mini|hochkant|Ein Tschango-Paar aus der Moldau in traditioneller Tracht Tschangos (auch: Tschangonen, ungarisch: csángó (Plural: csángók), rumänisch: ceangăi) bezeichnet vorwiegend die römisch-katholische Bevölkerung der Region Westmoldau, deren Muttersprache ungarisch ist.

Begriffliche Abgrenzung Tschangos ist das Partizip Präsens des beinahe ausgestorbenen ungarischen Verbs csángál mit der Bedeutung ‚abwandern, sich trennen‘.

Neben den Moldauer Tschangos wird es auch für andere Volksgruppen verwendet: Die ungarischsprachigen Gruppen im Südosten Siebenbürgens, die sich von den Szeklern in erster Linie durch den Dialekt und Traditionen unterscheiden. Gyimeser Tschangos, die ungarische Volksgruppe, die sich aus der Gruppe der Szekler herausgelöst und im Ghimeș-Tal entlang des Trotuș-Flusses niedergelassen hat. Siebendörfer Tschangos, die Ungarn, die südöstlich von Kronstadt in den Siebendörfern leben.

Das Wort Tschango ist in Siebenbürgen von sehr abwertender Natur und war dort auch nie als Eigenbezeichnung, sondern stets von den Szeklern als Fremdbezeichnung für diese Volksgruppe verwendet worden. In der Moldau hat dieser Begriff keine negative Bedeutung.

Der Ursprung der moldauischen Tschango-Ungarn mini|rechts|300px|Tschangos („Tchangei“) in Moldau (1861) Seit dem 18. Jahrhundert erforscht die Wissenschaft den Ursprung der Tschangos. Obwohl durch die Volkskunde, Sprachwissenschaft, die Geschichtsschreibung, sogar die Archäologie diesbezüglich Theorien geschmiedet wurden, ist man bei der Beantwortung grundsätzlicher Fragen noch zu keinen wirklichen Ergebnissen gekommen.

Sicher ist, dass die ungarischsprachige Bevölkerung der Moldau aus zwei Teilen besteht: Aus jenen, die sich im Trotuș- und Tzlău-Tal ansiedelten, den „Szeklerungarn“, und der Gruppe, die sich nordöstlich, am Mittellauf des Szeret-Flusses, am Unterlauf des Moldova- und Beszterce-Flusses ansiedelte, den „Tschangoungarn“.

Ihre Bräuche und Dialekte unterscheiden sich, weswegen angenommen wird, dass sich die Ursprungsgeschichte der beiden Gruppen unterscheidet. Gunda meint, die Ergebnisse der Altertumswissenschaft beachtend, dass „die in der Umgebung von Bacău und Roman lebenden Ungarn die Nachkommen jener Ungarn sind, die bei der Landnahme außerhalb der Karpaten blieben. Diese leben seit der Landnahme ohne Unterbrechung im Moldau-Gebiet.“ Diese Ansicht entspricht der romantisch verklärenden Richtung der ungarischen Volkskunde und ist sehr unwahrscheinlich.

Lajos Benkő ist von Gundas Argumentation nicht überzeugt, er vertritt, sich auf die Sprachwissenschaft stützend, einen anderen Standpunkt. Er nimmt dazu die Eigenbezeichnung „Tschango“ zu Hilfe, die vom ungarischen Verb csáng, das ‚herumstreifen‘ bedeutet, abzuleiten ist. Deswegen meint er, dass sich diese Volksgruppe von ihrem ursprünglichen Wohnort entfernte, umsiedelte. Weiter ist er der Überzeugung, dass die geographischen Namen im Tschango-Gebiet ungarischen Ursprungs sind, aber aus dem Fehlen der ältesten ungarischen Namenstypen, den Namen der landnehmenden Stämme, Namen, die auf –i enden, schließt er darauf, dass die Tschangos frühestens Ende des 13. Jahrhunderts im heutigen Gebiet sesshaft geworden waren.

Dialekt Der Dialekt der Tschangos zeigt gewisse Parallelen zum Dialekt der Siebenbürger Heide (im Gebiet östlich von Klausenburg/Siebenbürgen). Deswegen kann auch vermutet werden, dass sich die Tschangos aus den dort siedelnden ungarischsprachigen Gruppen herausgelöst haben, meint Benkő weiter.Siarl Ferdinand, Situation of the Csángó dialect of Moldavia in Romania, Hungarian Cultural Studies, 2016

Csángós als Grenzwächter Géza Ferenczi glaubt, dass die Csángós Grenzwächter des ungarischen Gyepűsystems waren, die nach Abschluss der ungarischen Besetzung Siebenbürgens gegen Ende des 11. Jahrhunderts die Grenzburgen und den Grenzstreifen bewachten, durch die Einwanderung der Szekler aber immer weiter nach Osten, in die Karpaten und darüber hinaus gedrängt wurden.

