Unter dem Titel „Antisemitismus und Sozialdemokratie“ hielt August Bebel am 27. Oktober 1893 auf dem Kölner Parteitag der Sozialdemokratischen Partei ein Grundsatzreferat zur Stellung der Partei dem Antisemitismus gegenüber. Der Parteitag nahm bei dieser Gelegenheit eine Resolution zum Thema an, die schon auf dem vorherigen Parteitag 1892 in ähnlicher Form verabschiedet worden war. Auf Wunsch verschiedener Delegierter wurde die Rede August Bebels in überarbeiteter Form als Broschüre herausgebracht.

mini|August Bebel, 1898 Das Referat stellt die erste offizielle Auseinandersetzung der Sozialdemokraten mit dem seit Mitte der 1870er Jahre wachsenden Antisemitismus dar. Bebel nennt als einen Grund für sein Referat, „daß über die Bedeutung dieser Bewegung in unseren eigenen Kreisen eine gewisse Unklarheit herrscht.“Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. S. 224. Er sucht den Antisemitismus aus religiösen, ökonomischen und sozialen sowie rassischen Gründen zu erklären. Auch wenn die Antisemiten reaktionäre Ziele verfolgten, so würden sie zum Sozialismus gedrängt und so wider Willen zu Wegbereitern der Sozialdemokratie.

Vorgeschichte Erste Welle des Antisemitismus im Kaiserreich (Mitte der 1870er bis Anfang der 1880er Jahre) mini|1891 illustriert das sozialdemokratische Witzblatt Der Wahre Jacob zustimmend die von den Antisemiten ausgegebene Parole „Wider Junker und Juden“.„Niemand hat Schuld.“ In: Der Wahre Jacob - illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung, Nummer 137, Ausgabe August 1891, Dietz, Berlin 1891, Titelseite,

Ab Mitte der 1870er Jahre kam es zu wachsendem Antisemitismus in Deutschland mit Artikeln in der dem katholischen Zentrum nahestehenden Zeitung Germania. Salonfähig wurde dies 1879, als Heinrich von Treitschke seinen Aufsatz „Unsere Aussichten“ in den Preußischen Jahrbüchern veröffentlichte (siehe „Berliner Antisemitismusstreit“) und sich der Hofprediger Adolf Stoecker mit seiner Christlich-sozialen Partei auf die Judenhetze verlegte.

Widerstand dagegen leisteten Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei sowie des linken Flügels der Nationalliberalen, die sich 1880 als Liberale Vereinigung abspalteten (siehe hierzu: „Schmach für Deutschland“, „Notabeln-Erklärung“, „Interpellation Hänel“). Während des Wahlkampfes für die Reichstagswahl 1881 formierte sich eine Allianz aus Konservativen und Antisemiten als „Berliner Bewegung“, die versuchte, die Fortschrittspartei aus der Hauptstadt hinauszudrängen. Als die „Berliner Bewegung“ bei der Wahl eine vernichtende Niederlage gegen die Fortschrittspartei erlitt, ebbte die antisemitische Bewegung wieder etwas ab. Bei einer Beleidigungsklage, die Adolph Stöcker gegen die Freie Zeitung angestrengt hatte, wurden dem Hofprediger verschiedene unwahre Behauptungen nachgewiesen, was beispielsweise von Eugen Richter in der Schrift Zeuge Stöcker, ein Zeitbild aus dem Jahre 1885 an die Öffentlichkeit gebracht wurde.Eugen Richter (ohne Namensnennung): Zeuge Stöcker, ein Zeitbild aus dem Jahre 1885. Verlag "Fortschritt, Aktiengesellschaft", Berlin 1885. Unter dem öffentlichen Druck wurde Stöcker dann 1887 als Hofprediger abgesetzt und erhielt die Auflage, sich nicht weiter zu politischen Fragen zu äußern.

Die Haltung der Sozialdemokraten in dieser Phase war uneinheitlich. Während sich sozialdemokratische und fortschrittliche Arbeiter am 11. Januar 1881 bei einer Versammlung in den Reichshallen zusammenfanden und gemeinsam die antisemitische Bewegung als „Demokraten“ verurteilten,Der Umschwung in Berlin. In: Allgemeine Zeitung des Judentums, Heft 4, 25. Januar 1881, S. 57. gab es auch Annäherungsversuche an die Antisemiten. So veröffentlichte der vormalige Parteivorsitzende der SPD Wilhelm Hasenclever 1881 unter dem Pseudonym Wilhelm Revel das Buch Der Wahrheit die Ehre. Ein Beitrag zur Judenfrage in Deutschland, in dem er zwar die Antisemiten kritisierte, aber deren Thesen wohlwollend aufnahm.Lars Fischer: The Socialist Response to Antisemitism in Germany, S. 46 ff. Im Parteiorgan Der Sozialdemokrat wurden demonstrativ antijüdische Passagen der Frühschrift von Karl Marx Zur Judenfrage nachgedruckt, um zu zeigen, dass die SPD hier keiner Nachhilfe durch die Antisemiten bedurfte.In: Sozialdemokrat, Nr. 27, Ausgabe vom 30. Juni 1881 und Sozialdemokrat, Nr. 28, Ausgabe vom 7. Juli 1881. Vgl. Lars Fischer: The Socialist Response to Antisemitism in Germany, S. 57 ff. Als die Antisemiten den Sozialdemokraten ein Angebot unterbreiteten, sie bei der Aufhebung des Sozialistengesetzes zu unterstützen, wenn sie auf eine revolutionäre Umgestaltung verzichteten, kam es zu Verhandlungen, die von der Parteileitung dann aber zugunsten einer neutralen Haltung im Kampf zwischen Fortschrittspartei und Antisemiten abgebrochen wurden.

Rückblickend rechtfertigte der sozialdemokratische Parteihistoriker Franz Mehring im Jahr 1913 diese Haltung mit den Worten:Franz Mehring: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Band 4 (bis zum Erfurter Parteitag), S. 190; .

Zweite Welle des Antisemitismus im Kaiserreich (ab Ende der 1880er Jahre) Nach der Kaltstellung Stöckers trat mit Otto Böckel und Hermann Ahlwardt Ende der 1880er Jahre eine neue Generation von Antisemiten auf den Plan, die zunehmend auch den Konservativen gegenüber kritische Positionen einnahm. Dies kam in der Parole „Wider Juden und Junker!“ zum Ausdruck. Bei Nachwahlen und der allgemeinen Wahl 1890 konnten die Antisemiten fünf Mandate in Hessen-Nassau und dem Großherzogtum Hessen gewinnen.

Wieder kam der Widerstand aus den Reihen der Deutschen Freisinnigen Partei, der Fusion der Fortschrittspartei mit der Liberalen Vereinigung. So war Heinrich Rickert maßgeblich an der Gründung 1890 des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus“ beteiligt. Zusammen mit Eugen Richter stellte er Hermann Ahlwardt im Reichstag bei dessen unbelegten Behauptungen.Siehe beispielsweise: Reichstagsprotokolle, 1892/93, 3, 70. Sitzung, 18. März 1893, Reichstagsprotokolle, 1892/93, 3, 71. Sitzung, 20. März 1893 oder Reichstagsprotokolle, 1892/93, 3, 73. Sitzung, 22. März 1893 Flankiert wurde dies von der Pressearbeit beispielsweise in der Freisinnigen Zeitung, die ausführlich über die antisemitischen Verleumdungen berichtete und in Leitartikeln wie „Nieder mit den Antisemiten!“ Stellung bezog.Freisinnige Zeitung, 1. Juni 1892, Titelseite.

Die Haltung der Sozialdemokraten war hingegen unklar. 1891 und 1892 illustrierte das sozialdemokratische Witzblatt Der Wahre Jacob wiederholt die Parole „Wider Junker und Juden!“ zustimmend auf seiner Titelseite und in weiteren Beiträgen.„Niemand hat Schuld“. In: Der Wahre Jacob - illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung, Nummer 137, Ausgabe August 1891, Dietz, Berlin 1891, Titelseite, oder „Die letzte General-Versammlung“. In: Der Wahre Jacob - illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung. Nummer 153, Ausgabe September 1892, Dietz, Berlin 1892, S. 2, Im Jahr 1892 wurde zwar auf dem Parteitag eine Resolution gegen den Antisemitismus angenommen, aber eine offene Diskussion vermieden, weil ein Hervortreten der unterschiedlichen Meinungen befürchtet wurde. August Bebel suchte den Kontakt zu Hermann Ahlwardt, war aber von dessen Persönlichkeit enttäuscht.Lars Fischer: The Socialist Response to Antisemitism in Germany. S. 78, der sich bezieht auf: Werner Blumenberg (Hrsg.): August Bebels Briefwechsel mit Friedrich Engels. 1969, S. 679. Als Ahlwardt im Reichstag eine Kommission beantragen wollte, die seine Vorwürfe prüfen sollte, aber dazu über zu wenige Abgeordnete verfügte, wurde er darin von führenden Sozialdemokraten unterstützt, unter ihnen auch August Bebel.Lars Fischer: The Socialist Response to Antisemitism in Germany. S. 78–79. Siehe auch: Reichstagsprotokolle 1892/93, 5, S. 1147, Anlage 200. Bei den Reichstagswahlen im Juni 1893 konnten die Antisemiten weitere Mandate auch in anderen Landesteilen (Brandenburg, Pommern und vor allem Sachsen) hinzugewinnen und erreichten nun eine Stärke von 16 Abgeordneten im Deutschen Reichstag.

