Die Initiative für besseren Nahverkehr (IfbN) war eine Bürgerinitiative, die sich ab 1982 für die Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs in der ostwestfälischen Stadt Bielefeld und der umgebenden Region Ostwestfalen-Lippe eingesetzt hat. Die Initiative bekam für ihre Arbeit 1987 den Umweltpreis der Stadt Bielefeld. Umwelt- und Klimaschutzpreis Preisträger*innen 1985 - 2024 Homepage der Stadt Bielefeld, abgerufen am 15. August 2026
Geschichte Die Initiative für besseren Nahverkehr (IfbN) gründete sich 1982 in Bielefeld. Sie entstand in einer Phase der Neuordnung des Bielefelder Straßenbahnnetzes und der Vorbereitung auf die Stadtbahn Bielefeld. Als Auslöser für die Gründung bezeichnete das IfbN-Mitglied Eckehard Frenz rückblickend die 1982 erfolgte Stilllegung einer etwa einen Kilometer langen, auf eigenem Bahnkörper verlaufenden Straßenbahnstrecke.Eckehard Frenz: Bürger pro Nahverkehr – Erfolgsbericht und Zwischenbilanz. In: Verkehrszeichen. Sonderheft Blickpunkt Straßenbahn, 1985, S. 37–42, hier S. 37. Gemeint war hier der Streckenabschnitt vom Jahnplatz über Alfred-Bozi-Straße und die Klosterstraße zum Adenauerplatz.
Die Initiative setzte sich für eine Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs und eine stärkere Berücksichtigung des ÖPNV in der Bielefelder Verkehrsplanung ein. Zu ihren frühen Aktivitäten gehörten Protestaktionen, Öffentlichkeits- und Pressearbeit sowie die fachliche Auseinandersetzung mit den kommunalen Verkehrsplanungen. Frenz beschrieb die IfbN 1985 als eine Gruppe, die neben der politischen Interessenvertretung eigene fachliche Vorschläge entwickelte und Kontakte zu Rat und Fachausschüssen nutzte.
In ihrer frühen Arbeit setzte sich die IfbN insbesondere mit dem weiteren Ausbau der Straßenbahn und den Folgen des Bielefelder Stadtbahntunnelbaus auseinander. Für die Zeit nach Fertigstellung der bereits begonnenen Tunnelbaulose forderte sie unter anderem einen weiteren oberirdischen Ausbau der Straßenbahn, Streckenverlängerungen und Beschleunigungsmaßnahmen. Daneben gehörten der Erhalt und die Modernisierung von DB-Nebenstrecken sowie die Schaffung eines Verkehrsverbunds Ostwestfalen-Lippe zu den von Frenz 1985 genannten Zielen der Initiative.
Fachliche Konzeptarbeit und Verkehrssystemplanung
Neben ihrer politischen und öffentlichen Arbeit entwickelte die IfbN eigene verkehrsplanerische Konzepte. Ein frühes Beispiel ist die 1985 veröffentlichte Schrift Bahnen und Busse in Bielefeld – Alternatives Konzept für den öffentlichen Nahverkehr, die von der Planungsgruppe Nahverkehr der Initiative für besseren Nahverkehr Bielefeld erarbeitet wurde. Die Schrift verbindet eine kritische Bestandsaufnahme der Bielefelder Verkehrsplanung mit Vorschlägen für die bessere Verknüpfung von Stadtbahn, Eisenbahn und Busverkehr. Dabei werden sowohl die Stadtentwicklung als auch die regionale Verkehrsanbindung und die Modernisierung des öffentlichen Verkehrs berücksichtigt.
Ein Schwerpunkt der Überlegungen liegt in der Verknüpfung der verschiedenen Verkehrsmittel. Dazu gehört auch die Betrachtung des Bahnhofs Brackwede als Umsteigeknoten zwischen dem Eisenbahnverkehr, der Stadtbahn und dem Busverkehr. Die Bedeutung dieser Verknüpfung besteht darin, den regionalen Schienenverkehr mit dem innerstädtischen Nahverkehr zu verbinden. Der Bahnhof Brackwede ist auch im heutigen Bielefelder Verkehrssystem ein Umsteigepunkt zwischen der Stadtbahnlinie 1 und Regionalbahnverbindungen.IfBN: Bahnen und Busse in Bielefeld, 1985, S. 10f.
