Maigret in New York (französisch: Maigret à New York) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er ist der 27. Roman einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um den Kriminalkommissar Maigret. Das Manuskript entstand vom 27. Februar bis 7. März 1946 in Sainte-Marguerite-du-Lac-Masson, Québec.Biographie de Georges Simenon 1946 à 1967 auf Toutesimenon.com, der Internetseite des Omnibus Verlags. Vom 25. Juni bis 7. August 1946 wurde der Roman in 38 Folgen von der Tageszeitung L’Aurore vorabveröffentlicht. Die Buchausgabe folgte im Juli 1947 beim Verlag Presses de la Cité.Maigret à New York auf der Internet-Seite von Yves Martina. Die erste deutsche Übersetzung von Bernhard Jolles erschien 1956 bei Kiepenheuer & Witsch. Im Jahr 1985 publizierte der Diogenes Verlag eine Bearbeitung von Henriette Bonhoeffer.Oliver Hahn: Bibliografie deutschsprachiger Ausgaben. Georges-Simenon-Gesellschaft (Hrsg.): Simenon-Jahrbuch 2003. Wehrhahn, Laatzen 2004, ISBN 3-86525-101-3, S. 61.

Einem Millionärssohn, der um das Leben seines Vaters fürchtet, gelingt es, den pensionierten Kriminalkommissar Maigret nach New York zu locken. Dort verschwindet der junge Mann spurlos, während sich der Alte als abweisender Geschäftsmann erweist. Alles in der amerikanischen Metropole ist dem Gast aus Frankreich fremd, doch er beginnt, in der Vergangenheit des Millionärs zu ermitteln, der seinerseits ein französischer Auswanderer ist.

Inhalt

miniatur|Blick auf Lower Manhattan, Fotografie vom Jack Delano (1941)

Maigret ist 56 Jahre alt und genießt das Leben als Pensionist in Meung-sur-Loire, wo er in seinem Garten arbeitet und in der Dorfgaststätte Karten spielt. Eines Tages wird ein Junge von 19 Jahren namens Jean Maura vorstellig, weil er sich Sorgen um seinen Vater in New York macht: Joachim, genannt „Little John“ Maura, der durch die Produktion von Jukeboxen zum Millionär geworden ist. Mauras französischer Notar d’Hoquélus berichtet von verdächtigen Transaktionen mit denen offensichtlich Geld beiseitegeschafft werden soll. Jean möchte in Amerika nach dem Rechten sehen und hofft auf Unterstützung durch den pensionierten Kriminalkommissar. Ehe er sich versieht, hat Maigret zugesagt und befindet sich auf einer Schiffsüberfahrt auf den amerikanischen Kontinent.

Kaum hat der Dampfer im Hafen von New York angelegt, kommt dem Kommissar sein junger Begleiter abhanden. So begibt er sich ins Hotel Saint-Régis an der Fifth Avenue, wo Maura senior residiert und merkwürdig wenig Interesse an Ankunft und Verschwinden seines Sohnes erkennen lässt. Sein junger Sekretär Jos MacGill spielt sich in den Vordergrund und wimmelt den französischen Gast ab. Maigret sucht Unterstützung bei Michael O’Brien, einem alten Freund vom FBI, der zwar betont, wegen der amerikanischen Freiheitsrechte nicht selbst im Fall ermitteln zu dürfen, aber Andeutungen über Mauras Vergangenheit macht. Der Millionär kam mit 22 Jahren als französischer Immigrant nach New York und lebte die ersten Jahre unter bescheidenen Verhältnissen in der Bronx. Als Maigret, der seit seiner Ankunft von einer Bande zwielichtiger Gangster beschattet wird, dort aufkreuzt, ist kurz zuvor ein alter Schneider namens Angelino Giacomi überfahren worden, wie es aussieht, um einen Mitwisser aus dem Weg zu räumen. Nun schaltet sich auch die New Yorker Polizei unter Leitung des formalistischen Lieutenants Lewis in die Ermittlungen ein.

miniatur|Luftaufnahme von Manhattan (1931)

Maigret, der sich nicht in die Lebensgewohnheiten des fremden Landes einzufinden vermag, heuert den amerikanischen Privatdetektiv Ronald Dexter an, einen ehemaligen Clown, der sich vor allem durch Melancholie und einen Hang zum Alkohol auszeichnet. Dennoch fördern seine Kontakte zum Zirkusmilieu das Vorleben Mauras zutage: Dieser trat in seiner ersten Zeit in Amerika als Geiger in Varietés auf und bildete mit dem Klarinettisten Joseph Daumale das musikalisch-komödiantische Duo J & J. Ein junges Mädchen namens Jessie Dewey wich den beiden Partnern nie von der Seite. Während Maigret Mauras Lebensgeschichte erfährt, ist auch Maura junior wohlbehalten wieder aufgetaucht und reiht sich in die Riege derjenigen ein, die Maigret auffordern, seine Ermittlungen einzustellen. Der ehemalige Kommissar hat allerdings bereits die Fährte eines lange zurückliegenden Verbrechens aufgenommen. Er bittet Maura senior, MacGill und einen schmierigen Journalisten namens Jim Parson in sein Hotel, wie er sie einst in Paris an den Quai des Orfèvres vorgeladen hätte.

Ein Anruf in La Bourboule bei Daumale, der wieder nach Frankreich zurückgekehrt ist und eine Karriere als Dirigent gemacht hat, klärt die Vorgeschichte auf: Maura und Jessie hatten geheiratet und gerade ein Kind gezeugt, als Maura wegen des Todes seines Vaters vorübergehend nach Frankreich zurückkehren musste. In der Zwischenzeit machte sich sein Freund Daumale an Jessie heran und brachte das Kind seines Partners im Heim unter. Später nahm es eine Mrs. MacGill in Pflege. Der zurückgekehrte Maura tötete Jessie aus Eifersucht, eine Tat, an der er sein Leben lang litt. Auch Maigret fühlt Mitleid mit dem alten Maura und sieht im feige lavierende Daumale den eigentlich Schuldigen an der Tragödie. Dieser war es auch, der Parson die alte Geschichte enthüllte. Der Journalist trug sie Jos MacGill zu, Mauras und Jessies Sohn, der unter schlechtem Einfluss einer vierköpfigen Verbrecherbande stand, die sich von der Verwandtschaftsbeziehung finanzielle Vorteile versprach. Zwar erreichten Vater und Sohn bei ihrem Treffen eine Verständigung und Jos arbeitet seither als Sekretär an Mauras Seite, doch sie werden nun von seinen skrupellosen Freunden erpresst, die bereits große Teile von Mauras Vermögen an sich gebracht haben. Sie waren es, die den Tatzeugen Giacomi ermordeten, als Maigrets Ermittlungen ihre kriminellen Geschäfte gefährdeten. Und sie exekutieren auch den vermeintlichen Verräter Parson mit einer Maschinenpistole, kaum dass dieser Maigrets Hotel verlässt. Dass es Lieutenant Lewis gelingt, die Bande festzunehmen, kümmert Maigret bereits nicht mehr. Die Aussagen von gewohnheitsmäßigen Verbrechern interessieren ihn nicht, und er kehrt heim ins Loiretal, wo seine Pflanzensetzlinge auf ihn warten.

Interpretation

Laut Crystel Pinçonnat folgt Maigret in New York in seinem Aufbau dem Schema aller Maigret-Romane: Ein anfänglicher Erholungszustand wird durch ein Verbrechen und die einsetzenden Ermittlungen des Kommissars beendet. Es folgt eine lange Phase der Niedergeschlagenheit, in der Maigrets Methoden den Umständen der Tat nicht angemessen scheinen. Schließlich gelingt es dem Kommissar doch, sich in das Milieu einzufinden. Er identifiziert sich mit dem Fall und entwickelt Sympathie und Mitgefühl für die involvierten Personen, bis sein Verständnis für die Hintergründe der Tat den Fall aufklärt. Dabei bricht Simenon mit den traditionellen Mechanismen von Kriminalromanen, was Thomas Narcejac auf die Formel bringt: Simenon sei nicht am „Wie“ interessiert, sondern ausschließlich am „Warum“.Crystel Pinçonnat: Maigret contre Metal, S. 118.

Die Besonderheit von Maigret in New York liegt für Pinçonnat in der fremden Umgebung, in die Simenon seinen Kommissar versetzt. Der Titel mit seiner Verbindung des in Paris verwurzelten Maigrets und der Stadt New York wirkt wie ein Oxymoron. Die Fremdheit des Kommissars in der amerikanischen Metropole durchzieht den Roman und äußert sich bereits auf den ersten Seiten: „Er kam sich völlig fehl am Platze vor“.Georges Simenon: Maigret in New York. Diogenes, Zürich 2008, S. 9. Der Zeichnung New Yorks fehlt jegliche Faszination: „Der Wagen fuhr durch ein schmutziges Viertel mit Häusern von widerwärtiger Hässlichkeit. War das New York?“Georges Simenon: Maigret in New York. Diogenes, Zürich 2008, S. 10. Maigret nimmt der Stadt ohne Conciergen gegenüber die Haltung eines Touristen ein, und so sind auch die Beschreibungen pittoresker Örtlichkeiten wie der Fifth Avenue oder Greenwich Villages die eines unbeteiligten Flaneurs. Zu einer gewissen Vertrautheit findet Maigret erst, als er vom Luxushotel Saint-Régis in das schäbige Berwick am Broadway umzieht, wo die Ausstattung ist, „wie man sie in jedem möblierten Zimmer in jeder Stadt der Welt findet.“Georges Simenon: Maigret in New York. Diogenes, Zürich 2008, S. 58. Erst als die Stadt für Maigret ihre Eigenart verliert, als es ihm gelingt, die Außenwelt vollständig auszublenden, kann er sich auf die Personen konzentrieren, sich in sie einfühlen und „selbst zu Little John werden“.Georges Simenon: Maigret in New York. Diogenes, Zürich 2008, S. 150.Crystel Pinçonnat: Maigret contre Metal, S. 118–120.

In Maigret in New York dekonstruiert Simenon nicht nur den Mythos von Amerika und New York, er macht für Pinçonnat auch tabula rasa mit dem Mythos des amerikanischen Kriminalromans. Die Exotik des roman noir findet in Maigrets Welt keinen Platz und zeigt sich lediglich in einigen ironischen Versatzstücken wie etwa der Beschreibung eines ehemaligen Boxers: „Bill leitete die Aktion, energisch seinen Kaugummi kauend, den Hut im Genick wie in alten Filmen.“Georges Simenon: Maigret in New York. Diogenes, Zürich 2008, S. 31. Dabei ist der Film, den Maigret zur Einstimmung auf das entscheidende Verhör anschaut, gerade kein film noir, sondern eine Komödie von Laurel und Hardy. Wie die meisten Maigret-Romane erweist sich Maigret in New York als Verteidigung der berühmten Methode des Kommissars gegenüber ihren Kritikern, in diesem Fall seiner amerikanischen Kollegen. Maigrets Methode beweist ihre Universalität und Allgemeingültigkeit. Unabhängig von geographischen Örtlichkeiten und sozialen Masken interessiert er sich für etwas Unveränderliches: den „nackten“ Menschen.Crystel Pinçonnat: Maigret contre Metal, S. 121.

Hintergrund

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung Frankreichs kehrte Simenon aus dem Westen Frankreichs, in dem die Familie während des Vichy-Regimes gelebt hatte, wieder zurück nach Paris. Er hatte den Plan gefasst, nach Amerika auszuwandern und schrieb, während er die nötigen Formalitäten erledigte, mehrere Romane, darunter den ersten Nachkriegs-Maigret-Roman Maigret regt sich auf.Fenton Bresler: Georges Simenon. Auf der Suche nach dem „nackten“ Menschen. Ernst Kabel, Hamburg 1985, ISBN 3-921909-93-7, S. 240–241. Am 5. Oktober 1945 kam Simenon mit seiner Familie in New York an, wo er zehn Tage verbrachte, ehe er ins frankophone Kanada nach Sainte-Marguerite-du-Lac-Masson, nordwestlich von Montreal weiterreiste.Patrick Marnham: Der Mann, der nicht Maigret war. Das Leben des Georges Simenon. Knaus, Berlin 1995, ISBN 3-8135-2208-3, S. 305–306. Hier schrieb Simenon im Januar 1946 seinen ersten Roman auf dem amerikanischen Kontinent Drei Zimmer in Manhattan. Der autobiografisch inspirierte Roman basierte auf der wenige Wochen zurückliegenden Begegnung Simenons mit seiner zweiten Ehefrau und wühlte Simenon derart auf, dass er, zur Entspannung wie Pierre Assouline anmerkt, den Roman Maigret in New York anschloss.Pierre Assouline: Simenon. A Biography. Chatto & Windus, London 1997, ISBN 0-7011-3727-4, S. 235.