Der Präsident der Republik Chile () ist sowohl das Staatsoberhaupt als auch der Regierungschef der Republik Chile. Er wird vom Volk direkt für eine Wahlperiode von vier Jahren gewählt, eine zweite Amtszeit ist erst nach einer Unterbrechung durch einen anderen Präsidenten möglich. Derzeitiger Amtsinhaber ist José Antonio Kast.
Chile ist seit 1810 unabhängig, seit den 1820er Jahren hatten sich ein präsidentielles System sowie der Titel Präsident für das Staatsoberhaupt eingebürgert. In der Verfassung von 1833 wurde dem Präsidenten eine dominante Stellung im politischen System eingeräumt. Nach einer Phase mächtiger Präsidenten mit durch Wiederwahl zehnjährigen Amtszeiten erodierte deren Einfluss, und das Präsidentenamt wurde zu Gunsten des Parlaments schwächer. Zwischen 1891 und 1925 übte der Präsident trotz gleicher Verfassung faktisch nur noch eine repräsentative Funktion aus, ehe die Verfassung von 1925 ihn wieder stärkte. Nachdem sich das Militär 1973 an die Macht geputscht hatte, trat unter dem Diktator Augusto Pinochet 1980 eine neue Verfassung in Kraft, die in ihren Grundzügen bis heute gilt. Durch eine Verfassungsänderung 2005 wurden einige autoritäre Enklaven aus dem Verfassungstext entfernt.
Der chilenische Präsident hat umfassende Ernennungsbefugnisse. Die Zusammenstellung seines Kabinetts geschieht ohne Zustimmung des Parlaments, zudem ernennt er die Delegierten in die Regionen, Bürgermeister, Richter des Obersten Gerichtshofs, Anwälte des Verfassungsgerichts und die Oberkommandierenden der Streitkräfte. Im Gesetzgebungsprozess hat der Präsident in weiten Teilen der Wirtschafts- und Finanzpolitik alleiniges Initiativrecht. Den Haushaltsentwurf des Präsidenten muss das Parlament binnen 60 Tagen beraten, sonst tritt er automatisch in Kraft. Er kann zudem durch spezielle Dringlichkeitsstufen den Gesetzgebungsprozess beschleunigen oder Themen in den Fokus rücken. Gesetzesdekrete, wie es sie in anderen lateinamerikanischen Staaten gibt, die dem Präsidenten erlauben, ohne parlamentarische Zustimmung zu regieren, gibt es in Chile nur auf einen Politikbereich und ein Jahr begrenzt.
Dennoch wird das Amt des chilenischen Präsidenten im lateinamerikanischen und weltweiten Vergleich häufig als äußerst mächtig eingestuft. Ausschlaggebend dafür ist seine dominante Stellung im Gesetzgebungsprozess, wenngleich von manchen Beobachtern eingeräumt wird, dass er trotz allem auf den Rückhalt einer Parlamentsmehrheit angewiesen ist.
mini|hochkant=1.5|Die ersten fünf Präsidenten Chiles seit der Demokratisierung: von links Ricardo Lagos (2000–2006), Michelle Bachelet (2006–2010, 2014–2018), Sebastián Piñera (2010–2014, 2018–2022), Patricio Aylwin (1990–1994) und Eduardo Frei Ruiz-Tagle (1994–2000)
Verfassungsgeschichtliche Entwicklung
Nach der Unabhängigkeit Chile war zwar seit 1810 unabhängig, erlangte seine volle Unabhängigkeit jedoch erst, nachdem die chilenischen Truppen 1817 die spanischen Royalisten in der Schlacht von Chacabuco hatten schlagen können. Der Oberbefehlshaber des chilenischen Heeres, Bernardo O’Higgins, übernahm nach dem Sieg das Amt des Director Supremo, des obersten Direktors des Landes. Er setzte 1818 eine autoritäre Übergangsverfassung durch, in der er zum Staatschef aufstieg. Mit der unabhängigen Justiz und dem Senat wurden Gegengewichte zur Exekutive geschaffen, allerdings bestimmte O’Higgins die Senatsmitglieder. Als er eine Verfassungsreform anstrebte, die seine Regierungszeit um weitere zehn Jahre verlängern sollte, kam es 1823 zum Putsch durch General Ramón Freire y Serrano, der neuer Director Supremo wurde, bis er 1826 vom Kongress und von Aufständischen zum Rücktritt gezwungen wurde, obwohl er kurz zuvor die letzten spanischen Truppen innerhalb Chiles vertrieben hatte.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck 2007, S. 36f. Danach entschloss sich der Kongress, erstmals das neu geschaffene Amt des Präsidenten zu wählen, und entschied sich für Manuel Blanco Encalada, der am 9. Juli 1826 erster Präsident von Chile wurde.