Die fachliche Auseinandersetzung der IfbN bezog sich darüber hinaus auf die Weiterentwicklung des Bielefelder Stadtbahnnetzes. Die Planung der Stadtbahnlinie 4 und ihrer Anbindung an die Universität sowie die mögliche Weiterführung in Richtung Dornberg und Werther bilden einen weiteren Zusammenhang der damaligen verkehrspolitischen Diskussion. Der Beitrag von Eckehard Frenz Stadtbahnlinie 4 in Bielefeld in der Zeitschrift Verkehrszeichen 1/1987 dokumentiert diese Auseinandersetzung und behandelt dabei auch städtebauliche, verkehrliche und planerische Gesichtspunkte.Frenz: Planung alternativ: Stadtbahnlinie 4 in Bielefeld, In: Verkehrszeichen. Jahrgang 3, Heft 1/1987.
Die Broschüre beschränkt sich jedoch nicht auf den innerstädtischen Stadtbahnverkehr. Sie betrachtet auch die Bedeutung der regionalen Eisenbahnstrecken für ein integriertes Nahverkehrssystem. Dabei stehen die Erschließung des Umlands, die Verknüpfung von Eisenbahn und Stadtverkehr sowie die Weiterentwicklung des öffentlichen Verkehrs in der Region im Mittelpunkt. Die Betrachtung der regionalen Bahnstrecken bildet damit eine wichtige Ergänzung zu den Vorschlägen für den Ausbau der Stadtbahn.
Die Veröffentlichung dokumentiert die Entwicklung der IfbN von einer verkehrspolitisch engagierten Bürgerinitiative hin zu einer Gruppe, die auch eigene fachliche Alternativkonzepte für den Stadt- und Regionalverkehr erarbeitete. Die Verbindung von Stadtbahnplanung, Eisenbahnverkehr und regionaler Verkehrserschließung bildet dabei einen wichtigen Hintergrund für die späteren Diskussionen über ein Regionalbahnkonzept für Ostwestfalen-Lippe und die Aktivitäten im Umfeld des Nahverkehrskongresses 1988.
Das ROL-Konzept Ein weiterer Schritt der fachlichen Konzeptarbeit des IfBN war die Entwicklung des ROL-Konzepts. Im Mittelpunkt stand eine integrierte Betrachtung des regionalen Schienenverkehrs mit dem Ziel, die Fläche durch ein abgestimmtes Netz von Regionalbahnverbindungen zu erschließen. Dabei wurde die Bahn nicht lediglich als Verkehrsmittel für einzelne Verbindungen betrachtet, sondern als Bestandteil eines umfassenderen öffentlichen Verkehrssystems, in dem Bahn, Straßenbahn und Bus unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Das Konzept setzte sich mit den Vorteilen des Schienenverkehrs gegenüber dem Bus auseinander und bezog neben dem Personenverkehr auch den regionalen Güterverkehr in die Betrachtung ein. Damit wurde ein Ansatz verfolgt, der über die alleinige Modernisierung bestehender Personenverkehrsangebote hinausging und die Bedeutung der Schieneninfrastruktur für die regionale Entwicklung und Erschließung berücksichtigte.
Ein weiterer Aspekt war die systematische Gestaltung und Benennung von Regionalbahnverbindungen. Das ROL-Konzept enthielt Überlegungen zu einprägsamen Zugnamen. Die Benennung von Zügen kann dabei als Teil der Überlegungen zur Attraktivität und Wahrnehmung des regionalen Bahnverkehrs eingeordnet werden.
Das Konzept bezog auch konkrete Strecken und deren mögliche Weiterentwicklung ein. So wurde unter anderem gefordert, die Reststrecke Lage–Lemgo–Barntrup durch die Extertalbahn übernehmen zu lassen. Darüber hinaus wurden internationale Beispiele als Anregungen für die Entwicklung eigener Verkehrskonzepte herangezogen.
Die im ROL-Konzept entwickelten Überlegungen bildeten einen fachlichen Bezugspunkt für die weitere Auseinandersetzung des IfBN mit der Gestaltung des öffentlichen Verkehrs. Der Nahverkehrskongress von 1988 war dabei nicht Bestandteil des ROL-Konzepts selbst, sondern entwickelte sich im Anschluss aus weiteren Reaktionen und strategischen Überlegungen zu den dort behandelten Fragestellungen.
Nahverkehrstag 1988 in Bielefeld Der Nahverkehrstag ’88 fand vom 14. bis 16. Oktober 1988 im Neuen Rathaus in Bielefeld statt. Die von rund 300 Personen besuchte Veranstaltung stand unter dem Motto „Regionalbahn – Schienen zwischen Stadt und Land“ und befasste sich mit der Modernisierung von Eisenbahn-Nebenstrecken und ihrer Einbindung in den regionalen Nahverkehr. Neben Beiträgen zum Schienenverkehr wurden auch Themen des städtischen Nahverkehrs, des Marketings und der übergreifenden Verkehrsplanung behandelt. Ziel war es, die häufig getrennt betrachteten Bereiche des kommunalen Nahverkehrs und der staatlichen Eisenbahnen aus einer integrierten Perspektive zu betrachten. Die Kongressdokumentation ergänzte die während der Tagung gehaltenen Referate um weitere und aktualisierte Beiträge.
