mini|Bildnis der Shitala, 19. Jahrhundert Shitala ( „die Kühle“,Gerhard J. Bellinger: Knaurs Lexikon der Mythologie. Knaur, 1999, S. 453: Shitala „die Kühlende“), auch Shitalamata („Mutter Shitala“) oder Shitala Devi („Göttin Shitala“) genannt, ist die indische Pockengöttin,Jan Knappert: Lexikon der indischen Mythologie. Heyne Verlag, München 1994, ISBN 3-453-07817-9, S. 273: Shitala Göttin der Masern und Göttin der Erkrankungen (besonders der fiebrigen) im Allgemeinen. Sie ist zudem die Muttergöttin sowie Schutzgöttin von Bengalen. Darüber hinaus wird sie auch in Teilen der indischen Diaspora verehrt.
Geschichte Sie erscheint vor allem in manchen tantrischen Texten, eigener bengalischer Literatur wie den Shitala-Mangal-Kabyas aus dem 17. Jahrhundert, bengalischen Gedichten, manchen ayurvedischen Texten und den Skanda-Puranas. Diese gehen aber vermutlich auf eine ältere orale Tradition zurück.
Schutz- und Straffunktionen In tantrischen Kreisen ist sie die Beschützerin der Kornkammern, die Fülle und Überfluss verspricht. Dort wird sie auch mit dem Schutz und der Vernichtung von Feinden verbunden. Generell vernichtet sie alles, was das Wohlbefinden einschränkt und steht so in enger Verbindung mit Wachstum, Entwicklung und materiellem Wohlbefinden. Shitala sichert so Lebensqualität. Sie verkörpert die Fruchtbarkeit im landwirtschaftlichen Jahreszyklus. Die Konzeption und die Ursprungsmythen sowie das Ritual für Shitala weisen lokal große Unterschiede auf. So wird sie im indischen Bundesstaat Gujarat nicht mehr als Pocken- oder Krankheitsgöttin identifiziert, sondern als Spenderin von Glück, guten Ehemännern und guten Söhnen, ebenso als Herrscherin der Winde, Spenderin von ausgiebigem Regen, guter Ernte und reichlicher Nahrung. Sie ist dort auch für die Fruchtbarkeit von Frischvermählten zuständig. Und auch der Tag ihrer Verehrung variiert von Ort zu Ort teils sehr stark, besonders auf dem Land, wo Unstimmigkeiten im Festtagskalender im Gegensatz zum panhinduistischen Pantheon nicht unüblich sind und als nicht wesentlich erachtet werden. Obwohl die Pockeninfektion seit etwa 1980 als weltweit ausgerottet gilt, wird Shitala weiterhin verehrt, da sie auch andere Funktionen wahrnimmt, so dass sie nicht ausschließlich mit Pocken identifiziert wird. Man glaubt, dass Shitala an ihrem Festtag in die Häuser der Gläubigen kommt und sich auf dem Herd niederlegt.Babagrahi Misra: Sitala: the small-pox goddess of India. In: Asian Folklore Studies. Vol. 28, No. 2, 1969, S. 133–142. (online). Ist dabei aber der Herd doch aus Versehen entzündet oder nicht ausgemacht worden, erzürnt die Göttin, infiziert die im Haus lebenden Familienmitglieder als Strafe mit Pocken und verbrennt diese von innen. Ihrem Namen und den mythischen Umständen ihrer Geburt entsprechend, liebt die Göttin alles Kalte und hasst alles Warme. Ebenso verabscheut sie Dreck und Schmutz. Sie wird oftmals mit Hunden und Katzen assoziiert. In der Regel nimmt sie die Gestalt einer alten Frau an, wenn sie Gläubigen erscheint. Gelegentlich erscheint sie aber auch in Träumen.
Heute gilt sie, wie die Göttin Shashthi, vielerorts auch als Beschützerin von Kindern. Mittlerweile wird sie zunehmend auch für moderne Erkrankungen wie AIDS verantwortlich geglaubt. Es handelt sich bei ihr um eine sehr populäre Volksgöttin (gramadevata). Shitala wird neben Westbengalen und Gujarat hauptsächlich im Norden Indiens verehrt, während sie im Süden unbekannt ist. Im Süden Indiens in Tamil Nadu entspricht ihr weitgehend die Göttin Mariyamman. Oft gilt sie als Erscheinungsform der Kali oder der Durga.Gerhard J. Bellinger: Knaurs Lexikon der Mythologie. München 1999, ISBN 3-8289-4154-0, S. 453: Shitalā In ihrer ursprünglich nicht bzw. wenig sanskritisierten Repräsentation wird sie vorzugsweise allein, unabhängig, jungfräulich, kinderlos und ohne Ehemann verehrt. Im Zuge von Saumyaisierung („Versüßlichung, Befriedung“) und damit einhergehenden Reinterpretations- und Dekonstruktionsprozessen wird ihr aber heute auch oftmals ein männlicher Ehepartner, vorzugsweise Shiva, zugeordnet, um sie zu pazifizieren und sie leichter in ein brahmanisches, panhinduistisches Pantheon zu integrieren. Shitala taucht in der klassischen Sanskritliteratur nicht auf. Der heute ursprünglich wenig bis nicht sanskritisierte Shitala-Kult ist ein Amalgam aus verschiedenen nichtsanskritisierten lokalen Volkskulten und dem Kontakt zum brahmanisierten Hinduismus. Wie viele indische Götter hat auch sie ein doppeltes Wesen: einerseits bringt sie die Pocken, andererseits kann sie Menschen aber auch davon heilen, davor bewahren und alles Leiden von ihnen nehmen.