In den Folgejahren blieb die politische Lage in Chile dennoch instabil. Blanco trat nach zwei Monaten zurück und überließ sein Amt dem Vizepräsidenten Agustín Eyzaguirre, der wiederum im Januar des folgenden Jahres von Ramón Freire zum Rücktritt gezwungen wurde. Freire wurde 1827 kurzzeitig Präsident, bevor sein Vizepräsident Francisco Antonio Pinto ihn beerbte. General Ramón Freire (1823–1826, 1827) und General Francisco Antonio Pinto (1827–1829) galten als liberal und brachten neue Verfassungsprojekte auf den Weg, die sich allerdings als unbrauchbar erwiesen. Unter ihnen bürgerte sich jedoch die Bezeichnung „Präsident“ für das Staatsoberhaupt ein.Stefan Rinke: Das politische System Chiles. In: Klaus Stüwe (Hrsg.): Die politischen Systeme Nord- und Lateinamerikas. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008, S. 148. Die gesellschaftliche Spaltung in die Lager der Liberalen und der Konservativen mündete schließlich in einen Bürgerkrieg, den die Konservativen nach der gewonnenen Schlacht von Lircay 1830 für sich entschieden. Mit dem Sieg der Konservativen stabilisierte sich das politische System vorerst.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck 2007, S. 37.
Verfassung von 1833 mini|Diego Portales, Namensgeber der portalianischen Verfassung 1831 berief Innenminister Diego Portales einen Verfassungskongress ein, der 1833 mit der „portalianischen“ Verfassung ein ungewöhnlich langlebiges Grundgesetz schuf, das der Vormachtstellung der Konservativen Rechnung trug. Die Verfassung orientierte sich formal am US-amerikanischen Präsidialsystem. Der Präsident sollte alle fünf Jahre gewählt werden, wobei eine Wiederwahl gestattet wurde. Offiziell handelte es sich um eine repräsentative Demokratie, doch da das Wahlrecht an Besitz gekoppelt war, durften nur wenige Chilenen wählen.John L. Rector: History of Chile. Gordonsville: Palgrave Macmillan 2005, S. 73. Als Gegengewichte zum Präsidenten wurde dem Zweikammerparlament die Hoheit über Haushalt und Steuern übertragen. In der Praxis war die Stellung des Präsidenten jedoch übermächtig: Er ernannte die Provinizialintendanten, über die er die Verwaltung bis in die entlegensten Landesteile kontrollierte. Zudem konnte er Stimmen kaufen und Ämter an seine Gefolgsleute vergeben, so dass die Bildung einer Opposition im Parlament ausblieb. Indem es dem Präsidenten über Notstandsgesetze noch in die Karten spielte, wirkte das Parlament an seiner eigenen Entmachtung mit.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck 2007, S. 38. In den folgenden 40 Jahren regierten mit General José Joaquín Prieto Vial (1831–1841), General Manuel Bulnes Prieto (1841–1851), Manuel Montt (1851–1861) und José Joaquín Pérez (1861–1871) lediglich vier Präsidenten.
