mini|Jakob Wilhelm Speyerer, Lithographie von G. Bordollo nach einer Zeichnung von H. Günther mini|Signatur Jakob Wilhelm Speyerers
Jakob Wilhelm Speyerer (auch Jacob Wilhelm Speyerer; * 23. August 1789 in Frankenthal; † 13. Februar 1876 in Heidelberg) war ein badischer, seit 1871 deutscher, Unternehmer, Erster Bürgermeister von Heidelberg, Abgeordneter der zweiten Kammer der badischen Ständeversammlung und Mitglied deren Budgetausschusses, Mitglied des VorparlamentsVgl. Mitgliederlisten des Vorparlaments und des Fünfzigerausschusses. und badischer Abgeordneter im Erfurter Unionsparlament.Jochen Lengemann: Das Deutsche Parlament (Erfurter Unionsparlament) von 1850. Urban & Fischer, München/Jena 2000, S. 297; S. 366.
Leben Wirken als Unternehmer Er war der Sohn des Woll- und Tuchfabrikanten und Kaufmanns sowie Hofkammerrats Johann Jakob Speyerer aus Frankenthal (1739–1815) und dessen zweiter Ehefrau Justine Margarethe, geb. Braun († 1829), Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 175f.; S. 203 mit Literatur zu Johann Jacob Speyerer S. 176, Anm. 2; zu Jakob Wilhelm Speyerer S. 176f., Anm. 5. und trat 1815 als Teilhaber in die Lohgerberei auf dem bei Ziegelhausen am Neckar gelegenen Haarlaß ein, den sein Vater nach Verlust seiner linksrheinischen Besitztümer infolge von Rechtsstreitigkeiten und der französischen Revolution 1793 erworben hatte. Die vom Vorbesitzer dort gegründete Lohgerberei betrieb der ältere Speyerer nicht selbst, sondern verpachtete sie an den Heidelberger Gerber Johann Peter Werle (1755–1804). Als dessen Sohn und Nachfolger Peter F. Werle (1802–1829) schwer erkrankte, übernahm der junge Speyerer die Geschäftsführung 1820 zunächst allein und führte sie, seit 1847 mit seinem Neffen Johann Heinrich Friedrich Werle (1816–1885), bis er sich 1856 aus Altersgründen zurückzog und sie mangels eines männlichen Leibeserben an diesen und Heinrich Bohrmann (1836 oder 1837–1921), den Ehemann seiner Enkelin Ida, geb. Meier (1840–1903), übergab. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 175–178. Am 19. Mai 1817 hatte er seine Cousine Justine Dorothea Werle (1800–1873) geheiratet, die Tochter Johann Peter Werles aus seiner Ehe mit Marie Dorothe, geb. Braun (1768–1850), einer Schwester der Mutter Speyerers. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 177.
mini|Jakob Wilhelm Speyerer. Auf dem Schreibtisch Akten zu seinen wichtigen politischen Projekten: „Vereinigung der Armenpflege unter einer gemeinsamen Armencommission“, „Heidelbergs höhere Bürger und Gewerbschule“, „Die badischen Gemeindegesetze“
Wirken als Abgeordneter In jungen Jahren begann Speyerer bereits sich politisch zu engagieren. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 178–182; Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) S. 15–18; S. 27–31; S. 54–56; S. 122f. 1815 war er einer der Unterzeichner einer Bittschrift zur Einführung einer badischen Ständeversammlung. 1822 wurde er erstmals im Wahlkreis 13 (Heidelberg) in die II. badische Kammer gewählt, schied jedoch 1823 bereits wieder aus, da er zu den Gegnern des Militäretatentwurfs gehört hatte, wegen deren Intervention die Kammer vorübergehend aufgelöst wurde. Erneut gewählt wurde er 1831 im Wahlkreis 32 (Wiesloch und Neckargemünd). Er gehörte dem Landtag wieder von 1831–1833, 1837–1838, 1839–1840, 1841, 1845–1846, 1847–1849, 1850–1851 und 1851–1852 an. Geprägt vom Gedankengut der südwestdeutschen Spätaufklärung, zählte er zum liberalen Flügel, beteiligte sich an Debatten zum Staatshaushalt, war Berichterstatter der Kommission der zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung zur