Die Luftangriffe auf Göttingen durch alliierte Bomber fügten der Stadt Göttingen während des Zweiten Weltkrieges einige Schäden zu. Im Mai 1939 zählte die Stadt 51.214 Einwohner.Deutscher Städtetag: Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden. Braunschweig 1952, S. 382. An kriegswichtigen Einrichtungen verfügte Göttingen über einen Rangierbahnhof, das Bahnbetriebs- und Ausbesserungswerk mit der Lokrichthalle, den 1937 im Westen der Stadt eröffneten Fliegerhorst der Luftwaffe sowie über die Aerodynamische Versuchsanstalt (AVA, heute DLR), die sich südlich des Stadtzentrums zwischen Brauweg und Bunsenstraße befand.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 74. Auch die Reichsautobahn (heutige A 7), die im Westen dicht an Göttingen vorbeiführt, war bei Kriegsbeginn bereits über Göttingen hinaus nach Norden bis Nörten fertiggestellt.
In einer britischen Aufzählung potenzieller Bombenziele im Deutschen Reich von 1944 wird auch Göttingen aufgeführt. Die Universitätsstadt hatte demnach keine wichtige Industrie, lediglich ihre Lage an der Eisenbahnstrecke Hannover – Frankfurt war von Bedeutung. Ferner war sie regionaler Eisenbahnknotenpunkt. Im Einzelnen genannt werden der Verschiebebahnhof und das Eisenbahnausbesserungswerk, außerdem die Gas-Anstalt, das Aluminiumwerk und einige feinmechanische Betriebe. Der Fliegerhorst der Stadt wird nicht erwähnt, aber es existiert eine detaillierte Skizze der Luftaufklärung davon. Im Gegensatz zu naheliegenden größeren Städten wie Kassel, Paderborn, Hannover und Braunschweig, blieb Göttingen von einem britischen Flächenbombardement verschont.
Luftangriffe Göttingen war achtmal von Luftangriffen betroffen:Niedersächsisches Städtebuch. Stuttgart 1952. mini|Tafel am 1944 zerstörten Kollegienhaus mini|Tafel an der 1944 zerstörten Bibliothek mini|Detail der erhalten gebliebenen Fassade der Fabrik Mehle mini|Untere Maschstraße in Göttingen: Die 18 am 24. Nov. 1944 zerstörten Häuser wurden im typischen Stil der 1950er Jahre wieder aufgebaut.
Geplant war ein erster britischer Angriff auf Göttingen für die Nacht vom 26. auf den 27. Juni 1944. Das Eisenbahnausbesserungswerk sollte das Ziel für 35 zweimotorige Schnellbomber vom Typ De Havilland DH.98 Mosquito sein. Aber die Flugzeuge fanden die Stadt nicht. Irrtümlich warfen sie einen Teil ihrer Bomben auf den nördlich gelegenen Ort Reyershausen.
Der erste tatsächliche Luftangriff erfolgte am 7. Juli 1944. An diesem Tag griff die 8. US-Luftflotte Anlagen der Treibstoffindustrie, Flugplätze und Eisenbahneinrichtungen im Reichsgebiet an. In Göttingen war der Verschiebebahnhof das Ziel von 16 viermotorigen Bombern des Typs Boeing B-17 „Flying Fortress“. Der Angriff forderte ein Todesopfer, als rund 200 Sprengbomben eine Kaserne im Westen der Stadt und den Maschmühlenweg trafen.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 43.
Beim zweiten Luftangriff auf Göttingen, am Abend des 23. November 1944, handelte es sich um einen britischen Störangriff. Durchgeführt wurde er von lediglich sechs Schnellbombern des Typs „Mosquito“. Das Gaswerk am Maschmühlenweg wurde zerstört und die Kaserne am heutigen Hiroshimaplatz von einer Luftmine getroffen. Auch Häuser am Geismartor wurden von Bomben zerstört oder beschädigt. Neun Menschen kamen ums Leben.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 44.
Am 24. November 1944 um 19.15 Uhr, also am folgenden Abend, gab es einen weiteren Störangriff. Erneut waren es sechs Flugzeuge vom Typ „Mosquito“, die Bomben abwarfen und somit die Bevölkerung wieder in die Schutzräume zwang. Dieser Angriff forderte ein Menschenleben und richtete aber in der Innenstadt erhebliche Schäden an: Von den 28 Häusern in der Unteren-Masch-Straße wurden 18 Gebäude – Nr. 8 bis Nr. 25 – völlig zerstört, auch in der Prinzenstraße und in der Paulinerstraße wurden Häuser von Bomben getroffen. Auf die als Universitätsbibliothek genutzte Paulinerkirche fiel eine Luftmine.https://www.sub.uni-goettingen.de/wir-ueber-uns/portrait/geschichte/paulinerkirche/ Dadurch wurden die Kirche sowie umliegende Häuser – z. B. die Commerzbank (auf dem Prinzenhaus) und eine Gärtnerei in der Prinzenstraße – stark beschädigt. In: Göttinger Tageblatt. (Bildergalerie) Ein Teil des Bücherbestandes wurde unwiederbringlich zerstört. Das angrenzende Kollegienhaus wurde vollständig zerstört. Ebenfalls erlitten das Alte Rathaus und vor allem die Johanniskirche erhebliche Schäden. Auch die Lutherschule wurde von Bomben getroffen. Eine weitere 2000 Pfund schwere Luftmine, die über dem Maschmühlenweg/Weender Tor explodierte, zerstörte Häuser und eine Tankstelle. Zahlreiche Schaufensterscheiben in der Weender Straße und anderen Geschäftsstraßen barsten.Stadtarchiv Göttingen:
Am 1. Januar 1945 tagsüber flog die 8. US-Luftflotte aus 8000 m Höhe Angriffe auf die deutsche Treibstoffindustrie und Eisenbahnanlagen. Auf den Göttinger Verschiebebahnhof war ein Pulk von 26 B-17 „Flying Fortress“ angesetzt. Dabei wurden vor allem Bomben mit Zeitzündern abgeworfen.Britta Bielefeld: Warum so viele gefährliche Blindgänger am Schützenplatz liegen, in: Göttinger Tageblatt, 28. Januar 2023, S. 16. Dieser Luftangriff forderte 47 Todesopfer.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 47. Neben dem Rangierbahnhof wurde das Bahnbetriebswerk stark zerstört, ebenso Häuser in der Emilienstraße, Arndtstraße, Weender Landstraße, Königsallee und Kasseler Landstraße. Viele Bomben trafen das Zwangsarbeiterlager auf dem Schützenplatz, wo 39 Menschen (darunter 9 Kinder) ums Leben kamen.Der Bombenangriff auf das Lager Schützenplatz und das Lager Auf der Masch am 1. Januar 1945 mit 39 Toten (darunter 9 Kinder) auf zwangsarbeit-in-goettingen.de Am Salinenweg 2 wurde eine Fabrik fast völlig zerstört. Das Auditorium der Universität am Weender Tor wurde schwer beschädigt. In Grone zerstörte ein Bombentreffer ein Wohnhaus im Lütjen Steinsweg, wobei fünf Menschen ums Leben kamen.
Ein weiterer Luftangriff der 8. US-Luftflotte erfolgte am 9. Februar 1945. Dieses Mal griffen 15 B-17 Bomber die Eisenbahnanlagen an. Der Bahnhof und der Fliegerhorst im Westen der Stadt, aber auch wieder Wohnhäuser wurden von Bomben getroffen. Das Aluminiumwerk an der Weender Landstraße erlitt starke Schäden. Insgesamt waren 21 Tote, davon zehn Zwangsarbeiter, zu beklagen.
Am 22. Februar 1945 startete die US-Luftwaffe die Operation Clarion, eine groß angelegte Kampagne gegen die deutschen Verkehrsanlagen. Dabei waren die Göttinger Eisenbahnanlagen das Ziel von 29 viermotorigen Bombern des Typs Consolidated B-24 „Liberator“. Um mögliche Flugabwehr zu erschweren, flogen die Maschinen in 3000 m Höhe und wählten ihre Angriffsziele visuell aus. Es kamen 27 Menschen ums Leben, als Bahnhof und Bahnanlagen angegriffen und auch die Brauerei am Brauweg zerstört wurden.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 49. Möglicherweise galt der Angriff der Aerodynamischen Versuchsanstalt, die sich ebenfalls am Brauweg befand. Auch der Maschmühlenweg wurde getroffen, und die Häuser Arndtstraße Nr. 2 und 3 wurden zerstört.Stadtarchiv Göttingen:
Am 21. März 1945 fielen in der Nacht um 3.30 Uhr einige Sprengbomben auf die Stadt, sie detonierten mit zeitlicher Verzögerung. Dabei wurden in der Jüdenstraße und in der Angerstraße mehrere Häuser getroffen. Rückwärtige TeileDeutsche Digitale Bibliothek: Junkernschenke mit erhaltener mittelalterlicher Fassade, zwischen 1960 und 1965, mit Name der Fotografin der Junkernschänke und der Rheinische Hof wurden zerstört.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 50. Bei diesem Luftangriff, der ein Todesopfer forderte, wurde auch in der Wohnsiedlung Treuenhagen, und zwar Am Markgraben, ein Haus durch eine Bombe zerstört. Explodiert waren 2 Bomben, eine auf der Straße und eine auf dem Grundstück. Vermutlich handelte es sich bei diesen relativ wahllosen Bombenabwürfen nicht um einen konzentrierten Angriff. Vielmehr dürften es „Mosquitos“ auf Patrouillenflug gewesen sein. Am Vorabend waren 55 Maschinen dieses Typs zu solchen Einsätzen über Nord- und Mitteldeutschland gestartet.
Zwei amerikanische Jagdbomber vom Typ P-38 „Lightning“ attackierten am 1. April den Bahnhof und den Fliegerhorst westlich der Innenstadt. Dabei wurde eine der angreifenden Maschinen von der Flak abgeschossen. Der Pilot kam ums Leben.
Am 7. April 1945 griff die 9. US-Luftflotte die Bahnanlagen in Northeim und Göttingen mit insgesamt 268 zweimotorigen Mittelstreckenbombern der Typen A-20, A-26 „Invader“ und B-26 „Marauder“ an. Dadurch sollte der Vormarsch der US-Bodentruppen an der Weser unterstützt werden. Bei diesem schwersten und letzten Luftangriff auf die Stadt wurden das Empfangsgebäude des Bahnhofes, das Anatomische Institut der Universität (heute Busbahnhof) und das Obergeschoss des Zoologischen Instituts vollständig zerstört. Fünf Menschen, die im Keller des Anatomischen Instituts Zuflucht gesucht hatten, kamen ums Leben.Göttinger Tageblatt: 7. April 1945: Der letzte Luftangriff auf Göttingen, Artikel vom 2. Juni 2010. Auch die Eisenbahnbrücke über die Leine wurde vernichtet. Die Fabrik des Emil Mehle in der Weender Landstraße sowie Wohnhäuser im östlichen Teil der Weender Landstraße wurden schwer beschädigt.Stadtarchiv Göttingen: Chronik für das Jahr 1945 (online)
Todesopfer, Schäden und Spätfolgen Insgesamt kamen in Göttingen 107 Menschen durch Luftangriffe ums Leben; 59 Wohnhäuser wurden völlig zerstört.Martin Heinzelmann: Göttingen im Luftkrieg. Göttingen 2003, S. 51 f. Es kam zur Vernichtung von 300 Göttinger Wohnungen, was einem Zerstörungsgrad von 2,1 % entspricht.Deutscher Städtetag: Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden. Braunschweig 1952, S. 383. Abgefahren wurden insgesamt 150.000 m³ Trümmerschutt.Deutscher Städtetag: Statistisches Jahrbuch deutscher Gemeinden. Braunschweig 1952, S. 382.
Spätfolgen nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Funde, Entschärfungen und Selbstdetonationen von Blindgängern Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in Göttingen zu mehreren Funden, Entschärfungen sowie Selbstdetonationen von Blindgängern:Göttinger Tageblatt: Chronik der Bomben: Immer wieder Schützenplatz, Artikel vom 2. Juni 2010.
12. August 1947: Eine im Rahmen des Angriffs am 1. Januar 1945 abgeworfene amerikanische Fliegerbombe detonierte am Schützenplatz. Es entstand kein Schaden. 18. Dezember 1952: Gleisarbeiter fanden während Arbeiten am Güterbahnhof Göttingen eine Sechs-Zentner-Bombe im Erdreich. Die Bombe konnte entschärft werden. März 1953: In der Straße Ascherberg in der unmittelbar an das Stadtgebiet angrenzenden Gemeinde Rosdorf wurde ein Blindgänger gefunden. 21. April 1953: In einem Schrebergarten nahe dem Schützenplatz detonierte ein Blindgänger: Die Selbstdetonation der 250-Kilo-Bombe hinterließ einen sechs Meter breiten und vier Meter tiefen Krater. Im Rahmen der Nachuntersuchungen lokalisierte der Kampfmittelbeseitigungsdienst in der Nähe zum detonierten Blindgänger einen weiteren Blindgänger auf dem Hof des Städtischen Betriebsamtes. Dieser Blindgänger konnte wenige Tage später, am 29. April 1953 entschärft werden. 7. August 1953: Neben einer Brücke der Eisenbahnstrecke Göttingen-Bodenfelde fanden Bauarbeiter im Flussbett der Leine einen Blindgänger. 8. Oktober 1962: Eine im Rahmen von Baggerarbeiten an der Weender Landstraße gefundene undetonierte Vier-Zentner-Bombe wurde durch den Kampfmittelbeseitigungsdienst entschärft. Im gleichen Bereich wurden bereits im Jahr 1945 insgesamt 13 Blindgänger gefunden. 24. Oktober 1968: In der Godehardstraße detonierte ein Blindgänger im Erdreich. 12. November 1980: An der Autobahn A7 bei Groß Ellershausen wurden zwei amerikanische Zehn-Zentner-Fliegerbomben gefunden und entschärft. 6. September 1988: Eine undetonierte Zehn-Zentner-Fliegerbombe wurde im Erdreich unter dem Schützenplatz gefunden und entschärft. Mittels Luftbildauswertung konnten weitere Blindgänger lokalisiert und später entschärft werden.