Der Fliegerhorst Zwischenahn war ein zunächst zivil und später militärisch genutzter Flugplatz im Ortsteil Rostrup der niedersächsischen Gemeinde Bad Zwischenahn. Er befand sich direkt am Zwischenahner Meer und wurde von 1937 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1945 genutzt.

Geschichte

1937 bis 1939: Gründung und scheinbar ausschließlich zivile Nutzung Der Fliegerhorst Zwischenahn wurde am 1. Oktober 1937 offiziell als Seeflugstützpunkt Zwischenahn in Dienst gestellt und war zu Lande zunächst nur mit einer Grasstartbahn ausgerüstet. Er diente anfangs offiziell nur dem Luftdienstverband 1 des Reichsluftfahrtministeriums, der zuvor auf Norderney stationiert gewesen war, als Basisstation. Dieser „zivile“ Verband flog unter anderem Zieldarstellungen mit Schleppscheiben für Flak-Einheiten oder Flugzeuge der Luftwaffe über der Nordsee.

Der Onlinedienst NWZonline kritisierte im Juli 2021, dass es problematisch sei, Charakterisierungen von Luftfahrteinrichtungen aus der NS-Zeit als „zivil“ zu trauen. Artikel 198 des Versailler Vertrags bestimmte: „Deutschland darf Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heerwesens unterhalten.“ Erlaubt war Deutschland demzufolge ausschließlich ein rein ziviler Luftverkehr. Die Reichswehr habe bereits ab 1924 im Geheimen damit begonnen, Piloten auszubilden. Als Tarnung seien hierzu Sport- und Verkehrsflieger sowie deren Flugschulen genutzt. Ende 1934 habe es, so NWZonline weiter, 41 zivil getarnte militärische Fliegerverbände gegeben. Im Jahr 1935 gingen die damals regierenden Nationalsozisten dazu über, Deutschland auferlegte Restriktionen offen zu ignorieren.

Im Sommer 1939 erhielt der Verband den Auftrag, die Heinkel He 59 auf ihre Tauglichkeit für den Seenotdienst in der Nordsee zu testen. Nachdem diese Tests erfolgreich verliefen, wurden drei dieser Maschinen mit dem notwendigen Flug- und Sanitätspersonal zur Seenotstaffel 1 zusammengefasst, die am 14. August 1939 auf den Seefliegerhorst Norderney verlegt wurde und die Keimzelle des deutschen Fluggestützten Seenotrettungsdienstes bildete.

1939 bis Mai 1945: Übernahme durch die Luftwaffe und Zweiter Weltkrieg Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Flugplatz 1939 von der Luftwaffe der Wehrmacht übernommen und in Seefliegerhorst Zwischenahn umbenannt. Um die Landung von größeren und schwereren Flugzeugen zu ermöglichen, mussten die Landebahnen verlängert werden, was eine Erweiterung des Flugplatzgeländes notwendig machte. Bis 1940 erfolgte der Ausbau des Fliegerhorstes nach Nordwesten. Anstelle der Grasstartbahn wurden drei sich schneidende asphaltierte Startbahnen in Dreiecksform errichtet, womit der Flugplatz zu den modernsten Anlagen seiner Zeit gehörte. Gleichzeitig erfolgte der Anschluss des Flugplatzgeländes an die Bahnstrecke Oldenburg–Leer. Weiter südlich wurde abschließend noch der Einsatzhafen für Wasserflugzeuge errichtet, der nicht auf das bisherige Flugplatzgelände passte.

Im Winter 1940/41 wurde die Wettererkundungsstaffel 1 der Luftwaffe vom nahegelegenen Fliegerhorst Oldenburg nach Rostrup verlegt, da die von der Staffel eingesetzten Maschinen vom Typ Heinkel He 111 mit ihren schweren Zusatztanks Probleme beim Start von den noch unbefestigten Startbahnen in Oldenburg hatten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges flog die Staffel von Rostrup aus ihre Einsätze bis nach Färöer und Island. Vom Sommer 1943 bis Oktober 1944 wurde zusätzlich das Erprobungskommando 16, das unter anderem den neuartigen Raketenjäger Messerschmitt Me 163 testen sollte, von Peenemünde auf den Fliegerhorst verlegt. Nach dem Abzug des Erprobungskommandos 16 im Oktober 1944 wurden eine Staffel sowie der Geschwaderstab des Kampfgeschwaders 53 nach Rostrup verlegt. Dieses verfügte über speziell umgerüstete He 111, mit denen die als V1 bekannt gewordenen Marschflugkörper Fieseler Fi 103 über der Nordsee aus der Luft auf England abgeschossen werden konnten. Diese Einsätze wurden am 14. Januar 1945 aufgrund Kraftstoffmangels eingestellt und bis zum Ende des Krieges startete nur noch die Wettererkundungsstaffel 1 ihre Flüge von Zwischenahn aus.

