Dürrer September (im Original Dry September) ist eine Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die erstmals im Januar 1931 im Scribner's Magazine veröffentlicht und noch im selben Jahr in revidierter Form in der Anthologie These 13 aufgenommenZu den bedeutungsvolleren Änderungen, die Faulkner für die Veröffentlichung in These 13 vornahm, gehört vor allem die Umstellung der Kapitel I und II. Die ursprüngliche Fassung von Dry September beginnt mit der Rückschau auf Minnie Coopers Leben; in der später in These 13 veröffentlichten Version wählte Faulkner einen dramatischen Beginn. Vgl. Gerhard Hoffmann: Faulkner • Dry September. In: Karl Heinz Göller et. al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 411. und später in den Collected Stories und zahlreichen anderen Sammlungen abgedruckt wurde. Die deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack wurde erstmals 1965 im Züricher Fretz und Wasmuth Verlag veröffentlicht.
Die Erzählung thematisiert die Heuchelei in den Südstaaten der Vereinigten Staaten von Amerika und das verhängnisvolle Wirken von Gerüchten. In dieser Geschichte wird der Schwarze Will Mayes zum Opfer eines Lynchmordes, ausgelöst durch das Gerücht, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben.
Entstehung und Veröffentlichung Die Kurzgeschichte entstand 1931 in einer sehr schaffensreichen Phase Faulkners. Der Schriftsteller hatte die von der Kritik gefeierten Romane Schall und Wahn (1929) und Als ich im Sterben lag (1930) veröffentlicht und 1931 gelang ihm mit Die Freistatt eine Art kommerzieller Durchbruch, der dazu führte, dass auch die beiden früheren Romane intensiv von Lesern und Kritikern betrachtet wurden. Im Folgejahr 1932 entstand ein vierter erfolgreicher Roman, Licht im August. Ferner entstanden in diesen vier Jahren weitere Kurzgeschichten.
Nach der Erstveröffentlichung im Scribner's Magazine und der Aufnahme in der Sammlung These 13, die dreizehn Kurzgeschichten Faulkners umfasste, avancierte Dürrer September schnell zu einer der populärsten Kurzgeschichten des Autors. Angesiedelt in Yoknapatawpha County, der fiktiven Erzähllandschaft Faulkners im amerikanischen Süden, vermittelt die Erzählung einen durchaus repräsentativen Eindruck der von Faulkner verwendeten erzähltechnischen Formen, Motive und Themen. Ungeachtet der Tatsache, dass der fiktive Schauplatz im Süden der USA mit seinen mannigfaltigen sozialen und kulturellen Spannungen sowie seinen Mythen und Legenden oder auch humoristischen Traditionen eine reichhaltige Grundlage für Faulkners dichterisches Werk bildet, ist die Kurzgeschichte jedoch keinesfalls im Sinne eines lokalen Kolorits räumlich begrenzt, sondern schildert einen Brennpunkt des Lebens nicht nur in seiner Vielfältigkeit, sondern ebenso in seiner Widersprüchlichkeit und Unbegreiflichkeit. Aus Sicht der Literaturkritik wird die Erzählung neben A Rose for Emily, That Evening Sun und Barn Burning allgemein zu den bekanntesten und künstlerisch gelungensten short stories Faulkners gerechnet, die Faulkner selbst zum Teil als Vorstudien zu seinen großen Romanen konzipierte.Siehe Gerhard Hoffmann: Faulkner • Dry September. In: Karl Heinz Göller et. al. (Hrsg.): Die amerikanische Kurzgeschichte. August Bagel Verlag, Düsseldorf 1972, ISBN 3-513-02212-3, S. 235 f. Vgl. des Weiteren Michael Hanke: William Faulkner: A Rose for Emily. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 53 f.
Sie erschien abermals 1950 in den Collected Stories of William Faulkner, die fast alle bis dato veröffentlichten Kurzgeschichten enthielt. 1961 erschien sie dann nochmals in den Selected Stories of William Faulkner.http://www.cliffsnotes.com/literature/f/faulkners-short-stories/summary-and-analysis-dry-september/introduction
Im deutschsprachigen Raum erschienen die meisten Werke Faulkners erst nach dem Zweiten Weltkrieg im amerikanischen Original und in Übersetzungen. Der Diogenes Verlag brachte 1968 drei Jahre nach der Erstveröffentlichung der deutschen Ausgabe der gesammelten Erzählungen Faulkners als Lizenzausgabe den Erzählband Dürrer September und acht andere Erzählungen heraus. Übersetzt wurden die Erzählungen von Elisabeth Schnack. Dürrer September wurde in verschiedenen Sammlungen anthologisiert und mehrfach neu aufgelegt, beispielsweise als Teil der Meistererzählungen, ebenfalls im Diogenes Verlag erschienen.
