinfall führte zum weiteren Verfall und schließlich zur Aufgabe der Kirche.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 325–334.
Die frühislamische Zeit (638–1099) hinterließ im Muslimischen Viertel kaum architektonische Spuren.
Lateinisches Königreich (1099–1187) Der nordöstliche Teil Jerusalems wurde zur Kreuzfahrerzeit gelegentlich als Judaria oder Juvrie bezeichnet, was darauf hindeutet, dass hier seit etwa 1050 bis 1099 eine jüdische Bevölkerung lebte, die bei der Eroberung der Stadt ermordet wurde.Katharina Galor, Hanswulf Bloedhorn: The Archaeology of Jerusalem: From the Origins to the Ottomans. Yale University Press, New Haven / London 2013, S. 180 f. Balduin I. siedelte hier im Jahr 1115 syrisch-orthodoxe Christen aus der Gegend von Karak an. Dokumente aus dem kreuzfahrerzeitlichen Jerusalem erwähnen zahlreiche Christen mit syrischen Namen.Adrian J. Boas: Jerusalem in the Time of the Crusades: Society, Landscape and Art in the Holy City under Frankish Rule. Routledge, London / New York 2001, S. 88. Das „Syrische Viertel“ war durch Kirchenbauten dieser christlichen Konfession geprägt, zum Beispiel:
St. Maria Magdalena, Kirche und Kloster. Saladin übergab nach seiner Einnahme der Stadt das Kirchengebäude St. Maria Magdalena einem Amir, der darin die Madrasa al-Maʾmunija einrichtete. Seit dem 15. Jahrhundert Ruine, wurde sie 1887 durch die Maʾmunija-Schule überbaut, die seitdem an dieser Stelle steht.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 349. St. Elias. Erst kurz vor der muslimischen Einnahme der Stadt fertiggestellt, wurde die Kirche in den Bau der Moschee al-Maulawija integriert.
Allerdings war die Kirchenlandschaft in diesem Stadtteil nicht exklusiv syrisch-orthodox. In der Aufnahme älterer Ortstraditionen bauten die Kreuzfahrer an der Stelle der byzantinischen Marienbasilika eine dreischiffige Kirche. Sie war dem Gedächtnis der legendarischen Eltern Mariens, Joachim und Anna, gewidmet. Aus der Literatur ist bekannt, dass zu dieser St.-Anna-Kirche ein hochadliges Frauenkloster gehörte. Die Inschriften Sca Anna auf mehreren Konsolen im Suq al-Aṭṭarin dokumentieren noch, dass diese Läden dem Benediktinerinnenkloster gehörten.Vier dieser Inschriften befinden sich in situ, eine weitere wurde bei der Restaurierung der Kirche im Tympanon des westlichen Hauptportals eingesetzt. Vgl. Denys Pringle: The Churches of the Crusader Kingdom of Jerusalem. Band 3: The City of Jerusalem. Cambridge University Press, New York 2007, S. 154.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 334 f.
Die dreischiffige Markthalle ist an ihren Kreuzgratgewölben gut als ein Gebäudeensemble zu erkennen, das in der Zeit des Lateinischen Königreichs entstand, als hier der zentrale Geschäftsbereich der Stadt war (Forum rerum venalium). Die zentrale Gasse , heute Suq al-Aṭṭarin „Markt der Gewürzhändler“, hieß damals mal cuisinat; hier gab es Barbiere und Garküchen für die Pilger. Die westliche Gasse , heute Suq al-Lachamim, „Fleischmarkt“, war in der Kreuzfahrerzeit der Markt für Kräuter, Früchte und Gewürze. In der östlichen Gasse, Suq al-Chawadschat „Gasse der Kaufleute“, hatten seinerzeit die lateinischen (westeuropäischen) Stoffhändler ihre Läden.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 521. Klaus Bieberstein: Auf Pilgerspuren. Ein Spaziergang durch das Jerusalem der Kreuzfahrer. In: Welt und Umwelt der Bibel 3/2003, S. 8–13, hier S. 10.