Die Beiträge bildeten unterschiedliche institutionelle und fachliche Perspektiven ab. So stellte Manfred Weber die Verkehrsgemeinschaft Ostwestfalen (VOW) und die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs in Bielefeld aus Sicht des kommunalen Verkehrsanbieters vor.Ortswechsel, Beitrag Manfred Weber, S. 8–11. Wolfram Elsner behandelte die Förderung der Schieneninfrastruktur als Bestandteil regionaler Wirtschaftsförderung und stellte die Arbeit des Arbeitskreises „Schienenverkehr“ in Bielefeld vor.Ortswechsel, Beitrag Wolfram Elsner, S. 13–17. In diesem Arbeitskreis wirkten neben Wirtschafts- und Verkehrsorganisationen, Behörden und weiteren Institutionen auch Vertreter der Initiative für besseren Nahverkehr (IfbN) mit. Die Einbindung der Initiative in solche institutionenübergreifenden Beratungs- und Abstimmungsprozesse verdeutlicht ihre damalige Rolle als fachlicher Gesprächspartner in Fragen der regionalen Schienenverkehrsentwicklung.Ortswechsel, S. 16–17.
Eckehard Frenz behandelte in einem eigenen Beitrag das Thema „(ROL) Regionalbahn Ostwestfalen-Lippe: Fahrt aus der Misere“. Weitere Beiträge beschäftigten sich mit Regionalverkehrskonzepten in den Niederlanden und der Schweiz sowie mit der Entwicklung neuer Regionalfahrzeuge.
„Ortswechsel“ – die Kongressdokumentation Im Zusammenhang mit dem Nahverkehrskongress 1988 entstand mit „Ortswechsel“ erstmals eine professionell gestaltete Publikation der Initiative für besseren Nahverkehr Bielefeld (IfbN). Bei der Gestaltung wurde die Initiative durch den Bielefelder Künstler padeluun unterstützt. Der Band dokumentierte die fachliche Diskussion über die Zukunft des Regionalbahnverkehrs und die Verbindung von Schiene und öffentlichem Nahverkehr.
Eine Besonderheit der Veröffentlichung war ein ausführliches Interview, das das IfbN-Mitglied Bernd Vollmer mit dem Nahverkehrsberater Ulrich Grosse führte. Darin wurden unter anderem die Erfahrungen mit der Modernisierung regionaler Bahnstrecken in Baden-Württemberg, die Finanzierung des Schienenverkehrs in der Fläche sowie die organisatorischen und betrieblichen Voraussetzungen für einen leistungsfähigen Regionalverkehr behandelt.
Mit der professionellen Gestaltung und der Verbindung von Kongressbeiträgen und ausführlichem Interview ging „Ortswechsel“ über eine reine Veranstaltungsdokumentation hinaus. Die Publikation vermittelte die fachlichen Anliegen der IfbN in einer eigenständigen Form und machte sie einem breiteren Interessentenkreis zugänglich.
Weitere Entwicklung
Nachhaltig hat die IfbN die Entwicklung im modernen Öffentlichen Regionalverkehr beeinflusst. In einem Konzept für eine Regionalbahn Ostwestfalen-Lippe (ROL), das auf einem Nahverkehrskongress in Bielefeld vorgestellt wurde, nahm die Initiative zahlreiche später umgesetzte Konzepte vorweg. So setzten sich die Mitglieder für den Erhalt des „Haller Willem“ ein, wie die Bahnstrecke Osnabrück–Brackwede auch genannt wird. Dazu gründeten sie mit weiteren Aktiven 1991 die „Initiative Haller Willem“. Mit Erfolg, seit 2006 verkehren dort wieder Züge.
Ebenso arbeitete man eng mit der Interessengemeinschaft 105 zusammen, die sich für den Erhalt der Bahnstrecke Bünde–Bassum und damit der Direktverbindung zwischen den Großstädten Bremen und Bielefeld starkmachte.
Bestandteile des ROL-Konzeptes waren unter anderem der Einsatz von modernen Nahverkehrstriebwagen (Typ Bombardier Talent), moderne Hochbahnsteige, Taktfahrplan (möglichst jede Stunde), Spätverkehr, attraktive Namen der Regionalbahnstrecken (nach dem Vorbild der damaligen Fernverkehrszüge), moderne Stellwerke. Zahlreiche Komponenten wurden letztlich bundesweit umgesetzt.
Wirkung der Initiative für besseren Nahverkehr