Inhalt Erster Teil Es wird eine angeregte Diskussion wiedergegeben, die beim Barbier stattfindet. Der Barbier glaubt nicht an das Gerücht, dass Will Mayes die betroffene Lady (Miss Minnie Cooper) angerührt hat. Er wird daraufhin als Niggerlover bezeichnet und man wirft ihm vor, das Wort eines Schwarzen über das einer weißen Frau zu stellen. Der Barbier betont seine Haltung und glaubt nicht, dass irgendetwas passiert sei. Er kenne den gemeinten Will Mayes und glaubt nicht daran, dass er etwas getan habe. Er findet die betroffene Lady (eine unverheiratete Frau) nicht glaubwürdig und bittet innigst darum, dass man die Sache richtig angehe und zum Sheriff gehe, anstatt es selbst in die Hand zu nehmen (Lynchjustiz), was der Barbier streng verurteilt.
Von den anwesenden Herren lassen sich alle bis auf zwei vom Barbier überzeugen. Ein Jugendlicher namens Butch glaubt eifrig dem Gerücht und ein Handelsreisender lässt sich von ihm beeinflussen. Dennoch scheint die Szene beinahe geglättet, als ein Mann namens McLendon auftritt. Auch er glaubt an das Gerücht und will für seine Sache Menschen mobilisieren. Die Szene endet damit, dass sich alle Männer bis auf die drei Barbiere McLendon anschließen. Der Barbier, der jedoch an Will Mayes' Unschuld glaubt, rennt ihnen hinterher, um das Schlimmste zu verhindern.
Zweiter Teil Der zweite Teil gibt den Tag von Minnie Cooper, der betreffenden Dame, wieder. Sie ist eine alte Jungfer, die von der Gesellschaft verurteilte Beziehungen zu Männern hat. Sie wohnt mit ihrer invaliden Mutter und einer Tante zusammen. Während sie einst die Nachmittage in Gesellschaft verbrachte, leidet sie jetzt sehr unter ihrer Einsamkeit. Nach der gescheiterten Beziehung zu einem Bankier scheint sie ganz der Isolation verfallen zu sein und bekämpft ihren seelischen Verfall mit Whisky. Sie ist eine gescheiterte Person ohne Ziele und Hoffnung.
Das Gerücht, welches sie betrifft und so vehement den ersten Teil der Kurzgeschichte dominierte, wird in dem sehr kurzen zweiten Teil nicht erwähnt. Es findet lediglich eine Darstellung von Miss Minnie Cooper statt.
Dritter Teil Im dritten Teil schließt sich der Barbier (Hawkshaw) den Männern um McLendon an. Sie glauben zunächst, er habe seine Meinung geändert, tatsächlich möchte er sie von ihrem Vorhaben abbringen. Sie fahren in zwei Wagen aus der Stadt zu einem Lagerhaus, wo Will Mayes Nachtwächter ist. „Hawk“, wie der Barbier kurzum von den anderen genannt wird, reißt einige Themen an, wie dass einer Lady wie Miss Cooper nicht ganz zu trauen wäre. Niemand schenkt ihm Gehör.
Sie treiben Mayes auf, der seine Unschuld beteuert. Die Männer sind gewillt, ihn noch vor Ort zu töten, doch McLendon möchte stattdessen, dass Mayes in den Wagen steigt. Als sich dieser weigert, kommt es zu kurzen Rangeleien, bei denen Mayes von den Männern geschlagen wird. Mayes, der wild um sich prügelt, trifft auch den Barbier Hawkshaw, der daraufhin zurückschlägt. Als alle im Wagen aus der Stadt fahren, möchte der Barbier plötzlich aussteigen; McLendon sagt ihm, er solle aus dem Wagen springen, was er schließlich auch tut. Er versteckt sich am Straßenrand, als die Wagen (ohne Mayes) zurückkommen. Er fürchtet möglicherweise, dass die Männer auf noch mehr Gewalt aus sind und sich diesmal gegen ihn wenden. Die Wagen fahren vorbei und er geht zurück in die Stadt.
Vierter Teil Im vierten Abschnitt widmet sich der Erzähler wieder Miss Minnie Cooper, die sich bereit macht, mit Freundinnen in die Stadt auszugehen. Die Freundinnen wollen wissen, wie es ihr nach der Vergewaltigung gehe. Sie meinen, wenn sie über den Schock kommen wolle, müsse sie ihnen alles erzählen. Sie sind offenbar auf Klatschinformationen aus. Miss Minnie reagiert frustriert darauf, wieder im Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu stehen. So wird sie auf der Straße mit lüsternen Blicken verfolgt und findet heraus, dass ihre sogenannten Freunde kaum besser sind als McLendons Mob.
Nach einem Kinobesuch erleidet sie so etwas wie einen Nervenzusammenbruch und muss mit Fieber ins Bett gebracht und ausgezogen werden. Viele ihrer Freundinnen bezweifeln, dass jemals eine Vergewaltigung oder ähnliches stattgefunden habe.
Fünfter Teil Der sehr kurze fünfte Teil schließt die Kurzgeschichte ab. McLendon kehrt nach dem Mord nach Hause zurück und findet seine Frau vor, die noch wach ist. Er konfrontiert sie damit, dass er nicht wolle, dass sie aufbleibe und auf ihn warte, und reagiert sehr aggressiv und gewalttätig. Seine Frau scheint sich mit seiner nahezu sadistischen Ader abgefunden zu haben und verteidigt sich nur mit billigen Ausreden wie, sie habe nicht schlafen können. Nach einem kurzen Gewaltausbruch beruhigt sich die Situation wieder.
Leitmotive Das Gerücht Das Gerücht um den schwarzen Will Mayes, dass er der weißen Miss Minnie ein Leid angetan habe, dominiert die ganze Kurzgeschichte. Es bleibt ein Gerücht, an das die Charaktere entweder glauben – wie der jugendliche Butch und McLendon – oder eben nicht – wie der Barbier. Eine Klärung, was wahr ist und was nur Gerücht ist, findet nie statt. Wenn ein Perspektivenwechsel zu Miss Minnie erfolgt, wird das Gerücht nicht behandelt, und sie weist jegliche Schuld bezüglich des Schicksals Mayes' von sich. Mayes selbst kommt erst im dritten Teil der Geschichte zu Wort. Er beteuert seine Unschuld, ihm wird jedoch nicht geglaubt.
Das Wetter Das dürre Wetter scheint eine Mitschuld an der Emotionalität der Männer zu tragen. Im ersten Satz der Kurzgeschichte heißt es im Original: „Through the bloody September twilight, aftermath of sixy-two rainless days, it had gone like a fire in a dry grass - the rumor, the story, whatever it was.“Collected Stories, William Faulkner, Vintage International, Random House Inc. New York, 1950, Seite 169 Auch an weiteren Textstellen bringt der Erzähler das dürre, schwüle Wetter in Verbindung mit dem Gerücht und dem Mord. („Lifeless air“, „spent dust“ und „wan hemorrhage of the moon“, alle im dritten Teil, wo die Stimmung überschwappt und in den Mord an Mayes mündet). Nach Mayes' Tod gegen Ende des dritten Teils heißt es, dass der Staub um die zurückkehrenden Wagen fliege und ihn nahezu absorbiere.Collected Stories, William Faulkner, Vintage International, Random House Inc. New York, 1950, Seite 180 Die Männer werden so eins mit dem Wetter und somit dessen Ausgeburt.
Vorurteile Ein wichtiges Motiv, das die Männer zum Lynchmord treibt, ist das Vorurteil, dass man einem schwarzen Mann im Umgang mit einer weißen Frau nicht trauen könne, sei diese auch noch so unglaubwürdig. Dürrer September zeigt auf, wozu Vorurteile führen können. Dabei ist die Short Story zu jedem Zeitpunkt absolut glaubwürdig und neutral. Schicksale wie das von Emmett Till (das sich 1955 ereignen sollte) zeigen auf, dass die Vorurteile im Süden bis in die Gegenwart nicht abgebaut sind und ein Schwarzer als weniger glaubhaft eingestuft wird als eine weiße Person.http://www.cliffsnotes.com/literature/f/faulkners-short-stories/summary-and-analysis-dry-september/introduction
Gut dreißig Jahre später behandelte die Autorin Harper Lee in ihrem Südstaatenroman Wer die Nachtigall stört das Thema ebenfalls und brachte es einmal mehr in die Öffentlichkeit. Faulkner selbst widmete sich 1932 in seinem Roman Licht im August erneut dem Thema.
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