mini|Lage von Batavis am rätischen Limes 250px|mini|Kastelle von Passau, 1. bis 5. Jh. n. Chr. mini|hochkant=1.2|Das topografische Charakteristikum Passaus: der Zusammenfluss der Flüsse Inn, Donau und Ilz (in der Abb. von links nach rechts) Kastell Batavis (Castra Batava) ist die Sammelbezeichnung für ein mehrperiodiges römisches Grenzkastell und ein daran angeschlossenes ziviles Handelszentrum auf dem Gebiet der heutigen Altstadt von Passau im Regierungsbezirk Niederbayern, Deutschland. Das Kastell ist seit 2021 mit seinen zugehörigen zivilen Anlagen Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Durch seine günstige topographische und wirtschaftsgeographische Lage an der Grenze zum freien Germanien entwickelte sich Batavis rasch zu einer regional sehr wichtigen Zivilstadt und Armeestützpunkt, was auch durch die Errichtung dreier Kastelle zu beiden Seiten des Innflusses bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. unterstrichen wird. Die Donau bildete einen natürlichen Schutzriegel, hinzu kam die durch den Inn markierte Grenze zwischen den Provinzen Noricum und Raetien. Das auf einer Landzunge zwischen Donau (Danuvius) und Inn (Aenus) gelegene Kastell war Standort einer Hilfstruppenkohorte (Auxilia). Seine Besatzung war für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am rätischen Donaulimes zuständig. Der Name „Batavis“ leitet sich von der hier stationierten Truppe vom niedergermanischen Stamm der Bataver ab (siehe auch Abschnitt „Garnison“). Aus ihm entwickelte sich im Laufe der Zeit der heutige Name „Passau“. Der Niedergang des Römischen Reiches wirkte sich ab dem späten 3. Jahrhundert auch auf Batavis und das Kleinkastell Boiotro – am Südufer des Inns – aus. Im Jahre 470 n. Chr. gründete Severin von Noricum hier ein Kloster. Damals waren wahrscheinlich aber nur noch das Kleinkastell und ein Wachturm („Burgus“) in Haibach von Soldaten besetzt. In spätantiker Zeit hatte sich der Ort in ein rein ziviles Oppidum gewandelt, das auch – im Zusammenhang mit den Abzug der Romanen aus Ufernorikum – in der Severinsvita erwähnt wird. Laut der Vita wurden Batavis und Boiotro zwischen 470 und 480 von Alemannen und Thüringern zerstört und danach von einem Großteil der provinzialrömischen Bevölkerung verlassen.
Name Der Geograph Claudius Ptolemäus erwähnt im östlichen Rätien ein Oppidum der Kelten, Boiodurum, d. h. die „Festung des Boios“ oder auch des Volks der Boier, womit nur die archäologisch nachgewiesene Siedlung der Latènekultur auf der Halbinsel und am Ufer des Inns gemeint sein kann.Geographica 4, 16–23. Der Name „Batavis“ und damit auch der heutige Ortsname leiten sich vermutlich von einer hier stationierten batavischen Auxiliartruppe ab. Batavis wird auch mehrmals bei Eugippius, Vita Sancti Severini, erwähnt.XIX 1, Batavis appellatur oppidum inter utraque flumina, Henum videlicet atque Danuvium, constitutum. XXII 4. XXIV 1. XXVII 1, oppidum Batavinum, XXII 1, limes Batavinus, XX 1; die Einwohner: Batavini, XXVII 3.
Lage Boiodurum/Batavis war aufgrund seiner Lage an einer der wichtigsten Fernstraßen der Antike schon früh ein Verkehrsknotenpunkt sowie ein bedeutendes Handelszentrum zwischen Ost und West bzw. dem freien Germanien und Italien. Eine weitere Straßenverbindung führte über Iuvavum (Salzburg) nach Aquileia.Herbert Schindler: 1990, S. 15. Die früheste römische Fortifikation lag an der Mündung des Inn in die Donau im Bereich der heutigen Passauer Altstadt. An der Stelle des zweiten Lagers befindet sich heute der Dom St. Stephan. Verwaltungsrechtlich gehörte es der Provinz Raetia bzw. später der Raetia secunda an und unterstand unmittelbar der Civitas Catenates, deren Metropole aber bis dato unbekannt geblieben ist.