Mit Josephus’ Buch über den Jüdischen Krieg als Hintergrundinformation, suchte und fand Theodericus 1172 die Burg Antonia an der richtigen Stelle. Vorhanden war nur noch der gewachsene Fels, auf dem die antike Burg gestanden hatte. Wenige Jahre später wurde die Antonia mit dem Amtssitz (Prätorium) des Pontius Pilatus identifiziert und damit eine für christliche Passionsfrömmigkeit wichtige Konstellation geschaffen. Die Kreuzfahrer erbauten an dieser Stelle eine „Kapelle der Ruhe“ (Le repos) zur Erinnerung an die Nacht, die Jesus Christus in Haft verbrachte (archäologisch nachgewiesen, später zu einem ajjubidischen Senkgrab umgestaltet). Hier begann der kreuzfahrerzeitliche Kreuzweg und führte über den Haram zum Tor Bab al-Qaṭṭanin (= Porta dolorosa) und von dort weiter Richtung Grabeskirche – also ein völlig anderer Verlauf als die heutige Via Dolorosa.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 357.
Ein weiterer christlicher Erinnerungsort im Nordosten der Stadt war das Haus des Herodes : eine Kapelle aus dem 12. Jahrhundert (quadratischer Vierstützenraum mit Vierungskuppel), durch Restaurierung 1905 fast unkenntlich; heute griechisch-orthodoxe Nikodemus-Kapelle.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 348.
Zeit der Ajjubiden (1187–1260) mini|St. Anna: Stifterinschrift Saladins (Madrasa al-Ṣalaḥija), links darüber Spolie aus dem Suq al-Aṭṭarin mit der kreuzfahrerzeitlichen Inschrift: Sca Anna. mini|Detail, Turbat al-Amir Berke Chan Nachdem er Jerusalem eingenommen hatte, ergriff Saladin Maßnahmen, um der Stadt einen deutlich islamischen Charakter zu geben. Er initiierte Bauprojekte auf dem Haram. Außerdem beanspruchte er zwei bisher christliche Gebäudeensemble und wandelte sie in eine Sufi-Niederlassung (Tekke) und eine Madrasa um:Nimrod Luz: Reconstructing the Urban Landscape of Mamluk Jerusalem: Spatial and Social-political Implications, Göttingen 2019, S. 141.
Chanqah aṣ-Ṣalaḥija (im Christlichen Viertel), der ehemalige Sitz des griechischen, dann lateinischen Patriarchen von Jerusalem, der mit der Grabeskirche einen Gebäudekomplex bildete. Saladin stattete den hier angesiedelten Sufi-Konvent mit einer Badeanlage (Ḥammam al-Baṭraq, „Patriarchenbad“) und weiteren Grundstücken aus.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 482. Madrasa al-Ṣalaḥija, eine juristisch-theologische Hochschule in der ehemaligen St.-Anna-Kirche der Kreuzfahrer. Im Tympanon des Hauptportals liest man die Stifterinschrift Saladins, der die Madrasa auf das Jahr 1192/93 datiert.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 336.
Amir Berke Chan, dessen chwaresmische Söldner Jerusalem 1244 eroberten und ein kurzes Intermezzo der Kreuzfahrerherrschaft (1229–1244) beendeten, erhielt an der Kettentorstraße ein Mausoleum (Turbat al-Amir Berke Chan), das zeigt, wie stark die Formensprache der südfranzösischen Romanik bis in die frühmamlukische Zeit rezipiert wurde. Das Mausoleum als solches ist ein umgebautes Ladengewölbe der Kreuzfahrerzeit, wie man an den sekundär vermauerten Spitzbögen erkennt.Max Küchler: Jerusalem: Ein Handbuch und Studienreiseführer zur Heiligen Stadt, Göttingen 2007, S. 212 f.
Zeit der Mamluken (1260–1517) Unter der Herrschaft der Mamluken wurde die Ausstattung Jerusalems mit islamischen Bauwerken fortgesetzt. Als Bauherren traten fromme Stiftungen oder Aristokraten auf. Die Neubauten entstanden vor allem dort, wo es keine innerstädtische Bebauung gab, und da die Westseite des Haram von der Wohnbebauung durch einen 30–60 m breiten, unbebauten Streifen getrennt war, bot sich dieses Areal für repräsentative Bauprojekte an. Wohnhäuser der Oberschicht folgten. Gab es am Beginn der mamlukischen Ära zwei westliche Zugänge zum Haram, so waren es am Ende dieser Zeit acht; das zeigt, wie stark das vorher etwas außerhalb der Stadt gelegene Heiligtum nun mit der Wohnbebauung verknüpft war.Nimrod Luz: Reconstructing the Urban Landscape of Mamluk Jerusalem: Spatial and Social-political Implications, Göttingen 2019, S. 141 f.