Inhalt

[Zusammenfassung nach dem Protokoll über die Verhandlungen des Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, abgehalten zu Köln a. Rh. vom 22. bis 28. Oktober 1893. Verlag der Expedition des „Vorwärts“ Berliner Tageblatt, Berlin 1893. S. 223 ff. Zwischentitel nicht im Original, nur zur Gliederung. Das Referat wurde später überarbeitet, wobei es zu teilweise wesentlichen Veränderungen kam.]

Begründung für das Referat

Nach Ansicht von August Bebel ist der Antisemitismus an sich nicht neu, sondern nur, dass er als politische Bewegung auftritt. Bei den Sozialdemokraten herrsche „eine gewisse Unklarheit“. Die antisemitische Bewegung werde als „Produkt von Schlagworten“ abgetan. Das sei falsch, weil sie „Widerhall in den Massen habe“, und deshalb müssten die „Uebel, welche jene Erscheinung erzeugten“, erkannt und beseitigt werden. Die Sozialdemokraten könnten dies leisten.

Historischer Exkurs über den Antisemitismus in der Geschichte

In der Geschichte sei der Antisemitismus hauptsächlich als Rassengegensatz entstanden:

Während Juden ursprünglich in Landwirtschaft und Gewerbe tätig gewesen seien und in Osteuropa je nachdem immer noch, würden „die christlichen Arbeiter im christlichen Europa von christlichen und jüdischen Ausbeutern ausgebeutet“. Dies geschehe hauptsächlich durch den Handel, für den die „semitische Rasse unzweifelhaft stets eine große natürliche Anlage besessen“ habe. Dass die Juden an ihrer Physiognomie zu erkennen seien – Bebel spielt zur Heiterkeit des Publikums auf die Hakennase, ein aus antisemitischer Sicht vermeintlich jüdisches Attribut, an –, begünstige die „Rassenfeindseligkeit“. Hinzu seien religiöse Motive gekommen, nämlich der „tiefe Haß“ der Juden gegen die Christen und der Vorwurf des Kreuzestodes Christi, „den die Juden veranlaßten“. Die Juden seien im Mittelalter durch die weltlichen Fürsten zu „Wucherern“ gemacht worden. Sie seien aus rassischen und religiösen Gründen verfolgt worden, aber auch um sie auszurauben.

Das sei aber auch die Folge der Verfolgung der Juden im Mittelalter: „Und dieser tausendjährige Druck hat außerordentlich den engen Zusammenschluß unter ihnen gefördert.“

Im 19. Jahrhundert sei es dann schrittweise und mit Rücksetzern zu einer Gleichberechtigung der Juden gekommen. Die Geschichte zeige, dass eine Verfolgung und rechtliche Zurücksetzung der Juden wirkungslos sei:

Erklärung der antisemitischen Bewegung im Kaiserreich

August Bebel wendet sich dann der Analyse der antisemitischen Bewegung im Kaiserreich zu. Die Juden hätten „als handeltreibende und kapitalkräftige Leute“ in der Gründerzeit bei der Gründung von „Riesenunternehmen“ im Vordergrund gestanden.

Handwerker und Handeltreibende hätten mit dem großen Krach von 1873 einen unaufhaltsamen Abstieg begonnen. „Alle diese Umstände in Verbindung mit den erwähnten Stammeseigenthümlichkeiten der Juden“ hätten dafür gesorgt, dass der Antisemitismus zuerst in diesen Kreisen aufgekommen sei „gegen den Juden als Konkurrenten“.

Die Juden beherrschten fast alle Wirtschaftszweige, so „eine große Anzahl von Handelszweigen“, insbesondere den Handel mit Agrarprodukten. Für die Bauern, die ebenfalls unaufhaltsam abstiegen, sei Kapitalist und Jude dasselbe.

Die Bauern würden auf die Schlagworte der „antisemitischen Demagogen“ hereinfallen, während die Sozialdemokraten im bestehenden System keine Hoffnungen machen könnten. Ähnlich liege es bei Gewerbe und Industrie:

Auch bei Staatsaufträgen – Bebel äußert dies im Kontext der Vorwürfe Hermann Ahlwardts gegen die Firma Löwe wegen der „Judenflinten“ – kämen hauptsächlich die Juden zum Zug:

Beamte und Offiziere verschuldeten sich „beim Wucherer, beim Halsabschneider“ zu „Wucherzinsen“. „Die Wucherer sind aber wieder zum großen Theile Juden.“ Sie betätigten sich als das, was von den Antisemiten „Güterschlächter“ genannt wird, wobei Bebel den Begriff selbst nicht benutzt: