mini|hochkant=1.3|Chedi des Wat Phra Dhammakaya
Wat Phra Dhammakaya () ist ein buddhistischer Tempel in Amphoe Khlong Luang, Pathum Thani, einem nördlichen Vorort der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Der 1977 gegründete Wat Phra Dhammakaya, der ab 1985 zum World Dhammakaya Centre ausgebaut wurde, ist eine der größten buddhistischen Tempelanlagen der Welt.
Er ist das Zentrum einer gleichnamigen, international verbreiteten buddhistischen Bewegung (in der Fachliteratur auch wertungsfrei als „Sekte“ bezeichnet). Obwohl sie offiziell Teil des Mahanikai-Ordens der thailändischen Theravada-buddhistischen Sangha ist, nimmt sie Elemente des Mahayana-Buddhismus auf.Paul Williams: Mahāyāna Buddhism. The Doctrinal Foundations. 2. Auflage, Abingdon (Oxon)/New York 2009, S. 126–127, 328–329.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 147–148.Mackenzie: New Buddhist Movements in Thailand. 2007, S. 31–32, 66, 99. Sie sind bekannt für ihren Meditationsstil, der unmittelbar zur Erlangung des Nirwana führen soll. Sie verspricht ihren Anhängern außerdem finanziellen und wirtschaftlichen Erfolg. Die Dhammakaya-Stiftung hat in Thailand eine große Anhängerschaft, ist aber häufiger Kritik ausgesetzt, da sie offensiv um Spenden wirbt und in ihrer Lehre von der des offiziellen Theravada-Buddhismus in Thailand abweicht.
Gründung und Entwicklung mini|Emblem der Dhammakaya-Stiftung
Die Meditationsbewegung wurde etwa 1914 von dem Mönch Phra Mongkol-Thepmuni („Luang Pho Sot“; 1885–1959) ins Leben gerufen. Er gab an, die Dhammakaya-Meditation wiederentdeckt zu haben, und behauptete, dass sie der Weg war, auf dem auch der Buddha (Siddhartha Gautama) die Erleuchtung erlangt habe. 1916 wurde er Abt des Wat Paknam Phasi Charoen im Distrikt Phasi Charoen von Bangkok. Wat Paknam hat eine bedeutende Meditationsschule und so erlangte die Dhammakaya-Meditation größere Bekanntheit.
Die Mae Chi Chandra Khonnokyoong („Khun Yai Ubasika“; 1909–2000), eine Schülerin Luang Pho Sots, löste ihn als charismatische Führerin und Identifikationsfigur der Bewegung ab. Sie erwarb sich schnell den Ruf einer besonders begabten Meditatorin. Khun Yai bot Gläubigen beispielsweise an, ihre verstorbenen Familienangehörigen in der Hölle zu besuchen und von der Familie gesammeltes gutes Karma zu überbringen, um ihre Höllenqualen zu mindern.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 72. Angeblich konnte Khun Yai genau berechnen, wie viel religiöses „Verdienst“ (Pali puñña; oder entsprechende „Minuspunkte“) eine Person durch eine bestimmte Handlung sammelte.Lindberg Falk: Making Fields of Merit. 2007, S. 183. Anhänger der Dhammakaya-Sekte glauben außerdem, dass die Meditation Khun Yais und Luang Pho Sots während des Zweiten Weltkriegs den Wat Paknam und weitere wichtige Teile Bangkoks vor der Bombardierung durch die Alliierten oder gar einem Atombombenabwurf bewahrt hat.Seeger: Die thailändische Wat Phra Thammakai-Bewegung. 2006, S. 128.
Khun Yais prominentester Schüler wiederum ist Phra Dhammachayo (bürgerlich Chaibul Sutthipol; * 1944). Er ließ sich nach seinem Universitätsabschluss in Wirtschaftswissenschaften zum Mönch weihen und gründete 1970 mit Khun Yai und anderen Anhängern der Lehre Luang Pho Sots die Dhammakaya-Stiftung, deren Vorsitzender er bis heute ist. Phra Dhammachayo popularisierte die Dhammakaya-Bewegung unter Studenten. An Universitäten wurden Dhammakaya-Meditationsgruppen gegründet. Die Stiftung bekam eine Spende für den Bau eines eigenen Tempels, des Wat Phra Dhammakaya, der 1977 geweiht wurde und dessen erster Abt Phra Dhammachayo wurde und mit einigen Jahren Unterbrechung auch bis heute ist.
Anders als die parallel in Thailand entstandene Sekte Santi Asoke, die eine Rückkehr zu einem streng asketischen Buddhismus predigt, hat die Dhammakaya-Bewegung ein positives Verhältnis zur Moderne, zu Wohlstand und zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. In ihrer modernistischen und missionarischen Orientierung ist sie der japanischen Sōka Gakkai und dem Fo Guang Shan vergleichbar.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 52. Die Dhammakaya-Sekte richtet sich besonders an gut ausgebildete, wirtschaftlich erfolgreiche Menschen der Mittel- und Oberschicht. Die Bewegung warb mit riesigen Plakaten an der Bangkoker Stadtautobahn für ihre Meditationskurse. Die Lehre, dass die intensive Lektüre religiöser Schriften, der Kauf von Amuletten oder stundenlange Meditationssitzungen im Wald unnötig seien und die schlichte und leicht zu erlernende Praxis der Dhammakaya-Meditation sogar hilfreicher sei als die Mönchsweihe, kam besonders bei vielbeschäftigten Berufstätigen und Geschäftsleuten gut an. Politiker und Militärs wie der ehemalige Ministerpräsident Chavalit Yongchaiyudh und Finanzinstitutionen wie die Siam Commercial und die Bangkok Bank unterstützten die Bewegung. 1995 leitete Kronprinz Vajiralongkorn die Magha-Puja-Feier des Tempels.Mackenzie: New Buddhist Movements in Thailand. 2007, S. 65.
Die Größe und der Wohlstand der Anhängerschaft des Tempels sorgen für große Spendeneinnahmen, regelmäßig mehrere Millionen Baht pro Monat.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 140. Besonders großzügige Spender werden mit speziellen Titeln und Vorteilen ausgezeichnet. Die führenden Mönche tragen aus der Schweiz importierte Roben und reisen in Luxuslimousinen. Den Erwerb religiöser „Verdienste“ (puñña) bietet die Dhammakaya-Bewegung wie eine Handelsware an. Dabei gibt sie an, dass sich der Wert verdienstvoller Handlungen zahlenmäßig berechnen lasse. Beispielsweise verspricht sie, dass wer jeden Monat 1000 Baht spendet, als Millionär wiedergeboren werde.
Meditationsstil Luang Pho Sot lehrte, dass mit der richtigen Einstellung und richtigen Praxis der Dhammakaya-Meditation im Bauch des Meditierenden eine bis zu 20 cm große, leuchtende Buddhafigur wachsen würde, die man mit dem inneren Auge wahrnehmen könnte. Dies sei der wahre Körper des Buddha, der Dhammakāya (Sanskrit Dharmakāya), zu dem der Praktizierende zurückkehre. Ein solcher Erfolg könne sich bereits nach 30 Minuten einstellen.Justin McDaniel: Buddhism in Thailand. Negotiating the Modern Age. In: Buddhism in World Cultures. Comparative Perspectives. ABC-CLIO, 2006, S. 110–112. Diesen Dhammakaya-Buddha in sich wachsen zu sehen, bedeutet Luang Pho Sot zufolge, das Nirvana zu erlangen.Pataraporn Sirikanchana: Dhammakaya Foundation. In: Religions of the World. A Comprehensive Encyclopedia of Beliefs and Practices. 2. Auflage, ABC-CLIO, 2010, S. 885–886. Wichtige Elemente der Dhammakaya-Meditation sind Entspannung, Atemkontrolle, die Visualisierung einer Kristallkugel und die Wiederholung des Mantras sammā arahaṃ. Unter Luang Pho Sot meditierten Mönche und Mae Chis („Nonnen“, die von der offiziellen Sangha nicht als solche anerkannt werden) im Wat Paknam rund um die Uhr – in Schichten von je sechs Stunden. Ihr Ziel war es, die Macht Maras, der für sie Verkörperung des Bösen und Gegenspieler des Buddhas ist, zu brechen.Monica Lindberg Falk: Making Fields of Merit. Buddhist Female Ascetics and Gendered Orders in Thailand. NIAS Press, Kopenhagen 2007, S. 182.
Tempel und Stiftung mini|Luftbild des Geländes: Chedi (links unterhalb der Mitte), Phra-Mongkol-Thepmuni-Gedächtnishalle (links oben), Große Versammlungshalle (rechts oben) mini|Chedi bei Nacht Der Wat Phra Dhammakaya wurde 1970 zunächst als Außenstelle des Wat Paknam gegründet. 1977 wurde er zu einem eigenständigen Kloster erhoben. Bei der Grundsteinlegung war Prinzessin Sirindhorn anwesend.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 73. Phra Dhammachayo wurde der erste Abt. Wat Phra Dhammakaya entwickelte sich zum am schnellsten wachsenden Tempel in Thailand und wurde ab 1985 zum World Dhammakaya Centre ausgebaut.
Das Gelände des Wat Phra Dhammakaya ist inzwischen auf über 400 Hektar gewachsen. Der Chedi des Wat Phra Dhammakaya, dessen Bau 1994 begonnen und 2000 fertiggestellt wurde und der 30 Milliarden Baht gekostet hat, ist sehr modernistisch und ähnelt kaum dem eines traditionellen thailändischen Wat. Er ist außen mit 300.000 einzelnen 20 cm großen Dhammakaya-Buddhastatuen besetzt. Innen kommen nochmal 700.000 Figuren hinzu, sodass sich eine Gesamtzahl von einer Million ergibt. Sein Aussehen wird mit dem eines UFOs verglichen.Swearer: The Buddhist World of Southeast Asia. 2010, S. 139.Gebet vor dem Wat Phra Dhammakaya Tempel, Pathum Thani. Spiegel Online.
Phra Dhammachayo zufolge soll er das „Achte Weltwunder“ sein. Nach der Vorstellung der Tempelgemeinde ist er außerdem ein Symbol und Mittel auf dem Weg zum Weltfrieden. Damit steht es für einen zentralen Glaubensinhalt der Dhammakaya-Bewegung: dass der Weltfrieden durch das Streben jedes Einzelnen nach innerem Frieden erreicht werden kann. Entsprechend einer allgemein buddhistischen Symbolik repräsentiert der Chedi die „Drei Juwelen“ (tiratana) Buddha, Dharma und Sangha. Dabei steht der obere Teil des Bauwerks mit Reliquien und der Million Buddhafiguren für den Buddha, der mittlere Teil mit der Textsammlung des Pali-Kanon (tipiṭika) das Dharma und der untere Teil, in dem sich bis zu 10.000 Mönche versammeln können, die Sangha. Hinzu kommt aber auch eine spezifische Symbolik der Dhammakaya-Gemeinschaft: der Chedi steht für die geistige Reinheit des Stifters Luang Pho Sot und die Hingabe von Khun Yai für ihren Meister und den Tempel.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 109.
mini|Phra-Mongkol-Thepmuni-Gedächtnishalle Aufgrund dieses vielseitigen und bedeutenden Symbolismus wurde jede Spende für die Errichtung des Chedi von der Dhammakaya-Sekte als besonders wertvoll angesehen. Für 10.000 bis 30.000 Baht konnten Spender eine Patenschaft über eine der kleinen Buddhastatuen übernehmen und ihren Namen an deren Sockel eingravieren. Die Stiftung warb, dass eine solche Spende nicht nur dem religiösen Verdienst des einzelnen Spenders, sondern auch dem Buddhismus insgesamt diene, da der Chedi das Zentrum des Buddhismus weltweit sein soll,Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 110. so wie die Kaaba in Mekka für den Islam.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 209.
Weitere wesentliche Gebäude auf dem Tempelgelände sind die Große Versammlungshalle, mit über 16 Hektar Grundfläche nach Angaben des Tempels die größte geistliche Versammlungshalle der Welt, sowie die Phra-Mongkol-Thepmuni-Gedächtnishalle, die dem Begründer der Bewegung Luang Pho Sot gewidmet ist.Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 102.
In der Tempelgemeinschaft lebten 2008 800 Mönche, 300 Novizen, 150 männliche und 500 weibliche Laien. Zu hohen Feiertagen wird das Zentrum von bis zu 300.000 Gläubigen aus aller Welt besucht. Ein Artikel im Wall Street Journal bezeichnete 2010 den Wat Phra Dhammakaya als weltgrößten buddhistischen Tempel.Ron Gluckman: Inside the World’s Biggest Buddhist Temple. The Wall Street Journal, 27. Mai 2010. Laut Guinness-Buch der Rekorde ist das allerdings die Anlage Borobudur in Indonesien.
Die Stiftung finanziert Stipendien und internationale Austauschprogramme. Seit 1986 ist sie Mitglied der World Fellowship of Buddhists. 2003 richtete sie die Dhammakaya Open University ein, eine Fernuniversität mit Sitz in Azusa (Kalifornien). Seit 2004 betreibt sie einen eigenen Fernsehsender, DMC.TV (Dhammakaya Meditation Channel).Scott: Nirvana for Sale? 2009, S. 85.
Strafrechtliche und Disziplinarverfahren