mini|Luftbild des Bombenangriffs der US Air Force auf den Fliegerhorst Zwischenahn am 15. August 1944 Der Flugplatz wurde insgesamt viermal von Bomberverbänden der US-Luftwaffe angegriffen. Bei zwei Angriffen im Frühjahr und Sommer 1944 entstanden zwar erhebliche Schäden, der zweite führte sogar zum Totalverlust des Munitionslagers im Norden des Flugplatzes, aber der Fliegerhorst blieb einsatzfähig. Zwei weitere Angriffe im März 1945 verursachten so schwere Schäden am Flugplatz und den Startbahnen, dass der Fliegerhorst praktisch nutzlos war. Im April des Jahres rückten kanadische Truppen von Edewechterdamm aus auf Bad Zwischenahn und den Fliegerhorst in Rostrup vor, der bis zu seiner Einnahme am 1. Mai von Fallschirmjägern der Wehrmacht verteidigt wurde.

Mai 1945 bis 1946: Zwischenahn als Behelfsflugplatz der Siegermächte Das Ende des Zweiten Weltkrieges war gleichzeitig das Ende des Fliegerhorstes Bad Zwischenahn. Die Fluganlagen wurden von den Besatzungstruppen gesprengt, ebenso zwei der drei Startbahnen. Die Trümmer wurden unter anderem zum Straßenbau verwendet. Nur die dritte, parallel zum Zwischenahner Meer verlaufende Startbahn und eine Halle blieben erhalten und wurden bis 1946 von der kanadischen Luftwaffe als Behelfsflugplatz verwendet.

Ab 1946: Neue militärische Infrastruktur nach Aufgabe des Flugbetriebs 1951 übernahm die Royal Air Force den ehemaligen Fliegerhorst von den kanadischen Truppen. Einen Flugverkehr auf der verbliebenen Landebahn nahm sie nicht mehr auf. Die Briten errichteten von 1952 bis 1954 auf dem Gelände direkt am Zwischenahner Meer das RAF-Hospital Rostrup mit 150 Betten. In unmittelbarer Nähe entstanden mehrere Häuser als Quartier für Offiziere und Unteroffiziere. 1958 zogen die britischen Truppen ab und übergaben das gesamte, inzwischen weitgehend zum Lost Place verwandelte Gelände des ehemaligen Fliegerhorstes mitsamt seiner Einrichtungen am 22. September offiziell an die Bundeswehr. Diese stellte am 18. Juni 1958 das ehemalige Lazarett der Royal Air Force als Bundeswehrlazarett Bad Zwischenahn mit zunächst 100 Betten in Dienst. Am 1. Oktober 1970 erfolgte die Umbenennung in Bundeswehrkrankenhaus Bad Zwischenahn, gleichzeitig wurde es für Zivilpatienten geöffnet. Am 1. Juni 2008 endete mit der Verlegung des Bundeswehrkrankenhauses nach Westerstede nach mehr als 70 Jahren die militärische Nutzung des Areals des ehemaligen Fliegerhorstes.

Zivile Nutzung des Militärgeländes seit den 1950er Jahren Der Prozess der schrittweisen Konversion militärisch genutzter Anlagen in Rostrup begann bereits in den 1950er Jahren.

mini|Klingenbergsche Villa (ehemaliges Offizierskasino) am Zwischenahner Meer (2023) Nach dem Krieg und bereits während der Zeit der Verfügungsgewalt der Royal Air Force über das Fliegerhorstgelände wurden die Gebäude, die noch nutzbar waren, im Jahr 1949 durch die Landesplanungsstelle der Bundesvermögensverwaltung neu vergeben. Den Zuschlag für das Ledigenheim bekam das Deutsche Rote Kreuz, das hier ein Kinderkurheim einrichtete. Die ursprünglichen Planungen der Gemeinde, das Gelände touristisch zu nutzen – gedacht war an eine Gast- und Erholungsstätte als Ersatz für das Kurhaus Dreibergen – wurden verworfen.

Stattdessen bezog die Torfforschung GmbH, das damalige Entwicklungszentrum der deutschen Torfwirtschaft, 1951 die Villa Klingenberg, in der sich zuvor die Offizierskasinos der Luftwaffe und der britischen Royal Airforce befunden hatten. Dieses denkmalgeschützte Landhaus in unmittelbarer Nähe des Zwischenahner Meeres wurde von den Torfforschern bis 1991 in Anspruch genommen. Ein Gewächshaus auf der seeabgewandten Seite wurde 1950 auf dem Villengelände errichtet. Ab 1991 nutzte die Bundeswehr die Villa im Zusammenhang mit dem benachbarten Krankenhaus bis zu dessen Umzug nach Westerstede (2008) als Kasino für die Offiziere des Krankenhauses. Nach einer Zeit der Vermietung ging das Offizierskasino ins Eigentum der Viol AG über. Seit dem 18. März 1998 liegt das Landhaus im Landschaftsschutzgebiet „Zwischenahner Meer mit Umgebung“ (LSG WST 56), in das seitdem alle direkt an den See angrenzenden Flächen des ehemaligen Fliegerhorsts einbezogen sind.

Seit 1966 betreibt im äußersten Norden des ehemaligen Militärgeländes der Luftsportverein Oldenburg/Bad Zwischenahn das Segelfluggelände Bad Zwischenahn-Rostrup mit einer Grasstartbahn.

Im äußersten südlichen Bereich des ehemaligen Fliegerhorst-Geländes befinden sich seit 1969 die Berufsbildenden Schulen Ammerland. In deren Nähe wurden weitere Ausbildungszentren errichtet.

Im Jahr 1976 wurde die im Westen des ehemaligen Fliegerhorsts gelegene Liegenschaft der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) überlassen, deren Sitz in diesem Jahr nach Bad Zwischenahn-Rostrup verlegt wurde.

Die 2002 ausgerichtete Niedersächsische Landesgartenschau konnte nur dadurch auf einer ca. 14 ha großen Fläche ausgerichtet werden, dass die Bundesvermögensverwaltung 1998 Teile des ehemaligen Militärflughafens an die Landwirtschaftskammer Weser-Ems zur Vergrößerung ihrer 1976 erworbenen Liegenschaft verkauft hatte. Auf dem Gartenschaugelände entstand 2003 der Park der Gärten.

Der Golfclub am Meer betreibt seit Mai 2000 einen 18-Loch-Golfplatz, der den größten Teil des ehemaligen Militärareals in Anspruch nimmt und heute im Südwesten an den Park der Gärten angrenzt..

Bis 2001 endete die heutige Elmendorfer Straße (K 219) als Sackgasse an der Grenze zum Militärgelände. Seit diesem Jahr verläuft sie ohne Unterbrechung bis nach Elmendorf.

Der Konversionsprozess wurde zwischen 2016 und 2019 durch die Fertigstellung ziviler Bauten auf dem Gelände des ehemaligen Bundeswehr-Krankenhauses abgeschlossen. Die insgesamt relativ lange Dauer des Konversionsprozesses ist vor allem durch schädliche Bodenveränderungen (vor allem durch Flugzeugbenzin und Kampfmittel) zu erklären, die restlos beseitigt werden mussten.

Literatur

Weblinks Fotos von den sichtbaren Resten des Fliegerhorstes auf www.whv-bunker.de Günter Marken: Nazi-Flieger starteten von Rostruper Flugplatz aus. nzwzonline.de. 30. Juli 2021

Filme Das Kraftei. Raketenjäger Me 163 Komet. (D 2004, Regie: Volker Schröder. Produktion: meeresblau-medien, Bad Zwischenahn).

Einzelnachweise

Zwischenahn Zwischenahn Kategorie:Bauwerk in Bad Zwischenahn Kategorie:Verkehrsbauwerk im Landkreis Ammerland Zwischenahn Zwischenahn Zwischenahn Kategorie:Erbaut in den 1930er Jahren Kategorie:Aufgelöst 1945