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts zeichnete sich der Aufstieg des chilenischen Bürgertums ab, das zunehmend politische Partizipation einforderte. In den 1870er Jahren brachen sich die Modernisierungsansätze des liberalen Bürgertums schließlich Bahn. Nach der Kongresswahl 1870 kam es zu grundlegenden Verfassungsänderungen. Die direkte Wiederwahl des Präsidenten wurde aufgehoben, so dass die Zeit der Präsidentendekaden ein Ende fand. Mit Federico Errázuriz Zañartu wurde 1871 erstmals wieder ein Liberaler Präsident. In seine Amtszeit fällt eine Änderung des Wahlrechts, das von nun an allen Männern ab 21 Jahren, die lesen und schreiben konnten, zustand. Zwar schloss dieses neue Wahlrecht nach wie vor große Bevölkerungsteile aus, aber Wahlbetrug wurde schwieriger; Korruption und Einmischung in den Wahlvorgang gab es jedoch weiterhin. Für den Senat wurden Direktwahlen eingeführt, was die Macht des Präsidenten weiter einschränkte.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck 2007, S. 44ff.
Die Stärkung des Parlaments führte schließlich zu einem verfassungspolitischen Konflikt, weil auch die liberalen Präsidenten nicht damit einverstanden waren, dass ihre Macht beschränkt wurde. In den 1880ern florierte die chilenische Wirtschaft und Präsident José Manuel Balmaceda wollte die Rolle des Präsidenten wieder stärken, um große Bauprojekte durchzusetzen. Als Chile 1890 von einer Wirtschaftskrise getroffen wurde, kam es zum Konflikt zwischen dem Präsidenten und dem Kongress. Der Kongress weigerte sich, den Haushalt Balmacedas mitzutragen, woraufhin dieser seinen Haushaltsentwurf für weiterhin gültig erklärte. Das Parlament warf ihm schließlich Verfassungsbruch vor und beauftragte die Marine unter Jorge Montt Álvarez, die verfassungsmäßige Ordnung wiederherzustellen. Auf Balmacedas Seite kämpfte die Armee, so dass es 1891 zum Bürgerkrieg kam, den die Regierungstruppen schließlich verloren. Balmaceda floh in die argentinische Botschaft und nahm sich an dem Tag, an dem seine Amtszeit endete, das Leben. Mit seinem Tod endete ein Prozess, in dem sich das Parlament immer mehr Rechte zu Ungunsten des Präsidenten erkämpft hatte.John L. Rector: History of Chile. Gordonsville: Palgrave Macmillan 2005, S. 110.
Das Übergewicht des Kongresses gegenüber der Exekutive dauerte bis in die 1920er Jahre an und wird gemeinhin als Phase der „Parlamentarischen Republik“ bezeichnet. Die Verfassung von 1833 blieb nach wie vor in Kraft, wurde jedoch anders ausgelegt. Der Einfluss des Präsidenten sank, da er in Fragen des Haushalts, der Verwaltungsausgaben und des Militärbudgets die Zustimmung des Parlaments benötigte, das er zudem nicht mehr auflösen konnte. 1891 rückte Jorge Montt Álvarez ins höchste Staatsamt auf. Er und seine Nachfolger verstanden ihre Rolle eher repräsentativ und überließen den Großteil der Entscheidungen dem Kongress.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck 2007, S. 67f.
Verfassung von 1925 Bei der Präsidentschaftswahl 1920 konnte sich mit Arturo Alessandri Palma der Kandidat der Arbeiterklasse und der Mittelschicht durchsetzen. Der anfängliche Enthusiasmus schlug jedoch bald in Unzufriedenheit um, weil Alessandri wegen einer Pattsituation im Parlament und Widerständen in den eigenen Reihen die erhofften Reformen nicht durchsetzen konnte. Zu der Unzufriedenheit mit der politischen Situation paarte sich eine wirtschaftliche Unsicherheit, was 1924 schließlich zu einem Putsch führte.Stefan Rinke: Kleine Geschichte Chiles. München: Verlag C.H. Beck, S. 78f.