Sie ist gnädig zu denen, die sie verehren und hart und unnachgiebig zu denen, die ihr ihre Anbetung verweigern. Shitala bestraft insbesondere diejenigen, die das Gleichgewicht von Kalt und Warm in ihrem Leben und ihrem Körper stören. Vorzugsweise wird sie von den niederen Kasten verehrt. Weit verbreitet ist der Glaube, dass Shitala nachts durch die Dörfer streift auf der Suche nach Opfern und Beute. Daher vermeiden es insbesondere Frauen und Kinder aus Furcht in dunklen Nächten in die Nähe ihrer Tempel zu gehen, um nicht auf die Göttin zu treffen.
Besessenheit durch Shitala Menschen, die durch Lepra oder Pockeninfektion sterben, werden nicht verbrannt, sondern begraben oder in einem Fluss beigesetzt, da dies als göttlicher Tod (Essenz der Göttin) angesehen wird und man glaubt, dass die Göttin Shitala Besitz von Kranken ergriffen hat (Besessenheit), in sie fährt und eins mit ihnen wird.Axel Michaels: Der Hinduismus Geschichte und Gegenwart. C.H. Beck Verlag, München 1998, S. 256. Damit einher geht also durchaus auch die Vorstellung Kontakt mit der Göttin aufzunehmen und ein gewisses „Auserwähltsein“. Die Infektion mit Pocken kann also nicht nur als Strafe, sondern auch als besondere Gunst und Gnade der Göttin und große Ehre verstanden werden. Die Infektion mit der Krankheit wird oft einfach als „Kuss der Göttin“ bezeichnet. Weit verbreitet ist auch der Glaube, dass man nach einer Pockeninfektion immun gegen die Krankheit wird. Weiterhin soll sie auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereiten, den Körper für andere Krankheiten stärken und resistent gegen sie machen. So wird die Krankheit oft als Segnung in Verkleidung aufgefasst. Die Pockenübertragung gilt also auch als Form der körperlichen und sogar der sexuellen Liebe und wird als Spiel (Lila) der Göttin verstanden. Sie gilt also durchaus auch als wünschenswerter Zustand. In Indien wurde sie seit jeher als streng religiös verstanden. Im Sanskrit werden Masern auch als choti mai oder choti mata („die kleinere Mutter“) bezeichnet, während man Pocken dort auch bari mai oder bari mata („die größere Mutter“) nennt.Dorothy S. Mull: The Sitala syndrome: the cultural context of measles mortality in Pakistan. In: The Anthropology of Infectious Disease: International Health Perspectives. 1997. Wenn Shitala erzürnt, erhitzt sie sich, wodurch sie auch den Körper des Besessenen von innen verglüht und ihre Opfer überhitzt. Daher muss sie gekühlt werden. Wenn der Kranke geheilt ist, verlässt Shitala den Körper.Lauren Minsky: Pursuing Protection from Disease: The Making of Smallpox Prophylactic Practice in Colonial Punjab. In: Bulletin of the History of Medicine. vol. 83, No. 1, 2009, S. 164–190.
Frauen versuchen oft die Infektion und Besessenheit durch Shitala auf lebende (meistens Tiere) oder leblose Objekte zu übertragen, vorzugsweise handelt es sich dabei um Hunde und Flüsse. Dabei werden vom Kranken gegessene übriggebliebene Speisen den Hunden zu essen gegeben oder von ihm benutzte Gegenstände in den Fluss geworfen. Die Worte, die der Kranke durch das hohe Fieber im Delirium spricht, verstehen Gläubige als Wünsche der Göttin und handeln danach. Die Pocken selbst werden auch als Blumen, die den Körper der Göttin schmücken, bezeichnet. Man glaubt, dass Shitala ihren Begleiter Jvarasura, der 64 Pockenarten hervorruft, vorwegschickt, damit er die Menschen mit Fieber ansteckt, bevor die Göttin ihm nachfolgt und die Pocken überträgt. Dies tut sie, indem sie Pockenkeime auf ihre Opfer wirft. Vielerorts beispielsweise in Orissa leben sogenannte Kalasi, die man als besessene Personen bzw. Krankheits-Orakel ansieht und von dem die Dorfbewohner die Wünsche der Shitala erfahren. Er spricht demzufolge mit der Stimme der Göttin. Es werden auch magische Rituale praktiziert, in denen man versucht, die Göttin zum Verlassen des Körpers zu bewegen.