Der Sage nach kamen die Tschango mit Attila in die Moldau, sie könnten aber auch die magyarisierte Urbevölkerung sein. Die ungarische Mythologie beschreibt nach Arnold Ipolyi,Arnold Ipolyi: Magyar Mythologia. Budapest 1854. Zit. n. Hankó, Vilmos: Székelyföld. Budapest: Lampel 1896, S. 1–3. (Nachdruck). Zit. n. Clemens Prinz: Die Pfingstwallfahrt von Csíksomlyó/Schomlenberg, Siebenbürgen. Eine ungarische Wallfahrt in Rumänien. Diplomarbeit, Universität Wien. eBook, GRIN Publishing GmbH, 2001. ISBN 978-3-640027149. wie die Szekler und mit ihnen die Tschangos am östlichen Rand des Karpatenbeckens sesshaft wurden.

Streit um die Abstammung der Tschangos Die rumänische Geschichtswissenschaft versucht ebenfalls seit der Romantik zu beweisen, dass das Rumänische Volk direkt von den Römern abstammt, dies wird dako-romanische Kontinuitätstheorie genannt. Alle auf rumänischem Staatsgebiet lebenden Anderssprachigen, deren Herkunft nicht mit absoluter Sicherheit bestimmt werden kann, sind laut manchen nationalistisch geprägten Wissenschaftlern magyarisierte oder slawisierte Protorumänen. Dieses Argument wird durchaus auch auf die Moldauer Tschangos angewendet, wenn sich diese zum Beispiel für muttersprachlichen Unterricht einsetzen.

Rumänische Sprachwissenschaftler versuchen die Zugehörigkeit der Tschangos zur Gruppe der Ur-Rumänen durch einen Wortvergleich zu beweisen.

DNA-Analysen legen allerdings nahe, dass es keine enge Verwandtschaft zwischen Szeklern und Tschangos gibt. Migration Rates and Genetic Structure of two Hungarian Ethnic Groups in Transylvania, Romania.

Sprachgebrauch der Tschangos

Etwa 60.000 Moldauer Tschangos beherrschen die ungarische Sprache noch, während Schätzungen darauf hindeuten, dass die tschangoische Sprache für mehr als 32.650 Menschen die Muttersprache ist. Da in der Region Moldau zirka 250.000 römische Katholiken leben und davon ausgegangen werden kann, dass der größte Teil von ihnen von den Tschangos abstammt, ist anzunehmen, dass das Ungarische noch vor 100 Jahren eine viel bedeutendere Rolle gespielt hat als heute.

Die Sprache der Tschangos hat ihre altertümlichen Züge erhalten und befindet sich in dem Zustand, in dem sich das Ungarische befand, als sich die Tschangos von den Szeklern trennten. Seitdem lebten sie in sprachlicher Isolation, liegen ihre Dörfer doch relativ weit vom geschlossenen ungarischen Sprachgebiet der Szekler entfernt. Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem Gemeinungarischen, das auch mit geringer dialektaler Färbung von den siebenbürgischen Ungarn gesprochen wird, und dem Tschango-Ungarischen wurde in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts dadurch noch vergrößert, dass damals große Poeten und Schriftsteller das Ungarische erneuerten. Die meisten Neuerungen wurden langsam in die Alltagssprache übernommen und verbreiteten sich mit wachsender Mobilität von der Stadt aufs Land, was dazu führte, dass heute Ungarischsprachige, die nicht aus dem bäuerlichen Milieu stammen, kaum mehr dialektale Färbung in ihrer Sprache tragen. Das Tschango-Sprachgebiet hat diese Neuerungen nicht nur wegen seines Inseldaseins, sondern auch wegen des Mangels an örtlichen geistigen Führungskräften und muttersprachlicher Schulbildung nicht mitgemacht.

Die etwa 60.000 Ungarischsprecher in der Moldau befinden sich somit in ähnlicher Situation wie die burgenländischen Ungarn, die in ihrer Sprachstruktur, in der Grammatik – bis auf die durch die Spracherneuerung eingeführten Mitlautassimilationen – durchaus des Ungarischen mächtig, aber im Vokabular sehr stark von ihrer Umgebung beeinflusst sind. Wie die burgenländischen Ungarn sich Wörter aus dem Deutschen für nicht mit dem täglichen Leben und dem bäuerlichen Milieu in Zusammenhang stehende Konversation und für neue Erfindungen und abstrakte Sachverhalte entlehnt haben und Dialektsprecher sich hochsprachlicher Idiomatik bedienen, haben sich die Tschangos solche Wörter aus dem Rumänischen entlehnt. Die Zahl der von den Tschangos benutzten rumänischen Wörter ist von Dorf zu Dorf verschieden, sie hängt auch von der Zahl der in einer Siedlung des Ungarischen Mächtigen ab.

Heute kann man in der Moldau nicht mehr davon sprechen, dass sich der rumänische Einfluss auf das eine oder andere Gebiet des Tschango-Lebens beschränken würde. Heute ist die Sprache der Tschangos in ihrer gesamten Bandbreite vom Rumänischen durchdrungen, wie im Laufe der letzten dreißig Jahre im Rahmen der nicht immer einfachen Erhebungen zu einem "Atlas des Tschango-Ungarischen Dialekts" festgestellt wurde.

Die Bildungssprache der Tschangos ist das Rumänische, das sie auch benutzen, wenn sie sich nicht in familiärer Umgebung bewegen. Einsprachige, die nur Ungarisch sprechen, gibt es kaum mehr, wenn sie nicht schon völlig verschwunden sind. Die rumänische Einsprachigkeit greift immer mehr um sich, in den noch ungarischsprachigen Dörfern ist immer öfter eine Art Mischsprachigkeit, Halbsprachigkeit anzutreffen, was bedeutet, dass viele der Tschangos weder das Ungarische noch das Rumänische in allen Feinheiten beherrschen. Viele sind auch nicht mehr imstande, zu bestimmen, welche von ihnen genutzten Ausdrücke und Formulierungen ungarischer oder rumänischer Herkunft sind. Der nächste Schritt ist die vollkommene Rumänisierung.

Religionszugehörigkeit und ethnische Identität Geht man von der wahrscheinlichsten Ursprungstheorie der Tschangos aus, nämlich dass sie irgendwann im oder nach dem 13. Jahrhundert aus dem Karpatenbecken auswanderten, ist es klar, dass sie kein Identitätsbewusstsein mit sich nahmen. Die Ereignisse, die zur Formung eines ungarischen Identitätsbewusstseins führten, beginnend mit der Schlacht bei Belgrad gegen die Türken 1456 bis zur Revolution gegen die österreichische Oberherrschaft 1848, waren für diese Gruppe nicht von Belang.

Die Moldauer Ungarn hatten nie eine eigene weltliche Intelligenzia, die ungarisch erzogen worden und so in ungarischem Bewusstsein aufgewachsen wäre, keinen Adel, nicht einmal Handwerker. Muttersprachlichen Schulunterricht hat es, mit Ausnahme einer sehr kurzen Zeit, nicht gegeben.

Deswegen konnte das ethnische Bewusstsein nur von der geistlichen Führung – die dieser Aufgabe nicht gewachsen war – gefördert werden. Die moldauischen Ungarn waren im Gegensatz zu ihrer Umgebung katholischen Glaubens. Das führte so weit, dass fast nur endogame Ehen geschlossen wurden. Das Beharren auf dem katholischen Glauben beschreibt eine Tagebuchaufzeichnung von Mihály Bay, einem katholischen Priester, der durch das Fürstentum Moldau reiste.

Die Moldauer Tschangos definieren sich somit als ethnische Gruppe ausschließlich über ihre Glaubenszugehörigkeit; dieser Umstand hat bisher in der interethnischen Forschung noch nicht Beachtung gefunden. Selbst die Tschangos rund um Roman, obwohl sie sprachlich schon völlig assimiliert sind, bezeichnen sich manchmal, nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit gefragt, nicht als Rumänen, sondern als Katholiken. Dies ist die extreme Form des Tschango-Identitätsbewusstseins: Sie wissen nicht, welcher Ethnizität sie zugehörig sind, sondern nur welcher sie nicht zugehörig sind.

Die Tschangos, die rund um Bacău leben, sind sich ihrer ethnischen Zugehörigkeit schon eher bewusst. In zahlreichen Briefen an den Papst baten sie um ungarischsprachige Priester.

Ein weiterer Faktor, der verhinderte, dass sich ein Identitätsbewusstsein entfalten konnte, war die seit mehr als 100 Jahren präsente Propaganda der rumänischen Behörden und der mit ihnen kooperierenden katholischen Instanzen in der Moldau, die den Tschangos klarzumachen versuchten, dass sie keine Ungarn sind, und dass das von ihnen gesprochene Idiom nicht Ungarisch ist, sondern eine entfernte Abart.

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