Finanzierung des Eisenbahnbaus auf der Rheintalstrecke von Mannheim bis Basel Vgl. seinen Commisionsbericht (s. unten Werke). und setzte sich im Rahmen der für eine Übergangszeit noch als notwendig erachteten monarchischen Staatsordnung für deren Umgestaltung von der absoluten zu einer konstitutionellen Monarchie ein. Nachdem dieses Ziel mit der Errichtung der Badischen Verfassung von 1818 erreicht schien, kämpfte er für die Wahrung der Rechtsstaatlichkeit, für die durch die Karlsbader Beschlüsse bedrohte Pressefreiheit, für die Wahrung der Rechte der Abgeordneten und für die auch nach der Gemeindeordnung von 1831 immer wieder gefährdete Autonomie der Gemeinden, weil er auf der Ebene der kommunalen Selbstverwaltung sein Staatsideal bereits verwirklicht sah, nämlich des Staates als einer Institution zur Gestaltung der die Bürger unmittelbar betreffenden Angelegenheiten durch von diesen gewählte Vertreter ihres Vertrauens. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 178–182; S. 206f.; Norbert Brugger, 200 Jahre kommunale Selbstverwaltung - Erfolgsgeschichte und Zukunftsmodell. Festschrift zur Hauptversammlung des Städtetags Baden-Württemberg am 23. Oktober 2008 in Baden-Baden. Städtetag Baden-Württemberg, Stuttgart 2008; Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) S. 24f.; S. 27–31. Außerdem war ihm die Judenemanzipation ein wichtiges Anliegen. 1841 gab er aus Solidarität mit den liberalen Abgeordneten Joseph Ignatz Peter und Adolf Sander, den Betroffenen des Urlaubsstreits, sein Landtagsmandat zurück. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 179. Von 1845 bis 1850 für den Wahlkreis 29 (Bruchsal Land) und von 1851 bis 1852 für den Stadtwahlkreis 13 (Heidelberg) gewählt, gehörte er dann doch erneut der Zweiten Kammer der badischen Ständeversammlung an und befasste sich dort insbesondere wieder mit Haushaltsfragen.
1850 gehörte er für den Wahlkreis 11 (Bruchsal, Philippsburg, Wiesloch, Sinsheim, Neckarbischofsheim) dem Volkshaus des Erfurter Unionsparlaments an.
Wirken als Erster Bürgermeister von Heidelberg mini|Heutiger Speyererhof auf dem Gaisberg, benannt nach Jakob Wilhelm Speyerer
1831 wurde er Zweiter Bürgermeister, von 1832 bis 1840 dann, als Nachfolger von Peter Lombardino, Erster Bürgermeister von Heidelberg. Dort machte er sich um die Ordnung der Finanzen, die ökonomische Infrastruktur durch Gründung der Heidelberger Sparkasse, um die Bildungsverhältnisse durch die Gründung der Höheren Bürgerschule und um die Organisation der Armenversorgung durch Bündelung der Aktivitäten in der Armencommission verdient. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 180; Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) S. 27–29. Zur Höheren Bürgerschule vgl. Franz Werner: Georg Weber (s. unten Literatur) S. 62–149; S. 362–373; S. 393–396; S. 574–582; S. 584f.; S. 589–595. Zur Armencommission vgl. Vortrag von Bürgermeister Speyerer über den Uebergang der Armenverwaltung an die Politische Gemeinde. Prahl, Heidelberg 1838. 1837 wurde er mit dem Ritterkreuz des Ordens vom Zähringer Löwen ausgezeichnet. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 209. Außerdem gehörte er ab jenem Jahr als Abgeordneter des Wahlkreises 13 (Heidelberg) auch wieder der zweiten Kammer der Badischen Ständeversammlung an. Nachdem ein erster Rücktritt vom Amt des Ersten Bürgermeisters wegen Auseinandersetzungen um die Belastung der Stadt mit Beiträgen zur Finanzierung der Staatspolizei 1839 noch hatte abgewendet werden können, wurde er 1840 zwar im Amt bestätigt, trat es aber wegen erneuter kommunalpolitischer Streitigkeiten mit der badischen Regierung, diesmal wegen staatlicher Eingriffe in Maßnahmen des Bürgermeisters bezüglich einer Truppeneinquartierung, nicht mehr an, da er durch diesen von ihm als widerrechtlich beurteilten Akt die durch die Gemeindeordnung von 1831 Vgl. Gemeindeordnung 1831. gesetzlich garantierte kommunale Autonomie in Frage gestellt sah und das Verhalten von Heidelberger Bürgern in der Angelegenheit als Illoyalität seiner Person gegenüber betrachtete. Sein Nachfolger wurde Georg Leonhard Ritzhaupt. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 181f.; S. 206f. (Auszug aus der Rücktrittsrede vom 1. Oktober 1839); Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) Abb. 2 vor S. 18 (Faksimile des Abschiedsbriefes an den Gemeinderat vom 6. Oktober 1840); S. 29f.; S. 35. Zu Ritzhaupt vgl. Georg Leonhard Ritzhaupt auf der Seite Rhein-Neckar-Wiki. Möglicherweise ist der im folgenden Jahr erfolgte Verkauf des Hausgrundstücks Neuenheimer Landstraße 8 an den damaligen zweiten Hauptlehrer der Höheren Bürgerschule und Universalhistoriker Georg Weber als demonstrativer Rückzug aus Heidelberg zu sehen. Franz Werner: Georg Weber (s. unten Literatur) S. 174f.; S. 402 (Lageskizze des Flurstücks) Zwar hatte er sich 1847 demonstrativ mit der Rückgabe des Ehrenbechers aus der Kommunalpolitik zurückgezogen, Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 181; Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) S. 54–56. doch wurde er 1849 nach den Revolutionswirren des Vorjahres als Nachfolger des von der preußischen Militärregierung abgesetzten Christian Friedrich Winter Vgl. Christian Friedrich Winter auf der Seite Rhein-Neckar-Wicki. nochmals zum Ersten Bürgermeister von Heidelberg, diesmal von der preußischen Militärregierung eingesetzt, und bekleidete das Amt wieder bis Herbst 1851. Die Bitte des erstmals seit der Revolution neugewählten Großen Bürgerausschusses, dem die Wahl des Bürgermeisters oblag, sein Amt weiterzuführen, lehnte er jedoch unwiderruflich ab. Vgl. Herbert Derwein: Heidelberg im Vormärz (s. unten Literatur) S. 123. Sein Nachfolger wurde Ludwig Walz. Während seiner beiden Amtszeiten als Bürgermeister hatte Speyerer auch jeweils dem Verwaltungsrat der auf seine Initiative hin gegründeten Heidelberger Sparkasse sowie dem Inspektorat der von ihm ins Leben gerufenen Höheren Bürgerschule angehört. Vgl. Gereon Becht-Jördens: Eine Kindheit auf dem Haarlaß bei Heidelberg (s. unten Literatur) S. 180; Franz Werner: Georg Weber (s. unten Literatur) S. 398.
Die noch von ihm während seiner letzten Amtsperiode angeregte Errichtung einer landwirtschaftlichen Kolonie mit Viehweiden, Fremdenheim und Gartenwirtschaft auf dem Gaisberg erfolgte 1853. Zu seinen Ehren wurde diese Speyerershof (heute, eigentlich fälschlich, meist Speyererhof) genannt. Vgl. „Speyererhof“ auf der Seite heidelberg.mannheim.wiki; Herbert Derwein: Die Flurnamen von Heidelberg. Straßen, Plätze, Feld, Wald. Eine Stadtgeschichte. Carl Winter, Heidelberg 1940, Nr. 854, S. 254f.; Karl Christ: Geschichtliche Streifzüge durch Heidelbergs Umgebung. In: Mannheimer Geschichtsblätter IX, 1908, Heft 7, Sp. 145–153, hier Sp. 149–151 Karl Christ: Geschichtliche Streifzüge. Seit 2001 trägt den Namen Speyererhof der aus dem 1924 abgerissenen Speyerershof und dem 1927 an dessen Stelle gegründeten Krankenhaus Speyererhof hervorgegangene Heidelberger Standort der Kliniken Schmieder. Vgl. Martin Krauß: Albert Fraenkel und die Gründung des Krankenhauses Speyererhof. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, herausgegeben vom Heidelberger Geschichtsverein, 7, 2002, S. 131–141.
Autor einer religionskritischen Dichtung