Ikonographie und Symbolik Shitala wird meist als schönes junges Mädchen, nackt, vierarmig und in roter Körperfarbe dargestellt. Ihr Vahana ist der Esel (ein Symbol für endlose, unermüdliche, widerstandslose Mühe und Quälerei und gefürchteter Überträger von Krankheiten), und ihre Attribute sind eine silberne Rute, ein Fächer, eine Schüssel sowie ein Topf mit Wasser. Sie nutzt diese Elemente, um ein Haus von Krankheit zu befreien. Sie fegt die Keime mit ihrem Besen auf, nutzt den Fächer sie zu sammeln und kippt sie in die Schüssel. Dann spritzt sie Wasser (entnommen aus dem Ganges) aus dem Topf, um das Haus zu reinigen und die Infizierten zu kühlen.
Mythologie Shitalas Geburt und Aufstieg zur Pockengöttin Der Mythos zu Shitalas Geburt erzählt folgendes: Ein König namens Nahusha wünschte sich einst einen männlichen Nachkommen und brachte dem Gott Brahma ein Opfer da. Doch etwas ging schief und anstatt eines Sohnes entstand ein schönes junges Mädchen aus der abgekühlten Asche des Opferfeuers. Brahma fragte sie nach ihrem Namen, doch sie kannte ihn nicht. Daraufhin gab er ihr den Namen Shitala, „die Kühlende“. Shitala fragte Brahma nach ihrem Status in der Welt. Der Gott versprach ihr nach ihrer Geburt, dass die Menschen sie immer verehren werden, solange sie die Saat für eine bestimmte Linsensorte (urad dal/schwarze Linsen) einpflanzen würde. Shitala fragte nach einem Begleiter und wurde zu Shiva geschickt. Beeindruckt von ihrer Hingabe, erklärte er sich bereit ihr einen Begleiter zu gewähren und segnete sie. Aus seinen heiligen Schweißtropfen nach seiner Askese schuf er einen „Dämon“ von ungeheurer Größe. Vishnu schnitt ihn in drei Teile, Brahma oder setzte ihn wieder zusammen. Aber der „Dämon“ hatte nun drei Köpfe und drei Paare von Armen und Beinen. Er wurde entstellt und entmannt. Er erhielt den Namen Jvarasura und wurde der „Dämon“ des Fiebers. Zusammen mit ihrem neuen Begleiter reiste Shitala auf einem Esel, der einen Sack mit Linsen auf seinem Rücken trug, um die anderen Götter zu besuchen. Dabei nahm sie die Gestalt einer alten Frau an, Jvarasura die Gestalt eines kleinen Jungen. Irgendwo auf dem Weg, verwandelten sich ihre Linsen in Pockenkeime und jeder, den sie besuchte, bekam Fieber und Pocken. Die Götter baten Shitala daraufhin um Gnade, die Pocken von ihnen zu nehmen und auf die Erde zu gehen. Im Gegenzug würden sie sie immer verehren.
Die Göttin war einverstanden und ging zusammen mit Jvarasura auf die Erde, um eine neue Bleibe zu finden. Ihre erste Station war der Hof von König Bhirat, der Shiva verehrte. Doch König Bhirat wollte Shitala nicht den Vorzug vor Shiva geben und so drohte sie ihm, ihn und sein Volk zu infizieren. Er ließ sich jedoch nicht beirren, und so sandte Shitala 75 verschiedene Arten von Pocken auf ihn und sein Volk hinunter. Die Krankheit verbreitete sich wie ein Lauffeuer und es gab viele Tote. Das Volk wollte zu Shitala um Heilung beten, doch König Bhirat verbot es. Schließlich zeigte sich König Bhirat einsichtig, gab nach und Shitala heilte ihn und sein Volk. Sie alle blieben ohne bleibende Narben zurück. Dieser Mythos verdeutlicht, wie Shitala von einer ursprünglich regionalen folkloristischen Göttin Aufnahme in den sanskritisierten brahmanisierten Hinduismus fand.
Shitala, die Kühlende
Der Mythos zur Einführung ihrer Rituale erzählt weiter: