miniatur|Marschall Oudinot Die Schweizerregimenter im Russlandfeldzug 1812 gehörten zur 9. Infanterie-Division im 2. Korps unter Marschall Charles Nicolas Oudinot. Das Korps nahm am Russlandfeldzug 1812 teil, wobei auch die Schweizer enorm hohe Verluste erlitten. Kommandeur der 9. Infanterie-Division war der französische General Augustin-Daniel Belliard, später General Pierre Hugues Victoire Merle. Das 1. Schweizerregiment wurde von Oberst André Raguettly aus Flims kommandiert, das 2. von Oberst Castella,Oberst Castella wurde bei Polozk verwundet und durch Abyberg ersetzt. das 3. von Oberst May und das 4. von Oberst Karl von Affry. Zur gleichen Division gehörten auch das 3. provisorische Kroatenregiment sowie das 123. französische Linieninfanterie-Regiment, das überwiegend aus Holländern bestandCarl von Plotho: Der Krieg in Deutschland in den Jahren 1813 und 1814 – Erster Theil, S. 3ff. Berlin, 1817.. Neuenburg stellte ein Bataillon sowie zwei Batterien Artillerie. Diese Soldaten waren dem Hauptquartier Napoleons angegliedert. Im Gegensatz zu den vier Schweizerregimentern, die mit dem 2. und dem 10. Korps Napoleons Nordflanke sicherten, marschierten die Neuenburger mit der Hauptarmee. Ein Walliser Bataillon wurde 1805 errichtet. Das Wallis wurde 1810 durch Frankreich annektiert und als Département Simplon eingegliedert. Das Bataillon wurde am 16. September 1811 aufgelöst und in das 11. leichte französische Infanterie-Regiment mit Standort Festung Wesel, eingegliedert. Dieses Regiment gehörte ebenfalls zum 2. KorpsDas Regiment gehörte zur 1. Brigade (General Vivier) in der 8. Infanterie-Division, die von General Verdiere kommandiert wurde. unter Oudinot und teilte das Schicksal der Schweizerregimenter.

Vorgeschichte

Die Schweiz stand seit dem Einmarsch 1798 unter französischer Herrschaft (→ Helvetik). Am 27. September 1803, nach Dekretierung der neuen Mediationsakte durch Napoleon, schlossen die schweizerische Tagsatzung und Frankreich eine Defensivallianz sowie eine Militärkapitulation. Damit wurde die Schweiz quasi ein Protektorat Frankreichs. Die Kantone verpflichteten sich, für Frankreich Soldaten zu stellen, wobei vor allem im Krieg gegen Spanien und Portugal sowie im Russlandfeldzug viele Schweizer ihr Leben verloren oder verwundet wurden. Am 15. Februar 1806 trat Preussen das Fürstentum Neuenburg und das Herzogtum Kleve im Abtausch mit dem Kurfürstentum Hannover an Napoleon ab. Der französische Marschall Berthier wurde von Napoleon zum Herzog von Neuenburg ernannt.

Truppenstärke

Nach dem Vertrag von 1803 sollte die Schweiz 16.000 Soldaten für Frankreich stellen. Dazu sollten vier Regimenter zu je 4000 Mann gebildet werden. Neben dem Regimentsstab sollte jedes Regiment aus vier Bataillonen bestehen. Jedes Bataillon aus einer Grenadierkompanie sowie acht Füsilierkompanien. 1807 kam für jedes Bataillon noch eine Voltigeurkompanie hinzu. Die Artillerie-Kompanien verfügten jeweils über zwei Kanonen („Dreipfünder“), drei Munitionswagen, eine Feldschmiede, zwei Infanteriepatronenwagen, zwei Brotwagen sowie einen AmbulanzwagenFieffé, Seite 180. Die Soldaten mussten das 20. Lebensjahr vollendet haben, eine Mindestgrösse von fünf Fuss und zwei Zoll haben und einen Taufschein vorweisen können. Für Voltigeure war eine Grösse von vier Fuss und neun Zoll ausreichend. Zu Beginn des Jahres 1807 fehlten an der Sollstärke von 16.000 Mann nicht weniger als 8000 Soldaten. Der französische General Honoré Vial forderte deshalb am 13. Januar 1807 im Auftrag Napoleons vom Landammann der Schweiz Hans von Reinhard erneut die Gestellung von 16.000 Soldaten bis zum 1. Mai. Sollte diese Vorgabe nicht erfüllt werden, drohte er mit Zwangsaushebungen in den Kantonen. Unter diesem Druck rekrutierte man Soldaten aus den Gefängnissen. Andere, die einen schlechten Leumund oder Straftaten begangen hatten, wurden per Gerichtsurteil zum Wehrdienst verurteilt. In den Urkantonen liess man sich nicht einschüchtern. Man war der Meinung, wenn Napoleon damit drohte, die Schweiz ganz zu unterwerfen, sollte man die jungen Leute lieber zu Hause lassen, um sie im Notfall selbst zur Verfügung zu haben. Am 28. März 1812 wurde das Kontingent auf 12.000 Mann reduziertMaximilian Poppe: Chronologische Übersicht der wichtigsten Begebenheiten aus den Kriegsjahren 1806 bis 1815, 1. Bd., Seite 387. Theodor Thomas, Leipzig 1848.. Damit waren die Kantone aber immer noch überfordert. Zudem desertierten viele Soldaten, die zum Wehrdienst gezwungen wurden. Napoleon selbst schrieb dazu am 21. Januar 1813: „Viele in den Schweizerregimentern sind desertiert und es hat sich herausgestellt, dass alle alte Deserteure waren, die echten Schweizer sind geblieben. […] So viel Wert ich auf die Schweizer lege, so wenig Wert lege ich auf die ganze Kanaille, die sie zusammenlesen“.Maag, Seite 21 und 93

Der französische Historiker Georges Vallotton gab die Stärke des Schweizer Kontingents mit 9000 Mann an, der deutsche Historiker Eckart Kleßmann dagegen nur mit 7000. Der schweizerische Historiker Albert Maag gibt die Stärke, zu Beginn des Feldzugs, mit rund 8000 Mann anMaag, Seite 48. Wilhelm Oechsli, ebenfalls ein Schweizer, gibt die Stärke zu Beginn des Krieges mit 7265 Mann an – einschliesslich der nachgerückten Verstärkungen mit etwa 9000 Mann.Wilhelm Oechsli: Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert, 1. Bd., S. 583. Leipzig, 1903. Keines der Regimenter erreichte die Sollstärke. Trotzdem wird in einigen, späteren Quellen die Gesamtstärke der Schweizerregimenter mit 16.000 Mann angegeben.

Uniform Die Grundfarbe der Uniform war für alle vier Regimenter gleich: krapproter Waffenrock, weisse, eng anliegende Hosen. Schulterklappen, Ärmelaufschläge und Kragen waren beim 1. Regiment gelb, beim 2. Regiment königsblau, beim 3. Regiment schwarz und beim 4. Regiment himmelblau. Füsiliere und Voltigeure trugen Tschakos, die Grenadiere Bärenfellmützen. Aufgrund der einheitlichen roten Rockfarbe wurden die Soldaten „Rote Schweizer“ genannt. Die Neuenburger trugen gelbe (chamois-farbige) Uniformröcke, Kragen, Klappen und Aufschläge waren scharlachrot, die Hosen weiss. Napoleon nannte sie „canaris“ (deutsch: Kanarienvögel). Die Artillerie trug blaue Waffenröcke. Die Walliser trugen dunkelrote Uniformröcke, Kragen, Klappen und Aufschläge weiss, ebenso die Hosen.Fieffé, Seite 183

Gliederung und Aufmarsch

miniatur|Schweizer Grenadiere (1812) mini|Anmarsch 1. Schweizer Regiment zum Russlandfeldzug 1812 (heutige Landesgrenzen) Dem Einmarsch der „Grossen Armee“ in Russland gingen monatelange Aufmärsche quer durch ganz Europa voran. Das 1. Regiment unter Kommandeur Oberst André Raguettly (* 11. Januar 1756 in Flims; † 10. Dezember 1812 in Wilna) marschierte am 14. Juli 1811 von Reggio di Calabria los und erreichte über Neapel, Rom, Florenz, Modena, Parma, Piacenza, Mailand, Genf, Strassburg, Würzburg, Halle und Berlin nach Stettin, wo sich die vier Regimenter sammelten. Über Marienburg, Gumbinnen, Kowno marschierten sie weiter nach Dünaburg. Dort traf das 1. Regiment am 13. Juli 1812 ein. Das Regiment bestand zu diesem Zeitpunkt nur noch aus zwei Feldbataillonen, denn das 3. Bataillon unter dem Kommando von Dufresne hatte man in Piacenza zurückgelassen. Die beiden verbleibenden Bataillone standen anfangs unter dem Kommando von Scheuchzer bzw. Heinrich Ludwig Dulliker (1768–1812). Scheuchzer musste kurz nach Kriegsbeginn aus gesundheitlichen Gründen durch Hauptmann Zingg ersetzt werden. Die Mannstärke beider Bataillone betrug ursprünglich 1.923, zusätzliche 387 Soldaten wurden später zur Verstärkung nachgeschickt. Das 1. Regiment gehörte zur Brigade Candras (Jacques-Lazare Savattier de Candras; * 1768; † 1812 an der Bjaresina;Gerhard von Scharnhorst: Leiter der Militärreorganisation (Preußen 1808–1809), Bd. 5, S. 615. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2009.) ebenso das 2. Regiment von Oberst Castella de Berlens (* 1767; † 1830). Letzteres bestand aus drei Bataillonen, geführt von Franz Peter Niklaus Vonderweid von Seedorf (1779–1812), Joseph Ignaz von Flüe (1762–1813) bzw. Hauptmann Hartmann Füßli (1783–1812) und erreichte am 7. Dezember 1811 von Nevers kommend Paris.

Das 3. Schweizerregiment unter Oberst Thomasset (später von Graffenried abgelöst) bestand ebenfalls aus drei Bataillonen, die von Peyer-Imhof, Weltner bzw. Graffenried angeführt wurden. Sie bildete mit dem 123. französischen Linieninfanterie-Regiment die Brigade Coutard (Louis François Coutard; * 1769; † 1852). Das 4. Schweizerregiment unter Oberst von Affry (Charles d’Affry; * 1772 in Fribourg; † 1818 ebenda) bildete zusammen mit dem 3. Kroatenregiment die 1. Brigade der Division. Auch dieses Regiment bestand aus drei Bataillonen, die von den Hauptleuten Bleuler, Maillardoz bzw. Imthurn befehligt wurden und der Brigade von General François Pierre Amey angegliedert waren. Es verliess Cherbourg am 25. Dezember, traf am 10. Januar 1812 in Paris und um den 16. April in StettinH. de Schaller: Histoire des troupes suisses au service de France sous le règne de Napoléon Ier, S. 126. Imer & Payot, 1883. ein.

Das Verhältnis zwischen den Regimentern 3 und 4 war durch zwei ähnliche gelagerten Zwischenfälle vorbelastet: Vor dem Übersetzen beim Grenzfluss Niemen hatten zwei betrunkene Voltigeure des 4. Schweizerregiments einen polnischen Bauern erschossen. Sie wurden darauf von den Kroaten festgenommen, verurteilt und standrechtlich erschossen. Das gleiche Schicksal traf drei weitere Soldaten des 3. Regiments, die auf einen fliehenden Bauern gefeuert hatten.

Das Bataillon aus dem Fürstentum Neuchâtel (1806–1814) – bis Ende März noch in Spanien eingesetztAlfred Guye: Le Bataillon de Neuchâtel: dit des Canaris, au service de Napoléon, 1807–1814, S. 155. La Baconnière, 1964. – sammelte sich im April 1812 mit einer Effektivstärke von 1.027 Mann in Besançon. Als es am 12. Juni Posen erreichte, war es durch Marschverluste bereits soweit dezimiert, dass die Infanterie nur noch über 19 Offiziere sowie 609 Unteroffiziere und Soldaten verfügte. Die Artillerie bestand noch aus drei Offizieren sowie 76 Mann Unteroffizieren und Kanoniere, hinzu kamen 74 Pferde.

Einmarsch in Russland

Die Schweizer wurden vorerst in keine wesentlichen Kampfhandlungen verwickelt, dennoch waren die Ausfälle enorm. Schlecht versorgt und durch verschmutztes Wasser an Ruhr infiziert, waren viele Soldaten erkrankt. Bei seiner Inspektion am 18. Juni zeigte sich Napoleon sehr unzufrieden, da die Stärke der vier Regimenter zusammengezählt weniger als 5000 Mann betrug. Allerdings war an diesem Tag ein Teil des 3. Regiments an die Weichsel abkommandiert.

Gemäss dem US-amerikanischen Militärhistoriker George F. Nafziger hatten die vier Regimenter am 1. August 1812 eine Kampfstärke von 6030 Mann, am 15. August nur noch 2950. Zwar wurden wieder genesene Soldaten nachgeführt, doch allein der Marschverlust betrug mindestens 2000 Mann, wie aus einem Brief des Bataillonschefs Füßli zu ersehen ist.Maag, Seite 16 Füßli äusserte im Brief auch die Befürchtung, dass der französische Kriegsminister diese nun fehlenden mehr als 2000 Mann als Deserteure bezeichnen würde und dafür Ersatz fordern würde: „…das dann gewiss scheußlich wäre, denn woher diese nehmen, das ist [nur] Gott bekannt.“