Topographie Die Topographie wird durch das Aufeinandertreffen dreier Flüsse geprägt: Der aus den Ostalpen kommende Inn, die von Westen heranströmende, dabei den ganzen südbayrischen Raum durchquerende Donau und die von Norden aus dem Bayerischen Wald einmündende Ilz. Die Donau durchbricht von West nach Ost die Urgesteinplatte des Böhmischen und Bayerischen Waldes und bildete dort im Laufe der Zeit ein tief eingeschnittenes Durchbruchstal. Genau an dieser Stelle trifft von Süden her der Inn fast senkrecht auf den Donaustrom. Vor seiner Mündung in die Donau durchschneidet der Inn einen kristallinen Bergausläufer und wird von einem Gneisblock, dem linken Donauhochufer, vom direkten Zusammenfluss abgelenkt. Deshalb schwenkt der Innverlauf nach Osten ab und fließt noch zwei Kilometer parallel zur Donau, bis sich beide schließlich in einer 400 m breiten Mündungssee vereinigen. Donau und Inn häuften mit ihren Geröllen im Laufe der Jahrhunderte tertiäre Schotterterrassen auf. Die Flussbette haben sich im Gegenzug tief in die hauptsächlich aus Gneis und Granit bestehenden Gesteinsschichten eingegraben, sodass im Nahbereich der heutigen Altstadt teilweise sehr steil abfallende Uferlandschaften entstanden sind. Nur die 20 Meter hohe, keilförmige Landzunge des sogenannten Dreiflüsseecks läuft im Osten relativ flach aus. Sie bildet ein fast gleichschenkliges Dreieck, dessen Donau- und Innseite an der Ortspitze aufeinandertreffen. Bei Hochwasserereignissen wurde im Westteil eine natürliche Senke überflutet und stellte eine Verbindung zwischen den Flüssen her. Damit war die Spitze der Halbinsel zeitweise vollkommen vom Wasser umspült. Die höchste Erhebung – der Domberg – war weitgehend hochwassersicher. Bei Niedrigwasser ragten an der Strecke vom heutigen Vilshofen bis zur Mündung der Ilz aus dem Fluss zahlreiche Granitfelsklippen hervor, die die Schifffahrt behinderten und gefährliche Strudel erzeugten. Das letzte derartige Hindernis, der Schusterstein, konnte erst 1907 durch Sprengung beseitigt werden. Donau und Inn schützten so die Halbinsel auf ihrer Nord-, Ost- und Südseite. Auch der Zugang von der Landseite, im Westen, ließ sich ohne großen Aufwand blockieren.Wolfgang M. Schmid: 1927, S. 5, Michael W. Weithmann, 2014.
Funktion Wie in den Jahrtausenden zuvor spielte auch für die Kelten der Spätlatènezeit die günstige wirtschaftsgeographische Lage der Flussinsel eine entscheidende Rolle für die Anlage des etwas größeren Oppidum Boiodurum. Das ihm nachfolgende römische Boiodurum/Batavis war das Tor zu den Provinzen Ratia (Rätien) und Noricum (Norikum) und gleichzeitig Grenze zwischen dem gallischen und illyrischen Zollbezirk
quadragesima Galliarum bzw. publicum portorii Illyrici.
Die Kastelle am Nordufer des Inns waren Bestandteil des rätischen Limes. Zu den Aufgaben der Besatzung zählten die Sicherung der Flussgrenze (ripa) bzw. des Innüberganges von der römischen Provinz Raetia nach Noricum, die Eintreibung von Zöllen, die Nachrichtenübermittlung entlang des Limes sowie die Überwachung und Kontrolle der Straßenverbindungen. Der Verkehr auf den Flüssen und der Limesstraße (via iuxta Danuvium) konnte von hier aus wirksam kontrolliert und die Handelsgüter durchreisender Kaufleute konnten zu Stapelware erklärt werden. Der Bayerische Wald und der Böhmerwald bildeten im Norden einen natürlichen und nur schwer zugänglichen Riegel. Es war daher kaum zu befürchten, dass potentielle Invasoren von dort aus einfielen. Solche Angriffe befürchtete man eher entlang der großen Flüsse. Um darauf vorbereitet zu sein, befuhren ständig Patrouillenschiffe die Donau. Zusätzlich wurde eine Sicherungslinie aus Wachtürmen und Kastellen errichtet, die durch die Limesstraße miteinander verbunden waren und mit denen die Grenze einigermaßen überwacht werden konnte.Wolfgang M. Schmid: 1927, S. 9.
Forschungsgeschichte Im Stadtgebiet sind Funde aus der Steinzeit geborgen worden (Steinbeil, Steinhacke), der Domberg selbst dürfte schon früh mit einem Ringwall umgeben worden sein, dieser wurde mehrfach zerstört, aber danach immer wieder aufgebaut. Seine Spuren lassen sich bis in die Latènezeit verfolgen.
Die Erforschung der antiken Überreste von Kastell und Siedlung im Altstadtbereich begannen mit dem Sammeln von Zufallsfunden im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Paul Reinecke untersuchte zwischen 1918 und 1919 die Reste der sogenannten „Römerwehr“ im Seminargarten von St. Stephan.Paul Reinecke: Grabungen auf dem Altstadthügel in Passau. In: Germania. 3, 1919, S. 57 ff, doi:10.11588/ger.1919.19595. In den 1920er Jahren wurde in der Kirche St. Severin im Passauer Stadtteil Innstadt ein antiker Reliquienbehälter entdeckt, allerdings nicht als solcher erkannt. Er gilt seitdem als verschollen.Erich Widder: 1982, S. 43.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfuhren die Forschungstätigkeiten im Zusammenhang mit Batavis einen spürbaren Aufschwung. 1976 legte Walter Sage in der Kirche St. Severin einen spätantiken Sakralbau frei, der vermutlich aus der Zeit des Severin von Noricum stammt. 1978 konnte Rainer Christlein bei Grabungen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege das spätantike Kastell bzw. die Zivilsiedlung im Bereich der Klosterkirche „Zum Heiligen Kreuz“ und dem Kloster Niedernburg lokalisieren. Dabei wurde festgestellt, dass der früheste Kirchenbau, möglicherweise erst um 700, direkt auf den Ruinen des spätantiken Kastells errichtet wurde. Die über 1000 geborgenen römischen Münzen stammen meist aus den östlichen Provinzen des Römischen Reiches. 1981 kamen bei Ausbaggerungen aus dem Inn mittelkaiserzeitliche Grabsteine zum Vorschein, die vermutlich als Spolien in die spätantike Wehrmauer eingefügt worden waren. Dies war auch ein Indiz dafür, dass ihr südlicher Abschnitt einst aufgrund kontinuierlicher Unterspülung in den Fluss gestürzt sein könnte.Kurt Genser: Neues zu einigen Wirkungsstätten des heiligen Severin. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Jahrgang 122, Salzburg 1982, S. 62 ().
Entwicklung mini|Severin trifft mit dem Alamannenkönig Gibuld vor Batavis zusammen, Zinnfigurendiorama im Römermuseum Tulln mini|Skizze eines Rings mit Christogramm, 4. Jh. n. Chr., Fundort Klosterkirche Niedernburg
Vorrömische Zeit Die Besiedlung des Ortes setzte vermutlich ab der Bronzezeit (2000 bis 1000 v. Chr.) ein. Um 400 v. Chr. wandern die Kelten in die Region um Passau ein und gründen hier ebenfalls eine Siedlung. In der Hallstattzeit (1000 bis 500 v. Chr.) herrschte hier ein reger Handelsverkehr mit dem Süden und Italien (Etrurien). Für den Transport der Handelsgüter wurden hauptsächlich die Wasserwege benutzt. Auch ein alter Saumpfad, heute bekannt als „Weg durch den Wald“, entlang der Ilz und der Erlau, dürfte damals schon benutzt worden sein.Walter M. Schmid: 1927, S. 12. Die spätkeltische Siedlung erstreckte sich vom Kloster Niedernburg bis zum Rindermarkt, ihr Hafen befand sich in Höhe des heutigen alten Rathauses.Herbert Schindler: 1990, S. 13. Das keltische Oppidum wurde rund 100 Jahre vor Ankunft der Römer aufgegeben.
1. bis 2. Jahrhundert